Mannheim
das Brockhaus-Lexikon


Cover des Brockhaus-Mannheim-Lexikons von 2007. Das Titelfoto zeigt das Corps de Logis des Mannheimer Barockschlosses mit dem Ehrenhof. Der wurde allerdings inzwischen historisch getreu verändert - Rasenflächen und Fontänen gibt es dort nicht mehr.

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14-10-2006

Eine Stadt mit vielen tollen Seiten
Zum 400. Geburtstag Mannheims im Jahr 2007 gratuliert der F.A. Brockhaus Verlag mit einem originellen Lexikon

Von Christel Heybrock

 

Schmökern Sie auch so gerne in Lexika? Man kann ja buchstäblich untergehen dabei, diese Dinger verführen einen vom Hundertsten ins Tausende, zum Schluss sind zwei Stunden vorbei und man hat vergessen, was man eigentlich nachschlagen wollte. Natürlich geht einem das genau so mit der jüngsten Publikation des F.A. Brockhaus Verlags, und die ist noch dazu etwas Besonderes, nämlich ein Geburtstagsgeschenk.

 

Nein, nicht für Sie und Ihre Lieben (jedenfalls nicht nur), sondern für die Stadt, in der das renommierte Verlagshaus ansässig ist – das gute alte Mannheim. Na ja, die Industriestadt Mannheim als Hort der guten alten Zeit? Klingt etwas ungewohnt. Aber am 21. Januar 2007 wird Mannheim immerhin 400 Jahre alt, Industrie war hier nicht immer (und ist es immer weniger), es gab vielmehr eine glanzvolle kurfürstliche Geschichte mit einem der größten Barockschlösser Europas (davon ist an anderer Stelle die Rede). Und es gibt heute eine beachtliche Vielfalt an Wirtschafts-, Wissenschafts-, Handels-, Dienstleistungs- und kulturellen Institutionen – da ist es eine nette Geste, wenn ein renommiertes Verlagshaus (in dem ja auch der „Duden“ und das einst hoch geschätzte Bibliographische Institut aufgingen) „seiner“ Stadt ein Präsent macht.

 

Selbst die Mannheimer dürften aus dem „Brockhaus Mannheim“ noch so manches lernen, worüber sie nie nachgedacht haben: Grund genug, dass möglichst jeder Haushalt das Buch griffbereit hält. Es ist nämlich ein äußerst platzsparendes Nachschlagewerk in einem einzigen handlichen Band von knapp 400 Seiten und 1800 entsprechend übersichtlichen Stichwörtern. Rund 500 Biografien großer Persönlichkeiten zwischen dem Stadtgründer Kurfürst Friedrich IV. und beispielsweise Jazzsängerin Joy Fleming deuten eine thematische Bandbreite an, die jeden Nutzer faszinieren dürfte (und außerdem ist es toll, dass alle Personen mit eigenem Stichwort nicht nur mit Geburts- und Todesjahr, sondern mit Tagesdaten aufgeführt sind).

 

Freilich liegt in der Beschränkung aber auch schon der erste Anlass zum Meckern. Warum steht unter „F“ zwar der Unternehmer Manfred Fuchs (von Fuchs Petrolub), nicht aber der Kunsthallendirektor Heinz Fuchs, der das Museum nach dem Krieg an die Neuzeit heranführte und vielen heute als Klassiker geltenden Künstlern ihre erste Museumsschau organisierte? Warum haben zwar die ersten beiden Kunsthallenchefs Fritz Wichert und Gustav Friedrich Hartlaub ein eigenes Stichwort, nicht aber Fuchs’ Vorgänger Walter Passarge, der das Haus durch die Nazizeit manövrierte, oder Manfred Fath, der die Region prägte als Gründungsdirektor des Ludwigshafener Hack-Museums und später als Direktor der Kunsthalle Mannheim?

 

Also ehrlich, 400 Seiten sind für eine Stadt wie Mannheim nicht genug. Obwohl man im „Brockhaus Mannheim“ auch manche Überraschung findet. Blättert man von „Fritz Wichert“ aus noch ein bisschen im „W“ herum, stößt man, hurra, auf den „Werderplatz“, mit dem die Schreiberin dieser Zeilen seit langen Jahren eng verbunden ist – da wohnt sie schließlich (auch andere Straßen und Plätze fanden erfreulichen Eingang in das Nachschlagewerk). Aber der Gewichtheber Dieter Werner, die Handballerin Anita Welz und der Radrennfahrer Peter Weibel haben bisher in ihrem Leben keine Rolle gespielt, sind die denn wirklich soo berühmt, dass sie unbedingt in das Lexikon mussten? Erneutes Hurra bei der großen Tänzerin Mary Wigman, hat man ja längst vergessen, dass die mal fürs Mannheimer Ballett gearbeitet hat.

 

Überhaupt purzeln einem die erstaunlichsten Berühmtheiten aus den Seiten entgegen, Leute, die man nie und nimmer mit Mannheim in Verbindung gebracht hätte. Dichter Friedrich Hölderlin etwa: der war tatsächlich einst einen ganzen Tag in Mannheim und schrieb darüber einen Brief an die Mama. Solche Fälle lassen den Leser etwas nachdenklich werden bezüglich der Auswahlkriterien für den „Brockhaus Mannheim“. Offenbar kam jeder rein, der a) bekannt genug und b) irgendwann mal ein paar Stunden hier durchreiste. Immerhin: dickes Lob für die Aufnahme von Christoph Martin Wieland (1733-1813), der das Theater um einige seiner Arbeiten bereicherte ... und einen noch heute irre komischen und entlarvenden Roman über die Mentalität der Mannheimer Bürger schrieb („Die Abderiten“).

