Franz Hubmann (1914-2007)


Das Cover des Fotobandes im Brandstätter Verlag Wien 2004. Der Verlag beging mit dieser Edition den 90. Geburtstag Franz Hubmanns, dessen fotografisches Werk seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in zahllosen Büchern publiziert wurde (die meisten sind längst vergriffen).

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30-09-2006

Liebevolle Augenblicke der Wahrheit

Der österreichische Fotograf Franz Hubmann ist berühmt für Spontaneität und Einfühlungsvermögen

 

Von Christel Heybrock

 

Es gibt ja Menschen, die nichts und niemand so lassen können, wie es ist. Auch Fotografen, und nicht die schlechtesten, gehören dazu – sie zwingen jedes Bildmotiv in ihre Stilvorstellungen, verfremden es bis zur Unkenntlichkeit oder inszenieren gleich alles im Atelier. Nicht so der 1914 in Niederösterreich geborene Franz Hubmann, der seltsamerweise in Deutschland viel zu wenig bekannt ist, obwohl er 1954 zusammen mit dem Fototheoretiker und Essayisten Karl Pawek die heute legendäre Fotozeitschrift „magnum“ gründete (nicht zu verwechseln mit der berühmten New Yorker Fotoagentur gleichen Namens). Zehn Jahre lang war Hubmann der führende Reportagefotograf und Bildjournalist von „magnum“, bis die Zeitschrift eingestellt wurde. Auch heute noch wird Hubmann bewundert als „Österreichs Cartier-Bresson“, und wenn auch solche Klassifizierungen meist schief und unpassend sind, so trifft die Definition in diesem Fall ins Schwarze.

 

Was Hubmann und seinen französischen Kollegen gleichermaßen auszeichnet, ist eine seltene, wohl nicht erlernbare Haltung dem Motiv gegenüber, seien es Menschen, Gegenstände, Landschaften oder andere Dinge. Es ist eine Mischung aus einfühlender Nähe und objektiver Distanz, aus gelassenem, geduldigem Beobachten und blitzschneller Reaktion, wenn das Motiv sich, für eine Sekunde womöglich nur, in seiner ganzen Authentizität zeigt. Es ist eine Haltung ohne Aufdringlichkeit, ohne Machtgehabe; der Mann hinter der Kamera dirigiert nichts, lenkt nichts, seine Nähe ist ein selbstverständliches Mit-Leben, Mit-Atmen, Mit-Fühlen mit dem Motiv, dem er nur einen einzigen, unausgesprochenen Wunsch entgegen bringt: dass es sich einmal so zeigt, wie es für sich selber ist.

 

Klar, dass ein Fotograf mit dieser Haltung sich vornehmlich Menschen als Motive sucht, denn es sind die Menschen, die im Laufe ihres Lebens meist eine Fülle von Masken und Verstellungen entwickelt haben - die Arbeit eines Fotografen gerät dadurch immer wieder zum Abenteuer, zur Herausforderung an seinen Erkenntisdrang: Wer ist das wirklich hinter all seiner Selbstinszenierung, der Andere da vor mir? Der Christian Brandstätter Verlag in Wien, der zahllose Bildbände Franz Hubmanns herausbrachte (die meisten sind längst vergriffen), beging 2004 den 90. Geburtstag des Meisters mit einer Werkmonographie aus rund 50 Jahren. Der mit seinem flexiblen Einband eher praktikabel als bibliophil ausgestattete Band enthält eine Auswahl aus rund 300 Aufnahmen, und mehr als einmal muss man doch bedauern, dass nicht alle in einem Format reproduziert wurden, das Hubmanns Arbeiten angemessen ist.

 


Das Cover des kleinen Viernheimer Ausstellungskatalogs. Das Titelfoto ist Teil einer Serie mit den Schauspielern Oscar Werner und Gertrud Kückelmann.

 

Wie viel Ausdruckskraft da nämlich im Detail und in den Proportionen der Papierfläche steckt, ließ sich 2006 bei einer kleinen Ausstellung im Kunstverein Viernheim feststellen, wo der Leiter Fritz Stier (er ist zugleich Bildender Künstler mit Schwerpunkt Video-Installation) rund 60 Originalabzüge Franz Hubmanns zusammengestellt hatte. Da ging es um eine Auswahl aus verschiedenen Serien wie der aus dem Wiener Café Hawelka, der Wiener Künstlerszene der fünfziger und sechziger Jahre sowie Ansichten aus Paris und Berlin. Das Standardformat, das bei Hubmann nicht über-, aber auch nicht unterschritten werden sollte, sind die klassischen 18 x 24 Zentimeter – natürlich immer Schwarzweiß (der Bildband bei Brandstätter enthält aber auch eindrucksvolle, vielleicht nicht ganz so individuelle Farbaufnahmen).

 

Das authentische Format lässt zudem erkennen, dass Einfühlungsvermögen nur die eine starke Seite Hubmanns ist. Die andere ist: Gestaltung. In der Viernheimer Ausstellung und nicht im Brandstätter-Bildband prägt sich beispielsweise eine fast surreale Szene ein. Durch den erstaunlich engen Gang der Spanischen Hofreitschule in Wien reitet ein uniformierter Herr auf einem Lipizzaner: Die Fluchtlinien des schmalen weißen Schlauchs laufen unsichtbar in Herzhöhe des Reiters zusammen, den man wie eine Erscheinung von hinten sieht. Das schneeweiße Pferd bewegt den fast bodenlangen Schweif dazu in duftiger, feenhafter Unschärfe – was für ein Augenblick von lebendiger Eleganz, wie natürlich und doch: wie entrückt aus jeder Banalität!

