Friedrich Schiller

Die frühen Jahre in Mannheim

 


Nein, so ist es nicht gewesen, niemals. Aber die Schiller-Euphorie im 19. Jahrhundert rief die Vorstellung dieser romantischen Szenerie in dem Maler Friedrich August Pecht (1814-1903) hervor. Der umständliche Titel seines Gemäldes, das im Besitz der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum ist, lautet: "Friedrich Schiller verlässt nach einer Aufführung im Mai 1782 in Begleitung von Henriette Wolzogen und Luise Vischer das Mannheimer Theater und wird Gegenstand einer Ovation des Publikums". Das 1865 (sechs Jahrzehnte nach Schillers Tod) entstandene Bild ist Titelmotiv des Ausstellungskataloges der Schau "SchillerZeit in Mannheim" im 200. Todesjahr des Dichters 2005.

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Fotos auf dieser Seite: Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim/ Jean Christen (Copyright)

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siehe auch: Schauspielerin Katharina Baumann-Ritter

 

03-12-2005

Chaotische Jahre zwischen Aufbruch und Reife

„SchillerZeit in Mannheim“ -  im 200. Todesjahr wird an die Frühzeit des Dichters erinnert

 

Von Christel Heybrock

 

Am 9. Mai 1805 hat sein gequälter Körper endlich aufgegeben. Was hatte Friedrich Schiller, gerade mal 45 Jahre jung, sich nicht selbst, was hatten die Umstände ihm nicht alles zugemutet! Er war auf der Höhe seines Ruhms angekommen, auf der Höhe auch von Meisterschaft, Kenntnissen, Einsicht. Er arbeitete am Drama „Demetrius“, hatte sich mit den klassischen französischen Autoren auseinandergesetzt, betrieb historische Studien. Sein Kopf, seine Leidenschaft zu arbeiten – es hätte noch Jahrzehnte weiter gehen können mit ihm, aber nicht mit diesem Körper. Es heißt, er sei an Lungenentzündung gestorben, das mag wohl sein. Es heißt auch, richtig gesund sei er nie gewesen: Waren die Intensität, die Eile seines Lebens eine Art dauernder Rebellion gegen diesen Missstand?

 

Eine Tuberkulose hat er sich offenbar schon auf der Karlsschule des Herzogs von Württemberg geholt, auf die er 1773 im Alter von 13 Jahren abkommandiert wurde. Seine endgültige Flucht von Stuttgart nach Mannheim im Herbst 1782 entzog ihn zwar der verhassten Despotie, aber kaum den Gefahren für seine Gesundheit. Monatelang umherreisend, um möglichen Spionen des Herzogs zu entgehen, bleibt Schiller schließlich in Mannheim und holt sich prompt eine Malaria-Infektion, die er mit Chinin-Überdosierungen und einer fatalen Diät bekämpft. Auch die Malaria wird er nie ganz los. Neun Jahre später in Jena liegt er an Rippenfell- und Lungenentzündung darnieder. 1797 kommt die Cholera dazu, die 1802 erneut bei ihm ausbricht. Fieber- und Kolikanfälle schütteln ihn im Frühjahr 1805. Er scheint das zu ignorieren, geht ins Theater, trifft sich mit Goethe, arbeitet weiter. Am 9. Mai ist sein kurzes, heftiges Dichterleben zu Ende.

 


Der Dichter in seiner Jugend (um 1780) auf einem anonymen Ölporträt 

 

Wie in frühen, entscheidenden Jahren für sein Schaffen die Weichen gestellt wurden – und auch wie pathetischer Nachruhm aus Friedrich Schiller einen deutschen Nationalhelden machte, mit diesen beiden Aspekten befasst sich zum Ende des Schiller-Gedenkjahres 2005 die Theatersammlung der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen in Form einer großen Ausstellung (400 Exponate auf 600 Quadratmetern) und eines Katalogbuches – beide ebenso verdienstvoll wie stellenweise zweifelhaft. Um das vorweg zu sagen: Ein neuer Blick auf Schiller, eine Erschließung seines Denkens und seines Temperaments für unsere Gegenwart sind dabei nicht herausgekommen. Nicht nur in Mannheim, auch andernorts scheinen im Schillerjahr die Veranstalter von latentem Unbehagen getrieben worden zu sein, dass zwischen dem idealistischen Klassiker mit der gelegentlich als peinlich empfundenen Sprache und unserer nüchternen, hektischen Zeit eine unüberbrückbare Kluft gähnt. Die musste auch in Mannheim mit aller Gewalt überbrückt werden: durch Dichterlesungen in Straßenbahnen, durch Ausstellungs-Exponate, die noch die entbehrlichsten Banalitäten illustrieren, durch Multimedia in einem (wirklich bezaubernd wiederhergestellten) historischen Architektur-Ensemble, in dem Schiller gleichwohl nie gewohnt hat, und und und...

