Sigrid Jakob


Die in New York lebende Fotografin Sigrid Jakob in einem Selbstporträt. Sie fotografiert Männer mit einfühlsamer Distanz - und bemerkenswerten Ergebnissen.

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Alle Bilder auf dieser Seite von Sigrid Jakob (Copyright). "Kunst und Kosmos" dankt der Künstlerin für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

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17-01-2008

Männer – das verunsicherte Geschlecht
Fotografin Sigrid Jakob fragt nach der sozialen Rolle des modernen Mannes

Von Christel Heybrock

 

Dass Männer in Kunst und Fotografie kaum ein ergiebigeres Thema gefunden haben als die holde Weiblichkeit, ist ein Gemeinplatz. Nicht auszudenken, wie die Kunstgeschichte des Abendlandes ausgesehen hätte ohne den weiblichen Akt, ohne das Frauenporträt, ohne die Frau als Glanzlicht noch in der Genremalerei. Bis hin zur Werbeindustrie der Gegenwart hat das Thema der vom männlichen Blick erfassten Frau unser Sehen geprägt. Aber inzwischen haben sich Grenzen und Perspektiven verschoben, und, siehe da, plötzlich wirft eine Frau den Blick auf Männer. Heraus kommt dabei keineswegs eine Stilisierung knackiger Körper und lockender Posen, sondern eine von Einfühlung und Sympathie geprägte Dokumentation moderner Lebensentwürfe und uneingestandener Verunsicherung.

 

„Ich bin schon immer an Männern interessiert gewesen und hatte das Gefühl, dass sie das mehr verwundbare Geschlecht sind,“ teilt die in New York lebende Fotografin Sigrid Jakob in einer E-Mail mit, „dass hinter der starken Maske immer viel Angst ist.“ Es werde für den normalen Mann schwerer und schwerer zu erkennen, was die heutige Gesellschaft eigentlich von ihm erwarte: „Gepflegt soll er sein, fitter, sensitiver, gefühlvoller, auch mal weinen können. Aber trotzdem noch maskulin und stark und in Kontrolle. Ich sehe immer, was das für Konflikte gibt, denn das lässt sich ja oft gar nicht vereinbaren.“

 

Sigrid Jakob, geboren 1966 in Sachsenheim, einer heute 17.000 Einwohner zählenden Kleinstadt im Landkreis Ludwigsburg bei Stuttgart, lebte 12 Jahre in Großbritannien und ging 1966 in die USA. In New York arbeitet sie in der Werbebranche, und das bringt es mit sich, dass sie soziale Veränderungen nicht nur aus erster Hand erfährt, sondern mitunter fast vorweg spüren muss – gute Werbung ist eben immer den Trends eine Nasenlänge voraus. Sie fotografiert Männer allerdings auch aus ureigenem, individuellem Interesse, weil sie sich fragt, wie dieses einst gesellschaftlich dominierende Geschlecht seine Rolle sucht in einer Welt, die sich rasend schnell verändert ... und in der die speziellen Fähigkeiten von Männern eigentlich immer mehr an Bedeutung verlieren. Alles, was sie heute können müssen, können Frauen längst auch und manchmal sogar besser, schließlich geht es in einer High-Tech-Zivilisation nicht mehr darum, wilde Bisons oder sibirische Mammuts mit bloßen Händen zur Strecke zu bringen.

 

Beim Fotofestival 2007 in Mannheim/Heidelberg/Ludwigshafen war Sigrid Jakob mit einigen Aufnahmen aus ihrer „Bären“-Serie im Wilhelm-Hack-Museum vertreten. Es waren eindrucksvolle Porträts von homosexuellen Männern aus einer sehr speziellen New Yorker Subkultur, die sich am traditionellen Ideal des taffen, straffen Athleten überhaupt nicht mehr orientiert. Eine zweite Serie in Sigrid Jakobs fotografischem Werk beschäftigt sich mit „normalen“ schwulen Männern – und eine dritte mit „gefestigten Junggesellen, enttäuscht von der Liebe und von Frauen“, wie sie es formuliert. Viele Porträts schwuler Männer entstanden bei ihr im Auftrag für Kontaktanzeigen, was umso ungewöhnlicher ist, als ja schier unüberwindliche Barrieren beseitigt werden mussten, um Fotografin und Modell überhaupt zusammen zu bringen. Irgendwann begannen ausgerechnet Männer, in deren Leben die Frau keine libidinöse Rolle spielt, dieser einen Frau hinter der Kamera zu vertrauen. Die allerdings nahm sich des Themas mit einer unvergleichlichen Mischung aus einfühlendem Interesse, Solidarität  und behutsamer Distanz an – mit vielen ihrer Modelle, deren Liebenswürdigkeit sie schätzt,  hat sie auch nach den Fotosessions noch freundschaftlichen Kontakt.

