Jean Gionos Roman

"Melville zum Gruß"


Das Cover der Romanausgabe im Verlag Matthes & Seitz. Diese Ausgabe, der die folgende Rezension zugrunde liegt, ist inzwischen vergriffen. Jean Gionos Erzählwerk liegt aktuell (im Jahr 2008) lediglich als Hörbuch-Edition vor unter dem Titel "Annäherungen an Melville" (Verlag Parlando).

 

 

Der amerikanische Schriftsteller Herman Melville (1819-1891) auf einem Porträt aus dem Jahr 1860. Der französische Autor Jean Giono, der Melvilles Werk ins Französische übersetzte, war so fasziniert von Melville, dass er ihm in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts einen eigenen kleinen Roman widmete. Das Porträt befindet sich als Frontispiz in Melvilles Roman "Journal Up the Straits"
Foto:
Wikipedia

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Literatur/GionoMelville.html

Sitemap

Übersicht Literatur

 

01-11-2003

Zwischen Engel und Erde – das Abenteuer der Literatur

Zu Jean Gionos Roman „Melville zum Gruß“

 

Von Christel Heybrock 

 

Von Moby Dick und der Jagd nach dem weißen Wal hat jeder schon mal gehört. Moby Dick gibt’s als T-Shirt und Comic, als Film und Musical und wahrscheinlich auch auf Zigarrenkisten und Biergläsern. Dass all diese Varianten auf einen Roman von Herman Melville zurückgehen, ist manchen Leuten schon gar nicht mehr bewusst – so geht es mitunter Büchern, die zur Weltliteratur gehören und sich weit über die Literatur hinaus ausbreiten.

 

Der Amerikaner Herman Melville (1819-1891) schrieb seinen „Moby Dick“ zwischen 1849 und 1851. In wie viele Sprachen er übersetzt wurde, ist kaum noch zu zählen, aber als sich in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts der französische Schriftsteller Jean Giono (1895-1970) daran machte, war er nicht nur von „Moby Dick“, sondern auch von der Person Melvilles fasziniert, der aus kleinen Verhältnissen stammte, in einen bürgerlichen Kaufmannsberuf gedrängt werden sollte und ausrückte, um als Matrose die Welt kennen zu lernen. Gleichsam als Nebenarbeit zur Übersetzung schrieb Giono zwischen 1936 und 1939 seinen eigenen Roman „Melville zum Gruß“. Die Erstausgabe erschien 1941 bei Gallimard in Paris unter dem Titel "Pour saluer Melville" (Neuauflage 1971). Die deutschen Ausgaben von 1999 im Verlag Matthes & Seitz sowie eine Taschenbuchausgabe bei btb im Jahr 2002 sind zur Zeit (im Jahr 2008) nicht mehr lieferbar. Im Jahr 2005 produzierte der Hörbuchverlag Parlando den Mitschnitt einer musikalischen Live-Aufführung unter dem Titel "Annäherungen an Melville" (19 Euro).

 

„Melville zum Gruß“ – wer dieses kleine Erzählwerk liest, sieht sich mit einer irisierenden Mischung aus biographischen Fakten und reiner Dichtung konfrontiert. Giono hängt seine Geschichte an der Tatsache auf, dass Melville 1849 zu seinem Verleger nach London reiste, um ein Manuskript abzuliefern. Er war damals bereits ein bekannter Autor, wurde aber gequält von dem Bewusstsein, das eigentliche große Werk noch nicht geschrieben zu haben. Die historisch belegte Londonreise nun nimmt Jean Giono zum Anlass einer ebenso faszinierenden wie unwirklichen Liebesgeschichte: Einer spontanen Eingebung folgend, so liest man bei Giono, nahm Melville, statt sich bis zur Rückreise in London eine gute Zeit zu machen, eine Postkutsche nach Bristol und lernte auf der dreitägigen Fahrt eine schöne junge Frau kennen, Adelina White. Eine eigenartige, drängende Erotik verbindet den amerikanischen Autor und die englische Bäuerin, die unterwegs ist, um in einem Land, in dem Hungersnot herrscht, Getreide zu schmuggeln. Erotik wohlgemerkt, nicht Sexualität. Was sie wie in einem Sog zueinander führt, ist die Perspektive von Phantasie und Poesie einerseits und ruhige, intelligente Bodenständigkeit andererseits. Es ist letztlich der Sog zwischen Literatur und Alltag.

