Thomas Struth

Pictures from Paradise

 


Cover des Begleitbuches von Thomas Struths Wanderretrospektive 2010-2012. Die Retrospektive vereint Struths fotografisches Werk seit 1978 bis 2010. Auch die Serie "Pictures from Paradise", beziehungsweise "New Pictures from Paradise", 2002 in einem bibliophilen Band bei Schirmer/Mosel publiziert, ist Teil der Ausstellung.

 

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Fotos auf dieser Seite: Thomas Struth (Copyright 2010/courtesy Schirmer/Mosel)

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Thomas Struth "Museum Photographs"

 

25-01-2011

Magie der Orte

Zu Thomas Struths „Pictures from Paradise“ und dem Katalogbuch seiner Wanderausstellung „Fotografien 1978-2010“ bei Schirmer/Mosel

 

Von Christel Heybrock

 

Mit jedem Zentimeter scheint das Auge sich gleichzeitig zu verlieren und neu zu finden. Moos auf den Baumstämmen, der Boden bedeckt von strotzendem, kriechendem, empor drängendem Grün. Ranken hängen herab, Farne und Palmwedel strecken ihre gefiederten Blätter aus, man sieht kaum den Himmel vor lauter Grün, aber die würzige Feuchtigkeit, den Duft der Erde - man glaubt sie einzuatmen vor diesen Bildern. „Pictures from Paradise“ (entstanden 1998/1999) und “New Pictures from Paradise”, publiziert 2002 und fortgeführt bis 2007 – die Fotoserie ist auch Teil der großen Thomas-Struth-Retrospektive mit Arbeiten zwischen 1978 und 2010, die 2010 im Kunsthaus Zürich begann, 2011 in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen sowie in der Whitechapel Gallery London Station macht und 2012 im Museu de Arte Contemporânea in Porto endet. Der sinnliche Genuss, die tiefe Freude des Betrachters an eben der „Paradies“-Serie kann freilich nicht darüber hinweg täuschen, dass Struth seit den frühen Schwarzweiß-Fotos menschenleerer Straßen und Plätze schwer zu rezipieren ist – obwohl oder gerade weil auf seinen Bildern die Wirklichkeit in scheinbar grenzenloser Verfügbarkeit und Sichtbarkeit dargeboten wird. Die hinter der berückenden Klarheit seiner Motive leise sich erhebende Frage lautet: Was bedeutet das alles? Ich sehe – aber was erkenne ich eigentlich?

 

Thomas Struth, 1954 in Geldern am Niederrhein geboren, in Düsseldorf lebend und durch die Schule von Bernd und Hilla Becher geprägt, breitet in der großen Wanderschau und im Katalogbuch seine Serien kühler Familienporträts, Städteaufnahmen und „Museum Photographs“ aus. Die „Pictures from Paradise“ bilden in dem Zusammenhang ein sehr spezielles Thema. Struth hat dafür China und Japan, Australien, Nord- und Südamerika sowie den Bayerischen Wald bereist und Ansichten von naturbelassenen Wäldern in großformatigen Farbfotos festgehalten. Sie sind wie alle Struth-Werke allein schon technisch eine Virtuosenleistung. Vom Vorder- bis zum Hintergrund werden noch die kleinsten Blättchen in berückender Schärfe wiedergegeben (abgesehen von seltenen Bewegungsverwischungen, denn an dem einen oder andern Luftzug konnte Struth nun auch nichts ändern). Kein Mensch ist zu sehen in diesen Paradiesen pflanzlichen Wachstums, auch kein Tier. Die Szenerien suggerieren eine unberührte, lautlose Urzeit voll Unschuld und Lebenskraft; sie üben einen Sog aus, dem sich niemand entziehen kann.

 


"Paradise 1" - Daintree in Australien, entstanden 1998. Die extreme Schärfe von Struths Fotokunst kann hier nicht wiedergegeben werden.

 

Dass man die Augen nicht weg kriegt von den Aufnahmen, die im Original Kantenlängen bis zu 2,70 auf 3,40 Meter haben, liegt nicht nur an der Konturenschärfe, sondern auch an der Perspektive. Als Betrachter steht man davor wie jemand, der mitten drin ist und doch nicht eindringen kann. Man sucht föِrmlich auf dem Boden nach Trittmöِglichkeiten für die Füße, hier über die Steine hinweg und dort an den dicken Wurzeln entlang, und dann köِnnte es da drüben weitergehen, aber vielleicht ist dort ja auch alles zugewachsen. Und der kleine Trampelpfad, den man hinterlassen hat, ist sicher noch zu erkennen, wenn man sich herumdreht? Die Augen suchen und werden nicht satt, nicht von einem einzigen Bild. Der Blick bricht sich mit einer Mischung aus vorwärtsdrängender Neugier und innehaltendem Genuss an Kieseln und Baumstämmen, an dem Gewirr aus Ästen und Blättern, an welken und an frischen Trieben, an aufstrebendem und an hängendem Laub, an Pflanzenpolstern, die wie weiches Tierfell verdichtet scheinen, und an den geheimnisvollen Lücken dazwischen, in die man mit den Augen, im Grunde aber mit dem ganzen Köِrper hineinkriechen mِöchte. Was ist da, wo man nichts mehr sieht? Was ist im Dunkel, das sich öِffnet zwischen den besonnten Wöِlbungen aus Blättern?

