Peter Schlör

"Black & Wide" - Bilder der Kanarischen Inseln


Peter Schlör: "Magaña". Eigentlich ist der Ort auf der Kanaren-Insel la Gomera berühmt für seine Drachenbäume - Schlör interessierte sich bei dieser Aufnahme aus dem Jahr 2010 für etwas ganz anderes: für die Wolken und das Licht, das sich auf ihnen bricht und das Meer mit einem Silberreflex überzieht.

 

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Peter Schlörs Fotos auf dieser Seite wurden seinem Bildband "Black & Wide" entnommen.

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Zwischen Wildnis und Wolken

Peter Schlörs Fotoband „Black & Wide“ dokumentiert die Erde als atmenden Organismus

 

Von Christel Heybrock

 

Sommer, Sonne, Meer und Strandbars – so erleben Touristen die Kanarischen Inseln, und anders wollen sie ein „Urlaubsparadies“ offenbar auch gar nicht haben. Zwischen den immer gleichen Fotos in den Reisekatalogen und den Aufnahmen von Peter Schlör liegen Welten, obwohl es sich um die selben geografischen Orte handelt. Zwar kann man in jedem Reiseführer nachlesen, wie sehr sich auf den Kanaren die Küstenlandschaft vom Landesinneren unterscheidet, aber so dramatisch stellt sich das wohl niemand vor, und die Art und Weise, wie man eine Landschaft wahrnimmt, ist stets auch eine Frage des individuellen Bewusstseins.

 

Bei Schlör herrschen Schwarz und Weiß statt bunter Farben vor, und statt sonnenhungriger Badegäste sind auf „seinen“ Kanaren Menschen überhaupt nicht zu sehen, nicht einmal Tiere. Schlör hat sich völlig eingelassen auf ein Wechselspiel physikalischer Kräfte, dem der moderne Großstädter praktisch nicht mehr begegnet: dem Wechselspiel zwischen der Erde und ihrer Atmosphäre. Seit Jahrtausenden und in vielen Kulturen haben sich Menschen auf der Suche nach „Wahrheit“ in die Einsamkeit zurück gezogen, sind in die Wüste gegangen oder auf Berge gestiegen. Diesem archaischen Impuls gibt Schlör schon seit Jahren und in verschiedenen Ländern nach – seit 2009 auch auf den Kanarischen Inseln, und zwar, wie er einmal formulierte, vor allem auf „den höheren Inseln La Palma, Teneriffa und La Gomera“. Ein Ausstellungszyklus 2012 in Neunkirchen, Mannheim, München, Frankfurt und Aschaffenburg präsentiert Schlörs Kanaren-Aufnahmen unter dem Titel „Black & Wide“, und ein Fotoband im Kehrer Verlag liefert dazu eine sorgfältig gemachte Gedächtnisstütze. Das klingt etwas abwertend, und tatsächlich kann das notwendigerweise begrenzte Format des Bandes keinen adäquaten Eindruck der atemberaubenden Weite und Dramatik von Schlörs Fotografie vermitteln.

 


"Reventón", ein Gebirgspass auf der Insel la Palma. Schlör dokumentierte im Jahr 2011 das dramatische Geschehen, als eine Wolkenwand wie eine riesige Meereswoge vom Berg herab ins Tal fiel.

 

