Schauspielerin Katharina Baumann-Ritter

(1763-1850)


Die Mannheimer Schauspielerin Katharina Baumann-Ritter, wie Friedrich Schiller sie erlebte und verehrte. Das Miniaturporträt von Karl Kuntz (1770-1830) ist im Besitz des Deutschen Literaturarchivs Marbach/Neckar

URL dieer Website: http://www.kunstundkosmos.de/Theater/BaumannRitter.html

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siehe auch: Schiller in Mannheim

Der folgende Artikel erschien erstmals im Oktober 1979 im "Mannheimer Morgen" anlässlich des 200-jährigen Bestehens des Mannheimer Nationaltheaters

updated 30. Januar 2009

Stilles Feuerchen im Dichterherzen

Katharina Baumann-Ritter (1763-1850), eine der Damen aus der Umgebung des jungen Friedrich Schiller in seiner Mannheimer Zeit

Von Christel Heybrock

Das Mannheimer Theaterleben war als feste Institution noch jung - erst 1777 hatte Kurfürst Carl Theodor ein eigenes Theatergebäude veranlasst und erst seit 1779 spielte dort ein dauerhaftes Ensemble statt der umherziehenden Wanderbühnen. Aber richtig in die Gänge kam der Spielbetrieb erst in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts, und daran hatte der junge Friedrich Schiller (1759-1805) einigen Anteil. Noch auf der verhassten Karlsschule in Stuttgart hatte er heimlich "Die Räuber" geschrieben und 1781 auf eigene Kosten anonym beim dortigen Verleger Metzger publiziert. Für das wilde, temporeiche Stück interessierte sich bald auch der Mannheimer Buchhändler und Verleger Christian Friedrich Schwan (1733-1815), und über Schwan dürfte schließlich der Intendant des Mannheimer Nationaltheaters Wolfgang Heribert von Dalberg (1750-1806) auf den Autor aufmerksam geworden sein. Am 13. Januar 1782 wurden "Die Räuber" im Nationaltheater uraufgeführt - Schiller hatte sich unerlaubt von Stuttgart entfernt, um der Aufführung beizuwohnen. Ende Mai büxte er noch einmal aus und wurde daraufhin in Stuttgart unerträglichen Bedingungen ausgesetzt. Der despotische Landesvater Herzog Carl Eugen steckte den aufmüpfigen jungen Mann zwei Wochen ins Gefängnis und verbot ihm für die Zukunft jegliche Art "unnützer" Schreiberei - Schiller konnte eigentlich nur noch fliehen.

Zusammen mit seinem Freund, dem Musiker Andreas Streicher, kehrte er dem verhassten Regime in der Nacht vom 22./23.September 1782 den Rücken und hoffte etwas naiv, in Mannheim mit dem bereits fertigen "Fiesco" in der Tasche und weiteren Stücken im Kopf genügend Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen - eine Erwartung, die sich nicht erfüllte, denn Intendant Dalberg hielt ihn immer wieder hin, wohl nicht zuletzt, weil er Schillers Unbotmäßigkeit gegenüber Kurfürst Carl Theodor befürchtete. Die Situation des jungen Dichters war prekär, denn zu den Geldnöten kam die ständige Angst, von Agenten Carl Eugens aus Stuttgart entdeckt zu werden, so dass die beiden mal nach Frankfurt, mal nach Darmstadt oder Mainz auswichen, oftmals gar zu Fuß - in Oggersheim, heute einem Vorort Ludwigshafens, schrieb Schiller an "Kabale und Liebe".  Als ihm jedoch Henriette von Wolzogen, Mutter eines Schulkameraden aus Stuttgart, den Aufenthalt auf ihrem Landgut im thüringischen Bauerbach anbot, reiste Schiller Anfang Dezember 1782 aus Mannheim ab.


Friedrich Schiller, porträtiert von der schwäbischen Malerin Ludovike Simanowiz (1759-1827). Das Pastell entstand 1793/94, also rund ein Jahrzehnt nach Schillers Mannheimer Zeit, zeigt ihn aber immer noch als jugendlichen Dichter. Von Simanowiz gibt es eine weitere Fassung dieses Porträts als Ölgemälde mit dem sitzenden Schiller als Dreiviertelfigur. Das Pastell ist im Besitz des Schiller-Nationalmuseums Marbach.

