Gabriel García Marquez (1927-2014)

"Bericht eines Schiffbrüchigen"

 

 

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24-05-2007

Zehn Tage im Meer zwischen Leben und Tod

Gabriel García Márquez’ „Bericht eines Schiffbrüchigen“

 

Von Christel Heybrock 

 

Es ist eine wahre Geschichte. Ereignet hat sie sich 1955, vor rund einem halben Jahrhundert, und das Besondere an ihr ist das Überleben ihres Titelhelden. Von Menschen, die auf hoher See über Bord gerissen werden und ertrinken, spricht sonst niemand außer ein paar Angehörigen. Von diesem jungen Mann aber sprach kurze Zeit fast ein ganzes Land. Da die Sache sich jedoch in der Karibik fern von Europa abspielte, war sie damals und wäre sie heute für ein deutschsprachiges Leserpublikum kaum interessant – wenn nicht der kolumbianische Autor Gabriel García Márquez sie notiert und ihr mit seinem Namen ein Gewicht gegeben hätte.

 

Tatsächlich eher mit seinem Namen als mit eigener literarischer Energie, denn als Autor stieß er auf jemand, der offenbar ebenbürtig erzählen konnte: eben auf den Schiffbrüchigen, dem das Überleben gelang und dessen Person freilich niemandem mehr geläufig ist. Seine von Márquez festgehaltenen Eindrücke, Erfahrungen und Empfindungen zeugen von einem wachen, differenziert wahrnehmenden und sprachmächtigen Geist, so dass der berühmte Autor bewusst nur das (freilich aufschlussreiche) Vorwort dazu gab, während der Schiffbrüchige Luis Alejandro Velasco seine Geschichte in der Ichform erzählt. Sein Bericht wurde von Márquez geordnet, geglättet und durch gezieltes Nachfragen auf den Punkt gebracht. Wie hoch auch immer das Verdienst von Márquez einzustufen ist, der damals Journalist an einer linken kolumbianischen Tageszeitung war – ohne Velascos sehr persönliche, intelligente Äußerungen hätte die Zeitungsserie 1955 nicht erscheinen können und auch nicht 1982 das Buch bei Kiepenheuer & Witsch sowie jüngst 2007 die Taschenbuchausgabe bei S. Fischer.

 

Die Fakten sind kurz und knapp wiedergegeben: Am 27. Februar 1955 gingen bei hohem Wellengang acht Besatzungsmitglieder des kolumbianischen Kriegsschiffes „Caldas“ über Bord und ertranken. Die „Caldas“ war einige Monate in Mobile/Florida repariert worden und auf dem Rückweg ins kolumbianische Cartagena, wo sie zwei Stunden nach dem Unglück termingerecht einlief – kein Wunder, denn der Kapitän hatte nicht den Versuch gemacht, die acht Seeleute zu retten, die anschließend nach vergeblicher Suche aus der Luft für tot erklärt wurden. Was dem Leser den Atem stocken lässt, sind die verblüffende Einfachheit und die klare, auf keinerlei Spannungseffekte zielende Wiedergabe der Ereignisse, beispielsweise des Unglücksmoments:

 

„Ich schätzte, dass es Viertel vor zwölf sein musste. Zwei Stunden noch bis Cartagena. Eine Sekunde lang schien das Schiff in der Luft zu hängen ... Ich sah den Brecher nicht. Ich spürte, wie das Schiff völlig verlorenging und die Ladung, an der ich mich festklammerte, in Bewegung geriet. Im Bruchteil einer Sekunde stand ich auf den Füßen, das Wasser reichte mir bis zum Hals ... Dann bedeckte mich das Wasser völlig, und ich fing an aufwärts zu schwimmen ... Ich  versuchte, mich an der Ladung festzuhalten, aber die Ladung war schon verschwunden. Um mich herum war nichts mehr. Als ich oben war, sah ich um mich herum nichts als das Meer. Eine Sekunde später tauchte in etwa hundert Meter Entfernung das Schiff zwischen den Wellen auf, an allen Seiten wasserspeiend wie ein U-Boot. Da erst wurde mir bewusst, dass ich über Bord gegangen war.“

 

Velasco stellt noch etwas benommen fest, dass ganz in seiner Nähe vier Kameraden ebenfalls gegen das Ertrinken kämpfen. Er kann sich mit letzter Kraft auf ein Rettungsfloß ziehen und versucht, einem der Männer das Ruder hinzuhalten – vergeblich, innerhalb von Minuten hat die See alle verschluckt: „Ich prüfte das Wasser. Ich wartete darauf, dass jeden Augenblick jemand an der Wasseroberfläche auftauchte. Aber das Meer war sauber, und der immer stärkere Wind hämmerte mit Hundegeheul gegen mein Hemd.“ Die ganze Sache hat nur zehn Minuten gedauert.

 

Wenn etwas spannend ist an diesem Bericht, den man süchtig nach Wirklichkeit herunter liest, dann ist es seine schnörkellose Authentizität. Velasco ist zunächst überzeugt, die „Caldas“ werde umkehren, um ihn zu retten. Nach Stunden noch ist er sicher, der Kapitän werde bei der Ankunft in Cartagena Rettungsmaßnahmen anordnen. Schließlich aber bleibt er auf dem Floß allein im Meer. Seine Uhr ist immerhin intakt geblieben, aber er hat eine Kniewunde, kein Trinkwasser und nichts zu essen. Die Situation ist so ungewöhnlich, so nervenzerrend und doch so banal, dass er erst nach Tagen feststellt, seit dem Schiffbruch nicht mehr geschlafen zu haben. Wie denn auch auf den Planken, die über die Wogen tanzen wie ein Fetzen Papier in der Endlosigkeit.

