Walter Vitt

"E-Mails im Trauerjahr"


Das Cover von Walter Vitts "Trostbuch". Die Abbildung zeigt den 1919 entstandenen Holzschnitt "Sternenbrücke" von Walter Dexel (1890-1973). Vitt hat mehrfach über den Künstler publiziert - der Holzschnitt dürfte ihn sowohl aufgrund der kristallinen Formzersplitterung als auch wegen der kosmisch-spirituellen Assoziationen fasziniert haben.

 


Rückseite des Buches von Walter Vitt. Das Foto zeigt den Autor und seine Frau Luiza, um deren Tod es in dem Buch geht.

 

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Walter Vitt: „Palermo starb auf Kurumba. Wider die Schlampigkeiten in Kunstpublikationen“

 

09-04-2013

 

Der bittere Preis der Liebe

„E-Mails im Trauerjahr“ – wie der Kölner Publizist Walter Vitt den Tod seiner Frau verarbeitete

 

Von Christel Heybrock

 

Eine Jahrzehnte dauernde, harmonische Ehe – wem ist so etwas denn heutzutage vergönnt? Der Kölner Autor Walter Vitt, WDR-Redakteur von 1961-1998 und bekannt als Kunstpublizist sowie als langjähriger Präsident der deutschen Sektion von AICA, dem Internationalen Kunstkritikerverband, hat dieses Glück genossen. Er lernte seine Frau 1956 kennen, als er noch nicht 20 war, die zwei Jahre jüngere Luiza war gerade mal 18 und stand noch vorm Abitur. Sechs Jahre später waren sie verheiratet, und sie blieben es bis – ausgerechnet – zum Karnevalsdienstag 2009. Da starb Luiza an Bauchspeicheldrüsenkrebs, ein halbes Jahr, nachdem sie den Kampf gegen die Krankheit begonnen und eigentlich alle mit einer Heilung gerechnet hatten.

 

Ein solches Ereignis ist nicht nur Anlass zur Trauerarbeit, weil man einen geliebten Menschen verloren hat. Es krempelt einem vielmehr das ganze Leben um, weil die gewachsene Struktur, in der man sich sicher gefühlt und vertrauensvoll ausgebreitet hat, mit einem Mal zerbricht und man vor einem Scherbenhaufen steht. Unsägliche Anstrengung, sich physisch und psychisch auf den Beinen zu halten. Und dann diese Aufgabe, die man in derart ramponiertem Zustand kaum zu bewältigen glaubt: wieder Ordnung ins Leben zu bekommen, Vertrauen in sich selbst aufzubauen, allein plötzlich, während man immer wieder überwältigt wird von Sehnsucht nach dem unwiederbringlich verlorenen, geliebten Menschen. Für das Geschenk der Liebe zahlt man letztlich mit Schmerz, und das ist ein bitterer Preis.

 

Nun gab und gibt es doch einige Chancen in Walter Vitts Leben, die ihm in diesem Kampf halfen: Er ist aktiver Katholik, er hat drei erwachsene Kinder, er hat einen umfangreichen und verständnisvollen Freundes- und Bekanntenkreis. Die Katastrophe tief in der Seele können sie alle freilich nicht für ihn bewältigen, das muss ein Trauernder dann wirklich allein tun, und Vitt hat einen ungewöhnlichen Weg beschritten, mit seiner Luiza noch ein Weilchen zu leben, sie noch nicht wirklich los-, sondern noch in seiner Nähe zu lassen.

 

In seinem von ihm selbst so definierten „Trostbuch“ beschreibt er, wie er einige Monate nach Luizas Tod endlich ihre Web-Adresse abmelden wollte und dazu ihren Laptop öffnete. Im elektronischen Postfach befanden sich zu seiner Überraschung Mails von Freunden, die von ihrem Tod gar nichts wussten und denen Vitt antworten musste. Da es ja hätte sein können, dass sich noch andere Bekannte bei Luiza melden wollten, ließ Vitt den E-Mail-Account seiner Frau auch ganz unbehelligt. Nun hat die materielose Möglichkeit zwischenmenschlicher Kontakte ja auch etwas inspirierend Spirituelles – Vitt spricht da ganz ungezwungen von „Himmelspost“, einer Versuchung, der er schließlich instinktiv erlag. Wenn andere Menschen ihr noch Post mailen konnten, warum nicht er, der Ehemann? Es dürfte nicht gar so wenige Menschen geben, die in Vitts Situation ähnlich handeln. Er aber ging unwillkürlich noch einen Schritt weiter, und so etwas kann man nur tun nach einer langen, einverständigen Zweierbeziehung und aus einer ganz selbstverständlichen, niemals erzwungenen Intimität heraus: Wenn er an seinem eigenen PC saß, schrieb er Luiza E-Mails. Wenn er an ihrem PC saß, beantwortete er alles, was bei ihr angekommen war, auch seine eigenen E-Mails, indem er ihre Rolle übernahm.

 

Eigentlich kann man sich kaum vorstellen, dass man einander auf diese Weise wirklich noch etwas zu sagen hätte und die ganze Sache nicht rasch in intellektuellem Leerlauf enden müsste. So war es in diesem Fall aber nicht, sondern die Mails zweier immer noch liebender Eheleute gingen neun Monate hin und her, bevor Vitt Luizas Web-Adresse schweren Herzens und nach schmerzhafter Überwindung mehr als ein Jahr nach ihrem Tod schließlich abmeldete. Die ebenso fiktive wie reale Korrespondenz hatte ihm geholfen, die Realität allmählich zu akzeptieren, Luiza loszulassen und sein eigenes Leben auf einer anderen Stufe neu zu bestehen.

