Thomas Struth
Museum Photographs


Das Cover der "Museum Photographs" von Thomas Struth im Münchner Verlag Schirmer/Mosel, Ausgabe 2005. Das Titelfoto ist eine Aufnahme aus der Alten Pinakothek München aus dem Jahr 2000 und zeigt im Grunde zwei Selbstporträts.Der Blick des Betrachters fällt auf das Selbstporträt Albrecht Dürers von 1500, aber ebenso der Blick des angeschnittenen Herrn rechts, und da handelt es sich um Thomas Struth selbst, der beziehungsreich zwischen Dürer und dem Betrachter steht. Struth ist ein Meister latenter Kommunikationsprozesse, die einem erst auf den zweiten und dritten Blick bewusst werden und hier fünf Jahrhunderte überbrücken.

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Fotos auf dieser Seite: Copyright 2005 Thomas Struth/courtesy Schirmer/Mosel

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Thomas Struth "Pictures from Paradise"/Retrospektive 2010-2012

21-05-2005
Last update 26-01-2010

In fremden Räumen neue Fragen an alte Bilder stellen

Die „Museum Photographs“ von Thomas Struth bei Schirmer/Mosel

 

Von Christel Heybrock

 

Mächtig wölbt die steinerne Kuppel den Innenraum. Gestufte Decken-Kassettierungen ziehen den Blick noch intensiver nach oben, als es die reine Höhe verlangen würde. Das gewaltige Rund aus Stein liegt auf dicken Mauern, die von Nischen durchbrochen und rhythmisch in elegante Säulenpaare aufgelöst sind. Im marmornen Fußboden wechseln sich farbige Kreise und Quadrate ab. Eine Touristengruppe steht, etwas ängstlich wie eine Herde, in dem riesigen Bauwerk beieinander, winzige Menschlein, die kaum wagen, den Hals zu recken. Dennoch: die Proportionen des Pantheons in Rom wären auf Thomas Struths Fotografie kaum nachzuempfinden ohne das Häuflein schüchterner Zwerge, von denen sich einige wenige mutig etwas entfernt haben. Die Menschen, physisch herausgefordert von diesem Innenraum, definieren ihn zugleich durch ihre Kleinheit, lockern ihn auf mit ihrer flüchtigen Zufallsgegenwart und setzen den subtilen Farbornamenten auf den Mauern die farbigen Akzente ihrer Kleidung entgegen.

 

Und wir, als Betrachter der ganzen Szene, sehen uns ein Foto an mit Leuten, die sich den Raum ansehen. Worin besteht ihre, worin unsere Erkenntnis bei diesem Anblick?

 

Thomas Struth, 1954 in Geldern am Niederrhein geboren und Absolvent der Kunstakademie in Düsseldorf, wurde nicht zuletzt 2002 mit einer Wanderschau in den USA international zum Begriff. Seine Fotomotive findet er rund um den Globus – vom alten Europa über Ostasien bis nach USA: Porträts, Straßen, Pflanzen, Museumsbesucher. Der Schirmer/Mosel Verlag begleitet seit Jahren seine Arbeit (mit einer repräsentativen Werkübersicht seinerzeit auch die Amerika-Ausstellung 2002). Der Themenkomplex „Museum Photographs“, in einer schmalen Ausgabe von 1993 erstmals bei Schirmer/Mosel dokumentiert, ist bis 2005 auf mehr als fünfzig Bilder angewachsen. Grund genug, eine große Ausgabe herauszubringen mit 50 Farbtafeln auf schwerem Kunstdruckpapier für Struth-Genießer und solche, die es werden wollen. Inzwischen hat der Verlag auch Publikationen zu einzelnen Museumsprojekten dieser Struth-Werkgruppe herausgebracht, so den Band "Making Time" aus dem Prado in Madrid und zum Pergamon Museum in Berlin.

 

Struth beobachtete Menschen bei der öffentlichen Betrachtung von Kunstwerken in Japan und Frankreich, Neapel und Chicago, in Mailand, Berlin, London und anderswo. Es sind sachlich distanzierte und gleichzeitig verschwenderisch reiche Bilder, sowohl was die Räume und die gemalten Kunstwerke betrifft, als auch was die betrachtenden Menschen angeht. Die Beobachtung von Museumspublikum begann Struth 1989 im Louvre; die jüngsten Aufnahmen des Prachtbandes von 2005 stammen aus dem Pergamon Museum Berlin 2003. Das älteste Foto in dem Band jedoch ist das Porträt eines schottischen Sammlers 1987 in seiner Wohnung, und die Pergamon-Aufnahmen sind, wie der kluge Text von Claudia Seidel festhält, mit ihren Besuchergruppierungen „inszeniert“ im Gegensatz zu allen anderen Szenen. Aus dem ältesten und dem jüngsten Foto lassen sich Spannweite und Motivation des Fotografen erahnen. Struth hat seine Themenbereiche nicht starr festgelegt, sie entwickeln sich aus seinen Erfahrungen, der Zyklus ist weder abgeschlossen noch wird ihm wohl für die Zukunft jede Zieländerung versagt.

