Gerhart Hauptmann (1862-1946)
"Phantom. Aufzeichnungen eines ehemaligen Sträflings"


Gerhart Hauptmann, im Jahr 1900 porträtiert von Lovis Corinth (1858-1925). Das Ölbild ist im Besitz der Kunsthalle Mannheim.
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Cover der Taschenbuchausgabe im Ullstein Verlag 1996 (Ullstein Buch Nr. 23940, 144 Seiten)

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25-02-2009

Ein Mann gerät aus den Fugen

Gerhart Hauptmanns Roman „Phantom. Aufzeichnungen eines ehemaligen Sträflings“

 

Von Christel Heybrock

 

Irgendetwas steckt drin in Lorenz Lubota. Es ist ein beklemmend enges, kleinbürgerliches Leben, zu dem der junge Mann an der Seite seiner verwitweten Mutter verurteilt ist. Es gibt da zwar noch eine aufmüpfige Schwester, die es in eine scheinbar bessere Halbwelt zieht, und einen Bruder, der in der Künstlerszene Fuß fasst, aber Lorenz ist ein braver, vollkommen seriöser Magistratsschreiber mit dem bescheidenen, aber realistischen Ehrgeiz, sich durch eifriges Selbststudium zu Hause im dunklen Kämmerchen zum Mittelschullehrer auszubilden. Durch einen halbwegs einst vom tyrannischen Vater mit verursachten Unfall hat Lorenz ein kurzes Bein und hinkt ... die Behinderung ist im weiteren Zusammenhang von Gerhart Hauptmanns Roman „Phantom“ von ebenso symbolträchtiger Bedeutung wie die Staupsäule vorm Breslauer Rathaus, auf die Lorenz von seinem Bürofenster aus täglich blicken kann. Was ist eine Staupsäule? Ein Schandpfahl, an den vor Zeiten Verbrecher angekettet, öffentlich geschlagen und dem Zorn und Spott der Bürger ausgesetzt wurden.

 

An dieser Staupsäule erhält Lorenz den coup de foudre, der sein Leben verändert. Ausgerechnet an diesem Symbol archaischer Strafgewalt und finsterer Missetaten erblickt Lorenz eines Mittags vorm Nachhausegehen ein halbwüchsiges Mädchen von so überirdischer Schönheit, dass ihm seine ganze bisherige Existenz nur noch hässlich und lächerlich erscheint. Die Kleine fingert neugierig an den Metallringen der Säule und bricht in Gelächter aus, als dem armen Lorenz auch noch der Hut vom Kopf fliegt – das letzte Zeichen seiner bürgerlicher Be-hütung.

 

Es handle sich um eine erotische Obsession, ist die gängige Erklärung dieses Ereignisses. Man darf daran einige Zweifel anmelden, denn Lorenz begehrt das Fastnochkind nicht sexuell, sondern als Urbild alles dessen, was ihm fehlt: Schönheit, Reichtum, Intelligenz, Sicherheit und Unbeschwertheit. Das Mädchen Veronika Harlan ist die Tochter eines reichen Eisenhändlers, eines der Honoratioren Breslaus. An diesem Urbild, das stets etwas Entrücktes, Heiliges für ihn behält, gerät Lorenz völlig aus den Fugen. Statt den Griff nach den Sternen realitätsfähig zu machen durch bedachtsames Abwägen und zielstrebigen gesellschaftlichen Aufstieg, geht er den umgekehrten Weg: Er phantasiert sich pathologisch in eine Kunstwelt hinein, in der er Veronika ebenbürtig ist, faselt von baldigem Ruhm als großer Dichter, beginnt sich teuer zu kleiden, indem er Schulden macht, und schmeißt schließlich in einem Ausbruch von Arroganz sogar seine Stellung hin.

 

Zugleich lernt er ein zweifelhaftes Subjekt namens Wigottschinski kennen, der eine lange, aber nicht unbedingt steile Karriere als Zuhälter, Hochstapler und gemeiner Betrüger aufweisen kann. Wigottschinski ist ein – zeitweise intimer – Bekannter von Lorenz’ Tante Schwabe, einer skrupellosen Pfandleiherin, die durch gnadenlosen Wucher ein schönes Vermögen gemacht hat. Tante Schwabe schätzt Lorenz’ bisherige Seriosität und lässt sich mit der verführerischen Aussicht großartiger Geschäftserfolge einiges abknöpfen, was Lorenz gemeinsam mit dem sauberen Wigottschinski einfach durchbringt. Dass der undurchsichtige Compagnon mittlerweile zum brutalen Zuhälter von Lorenz’ Schwester wird, entgeht diesem vollkommen, weil er sich immer tiefer in die Phantasien rund um die kleine Veronika verstrickt.

