Ray Bradbury (1920-2012)

"Fahrenheit 451"


Ray Bradbury im Jahr 2009 mit dem französischen Ordre des arts et des lettres
Foto.
Caleb Sconociuto/Wikimedia Commons

 


Cover der deutschen Taschenbuch-Ausgabe im Heyne Verlag 1990. Das Cover enthält ein Szenenfoto von Francois Truffauts Verfilmung mit Oscar Werner als Guy Montag und Julie Christie als Clarisse.

 


Cover der englischsprachigen Ausgabe im Reclam-Verlag, die mit zahlreichen Anmerkungen, übersetzten Begriffen und einem interpretierenden Nachwort von Norbert Köhn versehen ist. Auch hier stammt das Coverfoto aus dem 1966 entstandenen Film von Truffaut.

 

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15-07-2013

Amüsiert euch - ins Feuer mit gedruckten Gedanken!

Über den gesellschaftskritischen Science-Fiction-Roman „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury

 

Von Christel Heybrock


Es ist sicherlich sein berühmtestes Werk – der Roman „Fahrenheit 451“. Der Titel ist eine Temperaturangabe, die 232,2° Celsius entspricht. Bei dieser Hitze, so nahm der amerikanische Science-Fiction-Autor Ray Bradbury an, beginnt Papier sich selbst zu entzünden. Bradbury hat, wie er im Nachwort einer der Romanausgaben bekannte, eine erste Fassung 1950 im Keller der Bibliothek der University of California in Los Angeles auf einer Münzschreibmaschine geschrieben, die er mit 10-Cent-Stücken füttern musste – bei 9,80 Dollar war sein Buch fertig. Dass diese Szenerie etwas Subversives hat, ist kein Zufall. Im Roman geht es zwar nicht ums Schreiben, aber desto intensiver ums Lesen: Der Besitz von Büchern ist in der von Bradbury geschilderten Gesellschaft verboten und Lesen eine staatsfeindliche Handlung, eigentlich ist jede Art selbständigen Denkens ein krimineller Akt.

 

Nun kennt man derartige Repressionen aus brutalen Diktaturen, und offenbar haben manche Rezensenten das Buch nur oberflächlich gelesen, bevor sie es in die Schublade staatlichen Zensurterrors einordneten. Das eigentlich Erschreckende an dem Roman ist jedoch die Tatsache, dass es keine politischen Maßgaben waren, die einst das Lesen von oben herab unter Strafe gestellt hätten, sondern dass der Terror aus der Mitte der Gesellschaft kam. Bradbury entwickelte seine dystopische Warnung (= seine Anti-Utopie) in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts aus der Beobachtung, dass die bequeme Berieselung durchs Fernsehen in weiten Bevölkerungsteilen das Lesen von Büchern ersetzte. Er stellte sich vor, was aus den Menschen würde, wenn diese Entwicklung nicht nur so weiter ginge, sondern sich technisch vervollkommnen würde: Mildred, Ehefrau des Feuerwehrmanns Guy Montag, hängt den ganzen Tag – nein, nicht vor der Glotze, sondern zwischen den Video-Wänden ihrer Wohnung, auf denen pausenlos Fernsehübertragungen mit Zuschauerbeteiligung stattfinden, so dass die fiktiven Personen auf den Wänden zur „Familie“ werden und die gespielte Wirklichkeit die konfliktträchtige Realität zunehmend wegmanipuliert.

 

Das Lesen von Büchern, in denen aber Konflikte thematisiert werden und das selbständige Denken des Lesers herausfordern, haben die Menschen nicht nur als mühsam und überflüssig unter Strafe gestellt, sondern es habe, so argumentieren die Gesetzeswächter, die Leser auch unglücklich gemacht. Damit alle Bürger gedankenlos glücklich sind, werden Feuerwehrmänner gerufen, wenn bei irgendwelchen subversiven Leuten Bücher auftauchen: die Männer mit dem Salamander auf der Dienstkleidung richten dann den Flammenwerfer auf das bedruckte Papier und vernichten damit auch die Gedanken. Dass Feuerwehrmänner einst Brände löschen statt legen sollten – daran erinnert sich kaum noch jemand. Mit der Vernichtung von Bibliotheken wurde freilich nicht nur kritisches Denken vernichtet, sondern auch jedes soziale und persönliche Bewusstsein. Die Menschen haben keine Kenntnis mehr von ihrer kulturellen und geistigen Geschichte. Sie haben über den leeren Vorspiegelungen der Fernseh“familie“ auch das Bewusstsein ihrer selbst verloren. Die völlig systemkonforme Mildred lebt in einem wattigen Zustand von Seelen- und Gefühllosigkeit und stopft sich, ohne es wahrzunehmen, mit Tabletten voll, weil etwas in ihr diesen Zustand gar nicht erträgt. Die Ambulanz, die Guy Montag in letzter Minute rufen kann, damit sie Mildreds Magen auspumpt und ihr das Leben rettet, ist praktisch rundherum im Dauereinsatz und findet das ganz normal.

