Manfred Loimeier

Interviews mit afrikanischen Autoren

 

Cover des Buches von Manfred Loimeier über die Rolle des Interviews im Umgang mit den afrikanischen Schriftstellern Ousmane Sembène (links) und Wole Soyinka.
Copyright: Typo Grafik Bayreuth

 

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Weitere Titel von Manfred Loimeier:

 

"Wortwechsel", Interviews mit afrikanischen Autoren
"Yizo Yizo", Stories aus Südafrika

 

22-06-2008

 

Wie man mit Fragen schön an der Oberfläche bleibt

Manfred Loimeiers Dissertation „Die Macht des Wortes. Das journalistische Interview als Rezeptionsform afrikanischer Literaturen“

 

Von Christel Heybrock

 

Auf dieser Welt passt vieles nicht zusammen. Zum Beispiel passen offenbar die Denkstrukturen afrikanischer Autoren nicht in die Köpfe europäisch-amerikanischer Journalisten. Manfred Loimeier ist selber ein Vertreter der publizistischen Zunft – und da lag es nahe, seine Doktorarbeit der Frage zu widmen, wie westliche Medien sich speziell mit zwei afrikanischen Filmemachern und Schriftstellern auseinandersetzen: mit dem Senegalesen Ousmane Sembène (1923-2007) und dem Nigerianer Wole Soyinka (*1934), der 1986 als erster Schwarzafrikaner den Literatur-Nobelpreis erhielt. Wie werden Sembène und Soyinka in westlichen Medien vermittelt?

 

Loimeiers Dissertation umfasst einschließlich der umfangreichen Literaturangaben mehr als 500 eng beschriebene Seiten, und allein diese Tatsache lässt schon befürchten, dass die Antwort schwierig, um nicht zu sagen niederschmetternd ist. Werden afrikanische Autoren hierzulande überhaupt vermittelt – und das würde ja bedeuten: werden sie angemessen vermittelt?  NEIN. Jedenfalls nicht von den Print- und anderen Medien, die dafür verantwortlich wären. Statt Romane, Dramen und Filme in kritischen Rezensionen zu präsentieren, wie es jeder europäische Autor von halbwegs anerkanntem Gewicht erwarten kann, drücken sich die einschlägigen Pressevertreter häufig vor der tiefschürfenden Arbeit einer Rezension und weichen auf die Form des Interviews aus. Das allein ist im Grunde schon eine Missachtung afrikanischer Literatur, aber Loimeiers Untersuchung geht nun penibel und nicht ohne stellenweise schwer lesbare Pedanterie der Frage nach, ob und wie das Interview als journalistische Form seine Leser womöglich eher mit fremden Denkweisen vertraut machen kann.

 

Es könnte. Aber es tut es nicht. Wer Interviews schon immer als flotte Oberflächenunterhaltung ohne Informations- oder gar geistigen Gehalt aufgefasst hat, wird hier sämtliche Vorurteile bestätigt finden. Generell scheint es, dass beispielsweise die westdeutsche Presse sich kaum an afrikanische Literatur, das heißt: an literarische Werke, herangetraut hat und stattdessen auf die Literaten setzte. Offenbar lassen sich Personen immer noch leichter „verkaufen“ als Texte, die gelesen werden wollen. Jedenfalls konstatiert Loimeier bereits auf den ersten Seiten, dass zwischen 1960 und 1989 in den führenden deutschen Zeitungen zwar 32 Interviews, aber nur 15 Rezensionen erschienen – was angesichts der reichhaltigen afrikanischen Literaturproduktion ohnehin ein beschämend mageres Ergebnis für einen Zeitraum von fast dreißig Jahren ist.

 

Bevor Loimeier jedoch die Interview-Vermittlung seiner beiden Protagonisten Ousmane Sembène und Wole Soyinka en détail auflistet und abklopft, setzt er eine Charakterisierung des Interviews als allgemeine journalistische Praxis voran. Auf mehr als 40 Seiten zur Geschichte und zu den Formen des Interviews greift er bedenklich weit aus bis hin zum Typ medizinisch-diagnostischer Fragebögen, Marktanalysen oder Prüfungsfragen – mit dem eigentlichen Thema hat das nichts mehr zu tun, und über eine derart ausufernde Pingeligkeit stolpert man auch im Hauptteil des Buches immer wieder. Dennoch fallen da aber höchst aufschlussreiche und ungeheuer differenzierte Bemerkungen über die Machtstrukturen zwischen fragender und antwortender Person.