 

Ausgehend von der historischen Person Melvilles und der fiktiven Adelina, hat Giono im Grunde eine Studie über die Bedingungen, Risiken und Notwendigkeiten von Literatur geschrieben. Zu Beginn lernt man Melville kennen, seine Herkunft, sein Außenseitertum, seine wüsten, mörderischen Erfahrungen auf See, wo es ums nackte Überleben geht. Dabei versteht es Giono meisterhaft, seine Hauptperson fast gleichzeitig aus der Perspektive eines inneren Monologs und von außen auftreten zu lassen. Getrieben von einem stets die bürgerlichen Grenzen sprengenden Selbstanspruch, kauft Melville nach dem erfolgreichen Gespräch mit dem Londoner Verleger bei irgendeinem Trödler einen alten, charaktervollen Seemannsmantel. Trotz des stark riechenden Kampfers, mit dem der Trödler den Mantel präpariert hat, „haftete in dem Tuch die Erinnerung an den Wind, und trotz des Kampfers war er noch spürbar. In Hermans Augen brennt das Salz. In seinem Kopfe dröhnt das Grollen der unbegrenzten Weiten... Er sieht sofort, dass die Blechschilder nicht hin und her schwanken, dass die Strohhalme auf dem Pflaster nicht davonfliegen und dass der Nebel sich nicht bewegt; der Wind ist also in seinem eigenen Kopfe. ‚Ach, da bist du ja wieder’, sagt er. Der Kampf mit dem Engel hat wieder begonnen.“

 

Der Engel in Melvilles Kopf zeigt ihm flügelrauschend und rumorend an, dass er mehr wagen muss, als nur den rebellischen Außenseiter zu spielen. Dass er über sich selbst hinauswachsen und etwas Unerhörtes schaffen muss, ein Buch schreiben, wie es noch nie geschrieben wurde. Eine Wahrheit formulieren, die noch niemand bewusst ist. Melville fürchtet sich. Er flüchtet vor dem Engel in sich selbst, er traut sich nicht zu, was der fordert. Er nimmt die Kutsche nach Bristol. Vielleicht sind die schönsten Partien von Gionos Gruß an Melville die Schilderungen der Kutschfahrt, die Geschwindigkeit in den ebenso einfachen wie prunkvollen Bildern und im Rhythmus der Sprache. „Die frisch gepflügten Felder verdunkelten das Land,“  heißt es einmal. „Und ohne sich von der Stelle zu rühren, drehte sich diese ganze Szenerie in dem Tempo, in dem die vier Pferde den Wagen zogen, wie auf einer Platte; auf die Buchen folgten lange Pappelreihen, die dann ebenfalls zurückwichen, dann kamen niedrige Hütten... dann Buchenhaine... dann eine lange weiße Mauer...“ Und schließlich: „Nun teilte sich das Dorf vor ihnen.“

 

Es dauert, bis Melville, der oben beim Kutscher sitzt, überhaupt entdeckt, dass sich auch eine Frau im Wagen befindet. Er sieht einmal ihre behandschuhte Hand und hört ihre Stimme. Und sie beginnt sofort mit einer namenlosen Zartheit, die Liebe zwischen Melville und Adelina, eine Liebe, die für die Ewigkeit und ganz grundsätzlich ist und die doch nicht erfüllt werden kann. Bei einem Pferdewechsel mit Ausstieg spricht er Adelina an: „ ‚Ich habe Sie gestern abend wiedererkannt, Sie können sich niemals verkleiden, ich...’ Er hält inne. Sie ist sehr blass geworden, sie droht umzusinken. Kaum atmet sie noch. Er sieht ihre Augen, sie sind ganz tabakfarben mit grünen Lichtern.“ Was folgt, ist zwischen den beiden einander Unbekannten ein Dialog von so selbstverständlicher, phantastischer Intimität, dass man sich fragt, ob Adelina nicht womöglich eine andere Art Engel in Melvilles Kopf ist ...