 

Nun hätte Bradbury diesen sozialen Zustand nicht in einem spannenden Erzählwerk schildern können, wenn ihm nicht widerborstige Gegenspieler eingefallen wären, die sich als mutige Individuen gegen den allgemein akzeptierten Wahnsinn wenden. Mehr noch, man kann davon ausgehen, dass seine eigenen, in früher Kindheit begonnenen Leseerfahrungen ihn dazu drängten, mit „Fahrenheit 451“ ein Plädoyer gegen den Stumpfsinn und für kritisches Denken zu halten. Den Konflikt zwischen einer leer und taub gewordenen Gesellschaft und dem allmählich sich davon distanzierenden Einzelgänger, der sich in Lebensgefahr bringt, machte Bradbury fest an Guy Montag, der zu Beginn noch ein typischer Protagonist der staatserhaltenden Bücherverbrennungsmaschinerie ist. Auf seinem nächtlichen Nachhauseweg lernt er die 17-jährige Clarisse kennen, die fast auf ihn gewartet zu haben scheint und ihm mit entwaffnender Unbefangenheit eine Idee davon vermittelt, dass man auch ohne Dauerfernsehen und bewusstlosen Konsum leben kann. Wenn sie spricht, gibt sie etwas von sich preis, erwartet sie eine neugierige, denkende Distanz auch von ihrem Dialogpartner. Statt der Kunstwelt überdimensionaler Zahnpastareklamen und der Fernseh-Ersatzfamilien ist sie naturverbunden und hält Montag eine Löwenzahnblüte unter die Nase.

 

Clarisse scheint durch ihre bloße Existenz in Montag eine latente Bereitschaft zu Distanz und Selbstfindung zu wecken. Das einschneidende Erlebnis hat er jedoch, als er und seine Kollegen zu einer alten Frau gerufen werden, bei der Denunzianten eine ganze Bibliothek gefunden haben: Von Montag aufgefordert, das Haus zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen, weigert sie sich und zündet schließlich selbst das Streichholz, mit dem sie und ihre bereits kerosingetränkten Bücher die Vernichtung finden. Montag ist krank nach diesem Vorfall, er kann nicht mehr zur Arbeit gehen. Hauptmann Beatty, sein Chef, sucht ihn auf, als er nicht zur Frühschicht erscheint: Beatty repräsentiert die ganze zynische Verlogenheit des Systems und den Zwang zur Selbstverstümmelung der Menschen, von dem diese Gesellschaft lebt. Beatty ahnt bereits, dass Montag der angepasste Feuerwehrmann nicht mehr ist, und er versucht, ihm die Flausen auszureden, indem er angeblich Verständnis zeigt für dessen Krise. In einem Monolog von heuchlerischer Verdrehung und Präzision erweist sich Beatty als brillanter Kenner von Literatur und Philosophie, der Montag intellektuell haushoch überlegen ist – nur um ihn davon zu überzeugen, dass man den ganzen Geisteskram endlich über Bord werfen muss, weil es nicht lohnt, sich damit zu belasten. Dabei schwingt stets ein Unterton von Drohung mit, der keinen Zweifel lässt: Wenn Montag jetzt nicht einsichtig wird und schnell noch umkehrt, wird es ihn das Leben kosten.

