Simone Nieweg

 

 

Ein ganzes Jahrzehnt liegt zwischen den beiden Fotobänden von Simone Nieweg. Hier die beiden Cover: Der Band oben erschien 2002, das Titelfoto zeigt die Aufnahme "Kohlfeld, Düsseldorf-Niederkassel, 1990". Der Band unten erschien 2012 (Titelfoto: "Garten am Wald, Thionville 2009"). Die Künstlerin ist ihren Motiven treu geblieben - den Feldern, Gärten und dem privaten Anbau im "Grabeland", das allmählich aus dem modernen Alltag verschwindet.

 

 

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Alle Bilder auf dieser Seite wurden den beiden Bänden entnommen: Copyright Simone Nieweg/ courtesy Schirmer/Mosel

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09-04-2012

Update 16-09-2014

Jahreslauf im Niemandsland

Simone Niewegs Fotobände bei Schirmer/Mosel führen menschenleere Gärten und Ackerränder vor Augen

 

Von Christel Heybrock

 

Braune Erdschollen, frisch aufgeworfen. Irgendwo wächst ein Rest Kohl, in einer Furche hat sich Gras angesiedelt. Zwischen Holzstangen der kleine Hügel eines Komposthaufens, gegen den Horizont schweift das Auge über flaches Grün, der Himmel darüber ist leer und grau. Banaler könnte ein Anblick nicht sein.

 

Aus Kohlköpfen, Bohnenstangen, festgetretenen Feldpfaden, Ackerfurchen und rostigen Maschendrahtzäunen komponiert die 1962 in Bielefeld geborene Fotografin Simone Nieweg, 1989 Meisterschülerin von Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie, ihre Aufnahmen. Kaum je hat man Fotografien gesehen, deren Motive beiläufiger, zufälliger, absichtsloser schienen. Sie zeigen nichts außer der Öde von menschenleeren Äckern und Pflanzengrün, mal saftig gedeihend, mal abgeerntet oder verrottend. Erde mit Traktorspuren, Pfützen, Nebel, vielleicht im Hintergrund eine unordentliche Hütte, vielleicht eine blaue Plastikregentonne zwischen Schnittlauch und Salat. Eigentlich wünscht man sich weg. Wenn man hier leben müsste mit nichts sonst, in dieser Einsamkeit, ohne die Segnungen der Massenmedien und Supermärkte, man müsste fürchten zu verblöden vor lauter Reizlosigkeit.

 

Paradoxerweise ziehen gerade diese Bilder das Auge magisch an. Simone Nieweg hat nichts verändert, nichts manipuliert, allein ihr Blick macht aus der Nichtigkeit dieser Motive subtile Kunstwerke. Wie sie diese Ansichten aufbaut! Wie sie ein Beet mit Porreestangen über Eck in die Mitte setzt, vorn zwei dünne Linien Erdbeerpflanzen darauf zulaufen lässt und den Hintergrund mit einer dunkelgrünen, mächtigen Laubwand abschließt – es ist ein Genuss! Nimmt man zunächst nur die Motive selbst wahr, so entdeckt man bald, wie bewusst die Perspektive gewählt wurde, wie sorgfältig Diagonalen die Bildfläche dynamisieren, wie im geometrischen Geflecht aus Geraden und Kreissegmenten noch verschiedene Blatt- und Halmformen feinste plastische Wirkungen hervorbringen.

 


"Garten mit blauer Regentonne, Bielefeld-Brackwede, 1987" - ein kompositorisches Meisterwerk, bei dem die blaue Tonne nur leicht versetzt vom zentralen Schnittpunkt der Trampelpfade und Linienverläufe steht. So banal die Motive auch auf den ersten Blick scheinen, so bewusst setzt die Künstlerin ihren Blick. Den meisten Motiven liegt ein Netz geometrischer Strukturen zugrunde.

