Candida Höfer

Bibliotheken und Opéra de Paris

 


Cover des Fotobandes "Bibliotheken" von Candida Höfer bei Schirmer/Mosel. Das Foto zeigt eine Ansicht der Bibliothek des Rijksmuseums Amsterdam von 2004.

 

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Copyright der Fotos auf dieser Seite: Candida Höfer - mit freundlicher Genehmigung von Schirmer/Mosel

 

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Weitere Titel von Candida Höfer:

Candida Höfer Monographie

Candida Höfer: "Weimar"

 

03-07-2006/ Update 08-07-2009

Verborgene Gluten, ganz kühl präsentiert

Bibliotheken der Welt und die Pariser Opernhäuser, zwei Fotobände von Candida Höfer bei Schirmer/Mosel

 

Von Christel Heybrock

 

Man muss kein Büchernarr sein, um zu verstehen, was für ein geistiger Sprengstoff sich mitunter zwischen zwei Pappdeckeln verbirgt. Aber diejenigen unter uns, die Bücher mit Herzklopfen und heißem Kopf hinunterschlingen, sie wissen um die stumme Macht gedruckter Wörter, nehmen jedes neue Buch zur Hand, als stünden sie vor einer noch fremden Person, und empfinden den Anblick aneinander gereihter Buchrücken als existenzielle Herausforderung: Jeder einzelne Titel wartet darauf, geöffnet und gelesen zu werden, ins Gehirn einzudringen und dort die Perspektive zu verändern, die wir von der Welt und unserem Leben haben. Lesen müsste man sie einfach alle! Aber das Leben, es ist zu kurz dafür, das der Bücher ist länger als unseres, intensiver, folgenreicher (wenn die Bücher denn Substanz haben, aber von Eintagsfliegen soll hier ja keine Rede sein).

 


Lesesaal der British Library London 1994 mit der Uhr (rechts oben unterhalb der riesigen Rundbogenfenster)

 

Wie fühlen wir uns denn, wir Bibliomanen, wenn wir eine Bibliothek betreten? Wir können da ganz kaltherzig und mit Tunnelblick nach den Titeln suchen, die wir für eine bestimmte Arbeit brauchen, und die vielen wartenden Unbekannten einfach ignorieren. Angesichts der Kürze unseres Lebens ist das ratsam. Nur nicht wie einst Rotkäppchen vom Weg abkommen, der böse Wolf der Zeitverschwendung könnte uns fressen; die Bücher, gefährliche Objekte unserer notwendigerweise gebremsten Leidenschaft, stecken mit ihm unter einer Decke. Andererseits: wer wären wir denn, wenn nicht die Gier immer wieder mit uns durchginge, die Gier nach Erfahrungen und Wissen, nach der Schönheit der Wörter, den Erregungen einer Geschichte? Wir betreten eine Bibliothek und werden schwach in den Knien.

 

Hat die 1944 in Eberswalde bei Berlin geborene Fotokünstlerin Candida Höfer, Schülerin einst von Bernd Becher, die Bibliotheken der Welt aufgesucht, um uns, speziell uns mit ihren atemberaubenden Tantalus-Ansichten zu beglücken? Die Bibliothek des Rijksmuseums in Amsterdam (Cover-Foto oben): wir stehen mitten im Raum, der uns hoch oben im Licht dreier Rundbogenfenster entschwindet, und sind vom Boden bis zur Fenstergalerie von Büchern umgeben, mehrere Stockwerke hoch. Das Gewicht der Bücher und Büchlein, die jedes einzelne in qualvoll aufreizender Sehschärfe die Wände bevölkern, wird von filigranen Eisenträgern gehalten, auf jedem Stockwerk schützt ein Ziergeländer den büchertrunkenen Besucher vorm Herunterfallen, und, Herrgottnochmal, eine bezaubernde eiserne Wendeltreppe zieht den Blick in Sehnsuchtsspiralen vom Erdboden, wo die Arbeitstische stehen, ganz nach oben, mit Zwischenstopps auf jeder Etage. Was für ein Anblick!

