Lorenzo de' Medici:

"Die Medici Verschwörung", ein historischer Roman

 


Cover der Taschenbuchausgabe von Lorenzo de' Medicis Roman über die Bartholomäus-Nacht. Das Coverbild hat mit dem historischen Inhalt des Romans nichts zu tun.

 

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14-06-2011

 

Holpriges Erzählwerk rund um Frankreichs Blutnacht

Autor Lorenzo de’ Medici über seine Vorfahrin Caterina und die Ermordung der Hugenotten

 

Von Christel Heybrock

 

Mitunter kann es ziemlich schief gehen, wenn Leute sich zum Erzählen berufen fühlen, ohne das entsprechende Talent zu haben. Leider möchte man auch dem 1951 in Mailand geborenen Lorenzo de’ Medici, Spross einer der berühmtesten Familien der Welt, den Rat geben, sich aufs Verfassen populärhistorischer Sachbücher zu beschränken, aber leider, leider scheint der hochgebildete und eigentlich als Unternehmensführer tätige Medici sich selber ganz anders einzuschätzen. Dass ihn vor allem die Persönlichkeiten seiner Vorfahren interessieren, wird ihm niemand vorwerfen, im Gegenteil, als Leser würde man gerade ihm in dieser Hinsicht besondere Kompetenz zugestehen. In dem auch auf Deutsch erschienenen Sachbuch „Die Medici – Geschichte meiner Familie“ hat er die bereits bewiesen.

 

Wie schade, dass er inzwischen auch nach anderen literarischen Zielen strebt und zwei in deutscher Übersetzung vorliegende Romane gedichtet hat (im Original auf Spanisch), 2004 „Die Medici-Verschwörung“ (La conjura de la reina) und 2007 „Das Geheimnis der Malerin“ (El secreto de Sofonisba). Bei der „Medici-Verschwörung“ geht es um die französische Königin Caterina de’ Medici (1519-1589), die sich mit den Morden der berüchtigten Bartholomäusnacht 1572 und durch ihre rücksichtslose Machtgier in die Geschichte Frankreichs eingeschrieben hat. Es ist die Frage, ob gerade dieser Stoff in seiner erschreckenden Eindeutigkeit besonders „spannend“ hätte sein können, dramatisch genug freilich ist er. Und man muss auch einräumen, dass Lorenzo seinen Roman geschickt und wie ein Drehbuch konstruiert hat. Ärgerlich sind eher die Details, ist der Mangel an psychologischer Überzeugungskraft, ist die Unfähigkeit, Charaktere in ihrer individuellen Widersprüchlichkeit als Handelnde in einem Erzählwerk zu entwickeln.

 


Caterina de' Medici im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, eine Miniatur, die dem französischen Hofmaler François Clouet (1510-1572) zugeschrieben wird. Das Original befindet sich im Victoria and Albert Museum London.
Foto:
Wikimedia Commons


Das Buch beginnt am 5. Januar 1589, dem Todestag Caterina de’ Medicis auf Schloss Blois, und dort endet es auch. Zunächst deutet der Autor die unsichere politische Situation an – Paris in der Hand von Rebellen, König Heinrich III., Caterinas Sohn, hat nach der Ermordung des Herzogs von Guise nach Blois fliehen müssen – dann schweift der Blick des Lesers über die Szenerie im Schloss, das Krankenzimmer mit dem Baldachinbett und der vom Fieber geschwächten Königinmutter Caterina, die Versammlung des Hofstaats, der Ärzte, der Diener. Das zweite Kapitel ist ein innerer Monolog Caterinas, die mit ihrem Leben abrechnet, und schon hier deuten sich stilistische Unstimmigkeiten und Ungeschicklichkeiten an. Caterina erinnert sich an die Nacht, als sie 1533 im Palast von Villefranche auf der Suche nach einem Imbiss die 13-jährige Küchenhilfe Tinella kennen lernte – damit ist die zweite Hauptperson des Romans eingeführt, denn Tinella wird später Caterinas persönliche Kammerzofe und von ihr fast wie eine Tochter behandelt. Dem Autor genügt damit der innere Monolog der Sterbenden, denn der Hauptteil des Buches, geschrieben aus einer dann wieder konventionellen Erzählerperspektive, handelt an den beiden Tagen des 23./24. August 1572 und der Bartholomäusnacht, dem wohl einschneidendsten Ereignis in Caterinas (und Tinellas) Leben.

