Benjamin Rochefort
"Fanfan der Husar"


Cover der Albatros-Sonderausgabe von Benjamin Rocheforts Roman. Das Titelfoto zeigt eine Szene aus der Verfilmung von Christian-Jaque mit Gérard Philipe (1952).

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20-01-2007

Ein Land voll Abenteuer - Frankreich vor der Revolution

Benjamin Rocheforts Roman „Fanfan der Husar“ strotzt vor Leben, Geist und Witz ... aber wer war der Autor?

 

Von Christel Heybrock 

 

Manchmal, liebe, hochverehrte Besucher, stehen auch Journalisten vor unlösbaren Problemen. Da hat man dereinst als Teenie in den fünfziger Jahren einen Film mit dem unvergesslichen Gérard Philipe gesehen – „Fanfan der Husar“. Nach Jahrzehnten steht man in einem Kaufhaus vorm Bücherwühltisch und blickt zufällig auf ein handliches grünes Buch mit dem Titel „Fanfan der Husar“ von Benjamin Rochefort. Der Roman vor dem Film? Bildungslücke, muss man endlich schließen, wann, wenn nicht jetzt!

 

Zuhause schlingt man die 450 Seiten in zwei Tagen runter: lange nicht mehr so süffige, witzige, kultivierte Unterhaltung gelesen, so lebendige, pralle Szenen aus der immerhin versunkenen Zeit des „ancien régime“, aus Frankreichs goldenem 18. Jahrhundert. Ein Abenteuerroman, bei dem es zwar den Helden von einer Katastrophe in die andere verschlägt (wobei die Katastrophen nicht zufällig oft weiblich sind), aber bei dem die Handlung durchaus nicht nur in linearem Vorwärtspreschen besteht, sondern geschickt und fein gewebt, geknüpft und verknotet wurde. Der Held Fanfan wird sozusagen durchs Leben gewirbelt zwischen Hochadel und niederem Bürgertum, er lernt die Armee und England von innen kennen und bricht schließlich als blinder Passagier nach Amerika auf, wo eine neue Menschheitsepoche begonnen hat, wo sich aber vor allem die geliebte Letizia irgendwo aufhält, verheiratet zwar nach den Wirren unfreiwilliger Trennung, aber wäre denn ein Wiedersehen völlig ausgeschlossen?

 

Rochefort verbindet in „Fanfan der Husar“ (Originaltitel „Les mille et une folies de Fanfan la tulipe“ – Die 1001 Verrücktheiten des Fanfan von der Tulpe) das phantastische, hitzige Dahinjagen aus Flucht und Verstrickungen mit präzisen historischen Tatsachen, und die Neugier wächst, endlich etwas über diesen Autor zu erfahren. Wer war Benjamin Rochefort? Ja – wer? Die Versuche, das herauszufinden, nahmen erheblich mehr Zeit in Anspruch als die Lektüre des Romans, und im Gegensatz zum Gewinn des Lesens blieben sie gänzlich erfolglos. Keine Bibliothek, kein Lexikon, nicht Google, Wikipedia oder irgend eine andere Institution führten auf eine Spur. Zwar sind in internationalen Suchmaschinen mehrere „Benjamin Rocheforts“ zu finden, aber keiner kann der gesuchte Fanfan-Autor sein.

 

Es ist nämlich so, dass „Fanfan la Tulipe“ bereits 1907 erstmals als kurzer Stummfilm über die Leinwand flimmerte (und dass Fanfan seitdem immer wieder, zuletzt 2003, die Filmbranche inspirierte, was kein Wunder ist). Unser geheimnisvoller Autor muss also mit seinen Lebensdaten im 19. Jahrhundert angesiedelt sein. Die Standardausgabe der deutschen Übersetzung von Annette Lallemand erschien ursprünglich im Scherz Verlag, der leider vor wenigen Jahren in andere Hände überging. Anfrage dort: „...können wir leider nicht mehr eruieren“. Der französische Verlag, die Editions Robert Laffont in Paris, hat noch zwei weitere Titel von Benjamin Rochefort im Programm: „La fleur du roi“ (Die Blume des Königs) und „Le feu au coeur“  (Feuer im Herzen). Die müssen doch wissen, wer ihr Autor ist? E-Mail an die Presseabteilung des Verlags: eine Bestätigung, dass die Mail zugestellt wurde, kommt prompt aus Paris, aber bis heute keine Antwort. Versuch, eines der französischsprachigen Bücher über den deutschen Buchhandel zu beziehen: fehlgeschlagen. In einem Journalistendasein von mittlerweile beachtlicher Dauer erweist sich also peinlich genug, dass nur Sie, lieber hochgeschätzter Besucher, noch für Aufklärung sorgen könnten: Falls Ihnen der gesuchte Benjamin Rochefort irgendwann über den Weg laufen sollte, wäre ich restlos begeistert (E-Mail: c-heybrock@t-online.de, bitte das Stichwort „Fanfan“ oder „Rochefort“ in die Betreffzeile).

