Kurfürst Friedrich V., der "Winterkönig"


Zwei Staatsporträts im Kurpfälzischen Museum Heidelberg (Dauerleihgabe des Landes Baden-Württemberg) - der pfälzische Kurfürst Friedrich V. und seine Frau Elizabeth Stuart, Tochter des englischen Königs. Die Bilder wurden von Gerrit (Gerard) van Honthorst im holländischen Exil gemalt, wohin das Paar nach dem Desaster in Böhmen fliehen musste. Honthorst hat die beiden mehrfach porträtiert. Das 1634 vollendete Doppelbildnis sollte dabei den prinzipiellen politischen Anspruch auf die Königswürde unterstreichen, obgleich Friedrich bereits zwei Jahre zuvor gestorben war. Honthorst stellte den gescheiterten Herrscher mit Königskrone, Zepter und Reichsapfel dar, im Hermelinmantel über der Rüstung. Elizabeth dagegen steht in höfischer Witwenrobe da, neben ihr auf dem Tisch die gleichen Insignien der Macht, wobei der Reichsapfel umgekippt ist.
Fotos: Kurpfälzisches Museum Heidelberg

 

Im Frühjahr 2007 tauchte im Kunsthandel dieses Porträt Friedrichs V. auf, das die Gesellschaft der Freunde Mannheims und der ehemaligen Kurpfalz auf einer Auktion für nur 5000 Euro zugunsten der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen erwerben konnte. Der Maler des anspruchsvollen, feinen Porträts ist unbekannt. Andreas Krock, Leiter der Gemäldeabteilung des Museums, datiert es anhand des kurpfälzischen Wappens oben links sowie anhand einer Inschrift auf die Zeit um 1621-1623, als Friedrich bereits im Exil lebte, aber die Kurwürde noch nicht verloren hatte. Stilistisch ordnet er es dem Umfeld des holländischen Hofmalers Michiel van Mierevelt zu. Das Bild, eine Malerei auf Holz,  zeigt Friedrich nicht als Herrscher, sondern halb privat als ansehnlichen, selbstbewussten Herrn - zusammen mit  Elizabeth Stuart gaben die beiden sicherlich ein schönes Paar ab. Friedrich trägt hier einen goldbestickten Rock mit duftigem Spitzenkragen sowie an einem Band vor der Brust den englischen Hosenbandorden. Friedrichs Bedeutung für Mannheim bestand unter anderem darin, dass er als Erbprinz den Grundstein zur Friedrichsburg legte, die heute noch (obwohl längst nicht mehr existent) die Struktur der Stadt prägt.

Foto: Reiss-Engelhorn-Museen

 

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12-09-2005

 

Verfolgt vom Pech, von Ehrgeiz getrieben

Das Schicksal des  „Winterkönigs“, des Pfälzischen Kurfürsten Friedrich V., und seiner Frau Elizabeth Stuart

 

Von Christel Heybrock 

 

Mit hohem Einsatz gespielt und alles verloren - wenn es allein um den pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. (1596-1632) gegangen wäre, hätte man sein Leben wohl auf diese Quintessenz bringen müssen. Aber nebenbei (oder doch eher ursächlich?) führten Pech und Ehrgeiz des jungen Herrschers zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, der halb Europa verwüstete. Der Beginn des kontinentalen Desasters allerdings wird mit dem berühmten Prager Fenstersturz bereits ins Jahr 1618 datiert – und damals freute sich der eben 22-jährige Kurfürst auf dem Heidelberger Schloss über die Geburt seines zweiten Sohnes Karl Ludwig und ahnte noch nicht, dass eben Karl Ludwig und nicht der vier Jahre zuvor geborene Friedrich Heinrich dereinst die Pfalz regieren würde. Er ahnte auch noch nichts von den Wirren, die er selber auslösen und in denen er sich tödlich verstricken sollte.

 

Dass es in Prag aber offen gärte, das war auch im fernen Heidelberg klar. Das Königreich Böhmen wurde traditionsgemäß in Personalunion vom habsburgischen Kaiser in Wien regiert, beziehungsweise von dessen designiertem Nachfolger, aber die protestantischen Böhmen hatten ein Widerspruchsrecht, wenn ihnen der Herrscher nicht passte. Und dass der, der nun das Sagen haben sollte, ihnen alles andere als recht war, daran gab es keinen Zweifel: Kaiser Matthias, alt, krank und müde, hatte ihnen seinen stramm katholischen Adoptivsohn Ferdinand von Steiermark vor die Nase gesetzt, der im Sommer nach Matthias’ Tod (März 1619) als Ferdinand II. den Kaiserthron bestieg und fortzusetzen gedachte, was er in Böhmen begonnen hatte: Er rekatholisierte seine Untertanen. Die rebellischen Stände und einflussreichen protestantischen Familien machten ihr Recht geltend und erklärten Ferdinand schlicht als abgesetzt, aber wer sollte die Prager Wenzelskrone gewinnen?