 

Als das entpuppt sie sich nämlich im Nachhinein, wenn man so will. Zunächst macht Melville die junge Frau mit seiner wilden, poetischen Sicht der Welt vertraut; er ist es, der ihr für die lebendige Substanz der banalsten Dinge die Augen öffnet, und sie nimmt seine Worte auf wie ein trockener Schwamm das Wasser. Bei einem weiteren Halt der Kutsche finden sie im Nebel einer Landschaft ein Gebüsch zum Rückzug von der Welt und zum vollkommenen Glück – nein, physisch sexuell ist das alles nicht. Was sich abspielt, ist ein Austausch zweier Wirklichkeitsebenen, eine plötzlich nahtlose Übereinstimmung von Literatur und Realität. Ein Autor findet die Erfüllung seines Lebens: die Akzeptanz der Normalität, er bekommt wie ein Geschenk die Liebe seines Rezipienten. Und wie jede Liebesgeschichte, so hat auch diese ihren tiefen Schrecken, macht sie doch den Liebenden überhaupt erst bewusst, dass es die beiden getrennten Welten gibt, die da unversehens in ihnen vereint werden. Melville, von plötzlichem Schmerz durchzuckt: „Er hatte eben gedacht, dass er auf der ganzen Welt nur sie hatte “ -  nur Adelina, die den Alltag verkörpert und seine Poesie in sich aufnimmt, weil sie ohne Poesie ebenso wenig leben kann wie er ohne Adelina.

 

Wer aus der Intensität von Gionos Sprache und der Intimität dieser Paarbegegnung auftaucht, wird es zunächst als Bruch empfinden, dass plötzlich auch die junge Frau mit ihrer Existenzebene zu Wort kommt und von sich selber und ihrer Umgebung spricht. Da ist zwar von Liebe zu andern Menschen die Rede, vor allem aber von sozialen Ungerechtigkeiten, von Hunger, Unglück und Härte. Es ist tatsächlich ein Bruch – eben weil Gionos Roman beide Seiten enthält und sich nicht auf die Dimension der Phantasie beschränkt. Wie tief verzahnt jedoch Fiktion und Fakten bei ihm sind, beweist auch die Tatsache, dass ausgerechnet die Vertreterin des Faktischen, nämlich Adelina, eine fiktive Figur ist, während an den biographischen Fakten von Melville praktisch nichts geändert wurde.

 

Es kommt, wie es kommen muss, die beiden müssen sich trennen. Nun endlich, zurück in Amerika, kann Melville seinen großen Roman schreiben, aus der inneren Gewissheit  heraus, dass Adelina dieses Buch braucht. Sie halten Briefkontakt. Er schickt ihr das vollendete Werk, bebend fast, wie sie es wohl aufnehmen wird. Es kommt noch ein Brief von ihr, in dem sie eine Erkrankung andeutet. Und dann hört er nie wieder von ihr. Ist sie gestorben? Hat sie „Moby Dick“ noch gelesen? Hat sie den Roman überhaupt erhalten? Melville wird es nie erfahren. Er schreibt noch ein paar unwesentliche Dinge und bewirbt sich dann als Zollinspektor. „Er starb nach vierunddreißig Jahren vollkommenen Schweigens“, heißt es dann lapidar, am 28. September 1891. Abgeschnitten von seinem Fundament, der Liebe der Leserin und damit der Akzeptanz seines Publikums, hatte Melville, seiner Kraft beraubt, nichts mehr zu sagen. Eine schreckliche Geschichte, und eine wahre dazu – nicht nur, was Melville betrifft, denn das Problem stellt sich allen Autoren, allen Menschen, die sich kreativ in die Öffentlichkeit wagen. In der Literatur wie in der Seefahrt kann man zugrunde gehen, physisch wie psychisch.

 

Info:

- Jean Giono: „Melville zum Gruß“, Verlag Matthes & Seitz, Bibliotheca Selecta, München 1999, 144 Seiten, ISBN 3882218231, 14,80 Euro, (vergriffen). Der Verlag hat weitere Titel von Jean Giono im Programm:  www.matthesundseitz.de

- "Annäherungen an Melville" - Jean Giono: "Melville zum Gruß"/ Stephen Melillo: "Ahab". Hörbuchverlag Parlando, Berlin 2005, Komposition von Stephen Melillo, aufgeführt vom Wind-Ensemble u.a., Dauer ca. 75 Minuten, ISBN 978-3-935125-42-0 sowie ISBN 978-3-935125-42-9, Preis 19 Euro.  Der Parlando Verlag hat von Herman Melville zudem die Erzählwerke "Billy Budd" sowie "Ich und mein Kamin" im Programm: http://www.parlandoverlag.de/

kostenlose counter