Das Mannheimer Schloss in historischen Fotos


Das Cover des Fotobandes von Hartmut Ellrich im Sutton Verlag. Das Bild zeigt einen Blick auf den Schloss-Mittelbau und den Ehrenhof (historische Aufnahme Ende der 1920er Jahre). In dem Band aus der Reihe "Archivbilder" wird die Geschichte eines der größten Schlösser Europas ausschließlich mit historischen Aufnahmen wiedergegeben.

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06-12-2006

Neue Blüte für die große Schönheit von einst
Das Mannheimer Schloss erwacht zum Leben – eine Bild-Publikation des Sutton Verlags erinnert an seine wechselvolle Geschichte

 

Von Christel Heybrock  

 

Sie werden im allgemeinen ja gehegt und gepflegt, die nicht eben wenigen deutschen Schlösser, Zeugen einer feudalistischen Kleinstaaten-Geschichte. Und besonders die architektonischen Juwelen Baden-Württembergs – sie kosten den Steuerzahler nicht nur Unsummen für standesgemäßen Erhalt, sondern werden von ihm auch richtig geliebt, was eine völlig angemessene Bindung selbst in der Gegenwart darstellt. Aus Liebe schließlich entstanden die herrschaftlichen Domizile ja einst. Liebe zum eitlen fürstlichen Selbst, Liebe zu Favoritin oder Ehefrau, zum repräsentativen Aufwand, Liebe zum schönen Ambiente, zu schönen Dingen, zu den Künsten der Architekten, Maler, Stuckateure, genialen Handwerker, noch beim Anblick der erhaltenen Überreste können wir es ja nur zu gut verstehen.

 

Das Mannheimer Schloss fällt da leider etwas aus dem Rahmen. Von Anfang an war es einfach zu groß, zu zweckorientiert, um sich emotional in den Herzen von Kurfürst und Bevölkerung zu verankern. Nach 40 Jahren Bauzeit war es um 1760 endlich fertig, aber Carl Theodor verließ im Jahr 1778 schnöde seine Residenz und zog mit dem Hof nach München, was freilich mit den politischen Zeitläuften zu tun hatte und nicht mit allerhöchstem Unbehagen an der fast einen halben Kilometer langen Schlossfront und den etwa 2000 Fenstern, hinter denen sich Repräsentations-, Wohn-, Verwaltungs-, Wirtschafts- und etlichen Kunstschätzen gewidmete Räume verbargen. Und schon früh, nämlich in den Revolutionskriegen 1795 wurden Teile der Bausubstanz militärisch attackiert. Fast den Todesstoß aber bekam eines der größten Schlösser Europas im Zweiten Weltkrieg, und noch Jahre danach verfiel die Ruine immer weiter. Reißt den Kasten doch endlich ab, der ist sowieso nur ein Verkehrshindernis! Solche Stimmen verstummten, als Bezirksbauamt, Landgericht, Finanzamt und dann die Wirtschaftshochschule nach dem Krieg nicht wussten wohin – Mannheim war fast überall zerstört. Also richtete man einzelne Räume und schließlich ganze Trakte notdürftig wieder her (wobei freilich auch wieder historische Substanz „geopfert“, sprich mutwillig vernichtet wurde). Erst seit einigen Jahren versuchen Experten im Auftrag des Landes, an ursprünglichen Werten zu retten und zu rekonstruieren, was immer möglich ist. Das Mannheimer Schloss soll 2007 zu neuer Blüte erwachen und endlich seinen kulturhistorischen Rang vertreten können. Die Bürger werden sich in ihrer Stadt neu orientieren müssen, in eine neue Bindung hineinwachsen.

 

Sozusagen am Vorabend der Neueröffnung erinnert der Sutton Verlag mit einem schmalen Bildband an die wechselvolle, mitunter tragische Geschichte des Schlosses, und es können auch einem Nicht-Mannheimer nachträglich die Tränen kommen angesichts von Bildern schrecklicher Vernichtung im letzten Krieg. Dass aber fast 300 Jahre Geschichte ausschließlich in historischen Schwarzweißfotos mit knappen Bildlegenden auf nicht mehr als 126 Seiten abgehandelt werden, und dies verbunden mit einer Fülle an Details und differenzierten Informationen – das ist eine großartige Leistung von Autor Hartmut Ellrich, der das Ganze zusammenstellte. Der Band wendet sich einmal nicht an gierige Gucker, die bei flottem Herumblättern betörende Bilder erwarten. Er wendet sich vielmehr an Rezipienten, die zwar schnelle und übersichtliche Orientierung wünschen, aber dabei selber nachdenken, Kenntnisse vertiefen und womöglich öfter etwas nachschlagen wollen. Dass es ohne ein paar Druckfehler nicht ging, verschmerzt man eher als das Fehlen eines kleinen Namensregisters all der großen Köpfe, die den Bau geplant, ausgeführt, eingerichtet und später auch verändert haben.

