Edward Weston (1886-1958)

"Book of Nudes"

 

Das Cover von Edward Westons "Book of Nudes" in der deutschen Ausgabe bei Schirmer/Mosel. Das Titelfoto ist eine Aufnahme von 1935.

 

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Die Fotos auf dieser Seite wurden dem Band entnommen: Copyright 2007 J. Paul Getty Trust/courtesy Schirmer/Mosel

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04-12-2008

Der Körper – eine Frucht, eine Landschaft im Licht

Edward Weston's „Book of Nudes“ nach einem halben Jahrhundert erstmals publiziert

 

Von Christel Heybrock

 

Noch einmal sehen lernen. Als würden wir heute nicht in Bildern fast ersticken. Vor mehr als fünfzig Jahren hätte dieses Buch erscheinen sollen – und nun erweist es sich als grundlegende Erfahrung, die uns wider Erwarten Auskunft gibt über uns selbst, über unsere Existenz als Menschen in der Welt der Dinge. 1953 bemühte sich der amerikanische Fotograf Edward Weston (1886-1958), gegen Ende seines Lebens krank und in finanzieller Not, um die Publikation eines zentralen Werkkomplexes: der Aktfotografie. Von seinem schmalen, aber anspruchsvoll edierten Bildband, dem „Book of Nudes“, versprach Weston sich eine Korrektur des Eindrucks, den er in der Öffentlichkeit abgab, aber auch die Möglichkeit für dringend benötigte Einnahmen. Die Verleger sahen das damals ganz anders. Aktfotografie? Shocking, die amerikanische Welt sollte „sauber“ bleiben. Und Interessenten für so ein Buch konnten sie schon gar nicht erkennen, hatte doch Virginia Adams, Ehefrau des berühmten Fotografen Ansel Adams, im Jahr 1950 mit einem Landschaftsbuch Edward Westons einen Verlust von rund 4500 Dollar eingefahren. Und nun Akte?

 

Das Projekt, obgleich weit gediehen in der Planung, blieb liegen und erschien 1957 schließlich etwas armselig als Taschenbuch in der Reihe „Great Photography“ des Maco Verlags. In dem Buch fanden sich 39 Akte Edward Westons als Anhängsel von 62 Akten des Modefotografen John Rawlings. Westons Rechte an den Aufnahmen waren für 750 Dollar an den Verlag verkauft worden, aber Rawlings, um die prekäre Finanzsituation seines Kollegen wohl wissend, trat sein eigenes Honorar an Weston ab, der an Parkinson litt und seit 1948 nicht mehr hatte arbeiten können. Wie sich später herausstellte, hatte sich die Reihenfolge der Aufnahmen in dem Maco-Taschenbuch an Westons ursprünglichem Plan orientiert, aber das war auch alles, was davon übrig geblieben war. Immerhin hatte Westons „Book of Nudes“ bereits aus einer fertigen Maquette mit komplettem Seitenlayout und eingeklebtem Essay der Publizistin und Weston-Biografin Nancy Newhall bestanden. 1946 hatten Nancy und ihr Mann, der Fotohistoriker Beaumont Newhall, im New Yorker Museum of Modern Art eine umfangreiche Weston-Retrospektive organisiert, in der freilich die Akte keine große Rolle spielten.

 

