Salier-Kaiser Heinrich IV.


Typisierte zeitgenössische Darstellung Heinrichs IV. von einem unbekannten Miniaturisten.


Anlässlich seines 900. Todestages im Jahr 2006 wurde Heinrichs Gesicht am Computer rekonstruiert. Das moderne "Porträt" entstand anhand von Schädelfotos, die im Jahr 1900 bei der Graböffnung in Speyer aufgenommen worden waren.  Foto: Historisches Museum Speyer/ Peter Haag-Kirchner


Die Grabkrone des Kaisers aus vergoldetem Kupfer. Erst fünf Jahre nach seinem Tod konnte Heinrich vom Kirchenbann gelöst und im Dom zu Speyer beigesetzt werden.   Foto: Domschatzkammer im Historischen Museum Speyer/ Peter Haag-Kirchner

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Übersicht Geschichte

11-05-2006

Kämpfe, Intrigen und der Gang nach Canossa
Erinnerung an Kaiser Heinrich IV., der am 7. August 2006 vor 900 Jahren starb

Von Christel Heybrock

 

Mussten Sie schon mal einen Gang nach Canossa machen? Dann ahnen Sie zumindest, wie ihm zumute gewesen sein mag, dem Kaiser Heinrich IV., der im Jahr 1077 im Büßergewand vor Papst Gregor VII. erscheinen musste, um vom Kirchenbann erlöst zu werden. Das unerhörte Ereignis ist nur noch als Redewendung im heutigen Alltagsbewusstsein – höchste Zeit, um an die Geschehnisse von damals zu erinnern, zumal Heinrich IV. am 7. August 1106 in Lüttich starb, vor 900 Jahren also, und er sein Grab schließlich doch noch im Speyerer Dom bekam, aber das ist eine lange Geschichte.

 

Das Historische Museum der Pfalz in Speyer, in direkter Nachbarschaft des Domes, bereitete dem tragisch glücklosen Herrscher eine kleine Erinnerungsschau - mit wenigen kostbaren Originalstücken aus seinem Sarkophag (und den Speyerer Gräbern seiner Vorgänger und seines Sohnes Heinrich V.) sowie mit einer Menge Kopien und Multimedia-Installationen. Wer will, kann zu den Hightech-Attraktionen auch die am Computer entwickelte Kopfrekonstruktion Heinrichs zählen, auf die man in Speyer mächtig stolz ist. Grundlage dafür waren drei Schwarzweißfotos des kaiserlichen Schädels, die im Jahr 1900 bei der bisher einzigen Öffnung des Grabes gemacht wurden. Mit Methoden aus Medizin und Kriminalistik bekam Heinrich IV., von dem ein authentisches individuelles Porträt nicht existiert, auf diese Weise einen Wachskopf, dem man in die Glasaugen sehen kann, frei nach dem Motto: ein Kaiser wie du und ich. Das mediale Bildnis mutet im Gegensatz zu den romantisch-dramatischen Darstellungen des 19. Jahrhunderts allerdings eher gespenstisch an – so leb- und wesenlos kann der Mann nicht in die Welt geblickt haben; von Zeitgenossen wird ihm jedenfalls nicht nur Intelligenz und Kraft, sondern durchaus auch Charme bescheinigt.

 

Sei’s drum, die ganz große Gedächtnisschau findet ohnehin nicht in Speyer statt, sondern in Paderborn, wo das Unternehmen „Canossa 1077 – Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik“ mit zweibändigem Katalog und an drei Ausstellungsorten aufbereitet wird (vom 21. Juli bis 5. November 2006). In Speyer dagegen sind die wenigen Objekte aus den salischen Kaisergräbern in ihrer Bescheidenheit geradezu anrührend. Es zählt ein kleiner, mit Gummimasse überzogener Reichsapfel dazu, den der tote Heinrich III. (Vater Heinrichs IV.) in der Hand hielt, es zählen schlichte Grabkronen, ein paar Haare, Goldfäden sowie sorgsam restaurierte, aber dennoch kaum mehr kenntliche Textilfragmente dazu... vielleicht ist gerade die Begrenztheit der Schau geeignet, das Leben Heinrichs IV. ins Gedächtnis zurückzurufen.