Drei Monate später meldet sich Intendant Dalberg bei ihm und fragt nach neuen Stücken. Schillers Gönnerin Henriette von Wolzogen drängt den jungen Habenichts, der unangenehmerweise ihrer Tochter den Hof macht, sich erneut nach Mannheim zu begeben, was der im Juli 1783 dann auch tut. Im September 1783 engagiert Dalberg ihn für ein Jahr als (schlecht bezahlten) Theaterdichter mit der Verpflichtung, neben "Fiesco" und "Luise Millerin" (= Kabale und Liebe) ein weiteres Stück zu liefern. Das aber gelingt Schiller nicht, denn im von Sümpfen umgebenen Mannheim, der Stadt zwischen Rhein und Neckar, holt er sich eine Malaria-Infektion, die er nie wieder los wird. Im April 1785 schließlich kehrt er Mannheim für immer den Rücken und beginnt in Leipzig ein neues Leben. Der Damenwelt scheint Schiller trotz seiner Nöte recht zugetan gewesen zu sein, Henriette von Wolzogens Töchterlein in Bauerbach war in Mannheim bald vergessen, aber noch aus Leipzig hielt Schiller bei seinem Mannheimer Verleger Schwan um dessen Tochter an, und die junge "Schwanin" war beileibe nicht die einzige, die Schiller damals das Dichterherz erwärmte.

Die schöne Charlotte von Kalb war verheiratet und noch dazu den Moralgesetzen der Zeit unterworfen, wenn auch an Schiller sicherlich höchst interessiert. Aber auch auf die Schauspielerinnen des Nationaltheaters hatte der junge Dichter ein Auge, und hier besonders auf eine junge Person, die nach und nach alle seine weiblichen Hauptrollen spielen sollte: Katharina Josepha Baumann. Am 11. Oktober 1783 fragte Schillers Stuttgarter Freund Zumsteeg in einem Brief: "Sage mir: ist's wahr, dass du nun beim Theater angestellt bist? ... Will dir's nur sagen, man schwatzte närrisches Zeug von dir! Einmal hieß es: du seiest Professor in Marburg; ein andermal: du habest dich mit einer Komödiantin verheurasselt; ein drittesmal: du seist rasend geworden..."

Schiller ließ sich zum Dementi ein Vierteljahr Zeit:"... wie, in aller Welt, kommst du dazu, mich auf dem Weg zur Ehe zu glauben? Mich? --- Mein gegenwärtiges Leben taugt unvergleichlich für meine 24 Jahre, aber wird es mich auch im 30sten noch reizen? ... Zwar habe ich über ein großes Glück meine gewissen Kapricen - doch auch bei der größten Gleichgültigkeit gegen Ruhm und glänzende Schicksale wäre eine Verheiratung mein Fall nicht..."

Affären mit Komödiantinnen brachten einen also auch damals ins Gerede, und man geht wohl nicht fehl in der Vermutung, es könne sich dabei nur um Katharina Baumann gehandelt haben. Dabei war sie vielleicht nicht ganz die Persönlichkeit, die Schiller gefangen nehmen konnte, die "Schwanin" scheint ein heftiger loderndes Feuerchen in ihm entfacht zu haben. Auch Katharina Baumann selbst fand den Dichter, dessen Frauenrollen sie mit der Zeit spielen sollte, nach ihren sicherlich etwas konventionellen Maßstäben nicht völlig anziehend, aber eben doch genug, dass "man" eine Liaison vermutete. So schrieb Schiller am 13. November 1783 an Henriette von Wolzogen: "Sonsten besuchen mich viele Gelehrte und Künstler von hier, aber sie kommen und gehen, ich attaschiere mich sehr delikat. Von Frauenzimmern kann ich das nämliche sagen - sie bedeuten hier sehr wenig (sinngemäß heißt das wohl, dass Schiller sie intellektuell meist nicht ebenbürtig fand) und die Schwanin ist beinahe die einzige, eine Schauspielerin ausgenommen, die eine vortreffliche Person ist. Diese und einige andere machen mir zuweilen eine angenehme Stunde, denn ich bekenne gern, dass mir das schöne Geschlecht von seiten des Umgangs gar nicht zuwider ist." Just dies hatte Frau von Wolzogen ja auch schon in Bauerbach festgestellt ...