 

Lorenz leistet sich sogar einen tollen Auftritt bei Veronikas Eltern, die er in einer Mischung aus gedrechselter Höflichkeit und Herablassung um die zukünftige Hand ihrer Tochter bittet. Natürlich blitzt er damit ebenso ab wie mit der Veröffentlichung seiner Gedichte, die den Beginn seines Dichterruhms hätte abgeben sollen. Je weniger aber Lorenz in seiner bürgerlichen Realität weiter kommt, desto dichter webt er seine Phantasie-Existenz, die ihm freilich immer größere finanzielle Aufwendungen abfordert – Nobelrestaurants, edle Anzüge, man muss der großen Gesellschaft ja zeigen, dass man jemand ist. Auch eine halbseidene Baronin und deren nymphomane Tochter Melitta spielen dabei eine Rolle, und mit Melitta hat Hauptmann dem Roman wohl eine seltsame Schlüsselfigur verliehen.

 

Melitta nämlich ist eine negative Spielart der kleinen Veronika, der sie zufällig ähnlich sieht. Unschuldig und enthaltsam in Auftreten und Aussehen, erfreut sich Melitta jedoch hemmungslos an sexuellen Perversionen. Melitta, so empfindet es Lorenz, sei ihm von Veronika als Zeichen ihrer geheimen Verbindung geschickt worden ... Wer Veronika als Mensch eigentlich ist, fragt Lorenz sich niemals. Er hat nie ein Wort mit ihr gesprochen, das Mädchen kennt ihn gar nicht und Lorenz seinerseits kennt nur ihre Fassade, die ihm Projektionsfläche seines Wahns ist.

 

Zu guter Letzt haben Lorenz und Wigottschinski nicht nur das Geld von Tante Schwabe verbraucht, sondern auch die Tante zutiefst misstrauisch gemacht. Sie droht mit einer Anzeige beim Staatsanwalt, so dass die beiden Nutznießer notgedrungen zum endgültigen großen Schlag ausholen müssen. Man muss die Tante berauben und mit dem Geld sofort verschwinden. Wigottschinski wird die Nacht mit ihr verbringen, nachdem er sie zuvor mit Alkohol in Tiefschlaf versetzt hat, und einem Safe knackenden Helfershelfer die Tür öffnen. Lorenz’ Schwester steht Schmiere, er selbst hält sich bei seiner Mutter auf, die natürlich nichts ahnt.

 

Die Sache geht gründlich schief. Als nämlich in der Nacht ein Telegrammbote nach einer Adresse sucht und bei der Tante klingelt, wacht diese auf und entdeckt den Safeknacker, während Wigottschinski an der Haustür den Telegrammboten abfängt. Als der heimtückische Bettgenosse ins Haus zurückkehrt und die Tante im Kampf mit dem Einbrecher findet, bringt er die Frau in Panik um. Bereits am Morgen ist der Mord entdeckt und wird in Extrablättern ausgerufen. Wigottschinski wird gefasst und später hingerichtet, Lorenz kommt als Komplize für Jahre ins Zuchthaus, was er fast erleichtert hinnimmt, da es ihn aus einem unbeschreiblichen Sumpf, aber auch aus seinem Wahn rettet.

 

Hauptmann hat den Roman aus der Perspektive eines Icherzählers geschrieben, gleichsam als Rückblende: Lorenz hat nach Verbüßung seiner Strafe die Buchbinderstochter Marie Starke geheiratet und lebt im Hause von Frau und Schwiegervater. Dort führt er eigentlich ein beneidenswertes Dasein, wird versorgt, geliebt und hat auch noch soviel freie Zeit, dass er seine Erlebnisse aufschreiben kann, um sich selbst und seine Entgleisungen zu ergründen. Ja, er wird von Marie und ihrem Vater, zwei verständigen Leuten, sogar zum Schreiben animiert, so dass er sich auf einer anderen Stufe selbst neu entdeckt und mit der Vergangenheit abschließen kann. Er habe nicht den Wunsch, etwas ungeschehen zu machen, bekennt er, im Gegenteil steht er zu seinen Taten, zu seiner Verrücktheit, was dem Leser auch plausibel scheint. Denn letztlich hat Lorenz mit seinem Wahn einen Tiefenbereich seiner Person ausgelebt und sich nachträglich bewusst gemacht. Es war ein wichtiger, schließlich überwundener Teil seines Ich.

 

Aber man kommt der Tiefendimension des Romans wohl nur auf den Grund, wenn man die Frauenfiguren genauer betrachtet. Da sind die beiden alten: Lorenz’ Mutter und Tante Schwabe, die eine verhärmt und zurückgezogen, aber grundgut, die andere lebensgierig  bis hin zur Kriminalität – die beiden Schwestern bilden gleichsam zwei Seiten einer Medaille.

 

Dann gibt es die jungen: Veronika Melitta - Lorenz’ Schwester Melanie Marie. Vier Spielarten der Frau an sich, als individuelle Charaktere zwar recht plastisch, aber dennoch nur silhouettenhaft umrissen. Sie treten kaum als Personen auf, die aus sich selbst heraus handeln, sondern erscheinen nur in ihrer Bedeutung für den Icherzähler Lorenz.