 

Als er am 11. November 1050 in der Kaiserpfalz zu Goslar geboren wurde, schien die Welt noch in Ordnung. Mit Problemen hatte freilich schon sein Vater zu kämpfen: Seit 1039 König und seit 1043 mit Agnes von Poitou verheiratet, einer gebildeten Frau aus dem Umkreis der Cluniazensischen Reformbewegung, setzte er 1046 auf der Synode von Sutri kurzerhand drei konkurrierende Päpste ab und hob einen vierten, Clemens II., auf den Stuhl Petri. Clemens krönte den König am Weihnachtsabend 1046 zum Kaiser. Als „vicarius Christi“ übte Heinrich III. das Recht aus, den Papst zu ernennen, als König konnte er ebenso Bischöfe und Reichsäbte einsetzen, und wer immer Rechte an Grund und Boden besaß, konnte dort gemäß seinem Rang die Vertreter der Kirche mit Ämtern betrauen. Aber diese Praxis ging nicht mehr lange gut. Kirchenvertreter kritisierten die „Simonie“, den blanken Ämterkauf durch Laien, die sich ohne theologische Standeszugehörigkeit in kirchliche Würdenträger verwandeln konnten. Die Reformbewegung forderte, dass nur noch der Klerus selbst klerikale Ämter vergeben dürfe. Was aus heutiger Sicht plausibel klingt, wurde aber bald als klerikales Machtmittel gegen Adel und Herrscher benutzt – das elfte Jahrhundert ist das Jahrhundert des Investiturstreits.

 

Für den kleinen Heinrich IV. schien der Weg umsichtig geebnet: Sein Taufpate war der Reformabt Hugo von Cluny, im Alter von drei Jahren wurde er durch die Reichsversammlung zum König gewählt und im Juli 1054 vom Kölner Erzbischof gekrönt. Um ihm auch die südlichen Gefilde des „Heiligen Römischen Reiches“ sicherer zu machen, wurde er als Fünfjähriger mit Bertha von Turin verlobt, womit Vater Heinrich III. einen seiner Gegner aus dem Hause Canossa-Tuszien erfolgreich ärgerte. Das Unglück begann, als Heinrich III. am 5. Oktober 1056 unerwartet mit nur 39 Jahren starb (er wurde neben seinen Eltern Konrad II. und Kaiserin Gisela im Speyerer Dom beigesetzt). Zwar konnte der damalige Papst Viktor II. für den knapp sechsjährigen König noch dringende Probleme lösen, aber auch Viktor starb ein halbes Jahr später. Das große Reich zwischen Nordsee und Rom, zwischen Burgund und Kärnten wurde nun von Kaiserin Agnes als Regentin geführt – es war klar, dass da einige Männer ausprobierten, wie weit die Macht einer Frau denn reichen würde.

 

Um 1060 wurde die Lage langsam schwierig. Anfangs loyale Berater stellten territoriale Forderungen, mitunter verbunden mit Erpressung, in Ungarn gab es Thronfolgestreit und in Rom wurde ein neuer Papst eingesetzt ohne Billigung der Kaiserin, die einen Gegenpapst ernannte. Schließlich dichtete man Agnes ein unzüchtiges Verhältnis mit ihrem letzten zuverlässigen Berater an, Bischof Heinrich von Augsburg, und kritisierte, dass sie ihren Sohn von niederen Befehlsempfängern erziehen lasse. Als der elfjährige Heinrich sich mit seiner Mutter im April 1062 in der Pfalz von Kaiserswerth aufhielt, lud der Kölner Erzbischof Anno II. den Jungen nach einem Festmahl auf ein prachtvolles Rheinschiff – und entführte ihn, im Komplott mit anderen sauberen Herren von Rang (Männern, denen die Kaiserin zuvor mit Privilegien entgegen gekommen war), nicht ohne anschließend die Herausgabe der Reichsinsignien zu erpressen. Dreieinhalb Jahre lang – bis zur Volljährigkeit mit 15 – war Heinrich Gefangener seiner „Berater“ und der ihm verhasste Anno praktisch Regent. Agnes suchte sich derweil zu halten, so gut es ging, zog sich aber 1065 in Italien in ein Kloster zurück (sie starb im Jahr von Heinrichs Canossa-Gang 1077 in Rom).

 

Mit der Volljährigkeit des 15jährigen Königs nahmen die Probleme zu, versuchte er doch, von den Sachsen Reichsgüter und Rechte einzufordern, die in den Jahren zuvor verloren gegangen waren. Um die widerborstige Bevölkerung zu zähmen, ließ er rund um den Harz Burgen errichten und mit landfremden Schwaben besiedeln, von denen die Bauern allerdings höchst unfreundlich behandelt wurden. Ein privater Dissens war kaum beigelegt (der 1066 mit Bertha von Turin verheiratete Heinrich wollte sich zwei Jahre später scheiden lassen, was aber nicht gelang), als es in Sachsen zum Aufstand kam und der König, der von der belagerten Harzburg fliehen musste, in aussichtsloser Lage schien. Im Friedensvertrag erreichten die Sachsen die Schleifung der Burgen – als die aufgebrachten Bauern jedoch die in der Harzburg angelegten Königsgräber schändeten, bekam Heinrich dank weitreichender Empörung ein Heer zusammen, mit dem er 1075 den Sieg errang.