 

Doch ein paar Sätze müssen doch dem Buch selbst noch gewidmet werden, denn die Sache mit der Tulpe und jener knackigen Wahrsagerin Adeline aus Christian-Jacques Verfilmung von 1952 (mit Gérard Philipe und Gina Lollobrigida) – sie kommt in diesem Roman gar nicht vor. Das Buch beginnt mit einer Affäre, die die blutjunge Klosterschülerin Jeanne Bécu mit keinem Geringeren als dem Herzog Louis von Orléans verbindet... ach, ist das ein Einstieg! Allein diese Episode, die Gott sei Dank nicht weniger als 64 Seiten umfasst, verputzt man als literarischen Leckerbissen. Nicht nur, dass man das Geschehen in sozusagen filmisch prägnanten Bildern serviert bekommt und sich beinahe persönlich zwischen der etwas suspekten Familie der jungen Jeanne (deren einst schöne Mutter mit drei Männern lebt) und dem etwas trotteligen, liebebedürftigen Herzog hin und her bewegt – nein, es schwingt auch stets eine Menschenkenntnis mit, die die Figuren von innen her plausibel macht, dem Leser intim nahe bringt und zugleich in witziger Ironie auf Distanz hält. Mit Benjamin Rochefort ist ein unverkrampfter, souveräner Seelenkenner am Werk, na ja, höchstens was die Ausmalung sexueller Eskapaden betrifft, überdreht er manchmal ein bisschen und wirft mit der Wurst nach der Speckseite.

 

Jeannes Affäre mit dem Herzog endet mit einem Desaster: Louis verstößt die mittlerweile mit Fanfan Schwangere, als er sie eines Nachts in höchst unzüchtigen Handlungen mit einem Mönch findet, den aber Jeanne für den Herzog gehalten hat, weil der Unverschämte sich ihr von hinten genähert hat ... egal, es ist aus und Jeanne am Boden zerstört. Szenenwechsel: Fanfan wächst bei einer Pflegemutter auf ohne die geringste Kenntnis seiner Herkunft und ist ein richtiger Lausbub und Draufgänger in den Straßen der Pariser Vorstadt Saint-Denis. Als seine mollige Ersatzmutter Félicité allzu großes Unglück mit drei Ehemännern hat, von denen der eine im Suff stirbt und der andere sich als gewalttätiger Brutalo entpuppt, verlässt Fanfan das Haus und zieht zu einer Dame mit kleiner Tochter, Eléonore Collignon und Fanchette. Fanfan ist erst elf, als er in Fanchettes Schlafgemach landet – und die beiden prompt von Mutter Eléonore erwischt werden. Und da Fanfan auch noch Probleme mit Leuten von der Straße hat, die ihm ans Leder wollen, flieht er aus Paris, eine wütende Fanchette zurücklassend, die von ihrer Mutter ins Kloster gesteckt wird. Fanfans Leben ist von da an eine einzige Flucht, unterbrochen durch Situationen, die immer zunächst ein Bleiben versprechen.

 

Er landet in einem Gefängnis in der Normandie. Er trifft Fanchette wieder, die verheiratet ist, sich aber an ihm rächt für ihre Zeit im Kloster und Fanfan mittels einer Intrige in die Armee bugsiert. In der Armee gerät er an den sadistischen Oberst Ramponeau, den er bereits aus seiner Zeit in Saint-Denis in unschöner Erinnerung hat. Im Jahr 1773 (Fanfan ist 14) findet er sich auf Korsika wieder, wo er der Familie Bonaparte und dem 5-jährigen Napoleon begegnet, der zum Opfer einer Entführung wird. Als Oberst Ramponeau ein korsisches Dorf angreifen und zwei wehrlose Frauen massakrieren lässt, desertiert Fanfan und versteckt sich am Meeresufer. Autor Rochefort dürfte zwar ein Erotomane, aber ganz gewiss kein Mann militärischer Gesinnung gewesen sein. Wie er den Oberst als im Innersten feige entlarvt und seinen menschenverachtenden Umgang mit Soldaten und Zivilbevölkerung als Ersatzhandlung gegen die eigene Angst beschreibt – das ist ebenso schlüssig wie entschieden.

 

In seinem Versteck findet Fanfan die Frau seines Lebens, die junge Korsin Letizia. Das Glück dauert nicht lange, sie werden entdeckt und Letizia per Schiff nach England entführt. Fanfan wird sie nun überall suchen, unsägliche Abenteuer in England, dann wieder in Frankreich bestehen und zum Schluss nach Amerika aufbrechen. Rochefort verknüpft all diese Episoden mit feinem Garn, lässt Personen wieder auftreten, die die Handlung scheinbar längst hinter sich gelassen hat und verbindet ganze Epochen miteinander (so lebt Fanfan, bevor er auf dem Schiff von General Lafayette die Alte Welt verlässt,  in London einige Zeit bei der herunter gekommenen Aurore Picard, einstiger Maitresse des Herzogs Philippe d’Orléans, Regent von Frankreich nach dem Tod Ludwigs XIV.). Anrührend aber sind Kontakte, die die Personen nur in Gedanken oder gar unwissentlich verbinden. In Saint-Denis begegnet Fanfan einmal seiner Mutter, ohne es zu wissen: Aus Jeanne ist inzwischen Gräfin Dubarry, Maitresse Ludwigs XV., geworden, und die feine Dame kommt ihm vor wie eine überirdische Erscheinung. Als Fanfan später London in Richtung Frankreich wieder verlässt und mit dem Schiff die Themsemündung erreicht, fährt Letizia auf einem Verwundetenschiff aus Amerika kommend an ihm vorbei, sie winken sogar einander zu, erkennen sich aber nicht. Es sind Passagen, die einem Abenteuerroman von geradezu filmischer Anschaulichkeit eine Dimension des Unerreichbaren und Vergeblichen verleihen.

 

Info:

Benutzt wurde folgende Ausgabe: Benjamin Rochefort, „Fanfan der Husar“, aus dem Französischen von Annette Lallemand, Patmos Verlag/Albatros Verlag, Düsseldorf 2002, 448 Seiten, ISBN 3-491-96074-b. Deutsche Originalausgabe Scherz Verlag, München. Der Roman ist im deutschen Buchhandel zur Zeit vergriffen. Informationen über den Autor bitte an: c_heybrock@yahoo.de

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