 

Wie kam es überhaupt zu der riesigen Anlage, obwohl doch in nächster Nähe in Heidelberg und Schwetzingen standesgemäße Behausungen vorhanden waren? Schuld war ein Streit um die Heidelberger Heiliggeistkirche, der dazu führte, dass Kurfürst Carl Philipp von der Pfalz-Neuburg (1661/1716-1742) entnervt die Residenz in die Festung Mannheim verlegte. Schon Kurfürst Carl Ludwig (1618/1648-1680), Sohn des unglücklichen „Winterkönigs“ Friedrich V., hatte Pläne zu einem Schlossbau in Mannheim gehegt, und nun wurde das Schloss an den höchsten Punkt der Stadt in Rheinnähe gelegt anstelle der geschleiften Zitadelle Friedrichsburg. Das sollte sich später als fatal herausstellen, weil im Zuge der Industrialisierung die Verkehrswege verändert werden mussten und das Riesenschloss im Wege war. Schon im 19. Jahrhundert, das zunächst mit neuem Glanz begann, indem die badische Großherzogin Stephanie (1789-1860) einige Räume des Schlosses zu ihrem Domizil erkor (Behörden nahmen bereits den meisten Platz ein), schon damals gab es Leute, die am liebsten alles abgerissen hätten, um der wachsenden Stadt den Zugang zum Rhein zu ebnen. In den Jahren 1798-1800 war unter eifriger Mithilfe der Bürger die Festung komplett geschliffen worden, die die Stadt längst wie ein Korsett eingezwängt hatte. Dass der idyllische Park, der danach zwischen Schloss und Fluss entstand, wenige Jahrzehnte später durch die Auffahrt einer Rheinbrücke und dann auch noch durch eine Eisenbahnlinie verstümmelt wurde, war eine notwendige Brutalität, die man gleichwohl noch im 21. Jahrhundert bedauern muss. Während andere Schlösser raffiniert Bezug nehmen auf die harmonische Gestaltung ihrer Umgebung, braust in Mannheim der wenig liebliche Verkehr just dort am Schloss vorbei, wo einst die Gartenfront hätte glänzen können. Aber wegen der Festungsanlage war eine Gartenfront nie vorgesehen gewesen.

 

Wie man sieht, lief in Mannheim trotz hochkarätiger französischer und italienischer Baumeister manches etwas anders und nicht immer in klassischer Symmetrie. Die allerdings hatte Nicolas de Pigage (1728-1796) als Oberbau- und Gartendirektor von Kurfürst Carl Theodor entschieden im Sinn, als er dem Westflügel mit Schlosskirche, Hofoper, Ballhaus, Jesuitenkolleg und Jesuitenkirche den beeindruckenden Ostflügel mit der großen Bibliothek, dem Schneckenhof und Marstall gegenüber stellte. Pigage war ein vielseitiges Genie, das Großbauten ebenso umsichtig plante wie die bezaubernden Details von Inneneinrichtungen. Der Bildband zeigt anhand einiger alter Fotografien, dass er ein Meister der Rokoko-Boiserie und der Holzvertäfelung war. Er ließ es sich nicht einmal nehmen, die Vitrinen des kurfürstlichen Naturalienkabinetts selber zu entwerfen. Carl Theodors Naturalienkabinett – es fiel nach bereits vorausgegangenen, nicht immer glücklichen Veränderungen schließlich durch die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs in Schutt und Asche, ebenso wie der große Bibliothekssaal, das Glanzstück von Pigages Ostflügel. In den Jahren 1756-1758 entstanden, befanden sich in dieser Bibliothek seinerzeit auf drei Geschossen in 116 Schränken nicht weniger als 45.000 Bände ... was nach 1945 noch von Pigages Meisterstück übrig war, wurde später in einer Mischung aus Geldknappheit, Kaltherzigkeit und rücksichtslosem Realitätssinn durch Umbauten „erledigt“.

 

Der ohnehin zerstörte Mittelbau des Corps de Logis wurde nach dem Krieg zugunsten einer dreiteiligen Durchfahrt für Radfahrer und Fußgänger „geöffnet“, die so ohne Umweg von der Innenstadt durch den Ehrenhof direkt zu den Verkehrsadern auf der Schlossrückseite gelangen konnten. Der Schildbürgerstreich wurde Gott sei Dank nach einigen Jahren behoben: Das Erdgeschoss des Mitteltrakts gibt heute wieder den Gartensaal ab, über dem der festliche Rittersaal liegt, das Herzstück des einstigen wie des endlich erneuerten Schlosses. Im Schutt des Gartensaales fanden sich noch 1996, so Autor Hartmut Ellrich in einem knappen Bildtext, nicht nur Reste eines Mosaikbodens, sondern auch 161 Einzelstücke des Naturalienkabinetts. Nicht immer gingen die Mannheimer mit solchen Nachkriegsfunden sorgsam um, und wer weiß, ob das Schloss je wieder aus seinem langen Dornröschenschlaf erwacht wäre, wenn es sich nicht inzwischen im Besitz des Landes Baden-Württemberg befände. Ein Bewusstsein für die historischen Werte der Stadt muss in den Bürgern erst wieder entstehen – das Jubiläum der Stadtgründung vor 400 Jahren (1607) ist jenseits aller geplanten rauschenden Feten eine Gelegenheit dazu.

 

Info:

Hartmut Ellrich: „Das Mannheimer Schloss“, Reihe Archivbilder, Sutton Verlag, Erfurt 2006, 127 Seiten, durchgängig bebildert, Preis 17,90 Euro, ISBN 3-89702-947-2, http://www.suttonverlag.de/

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