Eine bezaubernde Schönheit war Charlotte von Kalb (1761-1843), als Schiller Theaterdichter in Mannheim war. Wahrscheinlich gab es sogar eine leidenschaftliche, von Versagungen getrübte Affäre zwischen ihnen, denn Charlotte war verheiratet und setzte sich wohl über die Moralvorstellungen ihrer Zeit nicht hinweg. Das Ölbild von Johann Friedrich August Tischbein (1750-1812) entstand um 1785 und ist im Besitz des Deutschen Literaturarchivs in Marbach

Aber  Schiller und Katharina Baumann scheinen immerhin so viel Interesse füreinander gehabt zu haben, dass Charlotte von Kalb (1761-1843) sich noch als blinde alte Dame daran erinnerte und einen Dialog mit Schiller, der damals längst tot war, in ihre Lebenserinnerungen diktierte. Oder hat ihr die Eifersucht noch nachträglich die Affäre vergrößert? Charlotte, unglücklich verheiratet mit einem Major von Kalb, war mit ihrem Mann im Frühjahr 1784 nach Mannheim gekommen und hatte Schiller am 8. Mai kennengelernt. Schiller hielt sich oft bei ihr auf, da sie zu den wenigen Personen gehörte, die zu einem geistvollen Gespräch willens und in der Lage waren - und außerdem war Charlotte begehrenswert ...  Aber Schiller plauderte mit ihr - so ihre Erinnerungen - über die Schauspielerinnen des Nationaltheaters:

Friedrich. "Die Withöft kennen Sie, eine treffliche Künstlerin, aber leider so wenig anmutig, dass sie nur durch ein reiches Talent Beachtung auf der Bühne erregen kann."

Charlotte. "Doch wer unter diesen Künstlerinnen hat noch Anmuth neben diesem Talent?"

Friedrich. "Man nennt sie Amalia! Amalia!" (Wie von einem unwillkürlichen Anruf erröthete er bei diesem Namen.) Schiller bezieht sich damit auf die Tatsache, dass Katharina Baumann die Amalia in seinen "Räubern" verkörperte.

Charlotte. "Ein liebliches holdes Wesen, das bis zu Thränen  Sie bewegen kann."

Friedrich. "Zu Ihnen kann ich traulich reden, wie der Augenblick schafft; was uns bewegt, was so reizt, es ist der Stimme süßer Zauber, und wer den Blick nicht empfangen, wie kann der von Entzücken sagen? Wie ist ihr Auge von der dunklen Wimper beschattet. Ja, sie ist schön!"

Charlotte. "Die Macht Ihres Lobes hat auch mich für Sie gewonnen; sagen Sie noch mehr von Ihr."

Friedrich. "Ihre Frage, ob ich ein anmuthiges Wesen kenne, flammte so schnell mich an; allein ich vermag nicht auszusprechen, wie ich empfinde und denke; die Begeisterung, die aus mir spricht, ist wohl nur Laune des Augenblicks. Doch sähe ich sie in einem violetten Tafftgewand (Farben haben auch eine Macht), der Locken Schmuck von einem Schleier umflossen - o welch edle Erscheinung!"

Über diesem Gespräch kommt der Major von Kalb mit seinem Kameraden von einem Stadtbummel zurück und berichtet, dass und wie er die Person, von der die Rede ist, soeben getroffen hat:

"... so manches zierlich schlanke Nymphchen, auch hoch geschminkte Damen waren allda; doch alle, wie von einem Magnet angezogen, blickten wir nach der einzigen, konnten nicht Worte genug finden, sie zu preisen: quelle beauté, à merveille - welch ein herrliches Oval, unvergleichlich ist sie! ... Wir wollten dieser Dame unsere Huldigung bezeugen; auch sie stand auf, uns entgegentretend. Wie hatte sich da unsere Gebieterin verwandelt. Schlendernd, schwankend ist ihr Gang, so ohne Anstand die Haltung; sie weiß nicht, wie schön sie wäre, wenn sie ihr Köpfchen zu tragen wüsste."