 

Menschen im Museum - hier eine Aufnahme Thomas Struths von 1990 aus dem Art Institute Chicago. Das Gemälde im Zentrum stammt von Gustave Caillebotte (1848-1894): "Rue de Paris, temps de pluie" aus dem Jahr 1877. Es ist, als schauten die Betrachter aus dem Fenster oder einer Tür auf die entgegen kommenden Passanten unter den Regenschirmen. Ein Museumsbesuch ist immer auch ein Blick aus der Behausung der eigenen Gegenwart in die Weite der Vergangenheit.

 

Warum überhaupt hält ein Fotograf für seine Betrachter fest, wie Menschen Bilder betrachten? Darauf geben zunächst die ausführlichen Texte von Hans Belting und Claudia Seidel eine Antwort, bis man endlich selber das Hinsehen lernt (der dritte Textbeitrag des renommierten Walter Grasskamp ist in seiner Oberflächlichkeit schlicht entbehrlich). Wenn Claudia Seidel die Aufnahmen von Thomas Struth mit den stillen, versunkenen Interieurszenen von Chardin aus dem 18. Jahrhundert vergleicht, dann tut sie mehr als recht daran, denn als künstlerisches Motiv ist „der Kunstbetrachter“ wohl im Rokoko entdeckt worden, man denke nur an das Gersaint-Firmenschild von Watteau, und das Thema zieht sich auch durchs ganze 19. Jahrhundert. Aber heute?

 

Hans Belting weist auf einen Umstand hin, den man aus den großartigen Fotoreproduktionen des Bandes nicht „ersehen“ kann: Im Buch sind die Formate von Struths Arbeiten nicht nur alle angeglichen, sondern überhaupt immer noch zu klein. Die Originale lassen sich nur angemessen in einer Ausstellung rezipieren, wo die Cibachrome-Fotos in technisch hinreißenden, perfekten Riesenformaten von mehr als zwei Metern Kantenlänge glänzen und durch ein besonderes Klebeverfahren mit der Glasschicht zu verschmelzen scheinen. Die mitsamt den Menschen fotografierten Räume der Kunst wirken auf diese Weise so plastisch und suggestiv, als müsse man nun selber in das Foto eintreten.

 

Dass auch aus dem Bildband aber Thomas Struths künstlerische Aussage noch wahrnehmbar bleibt, spricht für die Intensität seiner Arbeiten. Es ist ein vertracktes Spiel mit den Ebenen historischer und gegenwärtiger Wirklichkeit und mit unseren Wahrnehmungsfähigkeiten. Die gemalten Bilder, die Räume, sie beschwören eine Vergangenheit herauf, die uns unerreichbar fern ist und doch bewegend zu uns spricht. Nicht nur aus Bildungsgründen suchen Menschen Museen auf: Sie finden in den fremden alten Figuren, die sich ihnen wie auf einer Bühne präsentieren, stets auch etwas von sich selbst. Die gemalten Menschen äußern sich in einer Eindringlichkeit zu ihren Betrachtern, wie sie ein lebendes und notgedrungen banales Gegenüber nur in seltenen, bedeutenden Augenblicken erreichen kann. Kunst lässt sich erfahren als verdichtetes Leben.

 

Nun aber sehen wir bei Thomas Struth zu, wie andere Leute den Bildern zusehen. Die Bilderbetrachter selber präsentieren sich uns wie auf einer Bühne, auch wenn sie uns meist den Rücken zukehren. Und in einer Struth-Ausstellung würden wir förmlich hineingesaugt in die für uns bereits vergangene Szene, in den unwiederbringlichen Augenblick der Aufnahme, über den die Zeit nun immer weiter hinwegeilt. Wir selber bilden also die dritte Stufe jener Wirklichkeit, die vor Jahrhunderten in einem Kunstwerk festgehalten wurde und uns über ihre Betrachter auch bereits in einem Raum übermittelt wird, in dem wir nicht anwesend sind. Wir fühlen uns zuhause am Tisch mit dem Bildband wie eine jener russischen Puppen, die immer kleiner werdend ineinander stecken.

 

Den Eindruck einer belebten Piazza vermittelt diese Struth-Aufnahme von 1992 aus der Galleria dell'Accademia in Venedig, aber es handelt sich um den Innenraum einer Bildergalerie. Die zwanglosen Bewegungen der Besucher im Raum scheinen sich übergangslos in die prachtvolle Arkaden-Öffnung des Hintergrunds mit dem Kommen und Gehen vieler Menschen fortzusetzen - der "Hintergrund" ist mitsamt seiner Architektur ein Gemälde von Paolo Veronese (1528-1588) aus dem Jahr 1573 ("Gastmahl im Haus des Levi"). Struth hat immer wieder beobachtet, wie sich die Bilder im Museum auf Verhalten und Posen der Besucher auswirken. Über die Jahrhunderte hinweg entstehen intensive Dialoge.

