Mannheim in historischen Rundgängen

 

 

Das Cover des Buches von Hartmut Ellrich, der den Leser auf fünf Rundgängen durch Mannheims Geschichte begleitet.

 

Eine der fünf Karten mit den eingezeichneten Rundgängen - es handelt sich hier um den Rundgang 3 "Musik, Theater, Malerei". Im Buch hat diese Karte das Format 9,5 mal 8 cm - schwierig, schwierig, sich da zurechtzufinden, ohne Lupe geht es kaum.

 

Eine der wenigen Farbseiten, oben ein Blick auf einen der Pavillons des Schlosses, unten die Villa des Industriellen Heinrich Voegele im Quadrat L5. Die Farbseiten bilden im Buch eine Art Anhang, im Text sind fast alle Bilder schwarzweiß und oft von schwer lesbarer Qualität.

 

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Hartmut Ellrich "Das Mannheimer Schloss"

Hartmut Ellrich "Kirchen in Thüringen"

 

18-11-2207

Mit Neugier, Lupe und bequemem Schuhwerk

Historiker Hartmut Ellrich führt den Leser auf fünf Rundgängen durch einen Zahlensalat und die Geschichte Mannheims

 

Von Christel Heybrock

 

Für Leute, die an regionaler Geschichte interessiert sind, ist das Programm des Sutton Verlages in Erfurt eine Fundgrube. Seit nunmehr zehn Jahren verbreitet Sutton in Bild und Text und in ebenso handlichen wie preiswerten Ausgaben historische Informationen über Städte und Regionen zwischen Berlin und Wien, zwischen Saarland und Sachsen. Auch Mannheim ist mit mehreren Bänden dabei, und die jüngste Publikation in der Reihe „Spurensuche“ stammt von Historiker Hartmut Ellrich, der wahrscheinlich jeden Zentimeter Mannheimer Boden kennt: 1970 wurde er hier geboren, er ist in der „Quadratestadt“ aufgewachsen und hat an der Schlossuniversität studiert – bevor er sich anderswo den Wind des Arbeitslebens um die Nase wehen ließ und es ihn dann familienbedingt nach Thüringen zog, wo er heute im sicherlich idyllischen Ohrdruf lebt.

 

Die Sutton-Reihe „Spurensuche“ besteht aus praktikablen Bänden im etwas größeren Taschenbuchformat, die den Leser mitnehmen zu Rundgängen durch „seine“ Stadt. Das ist eine feine Sache, denn wer neu zugezogen und noch fremd ist, kann sich auf kompetent geführten Spaziergängen darüber informieren, wohin es ihn denn eigentlich verschlagen hat und welche historischen Ereignisse die Stadt, ihre Straßen und Plätze und nicht zuletzt die Mentalität der Bewohner geprägt haben. Selbst für Einheimische oder solche, die es mit der Zeit geworden sind, lässt sich dabei noch manches lernen oder ganz neu sehen.

 

Die Idee ist also prima – und bezüglich der Geschichte Mannheims ist es auch der Autor, dessen persönliches Temperament man freilich auf den rund 140 Seiten ein bisschen vermisst ... wahrscheinlich musste eine etwas individuellere Perspektive einfach zurückstecken angesichts der Faktenfülle. Und auch angesichts des verlegerischen Konzepts, das nun mal Grenzen setzt? Leider, leider wirken sich diese räumlichen und zeitlichen Grenzen auch sonst in etwas misslicher Weise aus: Für vieles Notwendige war der Platz zu klein, und die Eile, in der offenbar das Buch entstand, schlägt an etlichen Stellen durch. Zum Beispiel dachte sich Ellrich fünf jeweils zwei bis drei Stunden Fußweg umfassende Rundgänge aus, jeder Spaziergang ist einem bestimmten Thema gewidmet, und zu jedem gibt es eine Karte. Was auf den ersten Blick den Anschein übersichtlicher Information vermittelt, erweist sich rasch als vertracktes Suchprogramm. Die Karten sind nämlich so klein, dass man auch dann noch mit dem reinsten Zahlensalat ringt, wenn man sich mit einer (unerlässlichen!) Lupe ausgestattet hat.