Und wie das so ist – nach seinem Tod wurde Weston zu einem der teuersten Fotografen überhaupt. Bei einer Auktion 1989 wechselte eines seiner berühmten „Nautilus“-Muschelfotos für mehr als eine Million Dollar den Besitzer. Weston ist mit seinen ebenso sinnlichen wie kühlen Früchte-, Stein- und Dünenbildern ein gesuchter Klassiker. Doch die abenteuerliche Geschichte seines „Book of Nudes“ ist noch nicht zu Ende. Das Getty Museum in Kalifornien besitzt von Weston mehr als 240 Abzüge und 8 Familienalben, was viel weniger nostalgisch ist, als es klingt, denn Weston, der mit Porträtfotografie seinen Lebensunterhalt verdiente, zog für alles, was darüber hinaus ging, keine bezahlten Modelle heran, sondern Familienmitglieder, Freunde und Bekannte. Auch die Aktfotos kamen ausschließlich mit Beteiligung seiner engsten Umgebung zustande, was mit ein Grund dafür ist, dass Weston sie erst in den fünfziger Jahren publizieren wollte. 1985 kam jedoch die längst verschollene Maquette des „Book of Nudes“ durch eine Schenkung ans Getty Museum, wobei sich herausstellte, dass sie nicht mehr komplett war, mehrere Seiten mit eingeklebten Abzügen fehlten. Erst allmählich ließ sich rekonstruieren, dass die Maquette seinerzeit geplündert worden war für die Taschenbuchausgabe!

 

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Westons Plan, die Aktfotografie als zentralen Bestandteil seines Lebenswerks zu publizieren, machte sich der Getty Trust an eine rekonstruierte Edition. Das „Book of Nudes“ erschien mitsamt dem historischen Essay von Nancy Newhall erstmals 2007 in Los Angeles; der ehrgeizige Münchner Schirmer/Mosel Verlag klemmte sich sofort hinter dieses Glanzlicht der Fotogeschichte und brachte die autorisierte deutsche Ausgabe 2008 heraus. Die ganze Vorgeschichte lässt sich dort nachlesen in der Einführung von Brett Abbott, dem stellvertretenden Kurator am Getty Museum. Die Edition enthält nicht nur in ganzseitigen Duotone-Tafeln die von Weston ausgewählten und mit Landschaftsfotos kombinierten Aktaufnahmen, sondern auch die Dokumentation der Maquette. Es kam also sowohl eine bibliophile als auch eine hoch informative Ausgabe dabei heraus.

 

 Akt in den Dünen, Konturlinien so weich und zart wie eine Windverwehung. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1936.

 

Aber abgesehen von dem Wunder dieser späten, mit höchster Verantwortung erarbeiteten Edition – das eigentliche Wunder sind Westons Fotografien, die den menschlichen Körper als ein Stück Natur bewusst machen und ihn in die Nähe von Bäumen, Früchten, Muscheln und Dünen rücken. Wenn Brett Abbott in seiner Einführung die „außergewöhnliche Geschlossenheit des Gesamtwerks“ von Edward Weston betont und aufmerksam macht auf „einen beständigen Dialog zwischen seinen Aktstudien und seinen Stillleben, Landschaften und Porträts“, dann kann man ihm nur beipflichten. Weston selbst war seine Haltung in hohem Maße bewusst, notierte er doch in seinem Tagebuch, dass „alle grundlegenden Formen so eng miteinander verwandt sind, dass sie einander visuell entsprechen.“

 


"Dry Kelp" - getrockneter Seetang auf vom Meer gerundeten Steinen, eine Aufnahme von 1934. Weston erkannte in den Schlaufen Formen, die mit dem menschlichen Körper verwandt sind.

 

Der menschliche Körper als ein Stück Natur – das hätte Weston womöglich nicht so verblüffend dokumentieren können, wenn er seine Modelle in bestimmte Posen gezwungen, wenn er eine Regie ausgeübt hätte. Stattdessen ließ er sie die Kamera möglichst vergessen; sie bewegten sich so ungezwungen, wie es ihrer Natur entsprach. Obwohl Weston mit Porträtfotografie sein Geld verdiente, finden sich fast keine Gesichter im „Book of Nudes“. Hier ist der nackte Körper Individuum und zugleich allgemeingültige Form. Nacktheit und Erotik? Westons Akte sind so erotisch wie die Paprikafrucht, die einem kauernden Akt gegenüber steht, sie sind so erotisch wie die sanften Erhebungen und Mulden der Dünen im Gegenlicht. Verlockend und geheimnisvoll, ja, wenn das schon Erotik ist. Wie sehr Weston der Analogie von Formen als der Erscheinungsweise aller Dinge und Lebewesen auf der Spur war, beweist auch das Foto seines Söhnchens Neil, dessen Torso am Anfang des „Book of Nudes“ steht. Neil sei, so Weston in seinem Tagebuch, „vor der Kamera absolut natürlich und unbefangen“, im Nacktzustand „ganz er selbst“ und sein Torso ein „schilfähnlicher Fluss ununterbrochener Linien“.