 

Die Situation in Paris  im August 1572 ist folgende: Vor wenigen Tagen wurde Caterinas Tochter Margarete von Valois (in Frankreich bis heute als „la reine Margot“ geliebt) mit dem protestantischen König Heinrich von Navarra verheiratet. Stadt und Palast sind voll von standesgemäßen Hochzeitsgästen und deren Entourage, aber die Beziehungen zwischen Katholiken und Protestanten sind kompliziert, von gegenseitigem Misstrauen, Heimtücke und Intrigen geprägt. In der genüsslichen Schilderung von Szenen, die sich vor allem über die visuelle Fantasie erschließen, erreicht Lorenzo de’ Medici erneut Drehbuchqualität – allerdings bleibt er dabei an der Oberfläche, und es ist schlicht nicht denkbar, dass er das Geflecht aus Schnüffeleien, Attentatsversuchen und bizarren Selbstbehauptungskonstrukten der herrschenden Klasse als Schriftsteller hätte erfinden können; er bediente sich einfach der historischen Realität und seiner sicherlich vorhandenen Aktenkenntnis.

 

Aber Erstaunen regt sich beim Leser bereits bei so einfachen Begebenheiten wie der, dass ein gewisser François Hugier, Neffe einer Beiköchin im Louvre und Botengänger in geheimen Aufträgen, nachts um 1 Uhr einen zwielichtigen alten Mann wegen eines vergifteten Buches aufsucht, das als Mordwaffe gegen Caterina dienen soll (wie man später erfährt). Hugier arbeitet sich durch eine verwahrloste Gegend und muss ein „Streichholz“ anzünden, um überhaupt die Hausnummer seines Kontaktmannes zu verifizieren. Das, was wir heute als „Streichholz“ bezeichnen, war seinerzeit nicht bekannt. Und dann: woran konnte Hugier zu dieser Uhrzeit in einer stockdunklen, weil sicherlich damals unbeleuchteten Gasse erkennen, dass die meisten Häuser kurz vorm Verfall standen, dass Abfälle in irgendwelchen Rinnsalen schwammen und überall Ratten herumhüpften? So anschaulich die Szene zunächst wirkt, so unrealistisch ist sie eigentlich, und die Misslichkeit geht weiter, als Hugier das Buch erhalten hat und den Rückweg einschlägt: Er „verließ grußlos das Haus des Alten. Er mochte diesen Ort nicht und beeilte sich, in  den vornehmen Stadtteil zurückzukehren, aus dem er gekommen war.“ Wer hätte denn mit so was gerechnet, dass Hugier diesen Ort nicht mochte?

 

Von solchen überflüssigen Bemerkungen, Wiederholungen und Ungereimtheiten ist der Roman voll. Gleich im nächsten Kapitel geht es so weiter: „Königin Katharina ging sichtlich nervös in ihren Gemächern auf und ab. Eine für ihre Verhältnisse außergewöhnliche Reaktion, da sie immer so sehr darauf bedacht war, ihre Gefühle nicht zu zeigen.“ Reaktion worauf? Es ist wohl der falsche Begriff, das Wort „Verhalten“ wäre sicher angebracht gewesen. Zudem geht Caterina momentan ganz allein und völlig unbeobachtet nervös auf und ab. Was man hin und wieder als Übersetzungsfehler abtun möchte, erweist sich durchgängig als sprachliches Unvermögen.

