Mekka und Jerusalem im 19. Jahrhundert


Das Cover zum Katalogbuch der Schau "Ins Heilige Land" zeigt eine Aufnahme des Felsendoms in Jerusalem von Jakob August Lorent um 1864.


Dekorative Tänzerin aus Palmyra, im Atelier inszeniert als Souvenir für europäische Orientreisende von dem Franzosen Félix Bonfils um 1870.
Copyright: Reiss-Engelhorn-Museen

URL diesder Website: http://www.kunstundkosmos.de/Fotografie/HeiligesLand.html

Die Ausstellung wurde im September 2008 im arabischen Emirat Dubai gezeigt.

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11-09-2006/ Update 05-09-2011

Der Orient, Ort der Sehnsucht und des Glaubens

„Ins Heilige Land“, Fotografien aus dem 19. Jahrhundert in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

 

Von Christel Heybrock

 

Wer allzu neugierig war, ging ein erhebliches Risiko ein. Zwar wurde die Orientreise im späten 19. Jahrhundert geradezu modern, und vor allem christliche Pilger besuchten eifrig Jerusalem und die heiligen Stätten. Doch wer die Heiligtümer des Islam erkunden wollte, ohne Moslem zu sein, geriet in Lebensgefahr: Kein Ungläubiger durfte diese Orte verunreinigen. Natürlich kitzelte gerade das die Neugier und Abenteuerlust von Europäern.

 

Claude W. Sui, Leiter des „Forums Internationale Photographie“ (FIP) an den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, begleitet mit einer auf den ersten Blick unspektakulären Fotoausstellung die zeitgleich in den Museen veranstaltete Schau „Saladin und die Kreuzfahrer“ (die Fotos stammen allerdings aus einer Zeit lange nach den Kreuzzügen) und berichtet im Katalog, dass bis 1925 nur etwa 15 Europäer die heute zu Saudi-Arabien gehörenden Kerngebiete des Islam besuchen konnten, darunter der Deutsche Heinrich von Maltzan, der sich einen Lebenstraum erfüllte: 1860 hatte er in Algier einen heruntergekommenen Junkie bestochen, um an dessen Pass zu gelangen, und reiste nun 1865 als angeblicher Moslem mit fremder Identität nach Mekka. Seine Reiseeindrücke wurden 1984 publiziert – sie gerieten freilich weniger vollständig als geplant, denn der Pechvogel wurde noch am Ort seiner Sehnsucht in einem türkischen Bad als Unbeschnittener enttarnt und musste Hals über Kopf außer Landes fliehen.

 

Da war der niederländische Arabist und Islamgelehrte Christiaan Snouck Hurgronje vorsichtiger. 1884 kam er als Gast des holländischen Konsuls nach Dschidda, konvertierte zum Islam (was ihn aber nicht unbedingt sicherer machte) und ließ sich beschneiden. Dass auch er ein knappes Jahr darauf fluchtartig das Land verließ und eine Mekkareise nicht mehr mit dem Pilgerzug nach Medina abschließen konnte, hing jedoch mit einer Intrige des französischen Konsuls in Dschidda zusammen. Immerhin hatte Snouck Hurgronje bis dahin fleißig mit der Kamera gearbeitet und sensationelle Aufnahmen vor allem von Pilgern und den mekkanischen Gesellschaftsschichten gemacht – Jahrzehnte vor August Sander mit einem geistesverwandten Interesse an Menschen. Von Snouck, dessen fotografische Raritäten aus der Universität Leiden entliehen wurden, wünschte man sich irgendwann eine monographische Ausstellung, denn Claude W. Sui konnte nur einen Bruchteil dieses umfangreichen Lebenswerks präsentieren.

 

Stammen die meisten Fotos aus dem unergründlichen Bestandsschatz des FIP, dessen Sammlung auf die fotografischen Reisesouvenirs der Mannheimer Reiss-Geschwister zurückgeht, so kamen historische Postkarten, mehrere Klebealben (darunter ein Album von der aufwändig inszenierten Jerusalemfahrt Kaiser Wilhelms II. 1898) aus dem Orient-Archiv in Karlsruhe. Damit ist zwar der thematische Rahmen der Schau abgesteckt – hier Jerusalem und die Christenheit, dort Mekka und die Muslime – nicht aber auch nur angedeutet, mit welchen kuriosen, faszinierenden, ja in vielfacher Hinsicht  einmaligen Details die Ausstellung aufwartet. Allein der Katalog mit seinem von Claude W. Sui bestens recherchierten historisch-kulturellen Hintergrund ist eine bewundernswerte Leistung. Wie viel Fleiß und detektivischer Spürsinn für die Zusammenstellung der Exponate ebenso wie für die anschaulichen Texte mit ihrer Fülle von Informationen nötig waren, dürften Leser wohl nur ahnen und Ausstellungsbesucher wohl nicht einmal das.

 

Der Tempelberg in Jerusalem mit dem Felsendom, fotografiert 1864 von Jakob August Lorent. Eine Detailansicht befindet sich auf dem Cover des Katalogbuches (Foto oben).
Copyright: Reiss-Engelhorn-Museen

 

Da ist als besonderes Bonbon ein Konvolut von Jerusalem-Ansichten des Mannheimer Fotografen Jakob August Lorent (1813-1884) erstmals zu sehen. Der in Charleston im Süden der USA geborene Lorent war als Kind nach Mannheim gekommen, hatte in Heidelberg studiert und war bereits 1842 durch Ägypten und Kleinasien gereist. Der Mannheimer Kunstverein zeigte 1861 und erneut 1984 Lorents großformatige, seinerzeit berühmte Aufnahmen von Mittelmeerländern und Ägypten – aber die Arbeiten der Jerusalem-Reise von 1864 aus dem Besitz der Reiss-Engelhorn-Museen waren noch nie zu sehen und stellen auch die weltweit einzigen erhaltenen Abzüge dar. Zwischen den hoch professionellen Aufnahmen Lorents, dem sich der Experte Franz Waller im Katalogbuch widmet, und dem anonymen Album mit Kleinbild-Amateuraufnahmen einer Pilgerreise von 1933 liegen Welten, und doch war das Ziel Jerusalem dasselbe. Was die heiligen Stätten allerdings heilig macht, ist der Sichtbarkeit stets entzogen und erschließt sich der emotionslosen Betrachtung von Agnostikern kaum.