 

Um bei den normalen Schwulen zu bleiben – die zwischen 2002 und 2007 entstandene Serie heisst einfach „Personals“ bei Sigrid Jakob. Natürlich ist sie eine erstklassige Porträtfotografin, aber die speziellen Forderungen ihrer Kunden führten auch zu einer sehr speziellen Perspektive, nämlich zu Bildern, die Männer nicht etwa als Unternehmer, Wissenschaftler, Politiker, sondern als Sexualwesen dokumentieren. Was diese Leute in ihrem sozialen Alltag machen, ob sie Taxifahrer, Versicherungsagenten, Bibliothekare oder Manager sind, es spielt keine Rolle. Ausgerechnet der Aspekt, durch den Männer sich in der Gesellschaft definieren, bleibt hier völlig außen vor. Der Blick, mit dem Männer Jahrhunderte lang Frauen auf ihre Sexualität reduzierten, wird hier von einer intelligenten Frau auf Männer geworfen – auf deren eigenen Wunsch. Sie müsse, bekennt Sigrid Jakob, sogar hin und wieder mit ihren Kunden diskutieren, um ihnen allzu gängige „Schönheitsposen“ auszureden und sie stattdessen ihre eigene Körpersprache finden zu lassen.

 

Heraus kamen dabei Dokumente einer jeweils persönlichen Risikobereitschaft, wie man sie in der Öffentlichkeit bei Männern sonst nicht erfährt. Normalerweise werden Rennfahrer, Weltumsegler oder Himalaya-Bezwinger für ihren mutigen Einsatz bewundert – die Schwulen vor Sigrid Jakobs Kamera riskieren womöglich mehr, freilich ohne dafür die geringste Anerkennung zu finden. Sexualität ist immer eine Sprengkraft: Diese Männer werfen temporär ihre soziale Existenz über Bord und reduzieren sich auf mitunter nackte, in jedem Fall schutzlose Sexualwesen. Es fordert nicht nur Mut, sich so zu präsentieren, sondern auch, auf dieser Basis mit möglichen Partnern zu kommunizieren. Wo es um individuelle und zivilisatorische Maßstäbe nicht mehr geht, weiß Mann nicht, an wen er gerät, er liefert sich aus an unkontrollierbare Situationen. Viele Aufnahmen bei der „Personals“-Serie lassen denn auch den Zwiespalt erkennen zwischen Individuum und sich anbietendem Sexualobjekt.

 

Manch einer hat sich etwas schüchtern auf einem Bett, einer Couch, einem Stuhl in Positur gesetzt, der blonde „Douglas“ gar am Esstisch, und der verträumte „Chris“ scheint nicht einmal den Blick in die Kamera zu wagen. „Juan“, ein hübscher Latino, sitzt mutig vor einer spartanisch weißen Wand und wirft dem Betrachter einen halb schuldbewussten, halb verschwörerischen Blick zu, während „Robert“ auf einem leopardengemusterten Bettüberwurf zu den erfahrenen, selbstgewissen Schwulen zu gehören scheint. Verwegen wird es bei „Jim“, der sich in splitterfasernackter Frontalität dem Betrachter zuwendet und damit jenes Missverhältnis zwischen Kopf und Körper erkennen lässt, mit dem viele, vor allem weisse Männer westlicher Sozialisation leben. Auch der überschlanke „Terry“, nackt auf dem Bett sitzend und den Betrachter mit wissenden Augen fixierend, hat sich in eine Situation begeben, die von ihm erwünscht und zugleich fremd in seinem Leben ist. „Kevin“ dagegen liefert sich total aus, ein bleicher, weicher Körper in Embryopose mit den Armen die Knie umklammernd, liegend in einer Couchecke, den Blick über eine Schulter hinweg auf den Betrachter gerichtet – eine Regression, die schon fast perverser Mut ist.


"Shaun", eines der beeindruckendsten Porträts aus der "Personals"-Serie von Sigrid Jakob.