 


In diesem engen Hinterhäuschen im Mannheimer Quadrat B 5 hat Schiller nie gewohnt, aber wahrscheinlich zeitweise in einem fast gleichen Domizil ganz in der Nähe - das Original existiert nicht mehr und das inzwischen mit Millionenaufwand restaurierte "Museum Schillerhaus" war das einzige Bauwerk dieser Art, das in der Mannheimer Altstadt zwei Jahrhunderte überlebt hatte. Im "Museum Schillerhaus" wurde freilich keine Gedächtnisstätte mit des Dichters Schreibtisch, Stuhl und Garderobenhaken eingerichtet, sondern eine hochmoderne Multimedia-Anlage rund um Schillers Leben und Werk. 

 

So dürfte wohl niemand auf die Idee kommen, endlich mal wieder zu lesen, was der Mann geschrieben hat, wenn man beispielsweise in der Ausstellung „SchillerZeit“ die niedlichen kleinen Modelle von Stadttoren sieht - so sahen sie aus, als Schiller von und nach Mannheim, Oggersheim, Frankfurt, Speyer undsoweiter kam. Wer sich unversehens mit einer Ritterrüstung und einem ausgestopften Wolf konfrontiert sieht, vergisst vielleicht zu fragen, was es denn mit diesen seltsamen Exponaten auf sich hat: Damit soll (als witziger Gag? aus Verzweiflung über den zu füllenden Ausstellungsraum?) sinnfällig werden, dass Schiller in seinen unruhigen Fluchtjahren zwischen 1782 und 1785 gelegentlich als „Dr. Ritter“ und sein selbstloser Freund, der Musiker Johann Andreas Streicher (1761-1833), unter dem Pseudonym „Dr. Wolf“ auftraten, um nicht von Häschern entdeckt zu werden. Die Mannheimer Löwen-Apotheke indes versorgte die Ausstellung mit Original-Chinarinde und einer eindrucksvollen historischen Reiseapotheke voll homöopathischer Präparate – wenn Schiller sich doch nur mit solchen Kügelchen statt mit der Rinde behandelt hätte, die er nach eigenem Bekenntnis „wie Brot“ aß! Braucht jemand, der sich heute den Autor erschließen will, aber derartige Exponate?

 


Der Damenwelt recht zugetan zeigte sich der junge Theaterdichter. In Mannheim verliebte er sich nicht nur in die Schauspielerin Katharina Baumann-Ritter, die unter anderem seine Luise in "Kabale und Liebe" war, sondern auch in die niedliche Tochter seines Verlegers Christian Friedrich Schwan (1733-1815). Ob der gestrenge Vater allerdings Schillers Heiratsantrag jemals an Anna Margaretha ausrichtete, ist zweifelhaft. Jedenfalls kam die Ehe mit dem ewig in Finanznöten schwebenden Jungliteraten nicht zustande. Anna Margaretha, die "Schwanin", scheint es auch ohne Schiller nicht gut getroffen zu haben - sie starb mit 30 Jahren 1796. Ihr Bildnis wurde in Gouachefarben auf Elfenbein gemalt und ist im Besitz der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen.

 

Anrührender sind da schon Original-Briefe, ein Soufflierbuch, Bühnenmodelle, „Räuber“-Ausgaben, zeitgenössische Porträts und das hübsch gravierte Trinkglas, das der junge, dauernd in wechselnde Damen verliebte Schiller der Mannheimer Schauspielerin Katharina Baumann-Ritter verehrte. Das mit der Inschrift „Mein Wunsch ist deine Freundschaft“ verzierte Glas gehört den Reiss-Engelhorn-Museen, die freilich nicht über die unvergleichlichen Bestände des Deutschen Literaturarchivs Marbach verfügen (von dem immerhin einige schöne Leihgaben kamen). Katharina Baumann spielte übrigens alle großen Frauenrollen des jungen Schiller; sie war die Amalia in den "Räubern",  Luise in "Kabale und Liebe", Bertha im "Fiesco" und Königin Elisabeth in "Don Carlos". Nach dem großartigen Erfolg der "Räuber", die am 13. Januar 1782 in Mannheim uraufgeführt worden waren (Schiller hatte zur Premiere heimlich aus Stuttgart ausbüxen müssen) kamen seine anderen Stücke nicht mehr am Nationaltheater zur Uraufführung, sondern feierten andernorts Triumphe, bevor Theaterintendant Dalberg sie in Mannheim nachspielen ließ.