 

Auch der unterschiedliche Stellenwert des Interviews in der europäischen und der afrikanischen Kultur kommt zur Sprache – die „Wortergreifung“ afrikanischer Autoren steht in der langen Tradition einer oralen Praxis, eines mündlich tradierten Erzählens, Berichtens und Bekennens, wie sie in der europäischen Schriftkultur unbekannt sind. Europäische Interviewer sind weit davon entfernt, diese Mentalität auch nur zur Kenntnis zu nehmen; selbst in ihren spontanen und unreflektierten Fragen setzen sich der postkoloniale „Paternalismus“ und seine heimtückischen Ausschlussmechanismen fort. Interviews in europäischem Alltagsgebrauch übermitteln eigentlich gar nichts, sie sollen vor allem „lebendig“ sein und einen Charakter von Spontaneität verbreiten. Dabei, so Loimeier, war das Interview einst eine fundamental demokratische Gattung, im 19. Jahrhundert entwickelt in den USA.

 

Ein besonderes Problem definiert Loimeier mit der Faszination von Europäern für das Fremde, Exotische: Man findet es toll, so lange man seine Sehnsüchte hineinprojizieren kann, und ist enttäuscht, wenn sich Geheimnisse und Abenteuer als völlig banal und unattraktiv herausstellen. Nicht alle afrikanischen Autoren jedoch spielen so souverän mit dem Medium Interview und den entsprechenden Presseorganen wie Wole Soyinka, der das klassische Frage-Antwort-Verhältnis fast schon umkehrt: Besonders seit der Nobelpreis-Ehrung ist er es, der das Gespräch mit einflussreichen Presseorganen sucht, und er ist es auch, der diese Gespräche lenkt und sie immer dann „gewährt“, wenn er als politische Stimme von außen afrikanische, speziell nigerianische Verhältnisse kritisieren will. Sein senegalesischer Kollege Sembène, weitaus weniger populär in Europa und bei Journalisten als „schwieriger Außenseiter“ geltend, hat dagegen nie gelernt, sich gegenüber Medienpartnern zu behaupten – er ist Interviews und der Banalität bestimmter (dämlicher) Fragen oft ausgewichen oder hat widersprüchliche, pauschale oder gar verkrampft bizarre Antworten gegeben. Sein Image als unakademischer Linker mit antiintellektueller und vor allem antikolonialistischer Haltung (er schrieb hauptsächlich Französisch) wurde er nicht los – vorausgesetzt, dass er überhaupt Medienbeachtung fand, denn, so Loimeier, er sei nicht relevant gewesen für die europäischen Medien und daher immer wieder in Vergessenheit geraten.

 

Ein weiteres Armutszeugnis für den europäischen Journalismus ist die Tatsache, dass Interviewer sogar dann die Auseinandersetzung mit literarischen Texten vermeiden, wenn diese Texte der Anlass des Interviews sind, beispielsweise die Uraufführung eines Theaterstücks. Ihr Stimme erheben dürfen afrikanische Autoren in europäischen Medien offenbar nur, wenn sie sich mit sozialpolitischem Engagement schmücken können, gegen ihre korrupten Regierungen agieren, Gefängnisstrafen erdulden und/oder aus politischen Gründen emigrieren müssen. Auch als sozialkritische Filmemacher wie Sembène dürfen sie sich gerne profilieren. Filme ziehen offenbar immer, nur vor der Lektüre von Lyrik und Prosa scheinen Journalisten sich selbst in kulturell prägenden Medien zu drücken, wann immer sie können. Dass ein afrikanischer Autor sich in Europa nur mit literarischer Substanz einen Namen machen könnte, scheint unter diesen Umständen undenkbar. Um überhaupt wahrgenommen zu werden, muss er mindestens politisch anecken – Soyinka beispielsweise schaffte den Durchbruch erst durch seine Isolationshaft in den sechziger Jahren und seinen Haftbericht „The Man Died“ 1972, obwohl er zuvor in London Theaterstücke inszeniert hatte. Die britische Presse berichtete auch über seine Haft und Freilassung, aber, wie Loimeier konstatiert, stets mit einem unterschwelligen eurozentrischen Interesse, so als sei Soyinkas Bindung an Nigeria zweitrangig und sein eigentlicher Wohnsitz in London.