 

Das Seltsame nur: Candida Höfer zeigt uns das ohne jede eigene Regung als kühle, präzise Bestandsaufnahme, freilich in den wunderbar warmen Rot- und Gelbtönen, die Bücher in endlosen Holzregalen nun mal ausstrahlen. Es sind Farben, die mit den blaugrauen Metallelementen der Architektur und den fast weißen Fensterbögen aufs Feinste kontrastieren, wodurch sich der ebenso anheimelnde wie erregende Reiz steigert. Doch nirgends ist eine Dramatisierung zu entdecken, nirgends ein fotografischer Trick, ein Drüsen kitzelnder Lichteffekt. Die Gefühle kommen allein von uns, die wir ahnen, vor welch komprimierten Abenteuern wir hier stehen.

 

Der Schirmer/Mosel Verlag hat Candida Höfers Bibliotheken in einem großen Bildband herausgebracht – 137 Aufnahmen von Bücher- und Dokumentensammlungen aus aller Welt, fast alle menschenleer und doch so übervoll von Anwesenheit: von Büchern und Akten, die Jahrhunderte lang warten könnten, bis sie sich erneut entfalten in den Händen eines Lesers. Es sind moderne Bibliotheken und altehrwürdige, berühmte und fast unbekannte, große und kleine, üppig und spartanisch ausgestattete, es sind Räume, die ein ganzes Panorama an bücherbestückten Wänden ausbreiten, und andere, die nur aus einer kargen Ecke oder einem engen Gang mit leeren Regalen bestehen. Die Pierpont Morgan Library in New York: Vitrinen mit Kostbarkeiten auf feierlich rotem Teppich, darüber drei Stockwerke mit Büchern in Holz gefassten Regalen, verglast jedoch und mit Rautengittern – Bücher so eifersüchtig gehütet wie die Ehefrauen frommer Muslime. Die Beinecke Rare Book and Manuscript Library in New Haven: ein moderner, kühler Raum, das Bild zur Hälfte leerer Fußboden und Blick in eine dunkle Dachkonstruktion. Eisenträger und Glas. Hinter den spiegelnden Reflexen bläulich schimmernd und fast entmaterialisiert Bände, deren Existenz nur noch zu ahnen ist, ein Raum, so unzugänglich, dass hierher nur kommt, der wirklich muss – doch dieselbe Bibliothek hat auch andere, vertraute Ansichten.

 


Atemberaubend: Bücherregale bis zum Fluchtpunkt auf zwei Etagen - der zentralperspektivisch aufgenommene Saal der Trinity College Library in Dublin

 

Die Trinity College Library in Dublin, raffiniert aufgenommen von einer Stirnseite der Empore, so dass der Blick, der auf der gegenüber liegenden Stirnseite seinen Fluchtpunkt findet, eine unglaubliche Weite durchmisst, eine Welt, zugleich eine Bühne, die die Welt bedeutet, überspannt von Tonnengewölben, die auf schlanken Pfeilern ruhen, und neben jedem Pfeiler erstrecken sich oben und unten kulissenartige Gänge mit vollen Regalen, Bücher, lose oder dicht an dicht, mit Händen greifbar, präsent, atmend, geheimnisvoll lebendig. Ein Raum, den man durchfliegen möchte wie ein Vogel, in den man hineinstürzen möchte, um darin umzukommen oder eine Heimat zu finden. Noch dazu ein Raum, dessen Weltträchtigkeit sich ja nicht nur in der Längsachse des Blicks andeutet, sondern auch durch die nicht einsehbaren, nicht mehr zu zählenden Quergänge, in denen sich die Regale ausbreiten: Man steht in einem Raumkreuz.

 

Bibliotheken als Orte, die die Welt bedeuten – diese Aussage treffen eigentlich alle Aufnahmen von Candida Höfer, ganz gleich, ob sie simple Metallregale mit einmal roten, einmal grünen Aktenrücken zum Motiv machte (Conway Library sowie Witt Library, beide London), ob sie den scheinbar unendlichen Kuppelraum der British Library (London) vor Augen führt, der bezeichnenderweise von einer Uhr dominiert wird (Foto oben), ob sie die Guckkastenbühne der Playfair Library Hall (Universität Edinburgh) aufnahm oder die nach drei Seiten auseinander strebenden Gänge der kuppelbekrönten Radcliffe Camera in Oxford. Einen der tollsten Anblicke stellt ausgerechnet der enge, hohe Innenraum der Handelingenkamer in Den Haag dar: drei Galerie-Etagen übereinander an offenbar drei Wänden (die vierte hat man, wie fast immer bei Candida Höfer, als Betrachter im Rücken), rot lackierte Metallstreben, die gleichzeitig die Regale von einander abgrenzen, mit Spiralmustern verzierte Winkel, auf allen Galeriegängen Geländer von einer rankendurchsetzten Grazie, die den Büchern fast den Blick streitig macht, und die gleichen Ranken auch noch auf der rot leuchtenden, fast gewichtslos sich emporschwingenden Wendeltreppe. Nein, hier möchte man nicht mehr weg  (ob die Bücher aber ausgerechnet hier so interessant sind?).

