Dubai und Mannheim, ein Kulturprojekt


Panoramaaufnahme des arabischen Fotografen Mohammed Sadiq Bey aus Mekka: Das um 1881 entstandene Bild  zeigt den Innenhof der Moschee mit der Kaaba und den nordwestlichen Teil der Stadt. Die Rarität aus dem Besitz des Forums Internationale Photographie der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen wird im Rahmen einer internationalen Kooperation ab September 2008 in Dubai zu sehen sein. Weltweit sind die Aufnahmen von Mohammed Sadiq Bey nur in drei Exemplaren erhalten.
Copyright: Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

Update:
Die internationale Finanzkrise hat seit 2008 auch Dubai erreicht. Viele Bauprojekte gerieten ins Stocken,
die Dubai Culture & Arts Authority stellte ihre Arbeit ein und Michael Schindhelm hat Dubai verlassen, um gemeinsam mit Stararchitekt Rem Kooolhaas einen neuen Stadtteil in Hongkong zu entwickeln. Über seine Erfahrungen in Dubai hat er inzwischen ein Buch geschrieben: "Dubai Speed" hinterfragt kritisch die Ursachen für sein Scheitern (dtv, 255 Seiten, 16,90 Euro, www.dubai-speed.de).
Auch die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen mussten ihre Pläne ändern, nachdem zukünftige Ausstellungskooperationen mit Dubai hinfällig wurden. Die "Saladín"-Schau hätte noch 2009 und 2010 die Ausstellung "Pferdestärken" realisiert werden sollen. Nun finden beide Expositionen mit zweijähriger Verspätung im Nachbaremirat Sharjah statt. Dort hat man etwas vorsichtiger gewirtschaftet und kann in Kultur investieren.

hey 07-02-2010

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Siehe auch:
Dubai im Aufbruch
Forum Internationale Photographie (FIP)

08-04-2008
Update 07-02-2010

Arabische Raritäten aus Europa – ein spannender Dialog

Das Emirat Dubai und Mannheims Reiss-Engelhorn-Museen beginnen eine weitreichende Zusammenarbeit

 

Von Christel Heybrock

 

Dieser Tage glaubte man seinen Ohren nicht zu trauen. Mannheim und Dubai, eine mittlere Großstadt im deutschen Südwesten und ein arabisches Emirat mit atemberaubenden Visionen – die wollen jetzt etwas gemeinsam auf die Beine stellen? Dubai und Berlin, London oder Paris, Dubai und Madrid, Mailand oder New York – das hätte jeder für möglich gehalten, aber Mannheim? Natürlich geht es auch an Rhein und Neckar ein bisschen international zu, mit Dubai freilich kaum vergleichbar. Der kleine Wüstenstaat am Persischen Golf hat im März 2008 nicht weniger als 1,8 Millionen Einwohner, eine Zahl, die monatlich um zwanzig- bis dreissigtausend wächst. 200 Nationalitäten kommen hier zusammen, die Einheimischen machen nur noch 10 Prozent aus. Allein im Jahr 2006 wurden in Dubai über 2000 Hochhäuser fertiggestellt, und 2009 wird der höchste Wolkenkratzer der Welt eröffnet, der Burj Dubai, der Turm von Dubai. Und da soll Mannheim mithalten, eine Stadt mit zwar bedeutender architektonischer Vergangenheit, aber nur bescheidenen baulichen Zukunftsplänen?

 

Bei Mannheim muss man allerdings ganz genau hinsehen, und zwar speziell zu den Reiss-Engelhorn-Museen. Die nämlich haben sich in den letzten Jahren zum Global Player entwickelt. Museumsdirektor Dr. Alfried Wieczorek hat sein Institut nicht nur mit entsprechendem Ehrgeiz, sondern auch mit einer kleinen Topmannschaft an Wissenschaftlern und einem schlafwandlerisch glücklichen Händchen nach vorn gebracht. Kontakte nach Japan und China sind mittlerweile ebenso eng und freundschaftlich wie die Ausstellungskooperationen mit dem renommierten Martin-Gropius-Bau in Berlin, wo spektakuläre Projekte schon mal ihren Anfang nehmen, nachdem sie in den Reiss-Engelhorn-Museen wissenschaftlich vorbereitet wurden.