 

Bereits im November 1618 war dafür Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz im Gespräch. Protestantisch-kalvinistisch aus Erziehung und Überzeugung, führte er die Union protestantischer deutscher Fürstentümer gegen die katholische Liga an (deren Vertreter sich in seiner eigenen Familie fanden) und konnte nicht nur seinen hohen Rang einsetzen, sondern auch eine enge Verbindung zu England: Seine bildhübsche junge Frau Elizabeth Stuart, Enkelin der unglücklichen Mary Stuart, war die älteste Tochter des englischen Königs James I., der mit dieser Ehe bewusst den protestantischen Einfluss auf dem Kontinent hatte stärken wollen. Nun, da er davon hörte, dass seinem ehrgeizigen Schwiegersohn das Königreich Böhmen angeboten würde, war er jedoch alles andere als beglückt, und es hat wohl niemand von Verstand gegeben, der dem pfälzischen Kurfürsten nicht von dem riskanten Abenteuer abriet: Man befand sich damit ja in direkter Rivalität zum Kaiser, hatte sämtliche katholischen Fürsten gegen sich und konnte angesichts der unruhigen Mentalität der neuen Untertanen auch jederzeit wieder abgesetzt werden.

 

Am 28. August 1619 wählten die Kurfürsten (alle außer Friedrich V.) Ferdinand zum neuen Kaiser – es hatte einfach keinen anderen Kandidaten gegeben. Noch am selben Tag kam die Nachricht von der Absetzung Ferdinands als König von Böhmen und von der Wahl Friedrichs V. an dessen Stelle. Einen Monat später nahm Friedrich die Wahl auch an; sein Biograf Peter Bilhöfer, einer der besten Kenner der Materie, ist heute überzeugt, dass er sich aus religiösen Gründen dafür entschied und einer „göttlichen Berufung“ folgen wollte. In der Opferrolle dürfte der Kurfürst sich aber nicht gesehen haben, vielmehr fand er sicher die Chance zu machtvollem politischem Einfluss und einer Erhöhung seines Rangs in Europas Herrscherhäusern. Hatte nicht seine dänische Schwiegermutter ein bisschen recht, die Ehe mit Elizabeth als Mesalliance zu betrachten? Kam ihm nicht als Herrscher über das wohl bedeutendste deutsche Kurfürstentum die Königskrone einfach zu?

 

Bilhöfer berichtet, dass Friedrich mit seiner Frau und einem Hofstaat von 568 Personen am 7. Oktober 1619 von seiner Residenz in Heidelberg aufbrach, um sich in Prag krönen zu lassen. Unterwegs ersuchte ein kaiserlicher Abgesandter noch höflich um eine Unterredung, aber Friedrich ließ ihn in eiskalter Arroganz abblitzen. Nachdem der neue König am 4. November 1619 im Prager Veitsdom gekrönt worden war und er seine Untertanen in Augenschein nahm, stellten sich bald unüberbrückbare Gegensätze heraus. Weder er noch Elizabeth sprachen Tschechisch. Der aufwändige Lebensstil des Paares, Elizabeths französische Roben und der brutale kalvinistische Eifer von Friedrichs Hofprediger sorgten für tiefes Befremden in der Bevölkerung, und die Huldigungsfahrt in die Kronländer Mähren, Schlesien und die beiden Lausitzen im Januar 1620 geriet eher zum Debakel: Weit entfernt von Huldigungen, verweigerten ihm etliche Städte und tschechische Würdenträger die Anerkennung.