 

Struth bietet eine unglaubliche Fülle von Formen auf kleinstem Raum. Im Grunde modelliert man mit den Augen jedes einzelne Blatt, tastet alles ab, fährt an Halmen und Ästen empor, an Luftwurzeln hinab, verfolgt die hartnäckig quer gewachsenen Ranken in der Horizontale, umschmeichelt Wachstumsknoten und Richtungsänderungen in Zweigen und dazwischen immer wieder Blattformen in einem Variantenreichtum, vor dem die Wöِrter armselig werden. Diese Fülle aus Linien, aus feinsten Farbnuancen zwischen Rotbraun und fast durchsichtig zartem Grün, aus Licht und Dunkel, aus Todholz und Lebenssäften ist von einer plastischen Subtilität, die man greifen möِchte, um sich ihrer für immer zu vergewissern. So menschenleer diese Ansichten auch sind, sie berühren eine Ursehnsucht und ein Urvertrauen im Betrachter, der nur noch eines wünscht - dass sie jetzt wirklich wären.

 

Kein Wunder, dass Struth mit der Serie die Assoziation des Paradieses verband. Das Paradies kann eben nur da sein, wo keine Menschen sind. Und vielleicht auch keine Kunst- und Fotohistoriker: die beißen sich an der Klassifizierung dieser Dauersuggestion in Grüntönen die Zähne aus. Denn wie soll einer so etwas in den Griff bekommen? Bilder, die mal wie eine dicht gewebte Tapisserie aus lebendem Laub wirken, mal Blickfluchten in die Ferne ermöglichen mit Ansätzen einer Zentralperspektive. Überwältigt von Pflanzenwuchs und Blühen scheint Struth mitunter einen verheißungsvollen Weg vor die Augen des Betrachters zu legen ... und lässt ihn dann im Dickicht verloren gehen.

 

Wie überhaupt soll man die „Paradiese“ angemessen rezipieren? Von Feen und Elfen träumen angesichts bemooster Baumwurzeln? Oder soll man dunkle Stämme im Vordergrund ganz nüchtern als Fortsetzung von Repoussoir-Figuren der klassischen Landschaftsmalerei auffassen? Auch das erreichte Struth mit diesen Arbeiten – dass sie sich nicht festlegen lassen und ihrerseits den Betrachter nicht festlegen. Sie bergen nicht nur eine verblüffende Spannweite an Formen und Farbnuancen, sondern auch an Bedeutungen und Assoziationen. Nicht zuletzt steht hier die Beziehung des kulturell gebildeten Westeuropäers zur Natur auf dem Prüfstand – zur Natur als lebendiger Institution ebenso wie zur Natur als visuellem Phänomen und Motiv in der bildenden Kunst. Der historisch gewachsene Blick wird von Struth unversehens noch einmal herauf beschworen, aber dann weit überschritten. Struths „Paradiese“ sind von einer ähnlich kosmischen Weite wie vor zweihundert Jahren die Bilder Caspar David Friedrichs. Wie schrieb doch ihr Kritiker Heinrich von Kleist damals darüber ... als seien einem „die Wimpern weggeschnitten“, so sähen sie aus. Als würden einem Kopf und Herz geöffnet – so arbeiten Struths „Paradiese“ heute im Betrachter.

 

1999 wurden Teile der  2007 abgeschlossenen Serie erstmals in Kunstgalerien in New York und Paris gezeigt, im Jahr 2002 waren sie auf Tournee im Universitätsmuseum Salamanca in Spanien und in der Staatlichen Kunstsammlung Dresden. Zudem reiste 2002 eine Retrospektive von Struths Gesamtwerk durch die USA vom Dallas Museum of Art über Chicago und Los Angeles bis zum Metropolitan Museum New York. Für Leute, die sich die monumentalen Originale nicht vor Ort ansehen koِnnten, legte der Schirmer/Mosel Verlag einen großformatigen Bildband mit 25 Aufnahmen auf: Das Querformat des Bandes, der leider vergriffen ist (Stand 2011) gab ihren Panoramacharakter optimal wieder, und im Grunde brauchte man nur etwas Konzentration, um sich wie im Dschungel zu fühlen. Mit seinem schweren Kunstdruckpapier und brillanten Druck stellte das Buch auch verlegerisch eine Leistung an Inspiration und Einfühlung dar. Das 2010 erschienene Katalogbuch der neuerlichen Wanderretrospektive (siehe Cover-Foto oben) kann trotz seines hohen Anspruchs diesen Grad der Eindringlichkeit nicht erreichen, stellen die „Paradiese“ darin doch nur eine Motivgruppe unter anderen dar.