Von den „Personals“ ist „Shaun“ die beeindruckende, bewegende Ausnahme. Auch er nackt auf dem Bett sitzend, aber ohne sich preiszugeben, sieht er den Betrachter an mit Augen voll Trauer und einem Wissen von Vergeblichkeit. Er scheint der einzige Mann in der Serie zu sein, der mit seiner Sexualität identisch ist, ein Menschenkenner, der zu aller erst sich selber kennt und zu sich selbst ebenso wie zu seinen Erfahrungen steht. Das Licht kommt von links vorn, die Figur ist leicht nach rechts aus der Mitte verschoben und scheint mit der Intensität ihres Blicks den Betrachter ins Halbdunkel auf der rechten Seite zu locken. In der Vieldeutigkeit des Ausdrucks und der klassischen Komposition mit gebrochenen Blau- und Rottönen, aus denen sich die leuchtende Haut des Mannes hervorhebt, ist das Porträt eines der schönsten von Sigrid Jakob.

Eine bestimmte Gruppe homosexueller Männer bildet in New York eine eigene Subkultur, die „Bears“, die „Bären“. Vielleicht versteht man das als weiblicher Betrachter ja falsch, aber man wird den Eindruck nicht los, dass es bei diesen Männern persönlicher, humaner, weniger riskant und machohaft zugeht. Sie akzeptieren und begehren einander durch etwas, was dem allgemeinen Schönheitsempfinden zuwider läuft: schwammige, weiche Körper, Schwabbelspeck, mangelnder Ausdruck von Aktivität, mitunter gar unverhohlene Melancholie. Ihre betonten Defizite und soziale Antihaltung machen sie zu Personen mit anderem, vielleicht offenerem wechselseitigen Verstehen innerhalb ihrer Gruppe. Die meisten haben sich mit nackten Oberkörpern in Positur gesetzt oder gestellt, „Brian“ mit der gepiercten Brustwarze und „Jonathan M“ mit Tomaten in der Hand offenbar im Garten, „Larry F“ (grauhaarig, bärtig und mit enormen Hängebrüsten überm Bauch) sowie der junge „Jonathan H2“ vor einer weißen Wand. Ein sehr ästhetisches, klassisches Porträt gelang mit dem tätowierten „David“, der im Korbsessel vor dunkelblauem Hintergrund sitzt und dem Betrachter ruhig ins Gesicht sieht. Sein rosig heller, behaarter Körper hebt sich von dem dunklen Hintergrund mit einer Plastizität ab, die ihn fast zum Berühren nah bringt.


"Rocco" aus der "Bären"-Serie von Sigrid Jakob.

Ein Sonderfall ist „Rocco“, der überm voluminösen Bauch zwei fast kindliche Hände verschränkt; Gesicht und Augen stehen zu seinem babyhaft runden Körper in überraschendem Alterskontrast, „Rocco“ ist kein junger Mann mehr, in seinem Blick liegt ein ganzes Leben aus Trauer und Begehren. Erstaunlich, dass „Rocco“ dann auch, zurückgelehnt sich auf der Kante eines riesigen Bettes präsentierend, in der „Bachelor“-Serie noch einmal erscheint – der Serie, in der Sigrid Jakob sich der enttäuschten Junggesellen annahm. Die schrägsten Typen sind ausgerechnet in dieser Kollektion von - nach allgemeinem Dafürhalten – „normalen“ Männern versammelt: Für eine solche Bandbreite von beziehungsgescheiterten oder beziehungsunwilligen Personen kann man kaum die angemessen differenzierten Wörter finden.

 