 

Wovon sprechen zwei Menschen, die eigentlich alles voneinander wissen und von denen der eine nichts mehr sagen kann? Vitt erzählt seiner Luiza von seinem Alltag, von Ausstellungen, die er organisiert, von den gemeinsamen Kindern, die er trifft, von den Geistlichen, die ihm beistehen, von Luizas Grab und den Blumen darauf, dem Schnee darauf, dem Regen darauf und schließlich von der Grabskulptur, die der Bildhauer Roberto Cordone für sie macht. Er berichtet Luiza aber auch, dass er seine Arztkontrollbesuche absolviert, dass er sich (nachdem sie ausdrücklich danach gefragt hat) vernünftig ernährt, dass er mittlerweile sogar seine Hemden selber bügelt und dass er im Schaufenster Damenkostüme gesehen hat, die ihr wunderbar stehen würden. Sie erinnern einander an frühere Begebenheiten, an das allmähliche Zusammenwachsen in ihren frühen Jahren, an das erste Kind, aber auch an die letzten Wochen, in denen Luiza immer schwächer wurde. Um den aktuellen Alltag des Witwers herum rankt sich gelebte Vergangenheit und wird zur Gegenwart, wenn Vitt in der Küchenschublade Notizen findet, die Luiza sicherlich selbst bereits vergessen hatte – in solchen Fällen gehen Fragen zwischen beiden hin und her.

 

Bemerkenswert ist stets der zärtliche, lebendige Ton, sind die zwanglosen Impulse, die von einem zum andern gehen. „Liebster, wolltest Du mir nicht schreiben, wenn Du wieder aus Berlin zurück bist?... Was ist? Ist Dein erster Elan verflogen?.. Ich warte – voller Ungeduld“, schreibt sie und mahnt ihn zehn Tage darauf noch einmal. „Liebe Luiza“, schreibt er an anderer Stelle, „wenn ich träume, schwirrst du durch meinen schlafenden Kopf. Und wo du bist, ist Himmel.“ Nach einem halben Jahr erst gesteht er ihr, dass er in den Wochen nach ihrem Tod 13 Kilo abgenommen hat, weil er nichts mehr essen konnte, aber er berichtet ihr auch, dass er im Fernsehen Damenfußballspiele angeschaut hat und wie sie ausgegangen sind, weil Luiza sich dafür interessiert hat (er aber eigentlich nie). Das passiert öfter, dass er ihr zuliebe Dinge tut, die er für sich selbst nicht tun würde – es ist eine Hingabe, mit der er die Gegenwart der geliebten Frau intensiv beschwört.

 

Sieht man Vitts Trauerbuch in der Tradition deutscher Literatur, so fällt einem als Meilenstein der mittelalterliche Text des Johannes von Tepl (um 1350-1414) ein, dessen „Ackermann aus Böhmen“, entstanden um 1400, eine dramatische Anklage gegen den Tod und dessen gnadenlose Brutalität ist. Tepl schrieb aus ähnlicher Situation heraus wie Vitt und fand ebenso wie der moderne Autor erst durch Schreiben zu einer Akzeptanz des Unvermeidlichen. Aber was für ein Unterschied im Temperament! Tepl ließ seinen ganzen Zorn über den Verlust aus sich heraus, er klagte den Tod an wie eine verbrecherische Person – um sich schließlich dem Willen Gottes zu fügen. Im Vergleich dazu gibt es keine Silbe der Anklage, keinen Hauch von Aggression bei Walter Vitt. Schmerz sehr wohl, aber der wird immer wieder kompensiert durch Liebe und Zärtlichkeit, durch die fast magische Beschwörung von Luizas Gegenwart. Ein wenig denkt man an Orpheus, der seine Eurydike aus dem Totenreich zurückholen möchte – aber der zarten, unangestrengten Form, in der Vitt das tut, fehlt jeder entschiedene und damit zum Scheitern verurteilte Zugriff. Die Beschwörung ist bei Vitt wie ein sanfter, liebevoller Schwebezustand, der durch die Realität nicht zerstört werden, den nur er selber anhalten kann.

 

Das Büchlein schließt mit einer Reihe von Nachtträumen, in denen Luiza rätselhaft und verschwindend auftaucht. Es dürften nicht die letzten sein, in denen sie sich ihm zeigt. Man muss nicht versuchen, sie zu deuten, sie sind bildkräftig und poetisch genug, ohne dass man ihnen kluge Interpretationen zuordnet. Das Merkwürdige an der ganzen Publikation: erst durch Luizas Tod ist hier das Dokument einer harmonischen und einvernehmlichen Ehe entstanden, die wohl Seltenheitswert hat. Wenn Luiza noch lebte, hätte es dieses Dokument nicht geben können.

 

Info:

Walter Vitt: „E-Mails im Trauerjahr. Ein Trostbuch“, Steinmeier Verlag, Deiningen 2011, 168 Seiten, ISBN 978-3-939777-86-1, Preis 12 Euro
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