 

Inzwischen spitzte sich der Jahrhundertkonflikt in Rom zu. Heinrich suchte seit 1071 in Italien einige Erzbischöfe einzusetzen, die auf Widerstand von Papst und Kurie stießen, und als 1073 die Kardinäle bei der Beerdigung Papst Alexanders II. den König übergingen und eigenmächtig Gregor VII. zum neuen Papst wählten, brach der Kampf offen aus. Heinrich bezeichnete Gregor als „falschen Mönch“, der sich das Amt angemaßt habe, woraufhin Gregor, Machtmensch aus Naturbegabung, auf „Gehorsam“ des Königs ihm gegenüber bestand, ihn als abgesetzt erklärte und mit dem Kirchenbann belegte: Heinrich war damit vogelfrei, jeder hätte ihn töten können und jeder Kontakt mit ihm war verboten. Die geschockten Reichsfürsten, zuvor auf Heinrichs Seite, verlangten von ihm, binnen eines Jahres den Bann zu lösen, wenn er die Herrschaft behalten wolle. Und mitten im Winter 1076/77 machte sich der König mit Bertha und dem zweijährigen Söhnchen Konrad auf dem Weg durch die Alpen zur Burg von Canossa, wohin sich der Papst zurückgezogen hatte, um ein Treffen mit ihm zu vermeiden. Drei Tage lang, heißt es, habe der Herrscher barfuß und im Büßergewand vor der Burg ausgeharrt, und nur durch Vermittlung seines Taufpaten Hugo von Cluny und der Burgherrin Mathilde von Tuszien habe Gregor ihn am 28. Januar 1077 schließlich empfangen und (sicherlich zähneknirschend) vom Bann gelöst.

 

Heinrich war damit wieder handlungsfähig, musste sich aber mit päpstlich privilegierten Gegenkönigen auseinandersetzen und wurde zwei Jahre später erneut mit dem Bann belegt. Dass er von Gregors Nachfolger, dem von ihm selbst eingesetzten Papst Clemens III. tatsächlich 1085 zum Kaiser gekrönt wurde, war nur durch die kriegerische Eroberung Roms und die Vertreibung Gregors möglich geworden, der kurz danach in Salerno starb. Für Heinrich jedoch war es nur ein Etappensieg. Seine beiden Söhne, der unfähige Konrad und später Heinrich V., wandten sich gegen ihn, machten gemeinsame Sache mit den Päpsten, übten offen Verrat. Auch eine zweite Ehe nach dem Tod Bertha von Turins (1087) mit der schönen Intrigantin Adelheid von Kiew ist Heinrich IV. schlecht bekommen. Die Ehe wurde nach sechs Jahren 1095 geschieden, nachdem Adelheid auf einem Konzil tolle Auftritte mit dem Waschen schmutziger Wäsche gehabt hatte.

 

Als Heinrich im August 1106 mit 56 Jahren überraschend in Lüttich starb, war er mal wieder (zum vierten Mal) mit dem Kirchenbann belegt und konnte nicht in geweihter Erde beigesetzt werden. Sein Sohn Heinrich V. hatte ihn zuvor gefangen genommen und seine Abdankung erpresst – der müde, aber immer noch kampfbereite Kaiser starb sozusagen auf der Flucht. Es heißt allerdings, er habe auf dem Totenbett noch seinem hinterlistigen Sohn verziehen. Nur zu gut verstand der gebrochene Kaiser ja, dass auch der Sohn letztlich dynastische Machtansprüche und die Sicherheit des Reiches im Sinn hatte. Erst fünf Jahre nach seinem Tod wurde der Bann gelöst und Heinrich standesgemäß in Speyer beerdigt. Sein ganzes Leben war ein irrwitziges Komprimat politischer und privater Dramen gewesen. Unerfindlich, wie er es immerhin so lange hatte aushalten können.

 

Info:

- „Heinrich IV. - Kaiser, Kämpfer, Gebannter“, Historisches Museum der Pfalz, Speyer, Domplatz, vom 6. Mai bis 15. Oktober 2006, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Katalogbuch 9,80 Euro, www.museum.speyer.de

- „Canossa 1077 – Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik“, Paderborn vom 21. Juli bis 5. November 2006, http://www.canossa2006.de/

- http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_IV.%2C_deutscher_Kaiser

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