Eine ähnlich tadelnde Beurteilung hat offenbar Theaterintendant Dalberg über Katharina abgegeben. Der monierte gelegentlich ihren "äußerst vernachlässigten Anzug" und drohte ihr, "um den billigen (= gerechtfertigten) Klagen des Publikums abzuhelfen", sogar "unangenehme Maßnahmen" an, falls sie nicht "auf Putz und Anzug mehr Rücksicht" nähme. Dennoch gehörte die Baumann zu den Säulen des Mannheimer Theaters. Entdeckt von der Gattin des Wander-Theaterdirektors Abel Seyler, der 1778/79 (also noch vor dem Start des festen  Ensembles), war ihr Talent bald unentbehrlich. Sie war zwar nicht die Amalia der "Räuber"-Uraufführung vom 13. Januar 1782, sondern übernahm die Partie als Nachfolgerin von Elisabeth Toscani, aber als die Kalbs in Mannheim eintrafen, hatte sie die Amalia bereits ein paar Wochen zuvor mit großem Erfolg gegeben (erstmals am 8. Februar 1784).


"Mein Wunsch ist deine Freundschaft" hatte Schiller auf das Trinkglas für Katharina Baumann gravieren lassen. Das Glas ist im Besitz der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen
Foto: rem/ Jean Christen (copyright)

Katharina selbst scheint auf  Schillers Zuneigung doch recht stolz gewesen zu sein. Als sie ihrerseits in hohem Alter stand (sie starb am 25. März 1850 im Mannheimer Quadrat B 5,5) erzählte sie dem Oberregisseur Philipp Düringer eine Begegnung mit dem jungen Dichter. Sie hatte am 18. Januar 1785 erstmals die Luise in "Kabale und Liebe" gespielt und wurde anschließend von Schiller nach Hause begleitet. ("Demoiselle Baumann spielte die Luise Millerin ganz vortrefflich, und in den letzten Akten vorzüglich mit sehr viel Empfindung", schrieb Schiller selbst - es scheint aber seine einzige direkte Äußerung über sie gewesen zu sein.) Beim Abschied an der Haustür drückte ihr der Dichter ein Päckchen in die Hand, das sein Miniaturbildnis enthielt. Sie fragte, was sie damit solle, und er habe verlegen geantwortet: "Hm! Ja sehet Se, i bin e kurioser Kauz; das kann i Ihne net sage." Wo das Bildnis geblieben ist, weiß zur Zeit wohl niemand, aber ein hübsch graviertes Trinkglas mit der Aufschrift "Mein Wunsch ist deine Freundschaft", das Schiller ihr auch noch verehrte, hat sich über den Mannheimer Altertumsverein erhalten und befindet sich heute in der Theatersammlung der Reiss-Engelhorn-Museen. Sie habe, berichtet Katharina weiter von ihrer Beziehung zu Schiller, sich "kindlich gefreut, wenn Schiller ihr den Hof machte, aber seine Gefühle habe sie nicht erwidert, da seine saloppe Erscheinung sie abschreckte." Ausgerechnet!

Will man Anton Pichler glauben, dem unentbehrlichen Chronisten des Nationaltheaters, so hat Katharina, die zwei Jahre nach Schillers Weggang den Musiker und späteren Kapellmeister Peter Ritter (1763-1846) heiratete, Schillers Liebesbriefe wenige Tage vor ihrem Tode verbrannt. Dieser heroische Akt ist wohl mit Recht von der Nachwelt bezweifelt worden. Sollte eine Frau, die kurze Zeit und ohne eigenes Engagement umworben wurde, Liebesbriefe rund 65 Jahre aufbewahrt haben, ihre ganze Ehe hindurch, um sie just dann zu vernichten, wenn außer ihr von den Betroffenen niemand mehr lebt? Immerhin war Schiller damals schon 45 Jahre lang tot, Peter Ritter seit vier Jahren und sogar Katharinas ältester Sohn seit dreiviertel Jahren. Wahrscheinlich, so vermuten Katharinas Biografen, handelte es sich gar nicht um Liebesbriefe, sondern einfach nur um Briefe, und Schiller hatte sich, irritiert durch manche Verhaltensweisen der jungen Dame, instinktiv mit Gefühlsäußerungen zurück gehalten.