Wer sich etwas einsieht in diese Bilder, glaubt den Wind zu fühlen, den würzigen Duft des Bodens einzuatmen und die Wolken brausen zu hören – und plötzlich gibt es nichts anderes mehr als die Erfahrung, selbst ein Teil zu sein im Dialog der Erde mit ihrer kosmischen Umgebung: als Lebewesen Teil eines lebendigen Organismus zu sein. Klimageografen werden einem in dürren Worten erklären können, wie sich Passatwinde an der afrikanischen Küste aufbauen und die Kanaren überziehen, wie sich durch Sonneneinfallswinkel und Erdrotation Hadley-Zellen und Innertropische Konvergenzzone bilden. Aber vom Wind zu reden und ihn selbst zu spüren, sind zwei verschiedene Dinge, und was Schlör dem Betrachter durch seine Aufnahmen mitteilt, ist überwältigend. Die Erde atmet, und ein Brausen antwortet ihr, Erde und Atmosphäre befinden sich in ständigem Austausch, reagieren aufeinander, alles lebt, bewegt sich, mal steigt ein sanfter Hauch empor, mal türmen sich Wolkenwände auf und drängen heran wie riesige Meereswellen, mal legt sich ein Dunstschleier über Berge und Täler, mal reißt der Himmel auf und schickt gleißendes Licht zwischen tiefe Schatten.

 


Der Barranco "El Polvo" auf Gran Canaria, fotografiert 2011. Grell beleuchtete Wolkenfetzen scheinen den Eingang zur Unterwelt zu markieren. Aber jenseits mythologischer Fantasien: wohin führt das schwarze Loch, wie tief ist es, wo endet es?

 

Schlör hat sich, mit der Kamera diese Prozesse dokumentierend, einem unaufhörlichen Drama ausgesetzt. Für viele Betrachter sind diese Ansichten so ungewohnt, dass sie die Aufnahmen als „surrealistisch“, gar als „theatralisch“ empfinden, so als hätte der Fotograf die Realität manipuliert. Wenn man nur Büros, Shopping Malls oder Diskotheken gewöhnt ist, mag einem das so vorkommen, aber tatsächlich brauchte Schlör nur seinen Standort zu wählen, und der war stets oberhalb der Täler auf den Bergen. Da ging sein Blick mitunter von Berggipfel zu Berggipfel, und die Vegetation auf den tiefer gelegenen Hängen scheint auf manchen Bildern so dicht und fern wie Moos. Es gibt Aufnahmen, die einem die Perspektive eines Vogels suggerieren: bodenlos dahinsegelnd in einer atmenden Weite. Oder grell beleuchtete Wolken, vom Sturm zerfetzt und aufgerissen, überm Berggipfel hinweg blickt man in ein tiefschwarzes Nichts. Würde man sich fliegend hineinstürzen in dieses Loch – wo würde es enden? Was ist dahinter?

 

Immer wieder wird auch das zu einer Erfahrung der eigenen Relativität: Dass einem jedes menschliche Maß abhanden kommt und die Dimensionen so gewaltig sind, dass man sie nicht mehr er-messen kann. Womöglich unbewusst, mit Sicherheit aber aus einem untrüglichen Instinkt heraus hat Schlör seine Position in diesem pausenlosen Drama so gewählt, dass der Boden nie zu sehen ist und der Betrachter daher selbst die Bodenhaftung, das heißt, sein eigenes Maß verliert. Der Blick des Betrachters entspricht daher potentiell einer Perspektive, in der die Natur, die Erde, sich selbst „sehen“ und erfahren würde – dass man nur noch Augen, aber keine Füße mehr zu haben scheint, dass man nicht mehr gebunden ist, erweist sich angesichts der Dramatik und der Dimensionen des Geschehens nur als angemessen.

 


"Lomo de la Veta", 2010 - Schlörs Fotografien sind Bilder ohne Bodenhaftung und setzen sich hinweg über die normale menschliche Perspektive. Man blickt auf solche Szenerien wie aus einem Flug, aber man blickt nicht nach unten, sondern ist gleichsam mit der Natur auf Augenhöhe.