 

Und Montag kehrt nicht um, im Gegenteil. In einer Art naiver Tollkühnheit versucht er sogar, seine Frau Millie auf seine Seite zu bringen, was natürlich katastrophal misslingt. Millie ist entsetzt, als Montag, erfüllt von subversivem Eifer, ihr seine heimlich angelegten Bücherbestände offenbart, und er manövriert sich immer tiefer in eine ausweglose Situation, als er eines Abends die dämlichen Freundinnen seiner Frau mit einer Lyrik-Rezitation schockiert. Immerhin hat Montag inzwischen den alten Faber kennen gelernt, einen einstigen Wissenschaftler, der längst resigniert hat und fast wie in einem Versteck lebt. Faber blüht richtig ein bisschen auf angesichts von Montags Entschiedenheit, und um ihn in kritischen Situationen schützen zu können, versorgt er ihn mit einer winzigen Funkkapsel, die Montag sich ins Ohr steckt und eine Dauerverbindung der beiden Männer ermöglicht. Und das ist auch nötig, denn Millie und ihre Freundinnen haben Hauptmann Beatty über Montags Abwege informiert, und Beatty setzt zum Vernichtungsschlag an: Bevor er Montags soziale Existenz zerstört, zwingt er ihn zu einem letzten Verbrennungsauftrag – in Montags eigenem Haus, das Millie zuvor, halb verrückt von der unvorhergesehenen Entwicklung, fluchtartig verlassen hat. In einer dramatischen Szene richtet Montag den Feuerstrahl plötzlich nicht mehr auf die Bücher, sondern auf Beatty und tötet ihn.

 

Montag muss jetzt fliehen und findet dank Fabers Hinweisen in der Nacht weit außerhalb der Stadt jene Gesellschaft von Dissidenten, zu denen er von nun an gehört: Jeder von ihnen vertritt ein großes Werk der Weltliteratur, das auf diese Weise gerettet wird, denn der Text ist abrufbar in ihren Köpfen. Währenddessen bricht Krieg aus, und die Stadt der Bücherfeinde und Feuerwehrmänner wird wie in einem biblischen Menetekel zerstört. Die Zukunft, so deutet Bradbury an, gehört denen, die sich widersetzt haben und die nun eine neue Gesellschaft entstehen lassen.

 

Das Buch ist ein mitreißendes Plädoyer für das Lesen und für Bücher. Es gibt Szenen von erschreckender Schärfe und Genauigkeit, deretwegen man „Fahrenheit 451“ nicht mehr missen möchte. Aber der Roman hat auch unwiderlegbare Schwächen. Zwar basiert Bradburys in die Zukunft gerichtete Gesellschaftskritik auf einer großartigen Beobachtungsgabe, und die Geschichtslosigkeit der Menschen, beziehungsweise das Vergessen ihrer einst bedeutenden Geistesgeschichte erscheinen völlig plausibel. Aber dieser entfremdete Zustand wird nur festgemacht an wenigen Personen, die alle in einer übertechnisierten Stadt leben. Was ist das für ein Staatsgebilde, in dem die Stadt eine von vielen ist? Wie sieht es anderswo im Land aus? Oder ist die Stadt schon das ganze Land? Woher dann kommt der Krieg, der zwar relativ früh angedeutet wird und der trotzdem gegen Ende wie an den Haaren herbeigezogen wirkt? Wer hat ihn erklärt und warum? Trotz dieser strukturellen Unklarheit ist Bradburys Beschreibung im Detail von gewaltiger, archaischer  Sprachkraft: „Der Luftdruck fegte über den Fluss und diesen entlang und legte die Männer um wie eine Reihe Dominosteine... Montag ... presste sich zusammen, die Augen fest geschlossen. Ein einziges Mal zwinkerte er. Und dabei sah er die Stadt, statt der Bomben, in der Luft... Einen unwahrscheinlichen Augenblick lang stand die Stadt, neu erbaut und unkenntlich, höher, als sie je hatte sein wollen, höher, als der Mensch sie gebaut hatte, letzten Endes aus Klumpen von zertrümmertem Beton und Funken von zerrissenem Stahl aufgeschichtet zu einem Fresko, das wie eine umgekehrte Lawine herabhing, kunterbunt und kraus durcheinander, mit einer Tür, wo ein Fenster hätte sein sollen, einem Dach anstelle des Bodens, einer Vorderseite, wo die Rückseite hingehörte, und dann sackte die Stadt zur Seite und fiel tot zusammen. Das Todesröcheln kam später.“