 

Tagsüber brennt eine gnadenlose Sonne und zerfetzt ihm die Haut. Nachts ist es eiskalt und so dunkel, dass er die Finger nicht vor den Augen erkennt – stattdessen sieht er einen Kameraden auf der Bordrampe sitzen, der nicht mehr da ist, sobald die Sonne aufgeht. Der Durst schmerzt ihn allmählich bis in die Knochen. Hunger verführt ihn nach fünf Tagen, einer verirrten jungen Möwe den Hals umzudrehen, die sich zutraulich auf sein Bein gesetzt hat: “Es war ein ganz zartes Tier. Bei der ersten Drehung fühlte ich, wie sein lebendiges warmes Blut zwischen meinen Fingern hindurchrann. Ich empfand Mitleid. Mir kam dies vor wie Mord. Der noch zitternde Kopf löste sich vom Körper und pochte weiter in meiner Hand.“ Es wird nichts mit dem blutigen Mahl, Velasco zerquetscht den ganzen Vogel beim Versuch, die Federn auszurupfen, und schließlich bekommen die Haie seine Beute, die jeden Tag pünktlich um 17 Uhr rund um sein Floß ein Gemetzel unter großen und kleinen Fischen veranstalten, wohl immer in der Erwartung, sie würden auch des Menschen habhaft, der auf den Brettern sitzt.

 

Ganz kurz fließen in Velascos Verzweiflung Eindrücke von großer Naturschönheit ein, die raschen Sonnenauf- und -untergänge, der Sternenhimmel, der Mond, der in den letzten Nächten das Meer erhellt. Tröstlich freilich ist das nicht, weil die fundamentale Sicherheit fehlt, die ein Mensch braucht, um den ästhetischen Wert seiner Wahrnehmungen zu erkennen. Der bevölkerte Lebensraum um das Floß herum bringt am achten Tag das Bild einer Furcht erregenden Riesenschildkröte hervor, von der Velasco nie erfahren hat, ob sie real oder Geschöpf seiner Fieberhalluzinationen war. Durch den Nebel seiner schwindenden Kräfte stellt er dennoch fest, dass das Floß in eine bestimmte Richtung treibt und sich einem Ufer nähert: Felsen, Kokospalmen, eine neue Halluzination? Nach zehn Tagen nicht mehr Herr seiner Sinne, folgt der Mann einem letzten vitalen Impuls und lässt sich vom Floß ins Wasser fallen. Er schwimmt. Zwei Kilometer sind es zum Ufer, der Halbtote schafft es und kann am Strand sogar um Hilfe bitten.

 

Im Vorwort beschreibt Márquez, wie der Gerettete dann wochenlang im Triumphzug durchs Land gefahren, als Held dekoriert wird, im Fernsehen auftritt und Werbeverträge bekommt. Dann aber veröffentlicht Márquez’ linke Zeitung „El Espectador“ die Serie mit Velascos authentischem Bericht, und der junge Mann erleidet zum zweiten Mal Schiffbruch. Er verliert seine bürgerliche Existenz, weil sich herausstellt, dass nicht ein Gewitter den Zerstörer „Caldas“ heimgesucht hatte, sondern dass die Männer von einer Woge über Bord gespült wurden, weil schlecht vertäute und zudem verbotene Ladung ins Meer rutschte. Das Schiff war obendrein manövrierunfähig und hätte die Leute gar nicht retten können. Dieser Skandal hätte einfach nicht an die Öffentlichkeit kommen dürfen, und statt der tatsächlich Verantwortlichen trifft er nun den, er ihn ans Licht gebracht hat.

 

Was ist aus Velasco geworden? Als Márquez 1970 in Barcelona sein Vorwort für die Buchausgabe der Zeitungsserie schrieb, hatte ihn ein Journalist „hinter dem Schreibtisch im Büro einer Autobusfirma“ entdeckt. „Ich habe sein Photo gesehen“, schreibt Márquez, “er hat an Gewicht und an Alter zugenommen, und man merkt, dass das Leben ihn gezeichnet, ihm aber auch die heitere Aura eines Helden gelassen hat, der den Mut besaß, sein eigenes Standbild zu zertrümmern.“ Und so hat man mit diesem Buch auch das Porträt eines Menschen in der Hand, der sich nicht aufgab und noch in extremsten Situationen bei sich selbst bleiben konnte. Es gibt ja nicht viele Leute, von denen man das sagen kann.

 

Info:

Gabriel García Márquez: „Bericht eines Schiffbrüchigen“, aus dem Spanischen von Christiane und Curt Meyer-Clason, 164 Seiten, limitierte Sonderausgabe im Fischer Taschenbuch Verlag/marebuchverlag, Frankfurt/Main 2007, ISBN 978-3-596-51001-6, Preis 7 Euro, www.fischerverlage.de und www.mare.de
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