Thüringens Kirchen


Das Cover von Hartmut Ellrichs schmalem Bildband in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig


Kleinodien sind in Thüringen nicht selten - hier eine kostbare Verkündigungsszene aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders (um 1500) aus der evangelischen St.-Leo-Kirche zu Bibra. Die Fotos in dem Band stammen von Steffen Giersch.


Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ... Teesiebe mit Scherengriffen als Dekorelement in einer Verglasung des Klosters Volkenroda. Der Leser findet weder einen Hinweis auf inhaltliche Bezüge des ungewöhnlichen Motivs noch die Angabe, an welcher Stelle in der modernisierten Klosteranlage mit bedeutenden romanischen Relikten sich das Motiv befindet. Leider ist das kleine Buch auch sonst nicht frei von Rätseln.

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09-01-2008

Appetithäppchen für Hand- und Reisetasche

Griffiger Bildband von Hartmut Ellrich und Steffen Giersch zu den „Schönsten Kirchen Thüringens“

 

Von Christel Heybrock

 

So richtig zusammengewachsen sind sie noch immer nicht, die beiden Teile Deutschland West und Deutschland Ost. Da könnte gerade für eingefleischte Wessis ein schmaler Bildband der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig zur rechten Zeit kommen: „Die schönsten Kirchen Thüringens“ – wer zwischen Flensburg und Konstanz kennt sich damit schon aus? Dass ein in Mannheim geborener und aufgewachsener Wessi mit familiärem Ursprung im östlichen Bundesland Thüringen als Autor fungiert, ist ein zusätzlicher Glücksfall: Historiker Hartmut Ellrich weiß denn auch hinüber und herüber die beiden Teile deutscher Nation auf ihre gemeinsamen Wurzeln zurückzuführen und mit zahlreichen feinen Fäden zu verweben. Und nun noch dies: rund 140 Seiten, stabil in Pappe gebunden, mit sage und schreibe 70 Kirchen in Wort und Bild, alphabetisch nach ihren Standorten und also höchst übersichtlich gegliedert, vorn und hinten auf Vor- und Nachsatzpapier je eine deutlich lesbare Landkarte, und das alles für nur 14,80 Euro – neugieriges Herz, was begehrst du mehr?

 

Ja, was? Um es kurz zu sagen: ein ordentliches, satt machendes Menü statt der siebzig Appetithäppchen, mit denen man freilich, wenig beschwert in Kopf und Tasche, bequem herumreisen kann, wenn man denn Kirchen sammelt (allerdings bekommt man hier auch als braver Atheist durchaus darauf Lust). Aber das muss jedem klar sein, der das handliche Büchlein aufschlägt – was hier angeboten wird, sind in keinem Fall erschöpfende Auskünfte, und dem verlegerischen Konzept, das auf den ersten Blick an Klarheit nicht überboten werden kann, wurden viele, zu viele sinnvolle Zusammenhänge geopfert.

 

Das Konzept sieht so aus: Jede Kirche bekam Platz für ein ganzseitiges Foto und einen ganzseitigen Text (in den noch ein kleines Foto integriert wurde). So gut das klingt: die Textseite besteht in der Regel aus nicht mehr als 20 mageren Druckzeilen. Ausnahmen gibt es zwar, aber nur in Richtung noch größerer Enge. Etliche Kirchen müssen sich mit einer einzigen Seite plus Minifoto begnügen. Nun können auch winzige Bilder manchmal mehr sagen als ein Schwall von Worten – aber diese Bilder tun das in zu vielen Fällen gerade nicht. Brillanz und Tiefenschärfe stellen nicht die Regel dar, viele, vor allem die kleinformatigen Fotos, sind dunkel und verwaschen, aber auch die ganzseitigen lassen häufig an Lesbarkeit zu wünschen übrig – erstaunlich im Zeitalter digitaler Bildbearbeitung, wie sie jeder Amateur mit ein paar Mausklicks hinbekommt.

 

Die Bildredaktion der Evangelischen Verlaganstalt ließ nicht nur dem Fotografen Steffen Giersch allzu wenig Zeit zur Optimierung seiner Vorlagen, sondern traf auch eine Auswahl, die den Leser mitunter ratlos zurücklässt. Text und Fotos stellen nur selten eine sinnvolle Einheit dar, meist werden im Text Fakten hervorgehoben, die sich im Foto nicht wiederfinden, so dass die Bilder die Funktion einer Vergegenwärtigung von Inhalten verfehlen und in ihrer Bedeutung auf oberflächliche Dekoration reduziert sind. Dass den Fotos jeweils keine Textzeile mehr beigegeben wurde, vertieft die Ratlosigkeit – die Bildlegenden entdeckt man irgendwann ganz hinten im Buch, noch hinter dem Register, unter der Rubrik „Abbildungen“. Vielleicht könnte man sie früher finden, wenn es ein Inhaltsverzeichnis gäbe, aber gelegentlich geben auch die späten Bildtexte noch Anlass zum Rätseln.