 

Als Schwäche erscheint heute auch die unreflektierte Polarität von seelenloser Zivilisation und kraftvoller Natur. Freilich konnte Bradbury damals nicht ahnen, dass es wenige Jahrzehnte später eine unberührte Natur in der Realität nicht mehr geben würde. Bei ihm sind es noch die Natur und die Einfachheit animalischer Erfüllungen, die den Dissidenten Lebensraum garantieren und letztlich zur Erneuerung führen. Auch Clarisse und ihre Familie, von denen es schon lange zuvor unvermittelt heißt, sie seien tot, vielleicht überfahren, vertreten diese beseelte, naturhafte Gegenwelt. Man könnte fast neidisch werden, wenn zu Beginn auf Montags Nachhauseweg in der nächtlichen Stadt der Mond scheint... Von Lichtverschmutzung und pausenloser urbaner Aktivität ist nirgends die Rede. Die Gegensätzlichkeit zwischen der gefühllosen Brutalität der Bücherfeinde und der solidarischen Gemeinschaft der Dissidenten, die ihre kargen Mahlzeiten am offenen Feuer braten, tritt am eindrücklichsten in Erscheinung mit dem Schreckensinstrument des „Mechanischen Hundes“, der unangepasste Individuen und aufsässige Gesetzesbrecher aufspürt und beseitigt.

 

Diese unheimliche Apparatur verfolgt ihre Opfer mit einem Geruchssinn, der noch winzigste Spuren erkennt – kein Versteck eines Flüchtenden ist vor der Bestie sicher, die im Grunde eine Tötungsmaschine ist. Wenn der Hund das Opfer in den weichen Pfoten gepackt hat, schiebt sich blitzschnell eine zehn Zentimeter lange Hohlnadel aus seinem Maul und tötet es mit einer Procain-Injektion. Nachdem Montag Clarisse kennen gelernt hat, reagiert der Hund, der stets auf der Feuerwache zur Verfügung steht, auf seine flüchtige Berührung mit unerklärlicher Drohhaltung, so als könne er bereits die Veränderung in Montags Mentalität wahrnehmen, und später wird der Hund tatsächlich auf ihn angesetzt – Montag entkommt ihm nur mit knapper Not.

 

Bradbury beschreibt die sadistische Maschine mit bestürzender Intensität: „Der Mechanische Hund schlief und schlief doch nicht, lebte und lebte doch nicht, in seiner sachte summenden, sachte vibrierenden, sanft erhellten Hütte in einem dunklen Winkel der Feuerwache... Ständig lief ein kaum wahrnehmbares Zittern durch die Kreatur, die auf acht Spinnenbeinen stand, mit gummigepolsterten Pfoten...“ Montags  Kollegen vertreiben sich manchmal die Zeit damit, dass sie Hühner, Katzen oder kleine Nagetiere von dem Hund erwischen und töten lassen: Montag „...hörte sich die Lachsalven von drunten an, das Huschen der Ratten, das Flageolettgepiepse der Mäuse, die gespannte Stille des Spürhundes, der wie ein Schatten zusprang und ... sein Opfer fand, festhielt, die Nadel hineinbohrte und dann in seine Hütte zurückkehrte, um dort reglos zu erstarren.“ Montag stellt eines Abends fest, dass der Hund auf ihn reagiert: „Montag berührte die Schnauze. Ein Knurren des Hundes. Montag fuhr zurück. In der Hütte drin erhob sich der Hund halbwegs und funkelte ihn mit den plötzlich lebendig werdenden, blaugrünen Neonlichtern an. Abermals drang ein heiseres Knurren aus dem Tier... ‚Nein, nein, mein Bester’, sagte Montag mit klopfendem Herzen. Er sah, wie die Stahlnadel sich einen Fingerbreit hervorschob, zurückzog, hervorschob, zurückzog. Das Knurren in dem Tier brodelte weiter; es schaute ihn immer noch an.“

 