 


"Die Räuber", 4. Akt, 2. Szene, Bildersaal: das Foto ist alles, was von den Originaldekorationen der Mannheimer Uraufführung 1782 übrig blieb, die Anfang der 1940er Jahre noch einmal im Nationaltheater im Quadrat B4 aufgebaut wurden. Der Zweite Weltkrieg zerstörte 1943 nicht nur den Theaterbau, sondern auch die Dekorationen. 

 

In der Ausstellung treten nüchterne Fakten angesichts der Fülle von Exponaten eher in den Hintergrund, und ohnehin hat man langfristig mehr von dem sorgfältig edierten Katalogbuch im Mainzer Zabern Verlag, das etliche Details zu Schillers Mannheimer Jahren enthält und mit einigen höchst kompetenten Fachautoren glänzen kann. Nicht nur Liselotte Homering, Leiterin der Theatersammlung, und ihre Mitarbeiterin Stephanie Käthow kommen da zu Wort, sondern beispielsweise auch der Heidelberger Molekularbiologe und Malaria-Spezialist Hermann Bujard (über Schillers stets von Infektionen bedrohte Gesundheit) und die schottische Germanistin Lesley Sharpe, Spezialistin für deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts. Dieter Dümas, Bibliotheksleiter der Reiss-Engelhorn-Museen, lieferte einen faszinierenden Beitrag über die deutsche, speziell die Mannheimer Verlags- und Buchhandelsszene des späten 18. Jahrhunderts, und Uta Goebl-Streicher, Fachfrau für die Geschichte der renommierten Klavierbauerfamilien Stein und Streicher, schrieb ein detailliertes, kenntnisreiches Kapitel über Andreas Streicher, jenen mutigen Freund in Schillers frühen Jahren, der dem jungen Dichter die Flucht aus Stuttgart und den Start in die Existenz als freier Autor ermöglichte.

 


Seltene Kuriosität: Schillers "Dienstherr" als Intendant des 1777 von Kurfürst Carl Theodor gegründeten Nationaltheaters. Wolfgang Heribert von Dalberg (1750-1806) erscheint hier als kolorierte Wachsbossierung des Bildhauers Georg Ignaz Hinel (Ende 18. Jahrhundert)

 

Dass Schiller aus nicht ganz geklärten Gründen nach anfänglichen Erfolgen in Mannheim scheiterte und im April 1785 schließlich nach Leipzig zum Freundeskreis um Christian Gottfried Körner weiterzog, wird in dem Band verschiedentlich thematisiert. Seit der Untersuchung von Hans-Jürgen Schings „Die Brüder des Marquis Posa. Schiller und der Geheimbund der Illuminaten“ (Tübingen 1996) muss man davon ausgehen, dass der junge Schiller, der die Verknotungen und Intrigen zwischen Freimaurern und den von ihnen abgespalteten Illuminaten nicht durchschaute, aus Unkenntnis zwischen die Fronten geriet. Einschließlich seines Theaterintendanten Wolfgang Heribert von Dalberg, der unendlich an dem fast fertigen "Fiesco"-Drama herummäkelte und es schließlich komplett ablehnte, waren fast alle Personen von Einfluss, mit denen Schiller zu tun hatte, in dieses unsichtbare Netz eingeflochten. Schiller, als stürmischer junger Autor vorwärts preschend und dabei naives Opfer mieser Machenschaften ... man hätte dazu gerne einen Beitrag von Hans-Jürgen Schings selber gelesen, denn so allgemein verbreitet sind seine Erkenntnisse ja nun nicht, aber leider wird er immer nur zitiert.

 

Doch wenn man etwas wirklich schmerzlich vermisst in dem Band, dann ist es nicht nur die zuweilen mangelnde Tiefgründigkeit allzu flott abgehandelter Themen, sondern – ein Sach- und Personenregister! Wer Zeit und Nerven hat, muss sich einfach während gründlicher Lektüre selber eines erstellen. Sollte man nämlich irgendwann noch ein Detail nachschlagen müssen, wird man sogar an den pauschalen Kapitelüberschriften im Inhaltsverzeichnis scheitern.

 

Info:

„SchillerZeit in Mannheim“

- Ausstellung der Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, D 5, vom 17. September 2005 bis 29. Januar 2006, Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, www.rem.mannheim.de

- Katalog-Handbuch, herausgegeben von Alfried Wieczorek und Liselotte Homering, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen Band 16, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2005, 196 Seiten mit 100 Farbabbildungen, kartoniert 24,90 Euro, gebunden mit Schutzumschlag 29,90 Euro, ISBN 3-8053-3554-7, www.zabern.de

- Museum SchillerHaus, Mannheim, B 5,7, eröffnet am 16. September 2005, mit Multimedia-Installation zu Schillers Leben und Werk, Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr.

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