Rolf Bergmann

Der Taxi-Roman "422 -Vier-zwo-zwo"

 


Mannheim, der Wasserturm - einige Taxifahrten in Rolf Bergmanns Roman beginnen in dieser Umgebung mitten in der City
Foto:
Wikimedia Commons/ Rudolf Stricker

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Literatur/BergmannRolf-Taxiroman.html

Sitemap

Übersicht Literatur

 

21-03-2013

Zwischen Mannheim und Meersburg

„422 Vier-zwo-zwo“ – ein Roman von Rolf Bergmann aus der Welt der Taxifahrer

 

Von Christel Heybrock

 

Ein Grobian in grüner Weste hat auf der Suche nach einem dicken Klunker-Ring ein Taxi in Mannheim gekapert und ist damit bis nach Meersburg gefahren. Dort bedroht er nun den ehemaligen Fahrer des Wagens, aber der hat den Ring nicht. Die Sache ist die, dass der kostbare Brilli von just jenem Raubein namens Strunz vor einer Weile einem Mannheimer Taxifahrer als Pfand überlassen worden ist, weil Strunz kein Geld in der Tasche hatte. Wie wird das nur ausgehen, beginnt damit eine Räuberpistole voll rasanter Verfolgungsszenen und turbulenter Verwicklungen? Vielleicht eine Mischung aus Rotlichtszenen-Krimi und literarischem Roadmovie?

 

Nun ja, es ist schon irgendwie alles drin in Rolf Bergmanns Taxi-Roman „422 Vier-zwo-zwo“ (womit die Nummer des Wagens bezeichnet wird) – aber der Versuchung eines Krimis mit künstlich getrimmter Spannung erliegt Bergmann nicht, und das ist das Wunderbare an diesem grundehrlichen, mitreißenden, flott und intelligent geschriebenen Buch aus der Welt der Taxifahrer, die der Autor aus eigener Erfahrung kennt. Rolf Bergmann, 1942 in Dresden geboren, wo er seit 2006 wieder lebt, hat eine bewegte Berufslaufbahn hinter sich. Nachdem er 1961 in den Westen nach Frankfurt/Main gekommen war, hatte er ein Germanistikstudium in München begonnen und einen bislang unveröffentlichten Roman geschrieben („Pierrot“). 1971 wurde er Angestellter in der Touristikbranche, die er zuvor als Korrespondent beliefert hatte und aus der er sich selber wieder herauskatapultierte, indem er ein Computerprogramm entwickelte, das seine Position entbehrlich machte. Immerhin konnte er seine einschlägigen Erfahrungen zu dem bitterbösen Roman „Cuba libre in Benidorm“ nutzen, der 1977 als Fischer Taschenbuch in der Reihe „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ erschien. (Der Werkkreis existiert immer noch, aber der Fischer Taschenbuch Verlag stieg 1986 wegen mangelndem Absatz aus dem Projekt aus.)

 

Bergmann hat sich wahrlich den Wind der deutschen Arbeitswelt um die Nase wehen lassen, er war Lektor, Journalist, Studienleiter einer Schreibakademie und 1993 für einige Zeit Taxifahrer in Mannheim, wo er insgesamt 22 Jahre lebte. Nach seinem im Jahr 2000 erschienenen Bericht „Der Mann mit der Plastiktasche“ über den Mannheimer „Kulturbürger“ Ernst Kolb (1927-1993), ein seinerzeit stadtbekanntes Original, forscht er zur Zeit weiter über Kolb und hat bereits Erstaunliches herausgefunden – zu Bergmanns Qualitäten als Autor gehört eben penibles Recherchieren von Tatsachen, auch wenn die sich dann als flüssige Erzählung lesen lassen.

 


Cover von Rolf Bergmanns Taxi-Roman - hier ist alles drauf, was im Buch vorkommt: der Wagen 422, ein Stadtplan der Mannheimer Quadratstruktur in der City, und im Hintergrund das Stadttor von Meersburg.

