Claus Stolz

Die Sunburns

 


Stolze Erwerbung kurz vor Weihnachten 2009: eine Fresnellinse von 56 cm Durchmesser. Fotokünstler Claus Stolz, der sich hier mit seiner Errungenschaft präsentiert, nutzt die später auf ein Holzgerüst montierte Linse, um Planfilme von 20 x 25 cm Größe durch die Sonne verschmoren zu lassen. Heraus kommen "Sunburns" von wunderbarer ästhetischer Wirkung.
Foto: Stolz

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Fotografie/StolzSunburns.html

"Kunst und Kosmos" dankt Claus Stolz und
Manfred Rinderspacher für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion  der Fotos auf dieser Seite.

 

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Claus Stolz - Drei Werkkomplexe

29-03-2010

Dahinschmelzen unter der Kraft der Sonne

Auf dem Weg zur Dreidimensionalität – Fotokünstler Claus Stolz und seine „Sunburns“

 

Von Christel Heybrock

 

Er kam uns allen ungewöhnlich lang und kalt vor, der Winter 2009/2010. Wahrscheinlich war das ja ein Irrtum, aber gefühlte Erfahrungen sind auch Erfahrungen. Den Mannheimer Fotokünstler Claus Stolz scheint das Fehlen der Sonne schon vor Weihnachten derart genervt zu haben, dass er sich tollkühn mit einer Fresnel-Linse von 56 cm Durchmesser versorgte. Berücksichtigt man, dass der französische Physiker Augustin Jean Fresnel (1788-1827) das nach ihm benannte geschliffene Glas 1822 eigentlich für Leuchttürme entworfen hatte, wird einem schon etwas mulmig zu hören, Claus Stolz wolle damit die Sonnenstrahlen einfangen (wenn sie im Frühjahr endlich wieder Kraft hätten), um Fotofilme damit zu verschmoren.

 


Nein, 56 cm Durchmesser reichten dem sonnengierigen Fotokünstler nicht - ein Vierteljahr nach der "kleinen" Fresnellinse kam eine weitere Linse von 100 cm Durchmesser hinzu, für die ein Schreiner eine Holzmontierung mit verschiebbarem Wagen für die Planfilme konstruierte. Die folgenden Fotos von Manfred Rinderspacher dokumentieren den ersten Einsatz der Riesenlinse Anfang März 2010 im Garten von Claus Stolz.

 

Und Stolz war so besessen von der Idee dieser Schmurgelei, dass er sich noch vor Beginn des Frühjahrs eine weit phantastischere Kunststofflinse mit einem satten Meter Durchmesser von einem japanischen Solarunternehmen kommen ließ (Stolz: „Der Transport war teurer als die Linse selbst“). Ein Schreiner musste ihm dazu eine Art Gerüst bauen, das in zerlegtem Zustand zentimetergenau in Stolz’ Auto passt (während die „kleinere“ Linse immerhin noch auf dem Balkon montiert werden kann). Von einer Kamera, auf die solche Objekte hätten geschraubt werden können, lässt sich da natürlich nicht mehr reden. Mit den beiden Riesenlinsen aber ist Stolz nun auf einem völlig neuen Weg: Letztlich führt er die Fotografie in die Dreidimensionalität.

 

Seit Jahren lässt der Künstler, der auch mit der Digitalkamera arbeitet (aber dann die Linse nicht zur Sonne richtet) normale Fotofilme von der Sonne zu „Sunburns“ ankokeln. Die Ergebnisse sind wunderbar ästhetische Formen eines Zerstörungsvorgangs, der jedes Mal anders verläuft, je nachdem ob Stolz die Kameralinse am Vormittag oder am Nachmittag zur Sonne gerichtet hat, ob die Aufnahme eher wenige Minuten oder aber Stunden dauert und ob die Sonne während der Belichtungszeit ständig scheint oder zwischenzeitlich von Wolken bedeckt ist. Auch die Frage, ob Stolz das Negativ benutzt oder aber den Film (so vorsichtig wie möglich) entwickelt und vergrößert, wirkt sich auf die Ästhetik aus. Ein Buch, das 2009 im Kehrer Verlag erschien, bewahrt Beispiele dieser „Sonnenbrände“.

 


Unterhalb der Riesenlinse ist der Planfilm im Ultra Large Format (ULF, 50 x 60 cm) auf einem verschiebbaren Wagen fixiert und leuchtet bereits rot. Ein dramatischer Prozess beginnt. 

 

Mit den beiden neuen Linsen aber betritt der Künstler Neuland, auch wenn die Sonne weiterhin Blasen in den Filmschichten aufwerfen und Löcher hineinbrennen wird, die von feinen Gespinsten umgeben sind und in ungeahnten Farben leuchten. Auf den Holzgestellen, die nun als „Kamera“ fungieren, können die montierten Linsen in unterschiedlichen Winkeln zur Sonne geneigt und in verschiebbaren Entfernungen zur Linse die Filme befestigt werden. Einen schwarzen Balgen, der die Filme vor vorzeitiger Belichtung schützen würde, braucht es nicht mehr: Was eine normale Kamera aufnimmt, sind letztlich nur Reflexionen von Licht auf Menschen und Dingen, während es für Stolz längst um das Licht selbst geht und nicht der hellste Gegenstand konkurrieren könnte mit der blanken Energie jenes Sterns, mit und von dem wir leben.

 

Es funktioniert! Schon brennt die Sonne sich in den Film ein, verändert die Farbschichten, der Film beginnt zu dampfen und sich zu verziehen.