Da ist „Stephen“ mit seinem weichen Gesicht, halb geschlossenen Augen und resigniert herabgezogenen Mundwinkeln, ein Gesicht, in dem ein ganzer Krieg zu ahnen ist. Da ist der zerknitterte, von leiser Panik geprägte „Michael“ im Korbsessel, um sich herum lauter Frauenporträts an den Wänden; vielleicht entsprechen diese sanften, zarten Gesichter ja seinen Idealvorstellungen, die in der Realität ständig grotesk enttäuscht werden. Da ist der schnurrbärtige „Howard“ am Küchentisch, nein, so einer wird die Frauen nie verstehen, wie kann man so fremde Wesen begreifen? „David“ dagegen scheint sich nach jeder Auseinandersetzung an seine Schreibmaschine zu flüchten, während der ergraute „Fred“ als verbissene Kämpfernatur wahrscheinlich nie einem Beziehungsgefecht aus dem Weg gegangen und stets als Sieger zurückgeblieben ist. Sein anhaltendes Interesse an schönen Frauen beweist ein Poster an der Wand, aber dass „Fred“ jemals eine stabile Beziehung mit einer Frau hatte, ist kaum vorstellbar – irgendwann wird jede die Flucht ergriffen haben. Und zwei Extreme wieder ganz anderen Kalibers stellen „Richard“ und „Robert“ dar. „Richard“ posiert arrogant im seidenen Morgenmantel am Klavier, auch er ein Partner zum Davonlaufen für Frauen, die womöglich geliebt werden wollen. Und „Robert“ als genaues Gegenteil kehrt den sozial unangepassten Chaoten heraus. Penner? Künstler? Wer kann das so genau sagen? Jedenfalls sitzt der grimmige Graubart mit Hut und Puschen auf einer zugedeckten Couch und scheint in einer Haltung mit energisch aufgestützter Faust zu betonen, dass er zu den Unabhängigen, Selbstbestimmten gehört, die mit Weiberkram nicht belästigt werden wollen.


Panik im Blick, aber umgeben von sanften Mädchengesichtern - "Michael", Junggeselle mit gescheiterten Beziehungen (aus Sigrid Jakobs "Bachelors"-Serie).


"Robert", auch er überzeugter Junggeselle aus Sigrid Jakobs "Bachelors"-Serie. Körperhaltung, Blick und Bekleidung, alles kündet davon, dass er mit Weiberkram nichts am Hut haben will. Dennoch ist "Robert" weder schwul noch asexuell - seine selbstgewählte Rolle dürfte nicht völlig stabil sein.

Was ist all diesen Mannsbildern aus Sigrid Jakobs Atelier zu entnehmen? Dass offenbar die größten, am weitesten aufgefächerten Probleme just die Männer haben, die nach allgemeiner gesellschaftlicher Konvention „normal“, also sexuell auf Frauen fixiert sind und dies zumindest zeitweise auch ausleben. Homosexuelle Männer befinden sich zwar gesellschaftlich in schwierigerer Situation und leben riskanter mit wechselnden Partnern und einer Sexualität, die nur selten auch Schutz und Geborgenheit bietet – aber verbissene Beziehungskämpfe dürften ihnen nicht regelmäßig zu schaffen machen. In Bezug auf die Labilität männlicher Rollen in einer Gesellschaft, in der Frauen gleiche Rechte und gleichen sozialen Raum beanspruchen, sprechen vor allem Sigrid Jakobs „Bachelors“ ganze Bände. Hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, mit Frauen zu kommunizieren, und der Frage, wie sie mit diesen unabhängigen, selbstbewussten Wesen überhaupt noch umgehen können, scheinen heterosexuelle Männer in ihren Beziehungen den Boden unter den Füßen zu verlieren. Jeder für sich entwickelt da offenbar nur Überlebensstrategien, die zwar äußerlich Katastrophen abwenden können, aber den Mann als solchen gescheitert zurücklassen, den Mann nämlich als dominierendes, konkurrenzorientiertes Lebewesen, dessen Fähigkeiten im Grunde nicht mehr gebraucht werden, ja sogar hinderlich sind.

 

Wie soll das weitergehen? Frauen wieder an den Herd? Oder brauchen wir eine Kultur weichgespülter Softies? Wäre es besser, Männer und Frauen grundsätzlich mehr getrennte Wege gehen zu lassen? Was ist aus dem offensichtlichen Umbruch in der Gegenwart ein Jahrhundert später wohl geworden? Wer kann das wissen... Die Fotos von Sigrid Jakob sind Dokumente unseres Lebens und unserer Niederlagen. Die Körper, die Gesichter, die Blicke sprechen mit einer nachdrücklichen Intensität und einer Vielfalt persönlicher Ausdrucksformen. Distanz und Nähe, Einfühlung und Objektivität vonseiten der Fotografin machen es Männern zumindest vor ihrer Kamera möglich, sich so zu zeigen, wie sie sind.


Info:

- Biographie von Sigrid Jakob in http://www.sigridjakob.com/

- Bildbeispiele von Sigrid Jakob in http://s247.photobucket.com/albums/gg155/sigridjakob/

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