Katharina Baumann, Spross einer nicht ganz intakten und nicht ganz integren bürgerlichen Familie, hatte 1779 in einem jener unsäglichen Stücke debütiert, die damals massenhaft das Publikum unterhielten - in "Der flatterhafte Ehemann" von Johann Michael Bock (1743-1793). Bock, ursprünglich Barbier, hatte sich unter anderem der Wandertruppe von Abel Seyler angeschlossen, war aber seit 1779 Ensemblemitglied in Mannheim, wo er der erste Karl Moor in Schillers "Räubern" war und später auch die Titelrolle im "Fiesco" gab. Katharina Baumann spielte in seinem Stück ein "Mädchen der Frau Strick". Erst in den achtziger Jahren kamen die großen Rollen für sie, im Dezember 1783 zunächst die Jessica in Shakespeares "Kaufmann von Venedig", wenige Wochen danach die Bertha in Schillers "Fiesco", der 1783 bereits in Bonn uraufgeführt worden war und in Mannheim nachgespielt wurde (Premiere 11. Januar 1784). Ihre Karriere ging stetig weiter auch nach ihrer Amalie in den "Räubern" und der Luise in "Kabale und Liebe". Nach Schillers Weggang war sie 1786 die sanfte Marie in Goethes "Götz von Berlichingen", 1788 die Elisabeth in Schillers "Don Carlos", 1791 die Elisabeth in "Maria Stuart" - dem Stück eines gewissen Spieß. Sie spielte immer wieder Schiller-Rollen, 1802 die "Jungfrau von Orléans", 1804 endlich "seine" Elisabeth in "Maria Stuart" sowie die Hedwig in "Wilhelm Tell", in Schillers Todesjahr 1805 stand sie als Isabella in der "Braut von Messina" auf der Bühne, 1807 und 1808 gab sie die Gräfin Terzky in seinem "Wallenstein".

Was gab es damals nicht alles an dramatischen Bearbeitungen und Erzeugnissen für den Bühnenalltag! Katharina Baumann-Ritter (nach ihrer Verheiratung trat sie als "Mad. Ritter" auf) verkörperte Baroninnen, Töchter, Nichten, Liebhaberinnen von Stand in Publikumsrennern wie "Stille Wasser sind betrüglich", "Klara von Hoheneichen", "Ludwig der Springer", "Die Quälgeister" und wie sie alle heißen. Es waren Stücke von Theaterpraktikern wie Friedrich Ludwig Schröder und dem berühmten August Wilhelm Iffland (1759-1814) darunter, mit dem sie wer weiß wie oft auf der Bühne stand, es waren Lustspiele von Kotzebue und erhabene Sprechpartien in feierlichen Prologen darunter, ja sogar Partien in "Duodramen", einer Art lebender Bilder mit Rezitation antiker Mythen, in denen Katharina zu Ariadne und Medea wurde. Es gibt einige, wenn auch nicht sehr detaillierte Zeugnisse über ihren Schauspielstil. Iffland schrieb, sie habe ihre Rollen "mit Gefühl, mit weiblicher Würde und feinen Accenten"dargestellt. In den Zettelbänden der Theatersammlung der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen heißt es: "Diese Künstlerinn zeichnet sich aus durch richtige Declamation, durch tiefe Empfindung und durch eine Wärme in ihren Darstellungen die auf das Herz des Zuschauers wirkt" (1794). Und sogar der ewig kritische Dalberg, der in den Sitzungen des Theaterausschusses mit schonungsloser Selbstkritik jede Inszenierung auseinander nahm und oft kein gutes Haar an den schauspielerischen Leistungen ließ, äußerte sich einmal ganz begeistert, und zwar über die erste Aufführung von Schillers "Jungfrau von Orléans" am 24. Oktober 1802: "Die gestrige Vorstellung hat mich sowohl in ansehung der theatralischen Darstellung als rücksichtlich des spiels überhaubt, außerordentlich überrascht! Sie macht Ihren anordnungen viel Ehre. Das Spiel der Ritter, Becks, Zimmermanns verdienen eine eigene auseinandersetzung und ästhetische Zergliederung, welche ich zu einem Jurnal selbst bearbeiten will." (Brief an den Schauspieler Heinrich Beck).


Das Mannheimer Nationaltheater zu Schillers und Katharina Baumann-Ritters Zeiten. Nirgendwo sonst hat Katharina auf der Bühne gestanden - zuletzt konnte sie sich gar nicht mehr davon trennen und musste fast zwangsweise in Pension geschickt werden. Der Kupferstich der Gebrüder Klauber, der 1782 in Augsburg herauskam, wurde nach dem Maler Johann Franz von der Schlichten gefertigt und ist im Besitz der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. 