 

Die Wiener Künstler ließen sich von Franz Hubmann offenbar nur zu gerne porträtieren – niemand musste sich bei ihm in Pose setzen, im Gegenteil, man konnte sich bewegen, atmen, einfach weiter leben, und der Mann mit der Kamera war kein Fremdkörper vom anderen Ufer, kein gieriger Beutejäger, sondern gehörte dazu. Das Schauspielerpaar Oscar Werner und Gertrud Kückelmann – eifrig beim Arbeiten, Diskutieren, in unverkrampftem, leisem Dialog. Helmut Qualtingers massige Gestalt inmitten einer charakteristisch wienerischen Atmosphäre, im Prater, in der unvergleichlichen Feinkosthandlung Gutruf: der Mann scheint stets integriert und mit seinem intelligenten, skeptischen Gesichtsausdruck doch auch in notorisch kritischer Distanz ... Aufnahmen, die das ganze Selbstverständnis dieser Person sichtbar machen.

 

Etliche Male fing Hubmann Sekunden von derartiger Versunkenheit, Leidenschaft, Selbstvergessenheit ein, dass man amüsiert die Brauen hochzieht und sich sagt – so was gibt’s doch gar nicht. Beispielsweise der heftig gestikulierende Maler Oskar Kokoschka 1955 im Gespräch mit dem bedrängten Josef Hoffmann, der schmallippig und mit erhobenem Kinn den Wedelattacken seines echauffierten Gegenübers standhält. Oder der skurrile, unter einer schwarzen Kappe spitznasig lächelnde Zeichner Alfred Kubin in seinem Haus in Zwickledt 1951 – wer Kubins unheimliche, verdröselte Blätter und Geschichten kennt, dem fällt es hier wie Schuppen von den Augen, dass ihr Schöpfer just so aussehen musste.

 

Zutiefst anrührend dagegen der Bildhauer Joannis Avramidis 1989 im Wiener Atelier: Inmitten seiner überlebensgroßen, abstrahierten Figuren steht er nachdenkend mit gesenktem Blick, die Hand an der Nasenwurzel, Herr und Schöpfer zwar all der Gruppen mit den klassisch vollkommenen Proportionen und der straffen, glatten Haut, aber selber ein Zeichen von Verletzlichkeit, Sterblichkeit und Zufall, mit Knitterfalten an Hemd und Hose. Seine Skulpturen scheinen ihn fast schützend in die Mitte genommen zu haben, ein Anblick von geradezu philosophischer Grundsätzlichkeit: denn was außer seinen Werken hält einen Künstler nach seinem Tod noch am Leben?! Köstlich aber in ihrem Pathos und ihrer dramatischen Gestik ausgerechnet zwei Schriftsteller – von dieser Branche erwartet man sonst eigentlich eine gewisse Selbstdistanz. Was Albert Paris Gütersloh jedoch bei einer PEN-Club-Feier 1957 und der doch recht intellektuelle Heimito von Doderer bei Lesungen dem Publikum präsentierten, ist mit rudernden Armen und aufgerissenem Mund fast schon große Oper.

 

Genial geht Hubmann nicht nur mit kultureller Prominenz um, sondern auch mit den „kleinen“ Leuten, mit Straßenpassanten, Gästen in Cafés und Kneipen, Menschen an Jahrmarktbuden, mit den spießig entblößten Sonnenhungrigen am Donaustrand oder Besuchern im Berliner Schloss Charlottenburg. Bezaubernde Szene, in der ein Besucher, unter dem Blick zweier royaler Porträts an der damastbespannten Wand, sich in Charlottenburg herunterbeugt, um die kostbare Schnitzerei eines Rokokotischs zu begutachten – der Mann wird in seiner waagrechten Haltung, die Hände auf den Knien, fast selber zum Tisch ... Von der Hamburger Reeperbahn fing Hubmann desillusionierende, banale Anblicke von Mädchen im Schaufenster ein oder den leisen, durchdringenden Kontrast zwischen einem geschleckten Werbeposter, das „Damenringkämpfe“ im Bikini verspricht, und einem uniformierten Wachmann just davor, der nur müde, deprimiert und völlig abwesend dreinschaut.

 

Ob aus Paris, Rom oder New York – Hubmann hat ein stupendes Gefühl für die Eigenart von Menschen, sowohl für ihre Individualität als auch für die Umgebung, von der sie geprägt werden. Nicht nur die Topographie, auch die Gestik und das Auftreten der Menschen sind verschieden an den verschiedenen Orten, und Hubmanns Blick nimmt sie alle wahr mit einer Mischung aus Humor, Präzision und Einverständnis. Seine Bilder sind Dokumente einer zutiefst humanen Haltung und einer leisen, nachdrücklichen Gestaltungskraft, die alles durchwirkt, aber nie im Vordergrund steht. Ein Glücksfall in der Geschichte der Fotografie.

 

Infos:

- „Franz Hubmann. Die Liebe zum Menschen“, Kunstverein Viernheim, Rathausstraße 36,  vom 25. August bis 30. September 2006, Montag bis Freitag 15-18 Uhr, Samstag 10-13 Uhr, Katalog 12 Euro, www.kunsthaus-viernheim.de

- „Franz Hubmann Photograph“, herausgegeben von Margit Zuckriegl und Gerald Piffl, Verlag Christian Brandstätter, Wien 2004, 272 Seiten mit vielen Farb- und SW-Abbildungen, Preis 29,90 Euro, ISBN 3-85498-368-9, www.brandstaetter-verlag.at

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