 

 Der rituelle Umlauf der Pilger um die Kaaba in Mekka, aufgrund der langen Belichtungszeit ein feiner Kranz von Bewegungsunschärfen rund um den Fuß des schwarz verhangenen Monuments. Der Ägypter Mohammed Sadiq Bey machte diese Aufnahme um 1881.
Copyright: Reiss-Engelhorn-Museen

 

Ähnlich geht es einem mit Mekka und dem Islam: auch hier fotohistorische Sensationen, bereichert durch Zitate aus Reisebeschreibungen, wie sie anschaulicher nicht sein könnten, aber die religiöse Substanz, der Mythos hinter den Bildern entzieht sich. Das hat sicher auch seine Ursache im damaligen Kampf mit der komplizierten Technik, der dadurch bedingten Nüchternheit und Distanz der fotografischen Perspektive und den geringen Möglichkeiten, „Mythos“ stimmungsvoll durch Beleuchtungseffekte zu inszenieren. Allerdings war es ein Moslem, der Ägypter Mohammed Sadiq Bey (1832-1902), der erstmals die Heiligtümer in Mekka und Medina fotografierte. Als in Paris ausgebildeter Ingenieur und Kartograph hatte er einen wachen, sehr bewussten Blick für Maße und Proportionen von Landschafts- und Architekturformen und kalkulierte seine Aufnahmen präzise aus. Seine Reisen an die heiligen Stätten publizierte er in vier arabischsprachigen, bislang unübersetzten Büchern. Mohammed Sadiq Bey wird heute in der arabischen Welt so hoch geschätzt, dass 1989 ein Konvolut seiner Fotos bei Sotheby’s den stolzen Preis von 2,3 Millionen US-Dollar erreichte. Da kann sich das Mannheimer Fotoforum glücklich schätzen über den eigenen Bestand an Arbeiten dieses Pioniers.

 

Eine seltene Kuriosität ist übrigens mit dem bereits erwähnten Holländer Christiaan Snouck Hurgronje verbunden. Als konvertierter Moslem nannte er sich „al-Ghaffar“. In Mekka wohnte er einige Zeit im Haus eines Arztes, der zufällig denselben Namen hatte: Al-Sayyid Abd al-Ghaffar, und brachte ihm das Fotografieren bei. Mit erstaunlichem Erfolg: der Arzt lieferte ihm eigene Aufnahmen nach Leiden, nachdem Snouck das Land hatte verlassen müssen. Aus unbekannten Gründen hat Snouck seinen Namensvetter in keiner seiner Publikationen vermerkt, obwohl der doch Snoucks Fotovorhaben in Mekka erst zu Ende führte. Der Arzt aus Mekka jedoch beschriftete die nach Leiden geschickten fotografischen Glasplatten auf Arabisch mit seinem Namen, und daher sowie aus den detaillierten Briefen an Snouck, die sich im Snouck-Hurgronje-Archiv in Leiden befinden, lässt sich seine Arbeit rekonstruieren.

 

Abd al-Ghaffar, der erste Mekkaner, der seine Heimatstadt und die Pilger fotografierte, war weit mehr als nur ein gelehriger Schüler. Er hatte einen ganz eigenen Blick und begab sich mit der Kamera manchmal mitten unter die Leute, was ungewöhnlich war. Sein großartiges Panoramabild vom Pilgerlager am Berg Arafat (1887/1888) mutet mit der Nähe der Menschen, von denen einer gar den Betrachter direkt ansieht, und mit der fast haptischen  Plastizität von Zelten, Säcken und Geröll geradezu modern an. Da seine Arbeit so  eng verflochten war mit der von Snouck, wäre eine größere Einzelschau zu diesem Komplex wohl ein spannendes Unternehmen. Aber das noch junge Fotoforum muss seinen eigenen Beständen natürlich erst mal den Vorrang eben. Es hat sich mit der Schau erneut eindrucksvoll präsentiert, auch was die Auswahl an hochkarätigen anonymen Arbeiten betrifft – ganz zu schweigen von den damals gut etablierten Fotoateliers wie Félix Bonfils (1831-1885) und dem in Ägypten arbeitenden Franzosen Hippolyte Arnoux, die teilweise mit dekorativ arrangierten Studioaufnahmen die Orientsucht von Europäern befriedigten (siehe Foto oben). Anlässlich der Ägyptenschau 2005 waren Aufnahmen aus diesen Ateliers schon einmal im FIP zu sehen.

 

Info:

„Ins Heilige Land. Pilgerstätten von Jerusalem bis Mekka und Medina – Photographien des 19. Jahrhunderts“, Forum Internationale Photographie (FIP) in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Quadrat D 5, vom 23. Juli bis 5. November 2006, Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, www.rem.mannheim.de, Katalogbuch in der Edition Braus, Heidelberg, 176 Seiten, ISBN 13: 978-3-89904-230-6, ISBN 10: 3-89904-230-1, Preis 25 Euro an der Museumskasse, 39,90 Euro im Buchhandel, www.editionbraus.de

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