 

Eines dieser spektakulären Unternehmen begleitete 2007 die in Mannheim veranstalteten Europäischen Springreiter-Meisterschaften und blätterte mit kostbaren Leihgaben die ganze Kulturgeschichte des Reitens und der Beziehung zwischen Mensch und  Pferd auf: Schirmherrin der Schau mit dem Titel „Pferdestärken“ war Prinzessin Haya bint al Hussein (geb. 1974), Tochter des Königs Hussein von Jordanien und die jüngere von zwei Gattinnen des Emirs von Dubai, Sheikh Mohammed bin Rashid al Maktoum. Mit ihrer Leidenschaft für Pferde nimmt die jordanische Prinzessin in der Herrscherfamilie Maktoum wahrlich keine Sonderstellung ein – ihr Schwager, der 2006 verstorbene Emir Maktoum bin Rashid al Maktoum war international berühmt für sein Edelgestüt und Gründer des Dubai World Cup, des höchst dotierten Pferderennens der Welt.

 

Seit der Mannheimer Schirmherrschaft der Prinzessin gehört auch Dubai, der zur Zeit wohl aufregendste Ort auf diesem Erdball, ins geschickt geknüpfte globale Verbindungsnetz der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Aber nun soll es erst richtig losgehen. In all dem wahnwitzigen Aufbruch, der seit wenigen Jahren das Emirat Dubai in die Zukunft peitscht – architektonisch, touristisch, wirtschaftlich und wer weiss was noch – in all dem Aufbruch wurde ein Aspekt bisher vernachlässigt, der jetzt dringend nachgeholt werden muss: die Kultur. Dubai, stets in freundschaftlicher Konkurrenz zu seinen Nachbar-Emiraten, sah auf der einen Seite die Kunstsammlung des Emirs von Sharjah wachsen und auf der andern Seite die Verbindungen Abu Dhabis zu Louvre und Guggenheim-Museum. Höchste Zeit, sich nun auch endlich selbst zu positionieren, und die Reiss-Engelhorn-Museen bieten da offenbar eine dankbar aufgegriffene Chance.

 

Unter Leitung eines Sohnes von Sheikh Mohammed ( Sheikh Majed bin Mohammed bin Rashid Al Maktoum) hat sich im März 2008 die Dubai Culture & Arts Authority konstituiert, eine Institution mit einem kleinen Arbeitsteam aus zwölf Personen, in der Mehrzahl Einheimischen, mit Michael Schindhelm als Direktor. Noch gibt es kein festes Budget (Schindhelm am 3. April 2008 vor Journalisten: „Wir sind ja erst dreieinhalb Wochen alt“), aber schon feste Pläne für das Jahr 2008.

 

Schindhelm in Dubai – auf den ersten Blick klingt das doch recht abenteuerlich, denn der Mann, 1960 in Eisenach (damals DDR) geboren, gilt im deutschen Sprachraum zumindest als schillernde Figur. Womöglich hängt das mit einer ungewöhnlichen Fülle an Talenten zusammen: Ursprünglich war Schindhelm Quantenchemiker mit Studienabschluss an der Universität von Woronesch in Russland. Von 1984-1986 arbeitete er am Ostberliner Zentralinstitut für physikalische Chemie (wo auch Bundeskanzlerin Angela Merkel tätig war), und offenbar hatte er in den achtziger Jahren im Spitzelstaat DDR auch mehrere Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit. Plötzlich wechselte er dann radikal das Metier und arbeitete bis 1990 als Übersetzer, Schriftsteller und Dramaturg. 1990 wurde er Referent des Theaterintendanten in Nordhausen, 1992 wurde er selber Intendant der Bühnen in Gera, von 1994 bis 1996 war er Generalintendant des Theaters Altenburg-Gera und anschließend Theaterintendant in Basel, was er später als Riesenfehler bezeichnete. Im April 2005 wurde er Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, womit er aber auch nicht restlos glücklich endete. Wegen des Bekanntwerdens seiner Stasi-Kontakte war er längst unter Druck geraten und wegen der, wie er monierte, schlechten finanziellen Ausstattung der Opernstiftung wollte er 2007 von seinem Amt zurücktreten, machte den Rücktritt rückgängig und ging dann doch im Februar 2007 – schon im März 2007 fand er sich in Dubai wieder. In all den turbulenten Jahren hatte er offenbar noch genug Konzentration zum Schreiben: Im Buchhandel liegen nicht weniger als fünf zwischen 2000 und 2007 publizierte Bücher vor.