 

Just diese Qualität muss man auch seinem Taxiroman bescheinigen, den man zunehmend gespannt herunterliest und schließlich mit Bedauern aus der Hand legt: Wie schade, dass er schon zu Ende ist, man hätte noch Wochen lang weiterlesen mögen... Dabei verarbeitete Bergmann darin gar nicht mal seine eigenen Erfahrungen als Taxifahrer, sondern vor allem die zweier Kollegen, des Nachtfahrers Jörg und des Tagfahrers Frank – beides im Grunde Studenten, die nur nebenbei ihr Studium damit finanzieren wollen, aber schließlich im Arbeitsleben hängen bleiben. Und Frank, der lockenköpfige Betriebswirtschaftler, ist eben der, dem der eingangs erwähnte ausgerastete Kerl den dicken Ring als Pfand angedreht hat, nachdem er die 17,40 Mark für die Fahrt nicht hat bezahlen können. Der Ring freilich ist echt und eine Menge Geld wert, aber leider gerät Strunz, der wutschnaubende Rumpelstilz, versehentlich an Jörg, den es von Mannheim inzwischen nach Meersburg verschlagen hat.

 

Ach, es klingt alles so kompliziert und ist doch so federleicht bei Bergmann zu lesen, so leicht und nachdenkenswert zugleich. Das Buch basiert auf Tonbandaufnahmen von Jörg und Frank, und was die berichten, geht einem mitunter richtig unter die Haut. Wer als normaler Fahrgast davon ausgeht, dass Taxifahren doch eigentlich eine ziemlich öde Angelegenheit sein muss, bei der halt diverse anonyme Leute mal kurzfristig von A nach B gelangen müssen, der staunt hier manchmal nicht schlecht. Es sind nicht nur die Bedingungen, die einem Taxifahrer vonseiten des Arbeitgebers das Leben mitunter etwas unübersichtlich machen, es sind tatsächlich auch die Passagiere. Selbst der ziemlich gerissene Frieder Zobel, dem das Taxiunternehmen gehört, weiß seinen Mitarbeitern zu erzählen, wie einst ein piekfeiner Herr sich von ihm zum Frankfurter Flughafen kutschieren und seinen Koffer im Fahrzeug ließ mit der Bemerkung, er müsse nur eben seine Reservierung bestätigen und komme gleich zurück – was er dann nicht tat... und der Koffer entpuppte sich als Behältnis für in Zeitungspapier gewickelte Ziegelsteine.

 

Nun sollte man als Leser, der Taxifahrten nur aus der Perspektive von Beifahrer- oder Rücksitz her kennt, vielleicht vermuten, dass bestenfalls Nachtfahrten zu ungewöhnlichen Erlebnissen des Fahrers beitragen könnten – aber dem ist nicht so, schließlich gehört die Sache mit Strunz und dem Ring in die Kategorie Tagfahrt und beginnt völlig harmlos damit, dass Frank eigentlich nur in einer Kneipe einen Schlüssel abholen und sonst wohin befördern soll. Der Schlüssel jedoch ist fatal verknüpft mit dem Rambo Strunz, der die ganze Fahrt über von seiner „Schnecke“ faselt, seiner, wie sich herausstellt,  knackigen Freundin, die am andern Ende der Stadt auf diesen Gegenstand wartet. Das Taxi kann aber auch sie nicht bezahlen, und bevor Strunz endlich den bewussten Ring als Pfand heraus rückt, schlägt er stattdessen noch vor, der Taxifahrer dürfe „mal drüber über meine Schnecke. Das ist was Besonderes, da lass ich sonst nicht jeden ran.“

 

Es scheint für Frank ein Tag voll Pech gewesen zu sein, denn zuvor hat er für die Damen eines Rotlicht-Etablissements Eis holen sollen – in der Fußgängerzone in der Innenstadt, wo er prompt beim Falschparken erwischt wird. Verkettung unglücklicher Umstände: Das Eis schmilzt ihm im Wagen, er muss aus eigener Tasche neues besorgen, während die Damen allmählich wütend werden. Und das Pech scheint auch sonst an Frank zu kleben – irgendwann baut er einen Unfall und kommt dem Rauswurf aus der Firma zuvor, indem er einen Lebenstraum verwirklicht und sich nach New York absetzt (wo er auch wieder Taxi fährt).