 

Aber es sind nicht nur die Ebenen der Wirklichkeit, die sich uns da Schritt für Schritt öffnen. Das Thema „Bild im Bild“ ist in der Kunstgeschichte ein altes Motiv, und es war nicht allein das, was Struth faszinierte. Er wartete. Er hat nicht einfach in einer Ecke des Louvre mit der Kamera gestanden und auf den Auslöser gedrückt, sondern jedes Mal geduldig gewartet, bis die Besucherscharen sich ihm in einer Weise darboten, die den gemalten Bildern entsprach. Es ist das reinste Abenteuer, diese Kongruenz von Fotografie zu Fotografie immer neu zu entdecken, sie auf immer andere Weise zu erfahren. Am eindeutigsten gelingt das vielleicht vor Géricaults Riesengemälde „Das Floß der Medusa“ im Louvre, ein Bild, auf dem sich die elenden Sterbenden zu einer dramatischen Dreieckskomposition zuspitzen. Die Museumsbesucher auf dem Foto von Thomas Struth haben sich auf dem Boden in ähnlicher Zuspitzung gruppiert – solche Verhaltensweisen nehmen Bildbetrachter manchmal ganz unbewusst an. Unglaublich auch, wie die Kleidungsfarben der Betrachter eines venezianischen Altarbildes in der Londoner National Gallery den Farben auf dem Gemälde entsprechen! Und wie bewegend die fast intime Zwiesprache eines alten Herrn in Wien mit dem Porträt eines viel jüngeren Mannes, den Rembrandt auf die Leinwand bannte!

 


Besuchergruppen im Berliner Pergamon-Museum - Thomas Struth hat die Aufnahme im Gegensatz zu den anderen "Museum Photographs" inszeniert und den Personen ihre Gruppierungen und Posen vorgeschrieben. Damit erreichte er eine lebendige und scheinbar zufällige Szenerie, die es mit dem antiken Pergamonfries auf dem Tempelbau aufnehmen kann.

 

Hat Struth gepfuscht, als er den Besuchern im Berliner Pergamon Museum ihre Posen und Positionen diktierte? Im Gegenteil! Er hat mit den lebenden Menschen etwas vom Geist der Antike beschworen und jene traumwandlerische Sicherheit der Proportionen und Rhythmen im Raum nachempfunden. Die Spitzenleistungen der Pergamonkünstler werden durch Struths wunderbare, unaufdringliche Gruppierungen auf einmal überraschend gegenwärtig, es ist, als hätte der Fotograf mit den Menschen Bilder gemalt, die es ihrerseits aufnehmen können mit den alten Meistern. Die klassische Ausgewogenheit der Pergamon-Arbeiten zeigt Struth endgültig auf einem künstlerischen Höhepunkt, den man sich und ihm als lange Dauer und stetige Erneuerung wünschen möchte.

 

Infos:

- Thomas Struth: „Museum Photographs“, mit Texten von Hans Belting, Walter Grasskamp und Claudia Seidel, Verlag Schirmer/Mosel, München 2005, 144 Seiten, 50 Farbtafeln, 13 Abbildungen, ISBN 3-8296-0107-7, Preis 68 Euro, www.schirmer-mosel.com Zur Zeit (Stand 2010) ist der Titel vergriffen.

- Eine hervorragend edierte Werkübersicht Thomas Struths war auch der Begleitband zu der großen USA-Ausstellung bei Schirmer/Mosel: „Thomas Struth 1977 – 2002“, München 2002, 190 Seiten, 101 Bildtafeln, ISBN 3-8296-0045-3, Preis 78 Euro.

- Eine Fortsetzung der Werksübersicht kam 2010 durch die Wanderretrospektive "Thomas Struth - Fotografien 1978-2010" zustande (Begleitbuch bei Schirmer/Mosel, München 2010, 248 Seiten mit 330 Abbildungen, ISBN 978-3-8296-0463-5, Preis 58 Euro).

- Zur Zeit (Stand 2010) sind neun Struth-Titel des Schirmer/Mosel Verlags im Handel, sowohl Werkübersichten als auch Texte. Die Werkgruppe der "Museum Photographs" liegt speziell vor mit dem "Pergamon Museum" (32 Seiten, 64 Farbabbildungem, ISBN 9783829601429, broschiert 24,80 Euro) und dem Prado-Projekt "Making Time" 116 Seiten, 51 Farbtafeln, ISBN 9783829603003, gebunden 49,80 Euro). "Making Time" gibt es auch als Sammler-Vorzugsausgabe für 950 Euro.

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