 

Eine der bekanntesten Aufnahmen von Edward Weston, entstanden 1936. Der weibliche Körper als Geflecht sanfter Wölbungen, Höhlen und Schlingen, eine Aufnahme von klassischer Harmonie.

 

Freilich ist Neils Torso der einzige männliche Körper im „Book of Nudes“ - der weibliche Körper zeigt deutlicher seine Verwandtschaft mit Frucht und Muschel, seine Konturlinien sind überzeugender denen von Schlingen, Hügeln und Höhlen ähnlich, seine Plastizität, seine Licht-Schatten-Wirkungen lassen sich eher mit Landschaftsformen vergleichen als die Linien des männlichen Körpers. Was aber jenseits der bloßen Formverwandtschaft in diesen Aufnahmen erkennbar wird, ist eine fast animistische Auffassung von Dingen, die wir gedankenlos als unbelebt und als Gegensatz unserer selbst auffassen. Weston legt den Akzent nicht auf die persönliche Unverwechselbarkeit von Individuen, sondern auf eine Substanz, die alles verbindet. Man könnte es für eine Entwertung, eine Entwürdigung der Person halten – tatsächlich entsteht durch Westons Blickwinkel das Gegenteil, nämlich eine geheimnisvolle Beseelung unscheinbarer Dinge. Der Betrachter wird motiviert, einer Dünenkontur, einer Muschel, einer Paprikaschote die gleiche Identifikation entgegenzubringen wie dem menschlichen Körper, weil sie sichtbar alle miteinander verwandt sind.

 

Dass eine solche Mitteilung nur durch hoch entwickeltes Formbewusstsein bei der fotografischen Gestaltung gelingen kann, ist selbstverständlich. Weston wählte seine Ausschnitte mit traumhaft sicherem Instinkt für Proportionen und subtil ausgewogene Maße: Eine Rückenansicht von den Schultern bis zum schön gerundeten Popo wird ihrer marmornen Glätte enthoben durch vier Finger einer Hand, die das Modell sich in den Nacken geschoben hat. Überhaupt spielen Hände und Füße immer wieder eine wichtige Rolle – sie sind Elemente lebendiger Individualität, die der überzeitlichen, überindividuellen Nacktheit etwas verletzlich Einmaliges entgegensetzen. Aber dort, wo sie fehlen, wird der Körper zum Geflecht atmender Formen aus Busen, Armhöhle, Bauchfalten und angewinkeltem Bein, ein rhythmisches Gebilde aus Hervorschwellen und Zurücknehmen, aus Licht und feinsten Schatten. Weston erweist sich im „Book of Nudes“ nicht nur als großer Klassiker, sondern vor allem als Kenner subtilster Formen von Leben. Die nicht unbedingt üppige Anzahl der Aufnahmen in diesem Buch wird im Kopf des Betrachters zu einer Art Dauerbrenner: Man wird es nicht los, was hier vermittelt wird. Es verändert einem das Bewusstsein für die sichtbare Welt überhaupt. Dass alles zusammen gehört, es ist eine ebenso phantastische wie schmerzhafte Erkenntnis, denn die natürliche Würde der Dinge ... haben wir die denn je begriffen?            

 

Info:

Edward Weston's „Book of Nudes“, herausgegeben von Brett Abbott, zusammengestellt und mit einem Essay von Nancy Newhall, Verlag Schirmer/Mosel, München 2008, 88 Seiten, 39 Duotone-Tafeln, 35 Abbildungen, ISBN 978-3-8296-0360-7, Preis 39,80 Euro, www.schirmer-mosel.com

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