 

Man könnte dem Autor anerkennend zubilligen, dass er die komplexe Persönlichkeit Caterinas imstande ist abzuwägen und das weit verbreitete Zerrbild einer blutrünstigen, machtgierigen Neurotikerin zurecht zu rücken: Die von ihr (halbwegs gegen ihren Sohn, König Karl IX.) eingefädelte Ermordung protestantischer Spitzenvertreter in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1572 entsprang keineswegs Caterinas grenzenlosem Bedürfnis, die Fäden politischer Entscheidung allein in der Hand zu behalten, sondern ihrem nüchternen Abschätzen von Chancen und Risiken für Frankreich. Das Land, ohnehin wirtschaftlich geschwächt, war einer Zerreißprobe ausgesetzt zwischen Papst und Philipp II. von Spanien einerseits sowie einflussreichen Protestanten andererseits, die den spanisch besetzten, protestantischen Niederlanden zu Hilfe kommen wollten. Ein Krieg, der Frankreich in eine unkalkulierbare Krise gestürzt hätte, war fast schon unvermeidbar, da der König selbst sich aus dem Einflussbereich Caterinas zu lösen begonnen und sich auf die Seite des protestantischen Generals Coligny geschlagen hatte, der bereits Truppen für die Niederlande aufstellte. Auch diese differenzierte Sicht auf Caterinas Maßnahmen ist weniger der abwägenden Intelligenz des Autors Lorenzo de’ Medici zu verdanken, als vielmehr schlicht der historischen Faktenlage.

 


Caterinas Sohn Karl im Alter von elf Jahren 1561, später König Karl IX. Zum Zeitpunkt der Bartholomäus-Nacht war der psychisch instabile Herrscher 22. Das Porträt von François Clouet befindet sich im Kunsthistorischen Museum Wien.

 

Für manche Leser dürfte die Spannung dadurch angefeuert werden, dass der Autor den 23. August, den Tag vor der Blutnacht, sowohl nach Stunden als auch nach Schauplätzen ordnet, so dass sich ein dichtes Netz aus Anzeichen für ein Verhängnis ergibt. Um 8 Uhr beginnt Hugiers Tante in der Küche des Louvre eine Begegnung zwischen Tinella und ihrem ebenso attraktiven wie nichtsnutzigen Neffen zu planen. Um 8.30 Uhr sucht Caterina ihren Sohn Karl IX. in dessen Appartement im Louvre auf, um einen Keil zwischen ihn und seinen protestantischen Freund Coligny zu treiben – was auch gelingt, da drei königliche Berater hinzu treten, die herausgefunden haben, dass Coligny einen Putsch vor hat, um Caterinas protestantischen Schwiegersohn Heinrich von Navarra auf den Thron zu heben. Um 9.15 Uhr plant Caterina ohne den König (der wutentbrannt davon gestürzt und zur Jagd gegangen ist) mit dem Kronrat das Attentat gegen 50 Führer der Protestanten. Ausdrücklich soll ihr Schwiegersohn Heinrich von Navarra davon ausgenommen werden. Um 10.30 Uhr begibt sich Tinella zu einem Stoffhändler, wo sie zufällig Hugier kennen lernt, der in den nächsten Stunden den Auftrag erhält, das vergiftete Buch in Caterinas Gemächer zu bringen (was ihm aber nicht gelingt). Um 15.15 Uhr beginnt für Hugier ein labyrinthischer Gang durch die Korridore des Louvre und die zufällige, aber folgenschwere Bekanntschaft mit dem schwulen Herzog von Anjou, Sohn Caterinas und späterem König Heinrich III. Ab 17.45 Uhr, Hugier kommt gerade nach einem Liebesakt aus dem Appartement von Herzog Anjou, wandern er und Tinella verliebt (so schnell geht das) durch die Straßen von Paris. Tinella vergisst dabei ihre Pflichten bei Caterina und Hugier vergisst das fatale Buch, das er in einer Truhe versteckt hat und das inzwischen einen Diener in den Tod befördert. Um 20.30 Uhr hindern Palastwachen die beiden Turteltäubchen daran, den hermetisch abgeriegelten Louvre wieder zu betreten. Hugier nimmt Tinella mit auf langem Weg, der überall von Truppen besetzt ist, in sein ärmliches Zimmer bei einer Witwe in der Vorstadt. Um 22 Uhr entscheidet Caterina zusammen mit dem Kronrat, die auf 3 Uhr morgens angesetzte Mordaktion aus Sicherheitsgründen auf 1.30 Uhr vorzuverlegen. Um 0.45 Uhr fällt plötzlich ein Schuss in einem Hof des Palastes, die zufällig los getretene Aktion lässt sich nicht mehr aufhalten. Es zeigt sich, dass die Ereignisse Caterina aus den Händen gleiten und ein unkontrollierbarer Sturm von Gewalt ausbricht.