 

Um noch ein einziges Mal bei “W“ zu bleiben – der „Wissenschaftstandort“ mit lobenden Worten über Universitätsrektor Hans-Wolfgang Arndt (der hat sogar ein eigenes Stichwort) ist inzwischen arg in Bedrängnis geraten durch des Rektors Pläne, ganze Fakultäten zu zerschlagen. Was das Lexikon wohl dazu vermerkt hätte, wenn der Skandal früher bekannt gewesen wäre? Von „Arndt“ aus blättert man sich wieder nach hinten, freut sich über die „Himmelskugel“ am Kunstverein (wieso hat ihr Schöpfer Mo Edoga kein eigenes Stichwort, der Mann war immerhin „documenta“-Künstler?!) und schließlich über den „Mannheimer Kunstverein“ selbst – und da, zack, der erste dicke Fehler! Das Foto zeigt keineswegs eine Arbeit des „Installationskünstlers Johannes Pfeiffer“, sondern eine klassische Ziegelplastik von Reiner Seliger. Wie sieht’s in der „Kunsthalle“ aus, die man unter „K“ findet? Abgesehen von der bedauerlichen Kürze des Stichworts, hat Architekt Hans Mitzlaff korrekterweise hinten zwei „f“ und sieht im Brockhaus mit einem einzigen doch etwas kahl aus.

 

Und dass jemand, der den Zwanziger-Jahre-Galeristen Herbert Tannenbaum sucht, bei „T“ rein nichts findet, sondern unter „K“ nachschauen muss (weil die Galerie „Das Kunsthaus“ hieß) ist vielleicht auch nicht restlos hilfreich. Aber mit Galeristen, auch wenn sie so prägend waren wie Margarete Lauter, hat der „Brockhaus Mannheim“ eh wenig am Hut, dafür werden Diskotheken wie „Milk!“ oder heimelige Vorortbühnen wie „Gehring’s Kommode“ mit eigenen Stichwörtern geehrt. Der lokale Stallgeruch spielt natürlich eine bedeutende Rolle, was für dieses Lexikon eine auflockernde Qualität hat, die bis zum Skurrilen reicht. Das Stichwort „Muddaschbrooch“ (Muttersprache) nimmt anderthalb Seiten ein und gehört damit zu den Riesen. Sogar der „Blumepeter“ muss sich mit erheblich weniger begnügen, wenn auch eine seiner Anekdoten in ein hübsches Kästchen fand – und ein später geborenes Mannheimer Original, der Bürger Kolb (Ernst Kolb), der Mann mit der Plastiktüte und Schrecken jeder Vernissage, wurde völlig unterschlagen. Es wundert nicht, dass auch sein Biograf, der Mannheimer Schriftsteller Rolf Bergmann, nirgends zu finden ist. Dafür kam Wolfgang Hildesheimer hinein, der ein paar Jugendjahre hier verbrachte, nun ja.

 

Da der „Brockhaus Mannheim“ in seinem volkstümlichen, mitunter gar amüsanten Konzept ganz bewusst eine riesige thematische Bandbreite aufschlägt und für jeden irgendetwas bereit halten will, können die Proportionen auch manchmal erstaunen. Schlagerstar Caterina Valente tritt fast dreimal so umfangreich auf wie Oberbürgermeister Wilhelm Varnholt. Die Maler Walter Stallwitz und Bernhard Sandfort bekamen zwar eigene Stichwörter, aber bei dem mittlerweile legendären Rudi Baerwind fiel das ziemlich knapp aus und wurde auch seinen Bildern wenig gerecht. Die tragische Persönlichkeit des Malers Peter Schnatz vermisst man ebenso wie die originelle Trude Stolp-Seitz. Von Mannheims bedeutenden Fotografen wurden Robert Häusser (sehr knapp), Horst Hamann und Peter Schlör verewigt – was aber wurde aus Gerhard Vormwald und Martin Zeller? Schön, dass Richard Perrey, Stadtarchitekt des frühen 20. Jahrhunderts, relativ viel Zeilen bekam. Dafür sucht man vergeblich zwei in Mannheim geborene Künstler des 19. Jahrhunderts, die auf dem Kunstmarkt dank ihrer Virtuosität immer noch präsent sind: den Porträtisten Otto Propheter (1875–1926) und die Blumenmalerin Anna Peters (1843–1926). Vielleicht gibt es ja wirklich Leute, die sich durch das überraschend auftauchende Stichwort der „University of Maryland“ entschädigt fühlen: die hat in Mannheim einen ihrer Auslandsstandorte.

 

Was folgt aus dem ganzen Gemoser? Die nächste Auflage des „Brockhaus Mannheim“ muss entschieden dicker werden, so geht es nicht weiter! Schließlich hat Mannheim noch mehr zu bieten, da darf man wissbegierige Leser nicht enttäuschen. Ein Anfang aber ist gemacht, und für den Anfang, zugegeben, ist es schon eine feine Sache geworden, das Lexikon.

 

Info:

„Der Brockhaus Mannheim“, 400 Jahre Quadratestadt – das Lexikon. 1800 Stichwörter, 400 Fotos, Grafiken und Tabellen, 384 Seiten, ISBN-13: 978-3-7653-0181-0, ISBN-10: 3-7653-0181-7, Preis 19,95 Euro, Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2007, www.brockhaus.de

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