Carlo Collodis
Kinderroman "Pinocchio" in neuer Übersetzung

 



Kopf der Wochenzeitschrift für Kinder, in der am 7. Juli 1881 die erste Folge des Pinocchio-Romans erschien

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24-05-2003

Die Abenteuer eines ganz und gar unnützen Bengels

Carlo Collodis Kinderroman „Pinocchio“ in neuer Übersetzung bei Schirmer/Mosel

 

Von Christel Heybrock

 

Manchmal entsteht Weltliteratur erst mal in Form eines banalen Zeitungsromans. Das trifft nicht nur auf Honoré de Balzac zu, der sich die Finger wund schrieb mit den Fortsetzungsfolgen, sondern beispielweise auch auf den unverwüstlichen Kinderbuchklassiker „Pinocchio“. Dessen haarsträubende Abenteuer dachte sich 1881 der Florentiner Journalist Carlo Collodi aus, immer wieder gedrängt von seinen kleinen Lesern, doch ja weiter zu machen und seinen Helden mit der langen Holznase nicht sterben zu lassen. Collodi, der eigentlich Carlo Lorenzino hieß und sich das Pseudonym nach dem toskanischen Heimatdorf seiner Mutter gewählt hatte, schrieb die Pinocchio-Geschichten eher lustlos und nebenbei – was man ihnen beileibe nicht anmerkt. Der Schirmer/Mosel Verlag brachte sie 2003 in neuer Übersetzung und fast bibliophiler Ausgabe heraus – ein nicht nur visuelles, sondern auch ein haptisches und auf jeden Fall ein Lesevergnügen.

 

Cover der neuen "Pinocchio"-Ausgabe bei Schirmer/Mosel

 

Übersetzerin Marianne Schneider, die auch die anspruchsvollen Leonardo-Ausgaben des Verlags betreut, lebt in Florenz und kennt sich bestens mit dem toskanischen Straßenslang aus, der Collodis Kinderroman auf weiten Passagen mit geprägt hat – der deutsche Text bekam auf diese Weise endlich eine besondere Leichtigkeit und Unbekümmertheit bei gleichzeitig fast rustikaler Plastizität und hoher Prägnanz. So zu übersetzen, heißt auch, Möglichkeiten der eigenen Muttersprache bis an einige Grenzen auszureizen.

 

Und damit der Originaltext dabei stets nachprüfbar bleibt, brachte der Verlag die Ausgabe zweisprachig heraus – der italienische Text steht neben dem deutschen, die beiden Versionen sind zweispaltig gesetzt wie im Zeitungsdruck. Der wird ebenso durch das graue, „garantiert holzhaltige“ Papier evoziert (so der Verlag), und es ist nur konsequent, wenn am Schluss jeden Kapitels „Fortsetzung folgt“ steht. Hübscher als in den Originalausgaben des „Giornale per i bambini“ (des „Journals für Kinder“) von 1881 bis 1883, die nur durch sparsame Vignetten illustriert waren, wird die Schirmer/Mosel-Ausgabe spielerisch aufgelockert durch den in verschiedensten Posen durch den Text hampelnden hölzernen Pinocchio, den Fotograf Ulrich Gambke in dieser hübschen Ausführung mit rotem Käppchen und Wams, grünen Beinchen und schwarzen Schuhen im Pinocchio-Shop in Collodi entdeckte. Gambke testete das pfiffige lackierte Holzfigürchen mit dem kindlich frechen Gesicht und der langen Nase wohl wirklich auf alle, aber auch alle Variationen von Verrenkungen, die nun die Seiten zieren.

 

Und so kann sich denn der nichtsnutzige kleine Bengel, den Meister Geppetto aus einem trockenen Holzscheit geschnitzt hat und der so gerne ein ordentlicher Junge wäre, erneut in die tollsten Abenteuer stürzen, immer beispielhaft für die unartigen Kinder, die nicht lernen mögen und sich von bösen Buben zum Schuleschwänzen im „Land der tausend Spiele“ verleiten lassen. Bis ihnen ganz furchtbare Eselsohren wachsen und sie auf dem Markt verkauft werden, was ja noch viel schlimmer ist als das Hampelmann-Dasein, bei dem sich Pinocchio trotz aller Lausbubenstreiche und kurzfristiger, listenreich errungener Vorteile gar nicht so wohl fühlt. Am Schluss hat er denn auch glücklich alle Prüfungen bestanden, er hat den Meister Geppetto unter Lebensgefahr aus dem Haifischbauch gerettet und fürsorglich mit Milch gepäppelt, er hat sogar angefangen, trotz widriger Umstände zu lernen (Collodi selbst war Autor mehrerer Schulbücher) – und als er eines Morgens erwacht, ist Pinocchio endlich, endlich ein richtiger, braver Junge statt eines hölzernen Hampelmanns. Der aber hängt schlapp in Meister Geppettos Stuhl und war wohl nur in den langen, wirren Träumen des Jungen lebendig. Ob es allerdings das Sehnsuchtsziel kleiner Leser ist, endlich brav zu werden, darf man bezweifeln, aber Collodi wollte mit der abenteuerlichen Geschichte ja auch ein bisschen erzieherisch wirken.

 

Dass die neue Ausgabe fast zeitgleich mit Roberto Benignis Pinocchio-Film in Deutschland herauskam, hat sicher einige Leser zum Vergleich der beiden Medien angeregt – wobei manche womöglich der Buchausgabe den Vorzug gaben. Es soll ja noch Leute geben, die lesend lieber selber träumen statt sich die fertigen, von jemand anders inszenierten Bilder im Kino servieren zu lassen...

 

Info:

- Carlo Collodi: „Pinocchio. Die Geschichte eines Hampelmanns”, Italienisch-Deutsch, neu übersetzt und mit einem Nachwort von Marianne Schneider, Verlag Schirmer/Mosel, München 2003, 220 Seiten mit 70 farbigen Abbildungen, 14,80 Euro, ISBN 3-8296-0073-9. Inzwischen (im Jahr 2008) kostet das Buch nur noch 6,95 Euro (ISBN 9783829600736).


Und so sieht das Bändchen mit den Pinocchio-Zitaten aus ...

- Ein hübsch illustriertes kleines Taschenbuch mit Pinocchio-Zitaten kostet nur 4,95 Euro („Pinocchio hat gesagt...“, herausgegeben von Marianne Schneider, 96 Seiten, 40 Farbfotos, ISBN 3-8296-0104-2),  www.schirmer-mosel.com

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