 

In kaum merklicher Akzentuierung steht beispielsweise die dumme blaue Regentonne leicht versetzt vom Bildmittelpunkt an einer Stelle, an der fast alle gedachten Linien einander schneiden. Bei der Aufnahme „Himbeerhecke, Korschenbroich, 1992“ scheint das Blattwerk einer schattigen Hecke mit seinen feinen, vibrierenden Formen die nackten Erdkrumen im Vordergrund zu variieren, gleichzeitig werden drei verschiedene Ebenen des Lichts präsentiert  – von praller Sonne vorn, über die Himbeerhecke in der Mitte, bis zum Dunkelgrün und Braun des Hintergrunds, wo der Blick in Dämmerzonen fällt. Oder aber es baut sich, umrahmt von halb ausgerupften Graslinien, ein dicker gelber „Kürbis, Bielefeld, 1990“ mit großem Blattwerk wie eine Skulpturengruppe im Bildzentrum auf.

 

Dass solche Aufnahmen im Jahr 2002 erstmals in einem Bildband publiziert wurden, war einfach überfällig, und damals hat der Münchner Schirmer/Mosel Verlag ein fast bibliophiles, bei aller Nüchternheit hervorragend auf  Simone Niewegs Kunst abgestimmtes Buch herausgebracht. Nachdem sie 2001 mit der Schau „Grabeland“ im Rheinischen Landesmuseum Bonn erstmals ihre Werke in einer Museums-Einzelausstellung zeigen konnte, begleitete das Buch 2002/2003 eine Ausstellungsserie, die ihre erste Station im Huis Marseille hatte (der Stiftung für Fotografie) in Amsterdam und über die Brotfabrik Berlin ins Siegerlandmuseum Haus Oranienstraße in Siegen wanderte.

 

Inzwischen hat es ein ganzes Jahrzehnt gedauert, bis die Künstlerin unter dem Titel „Natur der Menschen“ einen weiteren Fotoband (wieder bei Schirmer/Mosel) herausbrachte. Betrachter, die von ihrer ersten Publikation tief beeindruckt waren, werden die lange Zeitspanne bedauert haben – zugleich aber weckt der neue Band mit Aufnahmen aus eben den vergangenen zehn Jahren die neugierige Frage, was Simone Nieweg inzwischen gemacht und wie sie ihre Arbeit weiter entwickelt hat. An ihren Motiven hat sie grundsätzlich nichts geändert, nur dass sie sich nicht mehr auf das speziell deutsche „Grabeland“ beschränkt - Grabeland bezeichnet eine bis ins Mittelalter zurückreichende, heute allmählich in Vergessenheit geratende Form von Landkultivierung, bei der im Niemandsland zwischen Stadt und industrieller Landwirtschaft kleinere öffentliche Parzellen für jeweils eine Anbausaison verpachtet werden. Simone Nieweg hat ähnlich verwunschene Obstgärten und Gemüseanbauflächen mittlerweile auch in Frankreich und Österreich aufgespürt, in der Steiermark, in Burgund, in der Dordogne, sogar in der Nähe von Paris.

 


"Apfelbaum, Dillingen, Saarland 2004". Der Vordergrund mit einem Teppich aus herbstlichen Falläpfeln ist bis zur Bildmitte hochgezogen, der arg beschnittene Baum steht wie ein Mahnmal an der Grenze zu einem Feld und scheint sein Letztes gegeben zu haben. Der Horizont ist versperrt durch eine Linie aus Bäumen und Buschwerk. Die Dreiteilung der Landschaftsschichten wird durch subtile Unterschiede in Farben und organischen Formen modelliert.

 

Neu ist aber auch die subtile Reihenfolge der Aufnahmen, die unversehens einen Jahreslauf ergeben – der Band beginnt mit einem herrlichen blühenden Weißdorn aus dem südfranzösischen Département Vaucluse und erstreckt sich über saftig-sommerliche Buschbohnen- und Zucchini-Beete bis zu herbstlichen Falläpfeln und winterlich vereisten Feldrändern im Rheinland. Ohne dass Simone Nieweg ihre verblüffend strengen Kompositionsprinzipien aufgegeben hätte, scheint sie sich mit dieser Hingabe an den Zyklus der Natur noch intensiver als zuvor mit ihren Motiven auseinander gesetzt zu haben. Es liegt eine geradezu liebevolle Eindringlichkeit in ihren Aufnahmen, eine latente Empathie für die Vitalität pflanzlicher Lebewesen. Mitunter könnte man fast von deren schicksalhaften Bedingungen sprechen. Der „Knospende Aprikosenbaum“ aus dem Vaucluse hat nicht den besten Standort zwischen einem Graben und dem verfallenden Mäuerchen, das eine Hangrutschung aufhalten soll – bewundernswert sein Lebenswille, der ihn zum Zeichen in der Umgebung werden lässt.