 


Bewegend: Die Stiftsbibliothek St. Gallen 2001 mit den schemenartig verwischten Menschen - nur die Bücher sind unvergänglich

 

Bibliotheken als Bühnen der Welt. Zu Herzen gehend der feminine Zauber der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die Candida Höfer noch vor der Brandkatastrophe auf den Film bannte. Von verführerischer Ausstrahlung die abgeschabten alten Buchrücken im Regal des Dresdner Kupferstichkabinetts. Privatbibliotheken wie die von Walther König und dem Kölner Arzt und Kunstsammler Reiner Speck. Klosterbibliotheken. Große Nationalbibliotheken. Arbeitsecken, Tische, Stühle, Computer. Jede Aufnahme spielt mit den Farben und der Plastizität der Dinge im Raum, aber die Bücher öffnen leise und nachdrücklich die Dimension des Unsichtbaren jenseits der Räume. Symptomatisch dafür die wunderbare Aufnahme der Stiftsbibliothek St. Gallen. Zwischen Vitrinen und den in barocken Schwüngen angelegten Regalkonstruktionen bewegen sich Menschen – aufgrund der langen Belichtungszeit wie durchsichtige, flüchtige Schemen: Wir sind die Sterblichen, nicht die Bücher.

 


Cover des Fotobandes über die beiden Pariser Opernhäuser bei Schirmer/Mosel. Das Foto zeigt den Proszenium-Vorhang der Opéra Garnier

 

Der Raum als Bühne, auf der die Welt stattfindet. Was Wunder, dass Candida Höfer in einem weiteren Arbeitskomplex sich auch mit den beiden Pariser Opernhäusern auseinander setzte, der alten Opéra Garnier und der neuen Opéra Bastille von Architekt Carlos Ott. Wieder sind die Räume menschenleer. Sie warten auf das Ritual, das sie bergen sollen: Dass beispielsweise der schwere rote Samtvorhang im goldverbrämten Proszenium der Garnier-Oper sich öffnet und Menschen erneut den Symbolen ihrer Existenz beiwohnen, der Liebe und dem Hass, dem Ausdrucks seligen Glücks und dem des Todes - der Oper eben. Zu sehen ist von diesen Inhalten nichts, zu spüren alles. Der Schirmer/Mosel Verlag machte einen eigenen zweiten Band aus der „Opéra de Paris“, einer Art Doppel-Bibliothek der Klänge und Leidenschaften.

 


Foyer der Opéra Garnier in bonbonsüßen Farben aus dem Fotoband von Candida Höfer

 

Infos:

 

- Candida Höfer: „Bibliotheken“, mit einem launigen, von praktischen Erfahrungen geprägten Essay von Umberto Eco, 272 Seiten, 137 Farbtafeln, ISBN 3-8296-0178-6, Preis 78 Euro

 

- Candida Höfer: „Opéra de Paris“, mit einem Text von Intendant Gérard Mortier (dreisprachig), 80 Seiten, 31 Farbtafeln, ISBN 3-8296-0230-8, Preis 39,80 Euro.

 

Beide im Verlag Schirmer/Mosel, München 2005 („Bibliotheken“) und 2006 („Opéra“), www.schirmer-mosel.com

 

- Bei Schirmer Mosel erschienen ferner im Jahr 2009:

die Neuauflage von Candida Höfers Band "Portugal" (2006) sowie "Neapel" (Oktober 2009). Der Neapel-Band begleitet zudem eine Ausstellung im neapolitanischen Museo di Capodimonte (Oktober bis Dezember 2009), in dessen Auftrag die Künstlerin die Innenräume fotografierte.

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