 

Jörg dagegen, der Nachtfahrer, Germanistikstudent und Märchenforscher, der seine Doktorarbeit über Dornröschen schreiben will, hat privat etwas Pech mit Frauen und in seinem Taxi gelegentlich Anlass zum Rätseln. Da ist nicht nur die muntere Abendgesellschaft, die eine Ehrenrunde am Bismarckdenkmal drehen will, weil sie den bronzenen Reichskanzler einst mit Eiern beworfen hat. Da ist auch die ziemlich ramponierte, blutverkrustete Frau, die ihren wortkargen Partner während der gesamten Fahrt wüst beschimpft und aus dem Wagen werfen will. Am Ziel wirft sie ihm die Haustür vor der Nase zu: Der Mann drückt ungerührt auf die Klingel, und „plötzlich öffnete sich die Haustür wie von Zauberhand ohne Beschimpfung und der Mann verschwand im Haus.“ Was soll ein Taxifahrer denken angesichts eines dermaßen abartigen, masochistischen Spiels? Aber richtig gefährlich wird es für Jörg, als er von einem durchgeknallten Fahrgast in eine menschenleere Gegend dirigiert wird. Der Mann geizt auch nicht eben mit Morddrohungen, und obwohl Jörg mit einer Geheimabsprache seine Kollegen informieren kann, verfolgt man die Passage mit atemloser Spannung.

 


Das Fürstenhäusle in Meersburg (Südseite), 1843 erworben von der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Die spielt in Rolf Bergmanns Roman auch eine Rolle, und Taxifahrer Jörg beginnt mit der schönen jungen Lisa just in diesem Umfeld ein neues Leben.

Foto: Wikimedia Commons/ Stefan-Xp

 

Jörg hat dann irgendwann das große Los gezogen. Ein Fahrgast aus der Versicherungsbranche lässt sich von ihm bis nach Friedrichshafen am Bodensee fahren, und Jörg nutzt die Gelegenheit, sich dort nach einer Frau umzusehen, die er kürzlich in Mannheim gefahren und die ihm per Post einen geheimnisvollen Hinweis geschickt hat. Die beiden finden sich tatsächlich, eine zarte, zauberhafte Liebesgeschichte entwickelt sich, und Jörg kommt gar nicht mehr nach Mannheim zurück. Er wird erwachsen, er löst sich aus den Zwängen seines bisherigen Lebens wie aus einem „Zauberturm“, in dem er gefangen war, er löst sich nicht nur von seinem Arbeitgeber, der ständig die Rolle eines Übervaters spielt, sondern auch von der Vorstellung, unbedingt promovieren zu müssen. Und so beginnt und endet das Buch in Meersburg, aber ohne dass dabei gewaltsam eine Kreisstruktur konstruiert würde.

 

Um die Leichtigkeit und Geschicklichkeit von Bergmanns Romanstruktur überhaupt zu erfassen, sollte man vom Ende aus den Beginn noch einmal durchlesen. Unaufdringlich gelingt es dem Autor, auch sich selbst und seinen Sohn Philipp in die Handlung einzubringen, die lose zwischen Jörg und Frank, zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselt und mittendrin auch noch die Handlungslinie mit Strunz zu einem guten Ende bringt, jenem ausgerasteten Kerl mit der Schnecke und dem Brilli. Frank, mal eben aus New York zurück in Mannheim, erfährt besorgt, dass Strunz hinter ihm her ist – den Ring hat Frank nämlich in New York versetzt, der ist futsch ... bis sich herausstellt, dass Strunz sich nach Saarbrücken hat fahren lassen und von dort aus wohl in Frankreich seinen obskuren Geschäften nachgeht. Wer freilich zur Orientierung eine schnurgerade sich abspulende Handlung braucht, kann schon mal ins Stutzen kommen, weil es nach diesem Endpunkt damit weitergeht, dass Vergangenes wieder aufgegriffen und die Themen wie in einer Fuge weitergeführt werden. Die mal kürzer, mal länger gesponnenen Handlungsfäden sind in feinen, spiraligen Bögen angelegt, die manchmal zusammenfinden, manchmal nicht, und gerade das dürfte für neugierige Leser das Vergnügen noch steigern.

 

Info:

Rolf Bergmann, „422 Vier-Zwo-Zwo. Ein Taxi-Roman“, Marsilius Verlag, Speyer 2003, 280 Seiten, Preis 13,80 Euro, ISBN3-929242-32X
kostenlose counter