 


"Wirsing, Steinhagen, 1990", liebevolles Porträt einer Pflanze, deren vitale Formkräfte dem Betrachter Bewunderung abnötigen. Wer kann bei einem solchen Individuum an den Kochtopf denken? Im Blick von Simone Nieweg verlieren Pflanzen ihre Banalität als Nutzgegenstände, obwohl die Künstlerin nichts anderes zeigt als Nutzpflanzen.

 

Die Empathie für Pflanzen und ihre Wachstumsformen führte bereits im Fotoband von 2002 zu einer Reihe veritabler Porträts. Zwei Aufnahmen praller Kürbisse finden sich auch 2012, aber jetzt sind es vor allem Bäume, die sich an Wegbiegungen oder Straßenrändern behaupten und deren dichtes Laub manchmal einen Weg fast zur Schlucht werden lässt. Herabgefallene Früchte eines Pflaumenbaumes bilden buchstäblich einen Teppich auf dem Boden, und ein Mispelbaum (selten genug) steht mit rotem Herbstlaub wie in einer sanften Lohe. Gartenhäuschen und kleine Schuppen traten auch im ersten Fotoband auf, jetzt aber häufen sie sich als windschiefe, überaus labile Gegensätze zur Lebenskraft ihrer pflanzlichen Umgebung: Zusammengepfriemelt aus Wellblechteilen und Holzlatten, erwecken sie die Befürchtung, dass ein einziger Windstoß genügen würde, um sie wieder in ihre Bestandteile zu zerlegen.

 

Gemäß der Ausbildung des Meisters Bernd Becher, der von seinen Studenten stets die intensive Auseinandersetzung mit dem Motiv forderte, scheint Simone Nieweg ihre Motive noch sensibler und differenzierter erforscht zu haben. Sucht man nach Unterschieden ihrer Arbeitsweise zwischen 2002 und 2012, so gibt es vielleicht eine Steigerung feinster Nuancen, was Formen, Perspektiven und Farben betrifft. So „zufällig“ ihre Motive auf den ersten Blick immer noch erscheinen, so zutiefst bewusst sind sie erarbeitet. Da spielen sogar im Vordergrund die paar Blütenköpfe zwischen grünen Halmen am Rand eines Kartoffelackers im Oderbruch eine substanzielle Rolle.

 


"Kartoffelacker im Oderbruch, Neuhardenberg 2002" - Motiv wie aus einem Niemandsland, aber von subtiler Dynamik. Der Betrachter scheint auf einer Traktorspur zu stehen, die sich in der Ferne in sanfter Biegung an das abgeerntete braune Kartoffelfeld anschmiegt. Die Furchen auf dem Feld selber zeichnen andere Radien in den Boden, so dass sich eine wirbelartige Bewegung im Bild ergibt. Am Rand dieses Wirbels erscheint wie ein Knoten die Baumgruppe auf der rechten Seite. In den verschiedenen Grün- und Brauntönen setzen sogar die kleinen weißen Blütenköpfe im Vordergrund einen leisen, aber notwendigen Akzent.

 

In der Tradition abendländischer Landschaftsmalerei lässt Simone Nieweg Landschaften in einer Schichtung von Vorder-, Mittel- und Hintergrund erscheinen, wobei die Schichten sich sowohl durch Licht und Farben als auch durch die Struktur der Wachstumsformen unterscheiden. Besonders variantenreich ist der Umgang der Künstlerin mit der Perspektive: Fluchtpunkte finden sich mal im Bildzentrum, mal verschoben davon, mitunter liegt auch eine geschlossene Horizontlinie in der Ferne. Geradezu aufregend wirken sich kreuzende Trampelpfade oder Wegbiegungen im Vordergrund, die trotz aller Stille und Einsamkeit Dynamik ins Bild bringen. Symptomatisch sind aber vor allem Simone Niewegs „Vordergründe“, die dem Betrachter suggerieren, er könne selbst dort stehen – an den Rändern eines Ackers, einer Streuobstwiese, eines von wackligem Zaun umgebenen Gartens oder am Rand einer Straße.