 

Ist es nötig oder nur dem Reiz des Kontrasts geschuldet, dass Lorenzo de’ Medici just in diese Blutnacht die Liebesnacht zwischen Hugier und Tinella verwebt? Sie dauert allerdings auch nur ein paar Stunden, um 1.30 Uhr verlässt Hugier seine schlafende Neuerwerbung, um sein in Aussicht gestelltes, fürstliches Honorar für die Überbringung des Giftbuches rasch noch einzutreiben, bevor die chaotischen Verhältnisse in der Pariser Innenstadt die Sache unmöglich machen. Hugier kommt auch nicht mehr da an, wo er hin will; eingekreist von einer mordgierigen Soldateska wird er in letzter Sekunde – ausgerechnet – von seinem schwulen Gespielen, dem Herzog von Anjou, gerettet, dessen „Mignon“ er in der Folge bleibt. Tinella jedoch wird von Marodeuren brutal vergewaltigt, die Witwe ermordet, über ganz Frankreich ergießt sich mit 10.000 Toten eine unfassbare Woge von Blutrausch und Gewalt. Als Leser kann man nicht behaupten, dass man die Scheußlichkeiten gerne noch detaillierter vorgesetzt bekommen hätte. Aber man hätte gerne mehr Intelligenz, mehr Übersicht, mehr eigene Urteilskraft des Autors in den Schilderungen gehabt, die merkwürdig pauschal und klischeehaft wirken. Der historischen Realität ist seine Sprachkraft nicht recht gewachsen.

 


Auch diese Miniaturen werden François Clouet zugeschrieben. Sie zeigen in der Mitte König Heinrich II. aus dem Haus Valois und Caterina de' Medici als junges Herrscherpaar, umgeben von Verwandten aus seiner und ihrer Familie. Das reizvolle Ensemble ist im Besitz der Uffizien in Florenz.

 

Und was soll man zu dem Kreis sagen, zu dem sich das Geschehen schlussendlich rundet? Tinella erholt sich allmählich von ihren Schrecken und heiratet schließlich wie in einem Heftchenroman den liebevollen alten „Grafen von Landepéreuse“. In Briefen an Caterina, die aber nie ankommen, schildert sie ihre Lage, und als die Königin im Sterben liegt, reist sie als „Gräfin von Landepéreuse“ nach Schloss Blois. Im Gefolge des neuen Königs Heinrich III. (ehemals Herzog von Anjou) erkennt sie allerdings entsetzt Hugier, auf den sie immer noch einen Groll hegt, weil er sie einst mitten in der Nacht verließ. Tinella reist darauf hin sofort ab, ohne Caterina noch einmal gesehen zu haben. Die Psychologie hinter dieser Flucht bleibt ein Geheimnis des Autors, ebenso wie die Grafschaft von Landepéreuse. Nordwestlich von Paris in der Normandie gelegen, war und ist Landepéreuse ein kuscheliges Dorf von wenigen hundert Einwohnern. Eine Grafschaft? Vielleicht hat Lorenzo de’ Medici gedacht, dass dieses Nest ohnehin niemand kennt.

 

Info:

Lorenzo de’ Medici, „Die Medici Verschwörung“, historischer Roman, aus dem Spanischen von Sybille Martin, Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2007. BLT Taschenbuch Band 92297 August 2008, 333 Seiten, Preis 8,95 Euro, ISBN 978-3-404-92297-0, www.luebbe.de

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