Leider ist die deutsche Übersetzung des Schweizer Literaturwissenschaftlers Fritz Güttinger (1907-1992) wenig prägnant, in der „Fahrenheit 451“ erstmals im Verlag Die Arche 1962 erschien und seither zahllose Ausgaben erlebte. Güttinger, dessen Verdienste unbestreitbar sind (so publizierte er 1944 die erste vollständige deutsche Übersetzung von Herman Melvilles Roman „Moby Dick“), bemühte sich offenbar um ein möglichst glattes, kantenloses Alltagsdeutsch und ebnete mit einer gewissen Gleichgültigkeit ein, was Bradbury an sprachlicher Originalität aufbrachte. Hält man sich die Situation von Übersetzern vor Augen, die unter enormem Zeitdruck und meist miserabler Bezahlung ihre Arbeit tun, ist das vielleicht kein Wunder, aber dennoch bedauerlich.

 

Als Montag auf seinem Nachhauseweg Clarisse zum ersten Mal richtig anschaut, heißt es bei Güttinger: „Er erblickte sich in den Augen des Mädchens wie in zwei hellen Wassertropfen schwebend, er selber dunkel und winzig, mit allen Einzelheiten, den Furchen um den Mund, alles ganz deutlich, als wären die Augen zwei wundersame Stücke veilchenfarbenen Ambers, der ihn umschließen und verewigen könnte. Das Gesicht, das Clarisse ihm jetzt zuwandte, strahlte ein sanftes und beständiges Licht aus. Es hatte nicht das Krampfhafte des elektrischen Lichts – was war es nur?“Im Originaltext klingt das präziser und zugleich weniger gestelzt: “He saw himself in her eyes, suspended in two shining drops of bright water, himself dark and tiny, in fine detail, the lines about his mouth, everything there, as if her eyes were two miraculous bits of violet amber that might capture and hold him intact. Her face, turned to him now, was fragile milk crystal with a soft and constant light in it. It was not the hysterical light of electricity but – what?”

 

Ganz abgesehen von dem Begriff „amber“, um den Güttinger sich herumgedrückt hat (Bradbury meinte sicherlich „Bernstein“, den es in der Tat sehr selten mit violettem Schimmer gibt) ließe sich das Missverhältnis zwischen deutschem und Originaltext Zeile für Zeile durch den ganzen Roman verfolgen, und wer das Glück hat, beide Ausgaben nebeneinander zu lesen, sollte diese Chance nicht vorbei gehen lassen. Natürlich wird man dabei auch konstatieren, dass es für manche Begriffe kein deutsches Äquivalent gibt und dass ein Übersetzer schon mit dem ersten Satz scheitern kann: „It was a Pleasure to Burn“ heißt es bei Bradbury – bei Güttinger: Es war eine Lust, Feuer zu legen.“ Das ist natürlich nicht verkehrt, aber der Satz, so nachdrücklich und kristallklar im Englischen, hält im Deutschen den Leser nicht fest, man liest drüber weg. Man könnte „pleasure“ mit „Freude“ übersetzen, was eher das ästhetische Vergnügen andeuten würde, mit dem Guy Montag eigentlich seinen Beruf ausübt und das Bradbury selbst sicherlich bei der Beschreibung des Brandvorgangs empfunden hat. Aber wie dann weiter? „Burn“ – diese eine Silbe erfordert im Deutschen einen umständlichen Halbsatz, um nicht missverständlich zu sein. Und was macht man mit einem plötzlich so doppeldeutigen Wort wie „fireman“? Bei Bradbury geht es ja eigentlich nicht um „Feuerwehrmänner“, sondern um Feuermänner, aber auch die heißen im Englischen eben „Firemen“. Die Eleganz, mit der Bradbury den Begriff in seiner Bedeutung einfach umkehren konnte, wäre einem deutschen Autor verwehrt gewesen. Bradburys Fantasie und zukunftsweisende kritische Haltung wohl auch.

 

Info:

Benutzt wurden folgende Ausgaben:

- Reclam Fremdsprachentexte Ray Bradbury „Fahrenheit 451“, herausgegeben und mit einem Nachwort von Norbert Köhn, Stuttgart 1991, 247 Seiten, ISBN 3-15-009270-1

- Heyne Taschenbuch, München 1990, nach der Ausgabe im Verlag Die Arche, Zürich, Ray Bradbury, „Fahrenheit 451“, aus dem Englischen von Fritz Güttinger, ISBN 3-453-04537-8.

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