 

Ohnehin ist Nichtmannheimern die Systematik der Innenstadt-Bebauung meist ein Buch mit sieben Siegeln, entstand die City doch einst auf dem Reißbrett von barocken Festungsbaumeistern und wurde, in nummerierte Quadrate eingeteilt, auf eine längst verschwundene und durch ein Riesenschloss ersetzte Zitadelle ausgerichtet. In der Mannheimer City haben Straßen und deren Namen sich bis heute nicht durchgesetzt gegen diese Quadratblöcke mit den Bezeichnungen von A bis U, wobei die A-Quadrate sich rechts vor dem Schloss (gegenüber von dessen Westfront) und irritierenderweise die L-Quadrate sich gleich links daneben gegenüber der Ostfront des Schlosses erstrecken. A1 und L1 befinden sich also fast in gleicher Nähe zueinander wie zu B1 oder M1, und hinzu kommt, dass nicht nur die Quadrate ihre Ziffernkennung haben, sondern natürlich auch die Hausnummern innerhalb der Quadrate, so dass man sich ohnehin schon mit Zahlen in dieser Stadt etwas verheddern kann.

 

Im Buch entdeckt der staunende Benutzer auf den Minikarten der fünf historischen Rundgänge nun noch etliche weitere Ziffern, nämlich die der Stationen, an denen Halt gemacht wird, und gäbe es nicht die schwarzen Linien des jeweiligen Wegverlaufes mit kaum stecknadelkopfgroßen Verdickungen an den Haltepunkten, man müsste das ganze schlaue Büchlein als völlig unbrauchbar in die Ecke schmeißen. Auf den fünf Übersichtskärtchen der fünf Rundgänge sind nämlich keineswegs nur die Ziffern der Haltepunkte des jeweils einen Rundgangs zu finden, sondern irgendwie auch noch die Reste der anderen. Erst am Schluss des Buches entdeckt man endlich eine übersichtlichere Karte in Farbdruck – aber natürlich quetscht sich hier der Falz mitten hindurch, es scheint niemand auf die Idee einer herausklappbaren Seite gekommen zu sein.

 

Leider steckt nicht nur dieser eine Teufel in den Details, man stolpert auch über Druckfehler, grammatikalische und stilistische Schnitzer, schwärzliche (weil viel zu kleine) Bilder sowie über eine rätselhafte Kuriosität auf Seite 68, wo von Nationaltheater-Intendant Wolfgang Heribert von Dalberg die Rede ist. Der gute Mann, dessen Wohnhaus, ein Palais aus dem Jahr 1733, heute die städtische Musikbücherei beherbergt, starb unzweifelhaft am 27. September 1806. Im Text heißt es dann über das Dalberghaus: „Hier lebte Dalberg mit seiner Frau Maria Elisabeth Augusta ... und seinen drei Kindern bis nachweislich 1815.“ Hat die Familie den badischen Staatsminister womöglich einbalsamiert und als Mumie im Hause gehütet, weil sie sich von dem Verschiedenen einfach nicht trennen konnte? Oder hat die Aufsehen erregende Mumien-Ausstellung der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen 2007 den Autor der Rundgänge noch im fernen Ohrdruf dermaßen beflügelt, dass seine Fantasie ein bisschen mit ihm durchging? Die Möglichkeit, dass er einfach einen missverständlichen Satz hinschrieb, scheint einem denn doch zu banal ...

 

Wer mit Gelassenheit über alles hinweg sehen kann, was dem Glanz dieses Büchleins empfindliche Kratzer zufügt, wird natürlich trotzdem eine Menge davon haben. Dass die Rundgänge beginnen mit dem Kapitel „Festung, Fürsten, Residenz“ und zu den beeindruckenden Zeugnissen der kurfürstlichen und badischen Epoche führen, vermittelt dem Leser/Spaziergänger sofort ein Fundament an Wissen, auf dem die folgenden vier Rundgänge aufbauen können. Zwar lassen sich gerade die Informationen über Mannheim im 18. und 19. Jahrhundert auch anderswo (und zwar in weniger knapper Form) nachlesen, aber das sieht beim Kapitel „Banker, Unternehmer und Erfinder“ schon ganz anders aus. Wie die Schokoladenspezialität „Mannemer Dreck“ erfunden wurde, was es mit dem Lameygarten als Restbestand einer klassizistischen Villenumgebung auf sich hat und welche Rolle Mannheim einst als Stadt der Banken und glanzvollen Unternehmerfamilien spielte – das bekommt man so souverän (und freilich auch so gedrängt) nicht überall präsentiert. Dass der Rundgang dabei aus der City hinaus und in die Oststadt mit ihren eleganten Gründerzeitvillen führt, erweitert die Perspektive ganz erheblich.

