Manfred Loimeier
"Wortwechsel" -
 über afrikanische Autoren

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Weitere Titel von Manfred Loimeier:

"Die Macht des Wortes", über Interviews westlicher Medien mit afrikanischen Autoren
"Yizo Yizo", Stories aus Südafrika

20-05-2002

Vielstimmiger Chor der Sprachen und Kulturen
" Wortwechsel", Manfred Loimeiers Gespräche mit afrikanischen Autoren im Horlemann Verlag

Von Christel Heybrock

 

Was wissen normale Mitteleuropäer über Afrika, noch dazu über afrikanische Literatur? Haben wir nicht immer noch das Klischee im Kopf, "die" Afrikaner verbrächten ihr Leben Bananen essend und mit dem Tanz ums nächtliche Lagerfeuer? Einer der Autoren, die der Mannheimer Journalist und Afrika-Experte Manfred Loimeier interviewte, äußert jedenfalls diesen Verdacht und dürfte damit leider nicht falsch liegen. Die Interviews, einst in einem Internetportal veröffentlicht, das nicht mehr existiert, liegen seit 2002 auch in Buchform vor und sind für einen breiteren Leserkreis so sicherlich flexibler zu handhaben. Aber Interviews? Noch dazu mit so entlegenen Leuten? Liest das einer?

 

Wer da einmal angefangen hat, ist jedoch rasch gefesselt von einer erstaunlichen Vielfalt und muss einfach weiter lesen. Die Situation von Schriftstellern auf dem schwarzen Kontinent stellt sich unerhört komplex dar, ihr Selbstverständnis ist dazu von einer Frische und Unmittelbarkeit, wie man sie in vergleichbaren Gesprächen mit europäischen Literaten wohl verzweifelt suchen müsste. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die ohnehin sehr verschiedenen afrikanischen Kulturen sich unterm Ansturm des Westens in einer dramatischen Umbruchphase befinden und eine stabile Schriftkultur noch nicht überall entwickeln konnten. Dass durch Übersetzungen und Sekundärliteratur ausgerechnet in Europa afrikanische Literatur gefördert wird, ist umso dringender, je mehr sie bereits wieder in Gefahr ist durch Fernsehen, Film und Werbung, durch Medien also, die sich in Bildern und gesprochenen, nicht geschriebenen, Texten durchsetzen.

 

Kein Wunder, dass sich wie ein roter Faden Loimeiers Frage durch die Interviews zieht: "Welchen Einfluss hat die Oratur auf Ihr Schreiben?" Oratur als mündliche Sprachkunst im Gegensatz zur durch die Schrift übermittelten Literatur hat natürlich eine uralte Tradition in Afrika. Wenn es einige wenige Autoren gibt, die diese Frage nervös zu machen schien, weil sie die Oratur hinter sich lassen wollen, so spielen erzählte und womöglich tradierte Geschichten für die meisten doch eine herausragende Rolle. Für einige verdichtet sich die Oratur sogar zu einem speziell historischen Anspruch, indem sie auf Persönlichkeiten der jeweiligen Landesgeschichte zurückgreifen.

 

Der zweite bedeutende Aspekt sind politische und gesellschaftliche Bedingungen: Das verhängnisvolle Erbe der Kolonisation, Krieg, Völkermord, korrupte Regierungen, in Südafrika die furchtbaren Erfahrungen der Apartheid (einige Autoren waren Mitglieder, beziehungsweise Beobachter der Wahrheitskommission, mit der Verbrechen wenigstens öffentlich gemacht, wenn schon nicht geahndet werden konnten) - diese Traumata sind oft der entscheidende Anstoss zum Schreiben. Hinzu kommt, dass viele Autoren eben aufgrund dieser Bedingungen ihr Land verlassen mussten und aus dem meist europäischen Exil schreiben, ein Vorgang, der sie dort auch wieder in ihrem ganz anders gearteten Selbstverständnis zu destabilisieren scheint.

 

Was die Rezeption afrikanischer Literatur in Afrika selbst offenbar sehr erschwert, ist nicht nur die vergleichsweise kleine Leserschaft und die ungenügende Präsenz von Verlagen, sondern auch die Fülle regionaler Sprachen, deren es meist mehrere jeweils in einem Land gibt. Immer wieder fragt Loimeier daher nach der jeweils bevorzugten Sprache eines Autors, denn die meisten beherrschen nicht nur eine oder mehrere afrikanische, sondern auch europäische Sprachen. Viele publizieren in Englisch und Französisch, der 1960 in Angola geborene José Eduardo Agualusa, der in Brasilien lebt, beispielsweise in Portugiesisch. Das macht ein weiteres Detail deutlich: Afrikanische Literatur ist nicht immer identisch mit der Literatur schwarzer Autoren, die Nachkommen der weißen Eroberer vertreten dagegen keineswegs eine spezifisch "weiße" Literatur. Die 1948 in Südafrika geborene Lindsey Collen lebte nach Jahren in London und New York inzwischen in Mauritius und engagierte sich dort vehement in Gewerkschaften, Frauenbewegungen und Alphabetisierungsmaßnahmen. Sie schreibt Englisch und Kreolisch, der 1944 auf La Réunion geborene Axel Gauvin schreibt Französisch und Kreol. Auf der andern Seite sind etliche schwarze Autoren mit der europäischen Literaturgeschichte besser vertraut als so mancher Europäer.

 

Wenn der immer noch eurozentrische deutsche Leser dem Buch Manfred Loimeiers eine wichtige Erfahrung entnehmen kann, dann ist es die, dass die Vielfalt globaler kultureller Entwicklungen einfach an ihm vorbeizugehen droht. Es sei denn, er könnte sich endlich für die viel geschmähte multikulturelle Gesellschaft öffnen. Die Anregungen, die sich dadurch ergeben, sind eigentlich unverzichtbar, zumal sich mittlerweile auch aus der anderen Perspektive ein Defizit abzeichnet: Wie wird beispielsweise die deutsche Literatur von außereuropäischen Kulturen wahrgenommen? Hat sie angesichts von deren eigenem wachsenden Selbstbewusstsein langfristig noch die Chance, außerhalb Europas eine Rolle zu spielen? 

 

Info:

Manfred Loimeier: "Wortwechsel. Gespräche mit afrikanischen Autorinnen und Autoren", Horlemann Verlag, Bad Honnef 2002, 206 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 3-89502-151-2, http://www.horlemann-verlag.de/

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