 

 

Ränder als Schlüsselbegriff für Simone Niewegs Motive. Der Betrachter steht meist am Rand eines Gartens, eines Ackers, einer Straße; durch diese Position ergibt sich die spezielle Lebensperspektive der Künstlerin:  Distanz und Intensität. Die Abbildung oben zeigt nicht zufällig ein "Tor im Bohnengarten, Duisburg 2001", wobei der Blick des Betrachters nicht etwa durch den Zaun hindurch zielt, sondern am Zaun entlang wie an einer endlosen Versperrung.


Eine subtil ausbalancierte Komposition die Abbildung unten: "Grabeland, Krefeld-Oppum, 1991". Der Betrachter steht erneut am Rand eines Feldes. Der Trampelpfad scheint geradezu eine Einladung, mit den Augen die Wegbiegung nachzuvollziehen. Die Kurve indes kontrastiert mit drei Elementen, die hoch aufragende Akzente setzen - mit dem aufgeschichteten Misthaufen an der Wegbiegung, mit der Baumgruppe im Mittelgrund und mit den X-förmigen Bohnenstangen am rechten Rand. Die latente Dynamik dieser Aufnahme resultiert auch aus den feinen Varianten der Braun- und Grüntöne.

 

 

Der „Rand“ erweist sich schließlich als unterschwelliger Schlüsselbegriff für Simone Niewegs Fotografie. Die empathische Distanz, in der sie auf ihre Motive blickt, trägt dazu bei, dass der Betrachter sich selten mitten in einem Feld, in einem Beet, in einer Fülle pflanzlicher Schönheiten wiederfindet. Meist steht er davor, nicht darin, meist erschließt er sich die Szenerie von einem Trampelpfad oder eben vom Rand eines Waldes, von der Ecke eines Gemüsebeetes aus. Es sind aber auch die Ränder eines speziellen menschlichen Sozialverhaltens, nämlich die verbliebenen Reste einer Anbaukultur, die Simone Nieweg gezielt aufsucht. In seinem flüssigen Text berichtet Heinz Liesbrock, Direktor des Josef Albers Museums in Bottrop, wie vertraut die Künstlerin seit ihrer Kindheit eben mit diesen Anbauformen ist, die sie im Garten ihrer Großmutter erlebte. Das Überangebot preiswerter (und allzu oft auch billiger) Lebensmittel in den Supermärkten ist der Untergang des privaten Kleinanbaus, und Liesbrock entdeckt nicht ohne Grund einen Hauch von Melancholie im Lichteinfall tief stehender Abendsonne in Simone Niewegs Bildern.

 

Infos:

 

- Simone Nieweg, „Landschaften und Gartenstücke“, mit Texten von Els Barents, Saskia Asser und Andrea Domesle, 144 Seiten mit 71 Farbtafeln, Verlag Schirmer/Mosel, München 2002, Begleitbuch zu Ausstellungen in Amsterdam, Berlin und Siegen, ISBN 3-8296-0040-2, Preis 49,80 Euro.

 

- Simone Nieweg, „Natur der Menschen“, mit einem Text von Heinz Liesbrock, 168 Seiten, 98 Farbtafeln, Verlag Schirmer/Mosel, München 2012, Begleitbuch zu einer Ausstellung im Josef Albers Museum Bottrop (Stadtgarten 20, www.quadrat-bottrop.de, vom 12. Februar bis 27. Mai 2012), ISBN 978-3-8296-0583-0, Preis 49,80 Euro.

 

- Auch der Verlag Schirmer/Mosel stellt anlässlich der Publikation "Natur der Menschen" Bilder von Simone Nieweg in München aus: Schirmer/Mosel Showroom, In den Hofgartenarkaden, Galeriestr. 2, Eröffnung Donnerstag, 19. April 2012, 18-21 Uhr; bis 30. Mai, Montag bis Freitag 12-19 Uhr, Samstag 12-15 Uhr, www.schirmer-mosel.com

 

- Das Thema "Wald" erschien bei Simone Nieweg in dem Fotoband "Die Bäume, die Landschaft, das Licht und der Wald" (mit einem Gedicht von Heinrich Heine, 140 Seiten, 79 Farbtafeln, Verlag Schirmer/Mosel, München 2014, ISBN 978-3-8296-0670-7, Preis 49,80 Euro).

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