Eva Zeller

"Die Hauptfrau"

 

Das Cover von Eva Zellers Roman in der dtv-Taschenbuchausgabe von 1985. Die Umschlaggestaltung stammt von Celestino Piatti.

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Literatur/Zeller-Hauptfrau.html

 

Sitemap

Übersicht Literatur

 

21-02-2009

Eine Ehe zerbricht

Eva Zellers Roman „Die Hauptfrau“ (1977)

 

Von Christel Heybrock

 

Langes Lamento. Nele, Herberts in die Jahre gekommene Ehefrau, hat ihren Mann endlich verlassen, weil sie seine Affären nicht länger erträgt. Herbert hat ihr ein Neubau-Appartement im Schwarzwald besorgt, das weit genug von ihrer beider bisherigem Wohnort entfernt liegt, und da sitzt Nele nun, allein, und reflektiert ihre Ehe und deren Scheitern. Sie rekapituliert permanent Herberts kindisches Schnodderverhalten und seine blödsinnigen Lebensphrasen, um sich immer neu zu vergewissern, dass die zu ihren eigenen Selbstansprüchen nicht passen können und dass es auch keine Rückkehr, keinen Neuanfang geben kann, wenn Herbert sich nicht ändert. Uneingestanden hofft Nele das wohl immer noch, gegen ihre rationale Einsicht.

 

Mitten in dieser stummen Auseinandersetzung kommt Nele aber mit ihrer beruflichen Arbeit voran und findet allmählich eine neue existenzielle Basis: Sie ist Künstlerin und hat mit ihren phantasievollen Grafiken Erfolg. Auch während der Ehejahre, freilich behindert durch die Bewältigung des Alltags, hat sie ihre Arbeit im Atelier betrieben, was Herbert – weit entfernt von Akzeptanz - stets als Rückzug kritisierte, als Verweigerung einer Gemeinsamkeit, die ihm per Naturgesetz eigentlich zugestanden hätte. Nein, Herbert der Macho, den Nele insgeheim immer noch liebt, auf den sie sich immer noch bezieht, kommt nicht gut weg im seelischen Großreinemachen seiner Nochfrau, das mehrere Monate dauert.

 

Der Leser, der im Nebel dieser Selbstrechtfertigung und gleichzeitigen Analyse eines herzlich unerwachsenen Männercharakters immer klarere Konturen der gescheiterten Beziehung erkennt, fragt sich von Zeit zu Zeit, wie die Sache wohl ausgehen wird. Ob der flotte Herbert, dessen Affäre mit der noch flotteren Denise das Fass zum Überlaufen brachte, endlich vernünftig und zu Nele zurückkehren wird, oder womöglich gar, allem zum Trotz, sie zu ihm? Wird Nele, mit in der Einsamkeit gestärktem Selbstbewusstsein, die Ehe fortsetzen können, indem sie endlich den Anspruch aufgibt, sie müsse Herbert ernst nehmen? Es ist schließlich nicht zu erwarten, dass der gute Mann, der blindes Drauflosrennen gewöhnt ist, überhaupt bemerkt, ob (s)eine Frau ihn ernst nimmt und hemmungslos bewundert oder eine ganz andere Meinung von ihm hat. Doch zu einer derartigen Selbstüberwindung ist Nele nicht imstande, für ein solches Ausmaß an Toleranz hat sie zu wenig Abstand von ihren Vorstellungen, was eine Ehe gefälligst zu sein hat.

 

Und die Geschichte geht auch ganz anders und unerwartet aus. Herbert meldet sich nach langen Monaten brieflich und kündigt ein Treffen an, weil er ohnehin in der Nähe zu tun habe. Diese Erwartung scheucht Neles sich allmählich glättendes Gemüt wieder ziemlich auf. Sie malt sich aus, wie Herbert ihr begegnen wird, ob er sie irgendwie um Verzeihung bitten, ob sie ihn ohne oder mit vorwurfsvollen Bemerkungen akzeptieren kann und wie es danach weitergehen soll. Sie richtet sich in der Wohnung auf den Besuch ein und denkt nichts Böses, als sie am Vorabend des angekündigten Treffens nachhause kommt und der Pförtner ihr meldet, ein Herr habe nach ihr gefragt. Nele, in gelinder Panik, schickt die ebenfalls aus einer Ehe geflüchtete Nachbarin Melanie, mit der sie sich im Laufe der Zeit angefreundet hat, in ihre Wohnung und macht sich dafür in Melanies Badezimmer fein. Dass Herbert aber auch einen ganzen Tag zu früh kommen musste – nun ja.

 

Schließlich geht sie hinüber zu den beiden Wartenden ... und findet nicht Herbert vor, sondern Albert, den Exgatten von Neles emanzipierter Schwester. Der redet sie mit „meine liebe Nele“ an, hat einen Blumenstrauß mitgebracht und will (notgedrungen) beide Damen zum Abendessen einladen. Nele gelingt es, sich bei der Autofahrt zum Nobelrestaurant im Nachbarstädtchen umzusehen, ob sie Herberts Wagen entdeckt, und tatsächlich! Herbert ist bereits im Lande. Aber auch das Auto von Denise steht neben seinem.

 

Das versetzt Nele den finalen Schlag, obwohl sie sich sagt, dass die Affäre offenbar einem Ende zugeht – denn würde sie andauern, wären Herbert und Denise nicht in getrennten Wagen hergekommen, Denise ist dem Götterherbert gefolgt.