 

Derweil waren auch die katholische Liga der deutschen Fürsten und der Kaiser nicht faul und sammelten ein Heer vor den Toren Prags, wo es am Weißen Berg am 8. November 1620 zur Schlacht gegen Friedrichs mageres militärisches Aufgebot kam. Nach einer guten Stunde nur stellte sich heraus: Es war sein politisches Ende. Sein Schwiegervater und die protestantischen Fürsten hatten sich aus der zweifelhaften Sache heraus gehalten, spanische Truppen waren in die Pfalz eingerückt, die schon Monate zuvor unter Friedrichs wachsenden Ansprüchen zahlungsunfähig geworden war, und in der Niederlage zerstoben die letzten Hoffnungen. Das Kurfürstenpaar musste fliehen – etwas länger zwar als einen Winter hatte der nun allerorten (vor allem von Jesuiten) als „Winterkönig“ verhöhnte Friedrich sich gehalten, aber es war aus mit ihm. Im Januar 1621 sprach Kaiser Ferdinand die Acht über ihn aus, derweil der Krieg sich ins Land fraß und 1623 sein katholischer Vetter Herzog Maximilian von Bayern die Kurfürstenwürde und die Pfalz bekam. Die Prinzen von Oranien in Holland, Friedrichs Onkel und Neffen, waren die einzigen, die den Flüchtigen dauerhaft (und einigermaßen standesgemäß) ein Exil boten.

 

Zwei, drei Getreue im Reich gab es wohl, die für Friedrich zumindest die Kurpfalz zurück erobern wollten, und einer von ihnen gehört zu den schillerndsten Figuren der Zeit: Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel, genannt „der tolle Christian“ oder der „Halberstädter“ (1599-1626). Flotter Haudegen, hatte er einen Handschuh der von ihm vergötterten Elizabeth an den Helm gesteckt und zog „Pour Dieu et pour elle“ ins Feld – freilich nicht besonders erfolgreich. Derweil war Elizabeth fast ständig schwanger, gebar im Laufe der Zeit 13 Kinder (von denen der noch in Heidelberg Erstgeborene Friedrich Heinrich 1629 durch einen Unfall in der Nähe von Haarlem ertrank), und bewirtete die Exilregierung ihres Mannes. Niemals hat Friedrich sich mit seiner Entmachtung abgefunden. Aus dem Exil knüpfte er ständig Verbindungen, schrieb Briefe, intrigierte, drohte, gab ein wenig nach, sollte katholisch werden, um die Pfalz zurück zu bekommen, und lehnte strikt ab. Noch 1622 hatte er versucht, sich mit einem Heer dem Grafen Tilly, dem militärischen Führer der katholischen Liga, entgegen zu stellen und seine Erblande zurück zu gewinnen – vergeblich. Aber, wie Bilhöfer berichtet, war Friedrich am 18. Juni 1622 eilig auf dem Heidelberger Schloss zugange und organisierte den Transport von Wertgegenständen und Dokumenten, so dass Tilly bei der Eroberung Heidelbergs im September des Jahres ein leeres Schloss vorfand.

 

Seine entscheidende Chance sah Friedrich 1631 in den Siegeszügen Gustav Adolfs, dessen Bayernfeldzug er 1632 mit machte. Beider Wege trennten sich jedoch, nachdem der Schwedenkönig Friedrichs Unterwerfung gefordert hatte: Er sollte die Pfalz als Lehen aus schwedischer Hand erhalten! Friedrich, am Ende seiner physischen und psychischen Kraft, begab sich auf den Rückweg nach Den Haag und machte im Oktober 1632 im schwedisch besetzten Mainz Station. Am 29. November, zwei Wochen nachdem Gustav Adolf in der Schlacht von Lützen gefallen war, starb er dort an einer Pestinfektion; seine Eingeweide wurden zwar in der Oppenheimer Katharinenkirche beigesetzt, aber sein Sarg wurde 1637 Hals über Kopf nach Sedan verbracht und ging in den Kriegswirren verloren. Elizabeth jedoch überlebte den geliebten Gatten um gute 29 Jahre, pflegte Erinnerungen und kehrte im Mai 1661 nach England zurück. Im Februar 1662, fast genau zu der Zeit, in der sie 49 Jahre zuvor den jungen Kurfürsten geheiratet hatte, starb sie mit 66 Jahren an einer Lungenentzündung in London.

 

Info:

- „Der Winterkönig. Heidelberg zwischen höfischer Pracht und Dreißigjährigem Krieg“, herausgegeben von Annette Frese, Frieder Hepp und Renate Ludwig, Begleitbuch zur Ausstellung im Kurpfälzischen Museum Heidelberg vom 21.11.2004 bis 27.2.2005, Verlag Greiner, Remshalden 2004, 101 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 14 Euro, ISBN 3-935383-47-9, http://www.bag-verlag.de

- http://de.wikipedia.org (Sucheingabe Friedrich V., Elizabeth Stuart)

- http://www.kurpfalz-geschichte.de (Stichwort Personengeschichte anklicken)

- http://www.winterkoenig.de/

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