 

Mannheim als regionale Metropole von Theater, Musik und Bildender Kunst kommt einem dagegen wirklich zu kurz vor, obwohl auch dieser Rundgang drei Stunden dauert und sogar „iwwer die Brick“ (über die Brücke) in die Neckarstadt führt - eine Entfernung, die Damen besser nicht mit hochhackigen Pumps ausmessen sollten. Das Kulturleben der Stadt war und ist jedoch so reichhaltig, dass man den Rundgang am besten als erste Übersicht über Dinge auffassen sollte, die man anschließend gründlicher erkundet. Das folgende Kapitel „Konsumtempel gestern und heute“ hat dem Autor Ellrich wohl besonders am Herzen gelegen. Mannheim ist tatsächlich ein Einkaufsmagnet für die ganze Region und zieht mit der Fußgängerzone und ihren beinahe großstädtischen Passagen auch anspruchsvolle Käufer an. Im eher ländlichen Ohrdruf  scheint Ellrich diese Atmosphäre manchmal doch zu vermissen, und es ist die Frage, ob nicht auch der mit seinem Buch bewaffnete Rundgänger ihr irgendwann erliegt. Immerhin wird er vorher mit einer Fülle von Fakten über unternehmerische und architektonische Entwicklungen versorgt.

 

Ein Knüller jedoch ist der letzte Rundgang „Arbeiten und Wohnen“, der komplett aus der City herausführt in die entfernteren, weit weniger attraktiven und in der Mannheim-Literatur eher vernachlässigten Stadtteile Luzenberg, Waldhof und Gartenstadt. Ellrich war einst hier zu Hause und widmet den Arbeiter- und Kleinbürgersiedlungen eine überraschend differenzierte, liebevolle Auseinandersetzung. Die Straßen und kleinen Kirchen der Viertel, das Waldhof-Fußballstadion, die Industrieanlagen und nicht zuletzt architektonische Kleinodien wie die "Ärztevilla“ in der Luzenbergstraße können den Spaziergänger, der Mannheim einmal von einer ganz anderen Seite erfahren will, über mehr als drei Stunden fesseln. Danach freilich dürfte er sich erschöpft in die Straßenbahn setzen und zurück in die City streben, wo er sich in Kino, Kaufhaus oder Café erholen kann.

 

Alles in allem lässt sich das Buch als Anleitung zum Kennenlernen einer Stadt und als Anstoß für weitere eigene Lektüre auffassen – auch in dieser Hinsicht kann einen Hartmut Ellrich übrigens begleiten. Dass im Sutton Verlag offenbar niemand mit kritischen Augen der Drucklegung zuvorkam, ist natürlich schade. Falls jedoch eine zweite Auflage die Chance dazu gibt, hier noch ein Tipp: Auf der Legende zur Karte Seite 13 fehlt der Haltepunkt 14. Den könnte man ja noch einfügen, ebenso wie auf Seite 49 eine Erklärung zu den Sehnsüchten von Johannes Brahms. Der war, so ist hier zu lesen, 1865 erstmals in Mannheim, hatte aber „noch 1854 keinen so rechten Zugang zu der Stadt gefunden ...“ Er scheint ja lange und zwar völlig kontrovers von Mannheim geträumt zu haben, bevor er endlich hier ankam. Merkwürdig, nun ja.

 

Info:

Hartmut Ellrich: „Mannheim. Rundgänge durch die Geschichte“, in der Reihe „Spurensuche“ des Sutton Verlags, Erfurt 2007, 144 Seiten mit 150 Abbildungen, Preis 14,90 Euro, ISBN 978-3-86680-148-6, http://www.suttonverlag.de

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