 

Und als der am nächsten Tag endlich Neles Appartement aufsucht, ist zufällig Albert schon wieder oder noch immer da und verspricht, der armen Nele eine Wohnung in Paris zu besorgen, damit sie aus diesem Einheitsneubau weg kommt. Nele hätte sich das Treffen mit Herbert gar nicht ausmalen müssen, denn zu einer wie auch immer gearteten Aussprache kann es dank Alberts Anwesenheit nicht kommen. Und Nele ist es plötzlich ganz recht. Ungewollt präsentiert sie sich auf einmal in einer Situation, wie sie ihr von Herbert so oft vorgesetzt wurde: Sie scheint einen Liebhaber zu haben, den Herbert nun akzeptieren muss. Zu dritt verlassen sie nach einiger Zeit die Wohnung und fahren mit dem Lift nach unten, denn Herbert muss wieder weg und Albert wird Nele nach Paris bringen – nicht für lange, da ist Nele sicher. „Sie verabschiedet sich aber vorher von Herbert und  wünscht ihm alles Gute. Sie sehen sich einen ziemlich langen Augenblick so an wie Kinder, die Wer-zuckt-zuerst-mit-der-Wimper spielen.“

 

Mit diesem Satz endet Eva Zellers Roman, und mit diesem Satz ist nicht nur die Ehe beendet, sondern auch die Illusion der Liebe, mit der Nele immer noch gelebt hat. Was ihr jetzt bevorsteht, ist ein Leben mit, wenn sie das will, flüchtigen Beziehungen, in denen sie sich nicht wiederfinden wird. Es ist das Leben, das sich ihr bietet, ein anderes ist nicht in Sicht. Nele wird vielleicht damit zurechtkommen, und Herbert, der nun endlich grenzenlos frei ist für immer neue Abenteuer? Wird er alternd ständig neue Damen aufreißen, weil das als Selbstverständlichkeit zu seinem Leben gehört? Oder braucht er in Wirklichkeit eine Art gemachtes Bett, um sich die Illusion völliger Unabhängigkeit zu leisten? Braucht er eine Beziehungsstruktur, um lustvoll über die Stränge zu schlagen? Der Roman thematisiert das nicht mehr, aber so wie Herbert vor den Augen des Lesers erscheint, dürfte ihm langfristig eine schwierige Zukunft drohen.

 

Eva Zellers „Hauptfrau“, erstmals 1977 erschienen, hat seinerzeit vor allem männliche Leser ziemlich schockiert. Es war ungewöhnlich, wie schonungslos eine Frau ihre Ehe auseinander nahm und mit welcher gnadenlosen Schärfe sie den immer noch geliebten Mann charakterisierte. Herbert, seines Zeichens auch noch Lehrer, lässt sich als Person kaum fassen, in seinem Zentrum scheint ein Vakuum zu gähnen, das mit immer neuen erotischen Erfolgen gestopft werden muss. Der Tausendsassa hat für seine Liebschaften auch jede Menge Rationalisierungen parat. Er sieht sich völlig im modernen Eherecht, das ihm keinerlei Zwänge auferlege und ihn sogar verpflichte, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Nele, so seine Kritik, sei da einfach zu verklemmt, statt auf Partys ihrerseits vor Attraktivität zu sprühen, weiche sie aus in ihr Atelier oder gebe peinlicherweise die graue Maus. Dabei könne sie sich mit Herbert-Freund Rudi und anderen doch endlich auch mal amüsieren.

 

Der gute Herbert steht im Grunde als Karikatur eines Mannes vor Neles und des Lesers inneren Augen. Nun bergen Karikaturen in ihrer Verzerrung ja eine Menge Wahrheit, und man nimmt Eva Zeller diesen Herbert mit seinen diversen Erfolgen durchaus ab. Das Privatverhalten so mancher honorigen Mannsperson in der Realität dürfte einer Beurteilung kaum besser standhalten. Aber so schnodderig, lebensgeil und gedankenlos dieser Herbert sich darstellt – wie konnte ausgerechnet eine etwas verhuschte, alle Enttäuschungen in sich hineinfressende Nele an diesem hyperaktiven Hohlkörper hängen bleiben? Hat sie sich zwanzig Ehejahre lang angesichts von Herberts Charme und Liebhaberqualitäten über sein grundsätzliches Defizit hinweg getäuscht?

 

Es ist zwar klar, dass Nele, Götterherberts langjährige Hauptfrau, mit ihm nicht weiter kann – aber an keiner Stelle des Romans setzt sie sich wirklich über ihn hinweg und überlässt ihn sich selbst. Als sie, fast schon außerhalb des Romans, aufhört, ihr Leben auf ihn zu beziehen, endet auch ihre Liebesfähigkeit, und so wohnt dem desillusionierenden Schluss ein Schrecken inne, den man nicht glauben möchte; er enthält eine Kälte und Orientierungslosigkeit, die in den handelnden Personen wohl mehr zerstören werden, als es die schmerzlichen Ehejahre mit sich brachten. Eva Zellers Roman ist zwar einerseits eine Abrechnung mit dem Mann an sich, andererseits aber auf weiten Strecken nur die Seelenschilderung einer Nochfrau, statt zur Erkenntnis der Unmöglichkeit dessen vorzustoßen, was die Substanz einer Ehe ausmacht. Was diesem Erzählwerk seine fundamentale Bedeutung verleiht, sind die unerreicht scharfsinnigen Beobachtungen männlichen Verhaltens aus der Perspektive einer Frau. Niemand hat Herbert den Mann je so nackt und radikal gesehen wie Nele die Frau – die Augen verletzter Liebe sind schärfer als ein Skalpell.

 

Info:

- Die Erstausgabe erschien 1977 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart, ISBN 3-421-01802-2

- 1985 erschien eine Taschenbuchausgabe bei dtv München, 145 Seiten, ISBN 3-423-10427-9

kostenlose counter