 

Da betrachtet man auf den Seiten 52/53 die  Bild-/Textdoppelseite über die Kirche St. Elisabeth zu Georgenthal und erfreut sich an dem großen Foto, das erkennbar ein Beispiel der „herrlichen Buntglasfenster“ zeigt. Das kleine Foto auf der Textseite, wo man wie üblich eine Außenansicht des Sakralbaus erwartet, stellt jedoch eine große Scheune am Ende eines Feldweges dar – wo in aller Welt sollen bei diesem mit zwei Dachlukengeschossen fast fensterlosen Bau die Glaskunstwerke versteckt sein und auch noch der „charakteristische, 15 Meter hohe Dachreiter zur Aufnahme der Kirchenglocken“? Ist hier versehentlich ein Foto hingeraten, das in dem ganzen Buch nichts zu suchen hat? Im Anhang unter „Abbildungen“ heißt es dazu lakonisch, dass hier ein „Blick zum Kornhaus“ gezeigt werde. Ein Kornhaus freilich wird im Text nicht erwähnt, warum auch, da es doch um eine Kirche geht...?

 

Was den Leser andererseits aber bezaubert, sind die unerschöpfliche Vielfalt und Individualität der oft kleinen, nicht immer fürstlich-repräsentativem Bauten. Auch aus  Gründen deutscher Kleinstaaterei, wie sie Autor Ellrich in seiner Vorbemerkung resümiert, scheint der Kirchenbau in Thüringen erstaunlich reichhaltig, und wenn man übergreifende Gemeinsamkeiten sucht, entdeckt man Motive wie den Kanzelaltar, die aufs Deckengewölbe aufgemalte Himmelswiese (deren botanische Schätze im Fall von St. Johannes zu Saalfeld offenbar auch Wissenschaftler fasziniert haben), den Fürstenstand mit Stammbaum des Herrschergeschlechts oder die mehrgeschossigen Emporen. Darüber hinaus hat jedes einzelne Bauwerk seine markanten Eigenarten, die einen Besuch lohnen würden und sich dem Gedächtnis einprägen.

 

Das betrifft Bauten von der Romanik (die in Thüringen mit eindrucksvollen Resten erhalten ist) bis in die Gegenwart. Eine geniale Lösung wurde zur Rettung der Frauenbergkirche in Nordhausen gefunden – nach der Kriegszerstörung blieb von der dreischiffigen romanischen Basilika nur das Querhaus erhalten, und zur Landesgartenschau 2004 setzte man ein offenes Stahlgerüst in den Proportionen des einstigen Langhauses davor als Reminiszenz des Unwiederbringlichen. Obwohl dem Bau mit seiner tragischen Geschichte nur eine einzige Seite und Minifoto zugebilligt wurde, kommt der Sachverhalt gut herüber. Seltener Fall, dass hier einmal der Text eine wichtige Detailinformation vermissen lässt: Man wüsste zu gern, welchem Architekt denn dieser ungewöhnliche Einfall zur Rettung eines zerstörten Bauwerks kam.

 

Hartmut Ellrichs Texte sind in den meisten Fällen die reinsten Drahtseilakte. In den jeweils 20 Zeilen gelingt es ihm mit eiserner Selbstdressur immer wieder, Baugeschichte, Landesherren, die Tätigkeit bedeutender Persönlichkeiten (wie beispielsweise die Martin Luthers in Eisenach oder Johann Sebastian Bachs in Mühlhausen) und obendrein noch charakteristische Details unterzubringen. So bei der Kirche in Untersuhl, einem mittelalterlichen Rundbau mit Fachwerkaufsatz, einem Bau, der ursprünglich ein Wachtturm war. Die Malereien auf den Brüstungen der Doppelempore zeigen lebensgroß Christus, die Apostel und die Propheten – wobei die Einwohner einst selber Modell standen! Das dazu gehörige Minifoto des Innenraums ist freilich fast unbrauchbar.

 

Umgekehrt geht es dem Leser beim Kloster Volkenroda, wo sich ebenfalls romanische Relikte mit der Gegenwart genial verbunden haben. Dort ist das ganzseitige Foto von brillanter Schärfe, aber völlig rätselhaft. Dem verblüfften Betrachter zeigen sich nämlich in ein Fenster (oder ein Portal? eine Glaswand?) eingelassene Teesiebe mit Scherengriff als Dekorelement. Teesiebe warum? Waren die Zisterziensermönche des 12. Jahrhunderts begeisterte Teetrinker? (Kann ja wohl nicht sein.) Trinkt die Glaubensgemeinschaft, die die Anlage heute als Begegnungszentrum führt, dauernd Tee? Die Bildlegende verkündet aufschlussreich im Anhang: „Tradition und Moderne bilden eine Einheit.“ Darauf wäre man alleine ja auch nicht gekommen.

 

Info:

Hartmut Ellrich: „Die schönsten Kirchen Thüringens“, mit Fotos von Steffen Giersch, Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig 2007, ISBN 978-3-374-02504-6, 143 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 14,80 Euro, www.eva-leipzig.de

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