 

Aber zurück zur Dubai Culture & Arts Authority: Bereits im September 2008 soll das erste kulturelle Ereignis unter Schindhelms Direktorat - nein, nicht über die Bühne gehen, sondern in die Ausstellungsräume des Dubai International Financial Centre gelangen, das sich mangels anderer Räumlichkeiten vorläufig für solche Zwecke zur Verfügung stellt. Und dabei handelt es sich um eine von den Reiss-Engelhorn-Museen zusammengestellte Präsentation. In diesem Jahr fällt der islamische Fastenmonat Ramadan in den September, so dass sich als Start des neuen Kulturprogramms am Persischen Golf eine Ausstellung anbot, die 2006 in den Reiss-Engelhorn-Museen zu sehen war: „Ins Heilige Land. Pilgerstätten von Jerusalem bis Mekka und Medina“. Claude W. Sui, Leiter des Forums Internationale Photographie (FIP) an den Reiss-Engelhorn-Museen, hatte damals begleitend zur Ausstellung „Saladin und die Kreuzfahrer“ Fotoraritäten aus dem 19. Jahrhundert zusammengestellt, die meisten aus dem Bestand seines Instituts und bereichert nur durch Leihgaben des Orient-Archivs in Karlsruhe sowie durch ein Archiv im holländischen Leiden. Nun müssen sowohl Sui als auch seine Leihgeber ihre Schränke noch einmal öffnen, um die empfindlichen Exponate nach Dubai zu schicken, wo sie unter dem Titel „To the Holy Lands. Pilgrimage Centres from Mecca and Medina to Jerusalem“ vom 15. September bis 4. November 2008 im Financial Centre zu sehen sind. Der mit den Exponaten verbundene spirituelle Aspekt kommt Schindhelm im Ramadan natürlich sehr gelegen.

 

Die Ausstellung bildet nicht nur eine Besonderheit, weil im 19. Jahrhundert Europäer kaum Zugang zu den heiligen Stätten des Islam hatten und das Fotografieren dort ohnehin extrem schwierig war. Faszinierend für ein internationales ebenso wie für das einheimische Publikum in Dubai dürfte die Tatsache sein, dass die Mannheimer Exponate zum Teil von zeitgenössischen arabischen Fotografen stammen und den Beginn der Fotografie im arabischen Raum überhaupt dokumentieren. Das Mannheimer Konvolut mit den Aufnahmen von Mohammed Sadiq Bey (1832-1902), der erstmals in Mekka und Medina fotografierte, gibt es weltweit nur in drei Exemplaren – außer in Mannheim noch in Frankreich sowie im Besitz des saudischen Königshauses.

 

Der arabische Arzt Al-Sayyid Abd al-Ghaffar aus Mekka, fotografiert von dem hollaendischen IslamgelehrtenChristiaan Snouck Hurgronje um 1884/85. Snouck nannte sich als Islamkonvertit ebenfalls "al-Ghaffar", was ein Zufall war. Er hatte seinem Namensvetter das Fotografieren beigebracht, so dass dieser ihm eigene Fotoplatten nach Holland schicken konnte, nachdem Snouck das Land Hals über Kopf hatte verlassen müssen. Foto: Snouck-Hurgronje-Archiv, Leiden

 

Eine Kuriosität stellt darüber hinaus die Zusammenarbeit des holländischen Arabisten und Islamgelehrten Christiaan Snouck Hurgronje (1857-1936) mit einem Arzt in Mekka dar. Für seine nicht ganz ungefährliche Orientreise war Snouck zum Islam konvertiert und nannte sich „al-Ghaffar“. In Mekka wohnte er eine Zeit lang im Haus eines Arztes mit zufaellig dem gleichen Namen: Al-Sayyid Abd al-Ghaffar lieferte Snouck die schönsten Aufnahmen nach Holland, nachdem dieser wegen einer Intrige des französischen Konsuls in Dschidda das Land hatte verlassen müssen. Die vom arabischen al-Ghaffar erstellten und beschrifteten Fotoplatten sowie dessen Begleitbriefe an den holländischen al-Ghaffar alias Snouck Hurgronje sind im Besitz des Snouck-Hurgronje-Archivs in Leiden – der Kontakt mit Mannheim allerdings wäre ohne die intensiven Nachforschungen von Claude W. Sui nicht zustande gekommen.