 

Veronika und Marie sind die beiden Pole, um die Lorenz’ Existenz sich dreht, die eine ein Phantom, das ihn ins Verderben stürzt, die andere der rettende Engel in der Realität.

 

Während die Nymphomanin Melitta und die ins Prostituiertenmilieu abrutschende Melanie Varianten der Halbwelt verkörpern, in der Lorenz mehr und mehr versinkt, stehen sie ihm zugleich merkwürdig nah: Melanie ist seine leibliche Schwester, und Melitta, mit der er eine sexuelle Beziehung beginnt, eine irisierende Spielart der kleinen Veronika. Bleibt die wirkliche Veronika dem in sich selbst verhedderten Lorenz unerreichbar, kann er über Melitta lustvoll verfügen und wird von ihr sogar ermuntert, sich Veronika während des Sexualakts vorzustellen. Melitta ist sozusagen die negative Substanz Veronikas, mit der sie die äußerliche Fassade überraschend gemein hat. Zudem fungiert Melitta als Spiegelbild von Lorenz’ Begierden und Selbsttäuschungen, da sie ihm zur Verfügung steht und nach außen hin der feinen Gesellschaft angehört.

 

Bleibt Marie der Engel. Nicht alles in diesem Erzählwerk, das den Leser realistisch in die sozialen Untiefen des frühen 20. Jahrhunderts führt, geht mit rechten realen Dingen zu, und obwohl Marie schließlich den sicheren Boden für Lorenz’ am Ende gutbürgerliche Existenz abgibt, ist gerade diese Figur von esoterischem Hauch umgeben. Marie kennt (und liebt vielleicht) Lorenz, noch bevor dieser den Boden unter den Füßen verliert. Sie und ihr Vater erleben seinen beispiellosen Absturz und auch, dass er sie in seinem Wahn, zur besseren Gesellschaft zu gehören, kaltherzig verrät. Was lässt beide unverrückbar an diesen Schnösel glauben, der vor ihren Augen zum Kriminellen wird? Es ist nicht ganz erklärbar, aber Maries Beziehung zu Lorenz ist von einer leisen, unverbrüchlichen Tiefe. In der Mordnacht scheint sie auf geheimnisvolle Weise Kenntnis zu erlangen von Lorenz’ Beteiligung an dem Verbrechen, denn am Morgen, noch bevor alles aufgedeckt ist, steht sie an seinem Bett und versichert ihm, sie werde warten, bis seine schwere Zeit vorüber sei. Auch später, während er schreibend seine Erlebnisse bewältigt und nachträglich Erschütterungen ausgesetzt ist, erscheint sie plötzlich, von innerer Stimme gerufen, an seinem Schreibtisch und holt ihn in die Realität zurück.

 

So ist Marie beides: Lebenssicherheit und Lebenstiefe. Sie vertritt die Ebene lebbarer, durchbluteter Wirklichkeit - und scheint als Figur dennoch eher ein Ideal als eine Frau mit ihren natürlichen Widersprüchen: Gibt’s denn so was Aufopferndes, Verständnisvolles im banalen Alltag? Auch der Roman schwingt zwischen realistischem Erzählstil und schonungsloser Milieuschilderung einerseits sowie rätselhafter, symbolgetränkter Verstrickung andererseits – ein charakteristisches Literaturzeugnis seiner Zeit, wenn man so will. Hauptmann arbeitete seit 1915 an dem Buch und war bereits 1888 mit einem ähnlichen Stoff („Dünnebeil“) befasst. Aber lesbar ist „Phantom“ ganz ohne stilhistorischen Hintergrund immer noch, als spannendes, mitreißendes Erzählwerk, in dem manches geschildert wird, was auch heute noch gilt, nicht zuletzt die wahnhafte Gier nach einem besseren Leben, wenn man ganz unten ist.

 

Info:

- Erstausgabe bei S. Fischer, Berlin 1923

- Die Taschenbuchausgabe bei Ullstein 1996 (Ullstein Buch Nr. 23940) folgt der Centenar-Gesamtausgabe im Propyläen Verlag (11 Bände, 1962-1974)

- „Phantom“ kam bereits im November 1922 als Stummfilm in den Ufa-Palast am Berliner Zoo. Das Drehbuch stammte von Thea von Harbou, Regie führte Friedrich Wilhelm Murnau. Alfred Abel spielte den Lorenz Lubota, Lil Dagover die Marie, Grete Berger war die Pfandleiherin Tante Schwabe, Anton Edthofer  verkörperte Wigottschinski. Lya de Putti gab sowohl die Melitta als auch Veronika Harlan, die hier eine erwachsene Figur ist. Der Film wurde 2007 im Fernsehen bei arte ausgestrahlt.

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