 

Und es geht jetzt auch um das Material der Filme, die Stolz sich in Großformat-Planfilmen von 20 x 25 cm (für die  kleinere Linse) und im Ultra Large Format (ULF) von 50 x 60 cm für die 1-Meter-Linse aus dem Spezialhandel liefern lässt. Diese Filme werden auf Holzrahmen aufgespannt und müssen richtig fest getackert werden, denn durch die Sonne verziehen sie sich dramatisch und entwickeln eine Spannung, die sie glatt aus dem Rahmen katapultieren würde. Würde Stolz den Schlitten mit dem Planfilm direkt in den Brennpunkt platzieren, käme nur ein Loch zustande (und eine in diesen Punkt gehaltene Hand würde sich böse verbrennen). Um die „Wanderung“ der Sonne oder subtilere Wirkungen zu dokumentieren, werden die Filme außerhalb des Brennpunkts fixiert.

 

Die Sonnenglut dehnt sich aus auf dem Film, der Rauch wird stärker.

 

 

Es riecht entsetzlich, ganze Schwaden von Rauch umnebeln jetzt das Gesicht von Claus Stolz bei der Premiere seiner Riesenlinse, während der Film dahinschmilzt und ein unverwechselbares Kunstwerk entsteht.

 

Anfang März 2010 konnte Stolz’ Kollege Manfred Rinderspacher mit der hier in Auswahl gezeigten kleinen Fotoserie dokumentieren, wie die 1-Meter-Linse im Garten von Stolz’ Einfamilienhaus erstmals zum Einsatz kam. Es roch fürchterlich, und Rauchschwaden umnebelten das Gesicht des glücklichen Sonnenfängers, dessen Konzept voll aufging: Der Film verzog sich, wurde zur schiefen Blase, begann in herrlichem Orange und Rot zu glühen, platzte an einer Stelle auf und hinterließ ein schwarz umrandetes Loch. Auch Rauchspuren tragen zur Ästhetik dieser Vorgänge bei, und weil die unterschiedlichen Filmschichten in unterschiedlichen Farben und Formen schmelzen, kommen mehrschichtige kleine Höhlen, kristalline Partien, feinste Punkte und netzartige Strukturen, aber auch Stacheln oder wabenartige Zellen dabei zustande, es gibt kaum genug Wörter, um die Verschiedenartigkeit dieser verkokelten Objekte zu beschreiben.

 


Ergebnis von phantastischer, dreidimensionaler Schönheit - ein "Sunburn" mit schwarzem, durchlöchertem Blasenbuckel in orangerotem, aufgewölbtem Umfeld. Es gibt keine zwei identischen "Sunburns".

 

Objekte – das sind die einstigen Planfilme nämlich tatsächlich geworden, dreidimensionale fragile Gegenstände. Entwickeln? Vergrößern und auf Papier abziehen? Stolz geht jetzt einen anderen Weg und lässt die Objekte, wie sie sind. Steckt sie in LED-Leuchtkästen, so dass man ihnen zwischen die Blasen schauen und als phantastische mehrschichtige Gebilde wahrnehmen kann: Sonnenkunstwerke, die sich aus der Fläche in den Raum aufgeworfen haben. „Sunburns“, dieser Begriff trifft immer noch zu. Aber die Galerie Photo Edition Berlin, die Stolz’ Sonnenarbeiten der Jahre 1995 bis 2010 unter der Bezeichnung „Heliographien“ ausstellt, wird sich langfristig doch einen anderen Begriff suchen müssen, denn mit „Graphik“, mit einem Vorgang in der Fläche hat das alles nichts mehr zu tun. Ein zeitlicher Prozess (der Lauf der Sonne) wird zur Plastik, zur Skulptur. Und schon denkt der Meister wieder weiter und "liebäugelt" laut eigener Mitteilung "mit einer Rolle Film von 60 cm x 30 Meter ... für längere Querformatbelichtungen". Dabei müsste er den Film freilich in der Länge doch etwas teilen. Es sei denn, der Schreiner müsste noch mal ran und einen Wagen konstruieren, auf dem sich der Filmstreifen automatisch weiter transportieren ließe, während die Sonne scheint und scheint. Sicher ist eines: Der letzte "Sunburn" hat noch lange nicht unter der Sonne gelegen.

 

Infos:

 - Die Galerie Photo Edition Berlin (http://www.photo-edition-berlin.com) zeigt vom 15. April bis 13. Juni 2010 unter dem Titel „Sonne – Heliographien“ Arbeiten der Jahre 1995-2010.

 - Im Februarheft 2010 von Harpers’ Magazine wurde Stolz mit einem seiner „Sunburns“ vorgestellt.

Claus Stolz, “Sunburns”, herausgegeben von Klaus Kleinschmidt, Kehrer Verlag, Heidelberg 2009, 64 Seiten mit 25 Farbabbildungen, ISBN 978-3-86828-066-1, Preis 28 Euro. Eine Vorzugsausgabe mit nummeriertem und signiertem C-Print erschien in einer Auflage von 25 Stück und kostet 180 Euro. Das Buch war für nominiert für den Deutschen Fotobuchpreis 2010 (www.kehrerverlag.com)

 - Claus Stolz' nächste Einzelausstellung findet 2011 in der Wiesbadener Galerie photonet statt: www.photonet-online.de

 - Auf dem neuesten Stand ist immer seine Website: www.clausstolz.de

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