 

Und die „Sacred Places“-Schau wird außer zahlreichen Raritäten auch noch die weltweit einzig erhaltenen Aufnahmen aus Jerusalem von Jakob August Lorent (1813-1884) enthalten. Lorent war in Charleston/USA geboren worden, aber als Kind nach Mannheim gekommen, wo er abgesehen von zahlreichen Weltreisen seinen Standort behielt. Seine Jerusalem-Fotos waren 2006 in Mannheim erstmals zu sehen gewesen.

 

Der Felsendom in Jerusalem, 1864 aufgenommen von dem Mannheimer Jakob August Lorent. Auch die weltweit einzigen Fotografien Lorents aus Jerusalem sind in Dubai zu sehen.

Copyright: Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

 

Soweit die Planung für 2008. Die Achse Mannheim-Dubai soll aber weiter bestehen bleiben. Für 2009 ist vorgesehen, die ungleich umfangreichere Ausstellung „Saladin und die Kreuzfahrer“ nach Dubai gehen zu lassen (unter etwas geändertem Titel), und die „Pferdestärken“ wurden für 2010 avisiert. Die Reiss-Engelhorn-Museen dürften auch danach die Kooperation nicht für beendet erklären. Museumsdirektor Wieczorek: „Wir hätten auch nichts dagegen, einmal Leihgaben aus Dubai nach Mannheim zu bekommen“ – denn die Herrscherfamilie Maktoum dürfte kaum weniger kunstsinnig sein als die Herrscherfamilien der Nachbaremirate. Nur: was genau da gesammelt wird, weiß nicht einmal Michael Schindhelm.

 

Sicher ist nur, dass die arabische Welt am Persischen Golf und darüber hinaus in einem Aufbruch ist, der auch die kulturelle Entwicklung betrifft, wobei es nicht nur um einen globalen Kulturbegriff, sondern auch um islamische Werte geht. In Abu Dhabi, das traditionell die Führungsrolle der sieben Emirate innehat, gibt es bereits eine Buchmesse, eine Ausstellungshalle ist dort geplant, und die drittgrößte Moscheen-Anlage der Welt dürfte mit ihren 82 Kuppeln und vier rund 100 Meter hohen Minaretten auch einen deutlichen kulturellen Akzent setzen. In Doha (Katar) wird es womöglich ein Museum für islamische Kunst geben - und in Dubai stehen Stararchitekten wie Rem Koolhaas und Zaha Hadid für Großprojekte bereit.

 

Koolhaas soll als Übergangslösung einen Komplex errichten, der allzu bescheiden als „Pavillon“ bezeichnet wird und im Grunde den Umbau eines bereits bestehenden, aber seit dem letzten Golf-Krieg nicht mehr genutzten Amphitheaters im Creek Park darstellt. Dort soll sowohl Platz für Ausstellungen als auch für Theater- und Musikdarbietungen entstehen. Der Knüller aber wird wohl Zaha Hadids Schöpfung auf einer künstlichen Insel im Creek, dem Meeresarm, der sich durch Dubais Altstadt und Wüste schlängelt. Zwischen City und Naturschutzgebiet soll das kühn geschwungene, elegante Architekturgebilde mit zwei Bühnen für Opern- und Tanzaufführungen, Konzerte, einem Museum für arabische Musik nebst Musikhochschule sowie Ausstellungssälen zum kulturellen Zentrum Dubais werden – und da dort alles in einer Geschwindigkeit wächst, bei der man kaum noch hinsehen kann, wird es wohl 2013 eröffnet. Darüber hinaus sind mehrere Museen geplant und und und.

 

Das alte Europa, das sich immer noch für den kulturellen Nabel der Welt hält, wird sich irgendwann verwundert die Augen reiben. Dass ausgerechnet die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen den Fuß in die Tür der arabischen Welt bekommen, zeugt von klugem Weitblick. Den hatte einst auch Sheikh Maktoum bin Buti al Blofas, als er im Jahr 1833 den Beduinenstamm der Bani Yas aus der Wüstenoase Liwa an den Golf brachte – damals fing alles an, mit einem Perlenfischerdorf.

 

Info:

- Ausstellung "To The Holy Lands" in der Lobby Building 5 des DIFC (Dubai International Financial Centre)  vom 15. September bis 4. November 2008

- www.rem-mannheim.de

- www.sheikhmohammed.ae

- http://www.difc.ae/index.html

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