Trotz ihrer immer wieder beklagten Nachlässigkeiten bei Kostüm, Körperhaltung und Sprechtechnik war Katharina ein unentbehrlicher Stützpfeiler des Nationaltheaters, obwohl sie im Gegensatz zu manchen singenden und spielenden Allroundkünstlern der Zeit offenbar keine Beziehung zur Musik hatte, ihr Repertoire bestand ausschließlich aus Sprechrollen. Es deutet auch nichts darauf hin, dass Katharina ein hochdramatisches oder ausgeprägt komisches Talent gewesen sei. Sie hatte ihre Stärke in den Nuancen der Mitte und war daher für alle Sparten außer der musikalischen brauchbar. Sie hat auch niemals anderswo gespielt und bemühte sich, ebenso widerwillig wie erfolglos, um ein Engagement in München lediglich in den Kriegswirren der neunziger Jahre, in denen das Ensemble vorübergehend aufgelöst war. Als Dalberg im Februar 1794 Morgenluft witterte, war sein erster Gedanke, die verstreuten Schauspieler wieder zu versammeln. An Iffland schrieb er: "Ich muss jetzt fragen 1) wie steht es mit Becks? 2) wie mit der Ritter 3) denn sind diese nicht hier, und wir fangen an, so ist es schlimm." Und eine Woche später: "Ich habe der Ritter selbst geschrieben, dass sie zu Ende dieses Monaths hier sein muss ... Alle die übrigen hier vorgeschlagenen Vorstellungen (ohne die Ritter) sind Flickwerk."

"Die Ritter" gehörte seit 1790 zu den  Ensemble-Mitgliedern auf Lebenszeit und war damit pensionsberechtigt. In ihrem von Affären und Skandalen gänzlich freien, im Grunde bürgerlichen Schauspieler-Leben sollte diese Tatsache zuletzt doch noch für öffentliche Irritationen sorgen, und das kam so: Der ehemalige Kinderdarsteller Karl Beil, Sohn des renommierten Johann David Beil (1754-1794) und ein Talent von grob satirischem Zuschnitt, hatte in einer Schmähschrift gegen das Nationaltheater bereits 1805 die Ritter zu den "alten Katzen" gerechnet und ihre Abdankung gefordert - Katharina war damals 42 und tatsächlich etwas bejahrt nach Auffassung der Zeit. 1821 war dann auch die Theaterleitung der Ansicht, dass über vierzig Jahre Berufsleben genug und mit respektablen 58 Jahren jugendliche Liebhaberinnen auf der Bühne nicht mehr zu vermitteln seien. Katharina Ritter wurde mit der Hälfte ihres Gehalts in Pension gesetzt.

Danach aber war ihr nun gar nicht zumute. Sie prozessierte, verlangte weiter auftreten zu dürfen. Fünf Jahre lang peitschte sie ihren Prozess durch alle Instanzen, musste zuletzt einer Gutachterkommission vorspielen, um ihre Diensttauglichkeit zu beweisen - und gewann! Aber, und hier irren ihre Biografen, sie gewann mit Sicherheit nur die rückwirkende volle Gehaltszahlung, auf die Bühne ließ man sie nicht mehr. Aus jener "Mad. Ritter", die 1826 als Amalia in den "Räubern" auftrat, als Johanna in der "Jungfrau", als "Sappho" bei Grillparzer, als Nathalie in Kleists "Prinz von Homburg" und als "Minna von Barnhelm" - aus dieser jugendlichen Erscheinung auf das Comeback der über Sechzigjährigen zu schließen, ist denn doch verfehlt.

Jene zweite "Mad. Ritter", die in den Besetzungslisten fast jede Woche vermerkt wird, ist die "Mlle. Linier" der Vorjahre und Katharinas Schwiegertochter. Sie spielte teilweise die gleichen Rollen wie früher die ältere "Mad. Ritter", zog sich aber bereits 1827 von der Bühne zurück und starb im Jahr darauf. Katharinas letzter Auftritt muss demnach am 11. Dezember 1821 gewesen sein. Da gab sie die "Muhme Frau Morgenroth" in Kotzebues Lustspiel "Die Kleinstädter".

Info:
- Mannheimer Geschichtsblätter VI (1905) Spalten 115 ff.
- Katalog-Handbuch der Ausstellung "SchillerZeit in Mannheim", herausgegeben von Alfried Wieczorek und Liselotte Homering, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen Band 16, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2005, 196 Seiten mit 100 Farbabbildungen, kartoniert 24,90 Euro, gebunden mit Schutzumschlag 29,90 Euro, ISBN 3-8053-3554-7, www.zabern.de

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