 

Aber nicht nur der pausenlose Wechsel zwischen den Strukturen der Erde und denen der Atmosphäre ergibt das Bild einer dynamischen Beziehung, sondern auch das unaufhörliche Frage-und-Antwort-Spiel zwischen gleißendem Licht und undurchdringlichem Schatten. Beide Aspekte entfalten sich in Schlörs Aufnahmen mit einer unglaublichen Spannweite und Differenzierung. Zwischen dem gewalttätigen Durchbrechen des Lichts durch zerrissene Wolken und dem silbrig sanften Reflex des hellen Himmels auf dem Meer gibt es unzählige Verhaltensvarianten von Erde und Himmel. Wie die Berge sich aufgefaltet haben zu felsigen Hängen und tiefen Schluchten: manche Hänge in gnadenlosem Licht, direkt daneben die scharfen Schattenflächen der Gipfel, die vor ihnen in der Sonne liegen. Sonne und Erde, der Atem, der emporsteigt und die Feuchtigkeit, die sich in der Luft zusammenballt, heranstürmt oder als nebliger Hauch in den Tälern wabert – es gibt kein Ende der Erscheinungsformen.

 

Schlör hatte in diesem Gebrause manchmal das Gefühl, selber nicht mehr atmen zu müssen, weil die Luft sich förmlich in seine Lungen drängte. Vor allem aber lernte er offenbar, was normalen Großstadtmenschen völlig abgeht: Als Mensch ist nicht er das Maß der Dinge, und seine eigenen Gefühle spielen überhaupt keine Rolle bei der Wahrnehmung der Naturprozesse. Im Gegenteil – er musste lernen, Gefühle abzustreifen, um so authentisch und so objektiv wie möglich in der Natur zu stehen: „Je mehr ich mich selbst zurücknehme, desto magischer werden die Bilder ... Nicht ich mache diese Bilder – die Natur bringt sie hervor“, erklärt er. Einerseits reduziert er sich damit auf die Rolle pflanzlicher Lebewesen, die dort, wenn auch auf Dauer, ähnlich standhalten müssen wie er selbst in temporärer Begrenzung. Die Ansicht der arg zerzausten Kiefer auf dem Bild „El Pino“ ist in diesem Zusammenhang Dokument einer Empathie, die alle Lebewesen verbinden könnte. Mit der Erkenntnis, dass nicht er, sondern die Natur diese Bilder hervor bringt, stellt sich Schlör aber andererseits der uralten Frage der Fotografie: Was ist wirklich und wie lässt es sich festhalten? Wirklich ist hier jedenfalls nicht mehr die Perspektive des Menschen, der die Natur stets völlig verzerrt und bis zur Unkenntlichkeit reduziert sieht, sondern wirklich ist die Natur in sich selbst, und Schlör hat sich der Utopie genähert, man müsste sie so weit wie möglich sehen, wie sie sich selbst sieht.

 


"El Pino", die Kiefer, zerzauste Kreatur in bedrohter Lage, eine Aufnahme von 2010. Versucht man nachzuempfinden, welchen Naturkräften sich Schlör selbst zeitweise ausgesetzt hat, um seine Fotos zu machen, kann man solche Lebewesen nicht ohne Empathie betrachten.

 

Es kommt also nicht von ungefähr, dass es auf seinen Bildern keine Menschen gibt, denn die Bilder setzen sich hinweg über menschliche Perspektiven. Natur zeigt sich hier so ursprünglich, so ungebändigt wie vor Millionen Jahren, als es Menschen noch nicht gab. Die Erde braucht uns nicht, sie hat uns quasi nebenbei hervorgebracht, und es ist Schlörs Verdienst, dass er uns mit den Kanaren-Ansichten diese Erkenntnis nahe legt.

 

Info:

- Ausstellung „Black & Wide“, Städtische Galerie Neunkirchen, Marienstr. 2, vom 1. Juni bis 9. September 2012, www.staedtische-galerie-neunkirchen.de

- Katalogbuch “Black & Wide”, mit einem Text von Gislind Nabakowski (Englisch/Deutsch/Französisch), Kehrer Verlag, Heidelberg/Berlin 2012, 120 Seiten mit 44 Duoton-Abildungen, 30 Euro

- Homepage von Peter Schlör: www.peter-schloer.com
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