 

Dafür versuchen mehrere Textautoren, dem Leser/Ausstellungsbesucher das Verständnis von Struths Werk nahe zu bringen – selbst für prominente Autoren wie den mehrfachen Museumsdirektor Armin Zweite bleibt es da eher beim angestrengten, ziemlich trockenen Versuch. Was die „Paradies“-Serie betrifft, so hat Struth selbst sich 2002 in einem Interview mit Hans Rudolf Reust dazu geäußert. Dabei spricht er von „Membranen der Meditation“, von einer „Art Leerraum“, in dem Augenblicke der Stille und des inneren Dialogs entstehen könnten. Er habe versucht nachzuempfinden, was die Welt einst an ihrem Beginn habe sein können. Es gehe in den Ansichten menschenleerer Wälder um die „Erfahrung von Zeit ebenso wie um eine gewisse Demut im Umgang mit den Dingen“, kurz, die „Paradiese“ seien Metaphern für Leben und Tod. Wo heutzutage der Mensch auf seine Funktion als Verbraucher reduziert und damit von einem globalen Wirtschaftsmechanismus instrumentalisiert werde, scheine ihm der Urwald als Quelle von Luft und Raum und als Gegenwelt zum Erscheinungsbild der Städte, das ihm dadurch umso bewusster werde.

 


Verwandt mit den "Paradiesen" im Sinne einer Umkehrung - Struths neueste Werke aus Forschungseinrichtungen und High-Tech-Anlagen. Hier "Tokamak Asdex Upgrade Periphery", Teil eines Forschungs-Fusionsreaktors, bei dem heißes Plasma von einem Torus aus Magnetspulen umschlossen wird. Die Aufnahme entstand 2009 im Max Planck Institut für Plasmaphysik in Garching.

 

Für den Betrachter ist die überwältigende sinnliche Erfahrung der atmenden grünen "Paradies"-Gewebe aus Wachsen und Vergehen womöglich schon das Zentrum des Verstehens. Ein Hinweis im Katalogbuch jedoch gibt einem doch noch einen Kick im Kopf. Die jüngsten Arbeiten Struths sind verwirrende, für den jeweiligen Laien völlig unverständliche und undurchdringliche High-Tech-Anlagen. Struth fotografierte beispielsweise im Kennedy Space Center der NASA (Cover-Foto oben) und in deutschen Max Planck Instituten für Plasmaphysik. Das Gewirr von farbigen Kabeln, Arbeitsbühnen, Regalen und Messinstrumenten – es ist sichtbar verwandt mit den Wachstumsstrukturen der „Paradiese“. Auch die High-Tech-Anlagen sind Ergebnis eines in sich selbst notwendigen Wucherns und Zurückfahrens. Zwischen den Prozessen in den Wäldern einerseits und den Forschungsinstituten andererseits klafft freilich ein unüberbrückbarer Abgrund, die beiden verwandten Motive sind nichts anderes als polare Gegensätze. Erschließen sich die „Paradiese“ wie mit berauschendem Duft über die Sinne, suggerieren die Gegenbilder aus der Technik eine seltsame Mischung aus Chaos und Erstarrung. In den beiden Serien hat Struth jedoch die ganze Spannweite irdischer Lebensrealität eingefangen.

 

Infos:

- Thomas Struth: "New Pictures from Paradise", mit Texten von Ingo Hartmann und Hans Rudolf Reust, Schirmer/Mosel Verlag, München 2002, 56 Seiten mit 25 Farbtafeln, Großformat 41,3 x 32,4 cm, 58 Euro, ISBN 3-8296-0046-1. Der bibliophile Band ist vergriffen (Stand 2011).

- Thomas Struth, „Fotografien 1978-2010“, Begleitbuch zur Wanderretrospektive 2010-2012, mit Texten von Armin Zweite, Anette Kruszynski, James Lingwood, Ruth HaCohen & Yaron Ezrahi und Tobia Bezzola. 248 Seiten mit 330 Abbildungen in Farbe und Duotone, 58 Euro, ISBN 978-3-8296-0463-5. Weitere Titel von Thomas Struth  bei www.schirmer-mosel.com.

- Interview von Hans Rudolf Reust in ArtForum, Mai 2002: „Thomas Struth Talks About His ‘Paradise’ Series” (englisch) bei http://www.americansuburbx.com/2008/01/theory-thomas-struth-talks-about-his.html

 

Wanderretrospektive 2010-2012:

- Kunsthaus Zürich, 11. Juni bis 12. September 2010

- Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, K20 Grabbeplatz, 26. Februar bis 19. Juni 2011

- Whitechapel Gallery, London, 6. Juli bis 16. September 2011

- Museu de Serralves, Museu de Arte Contemporânea, Porto, 14. Oktober 2011 bis 29. Januar 2012

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