 

Noch als Soyinka 1986 den Literaturnobelpreis erhält, stellt die Redaktion einer Zeitung wie Le Monde den Artikel über sein literarisches Gesamtwerk plus einer Kurzbiographie erst einen Tag später ins Blatt, weil ihr der Autor offenbar unbekannt ist. Dabei war Soyinkas Autobiographie „Aké“ bereits zwei Jahre zuvor in französischer Übersetzung erschienen. Die deutschsprachigen Medien machen es kaum besser. Obwohl Afrika im Jahr 1980 das große Thema der Frankfurter Buchmesse war und Verlage wie Lamuv, Peter Hammer, Walter in Olten oder Union in Zürich sich um die Publikation afrikanischer Autoren langfristig verdient machten, bleiben afrikanische Schriftsteller in einer Art kulturellem Getto stecken: Sie werden nicht wegen ihrer literarischen Qualität verbreitet, sondern als beflissener Beitrag zur Entwicklungshilfe der Dritten Welt, sprich mit einer Haltung barmherziger Almosenspende. Und egal, was und worüber sie geschrieben haben, gedruckt wird, was ins Klischee passt: Dass sie ja alle  arme, unterdrückte Leute sind, die über ihr Elend schreiben – Europa, so scheint es, will genau dieses Elend. Der somalische Autor Nuruddin Farah, berichtet Loimeier, habe sich eines Tages geweigert, in diesem Kontext zu publizieren.

 

Dass sprachliche und orthografische Schlampereien dann auch noch an der Tagesordnung sind, wundert einen schon gar nicht mehr. Namen und Buchtitel werden falsch geschrieben, bestimmte Interviews zumindest in Teilen noch nach Jahren als scheinbar aktuelle Gesprächssituationen in anderen Medien verbreitet; Journalisten, denen nie etwas anderes als ein stereotyper Fragenkatalog einfiel,  spielen sich als „Kenner“ bestimmter Autoren auf oder inszenieren das Frage-/Antwort-Spiel aus allzu großer persönlicher Nähe statt aus neutraler Distanz. Allerdings ist es die Frage, wie weit man angesichts brutaler Menschenrechtsverletzungen auch als Journalist noch eine „sachliche“ Distanz einhalten kann. Verlangt Loimeier hier nicht doch etwas zuviel – beziehungsweise gleichzeitig zu wenig? Ein völlig sachlich geführtes Interview müsste genau das verlieren, was für Leser/Hörer seinen Reiz ausmacht: Lebendigkeit.

 

Und wenn es um orthografische oder grammatikalische Schnitzer geht, hat leider auch Loimeier einiges zu bieten trotz seiner nüchternen Wissenschaftssprache. Über einen Satz wie „...weder kam es zu einer Verurteilung..., geschweige denn zu einer formalen Anklage“ (Seite 358 über Soyinka) darf man wohl den Kopf schütteln, und etliche orthografische Misslichkeiten werden mit der Schreibweise „Triumpf“ gekrönt. Generell ist der Fünfhundert-Seiten-Text arg unübersichtlich und vollgestopft mit unerheblichen Details wie beispielsweise der peniblen Auflistung von Interview-Überschriften, der Gegenüberstellung von Textzitaten oder der Erwähnung von Größe und Platzierung eventueller Fotografien auf den zitierten Zeitungsseiten. Vieles hätte sich durch den Einsatz von Tabellen kürzer und schlüssiger darstellen lassen – man wird den Eindruck nicht los, dass Loimeier in der ausufernden Fülle seines bienenfleißig gesammelten Materials fast ertrank. Hin und wieder lassen sich auch sachliche Ungenauigkeiten feststellen – der Schriftsteller Carl von Ossietzky (1889-1938) wurde von den Nazis ja nicht „exekutiert“ (Loimeier Seite 298), sondern starb nach jahrelangen KZ-Aufenthalten und schweren Misshandlungen im Krankenhaus an Tuberkulose.

 

Trotz aller Einschränkungen hat Loimeier freilich eine Analyse europäischer Medienpraxis erstellt, die jedem zu denken geben sollte. Sein „Regelkanon“ für das ideale Interview am Schluss des Textteils enthält dabei keineswegs revolutionäre oder auch nur neuartige Forderungen, sondern ganz banal das Selbstverständliche. Und wenn er konstatiert, dass die europäische Dominanzkultur den notwendigen interkulturellen Dialog mit Afrika schlicht nicht stattfinden lässt, sondern im Gegenteil ein „postkoloniales Abhängigkeitsverhältnis“ fortsetzt, dann fragt sich der Leser, ob ein möglicher sinnvoller Dialog überhaupt per Interview geleistet werden könnte. Denn, so Loimeier: „Das journalistische Interview ist eine bestenfalls nur sekundierend zu verwendende Textform,“ die Kommentar, Bericht und Rezension nicht ersetzen könne. Das sollten sich Ressortleiter und Chefredakteure vielleicht doch mal hinter die Ohren schreiben.

 

Info:

Manfred Loimeier: „Die Macht des Wortes. Das journalistische Interview als Rezeptionsform afrikanischer Literaturen“, 511 Seiten, Bayreuth African Studies Serie 79, herausgegeben von Pia Thielmann & Eckhard Breitinger, Bayreuth University 2006, Preis 49,95 Euro, ISBN 3-927510-94-7, www.breitinger.org

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