Horst Hamanns Mannheim


Das Cover von Horst Hamanns Fotoband "Mannheim Vertical" im Verlag Edition Panorama. Das Titelfoto zeigt eine der Jugendstilsphingen mit dem schräg ins Bild ragenden Wasserturm am rechten Rand.


Kühne Anblicke auch im Innern von "Mannheim Vertical": Zwei scheinbar himmelhoch aufragende Fahnenstangen vor der Mannheimer Kunsthalle nehmen eine balancierende Figur von Hubertus von der Goltz in die Mitte. Das Kunstwerk befindet sich als etliche Meter langer Ausleger auf dem Dach des Museums und gibt einen weithin sichtbaren utopischen Anblick in der Mannheimer City ab. Hamanns Extremperspektive hat den utopischen Charakter fast ins Irreale verschoben. 


Und so sah Hamann seine Heimatstadt vor mehr als zwei Jahrzehnten in dem postkartengroßen Bändchen "Mannheim": Ein kleiner Junge mit typischem türkischen Fladenbrot am Kaugummiautomat in der Mannheimer Altstadt - solche Szenen können dort aber heute noch beobachtet werden. Das Foto wurde der Einladungskarte des Mannheimer Kunstvereins entnommen, der Hamanns alte und neue Mannheim-Bilder im Oktober 2007 ausstellte.


Auch das ist Mannheim in dem nostalgischen Bändchen der Edition Panorama - ein gammeliger Hinterhof mit Müllcontainer, Fahrrad und Herzchen bemalter Holztür. Auch dieser Anblick aus den achtziger Jahren ließe sich heute noch finden, freilich nicht in der Umgebung von Wasserturm und Kunsthalle.

Die Fotos wurden den beiden hier besprochenen Bänden der Edition Panorama entnommen. Copyright: Horst Hamann und Edition Panorama

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Fotografie/HamannMannheim.html

 

Sitemap

Übersicht Fotografie

 

Horst Hamann "Broadway"

 

20-10-2007

Die zwei Gesichter einer Stadt

Horst Hamann fotografierte Mannheim – in den achtziger Jahren und im neuen Jahrtausend

 

Von Christel Heybrock 

 

Eigentlich lebt er seit 1984 in New York. Mit New York jedenfalls wurde Horst Hamann berühmt, seit er auf die Idee kam, die Heimat der Wolkenkratzer in extremem Längsformat und strengem Schwarzweiß zu fotografieren: „New York Vertical“ hat ihm internationale Ehrungen eingebracht, noch nie zuvor hatte jemand den Höhendrang der Weltstadt optisch so auf den Punkt gebracht. Dass er die Metropole aber auch aus der Perspektive des nächtlichen Fußgängers (!) erkundete und einen handlichen, gar nicht himmelsstürmenden Fotoband daraus machte ("One Night on Broadway"), es blieb eher unbeachtet, zeugt aber von Hamanns Vielseitigkeit, von seiner Beobachtungsgabe und seiner Fähigkeit, auch unspektakuläre, leise Ansichten jener Megacity zu entdecken, die angeblich nie schläft.

 

Mit derart unaufdringlichen, aber subtilen und oft humorvollen Beobachtungen hat Horst Hamann einst begonnen, und zwar in seiner Heimatstadt Mannheim, in der er 1958 geboren wurde, in der er aufgewachsen ist und die er immer mal wieder besucht, um zu fotografieren. Der Mannheimer Kunstverein und der Mannheimer Verlag Edition Panorama, der Hamanns Bücher herausbringt, ließen sich zum 400jährigen Bestehen der Quadratestadt an Rhein und Neckar einen faszinierenden Coup einfallen: Sie brachten gleichzeitig die alten und die neuen Hamann-Fotos seiner Heimatstadt heraus; der Kunstverein fasste die Bilder aus den achtziger Jahren und die Bilder nach der Jahrtausendwende in einer Ausstellung zusammen, während Panorama ein großes, natürlich vertikales, und ein kleines, nostalgisches Buch auflegte – man kann sich kaum etwas Kontrastreicheres vorstellen.

 

Dass der schnieke „Mannheim Vertical“-Band und das niedliche „Mannheim“- Büchlein im Postkartenformat dieselbe Stadt präsentieren, es dürfte einem auswärtigen Betrachter schwer einzusehen und wohl nur erklärlich sein durch den Zeitunterschied von mehr als zwei Jahrzehnten. „Mannheim Vertical“ – das lässt natürlich die Herzen von Lokalpatrioten höher schlagen. Was für eine Dynamik, was für ein Schwindel erregender Glanz von großer weiter Welt, mein Gott, unterscheidet noch irgendetwas Mannheim von New York? In diesem Buch eigentlich nicht. Wer Mannheim kennt, kann die atemberaubenden Perspektiven jedoch auf ihre Normalbedeutung reduzieren, und ganz leise fragt so jemand sich denn auch, ob sich der Gag mit der Vertikalansicht und dem rigiden Blick von unten nach oben nicht noch bei der letzten verfallenden Bauernkate wirkungsvoll anwenden ließe. Was in New York ein Charakteristikum traf, ist in Mannheim zwar toll anzusehen, aber nur noch eine absichtsvolle Stilisierung, die nicht der Realität und schon gar nicht dem doch eher regionalen Charakter der „Kurpfalzmetropole“ entspricht.

 

Da möchte man sich lieber dem bezaubernden kleinen „Mannheim“-Bändchen mit Farbfotos aus den achtziger Jahren widmen – das Miniformat, das an alte Ansichtskarten erinnern soll, ist zwar eine hübsche Idee, aber Hamanns Fotokunst und seinen Fähigkeiten zur sensiblen Beobachtung von Menschen und ihrer Umgebung entspricht auch diese Edition nicht. Wer die Originale im Kunstverein sehen konnte, muss einfach bedauern, wie viele Feinheiten eben durch die Reproduktion im Zwergenformat verloren gingen, wie klecksig und verschmiert die Farben wirken, wie berührende Aussagen unversehens ins nicht mehr Wahrnehmbare verschwunden sind. In den Quadraten zwischen Marktplatz/Breitestraße und Hafen gibt es heute noch Ansichten, wie sie Hamann vor mehr als zwanzig Jahren auf den Film bannte – verfallende Hauseingänge, Kinder, die verloren an Straßenecken spielen, türkische Frauen mit Einkaufstaschen und Kopftuch vor Reklamewänden, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Heute noch gibt es die schrundigen, abgearbeiteten Hände von Markthändlern zwischen Karotten, Rettichen und Bestellzetteln, wie sie Hamann in einer faszinierenden kleinen Serie festhielt, Bilder, die mit zum Schönsten und Bewegendsten seiner frühen Arbeiten gehören: In dem „Mannheim“-Minibändchen sind die Farben dank der extremen Verkleinerung so dick und stichig, dass man zwar noch das Motiv erkennt, aber nicht mehr ins Bild eindringen kann, nichts mehr empfindet.

 

Einige Ansichten, die sich auf dem Originalabzug sofort lokalisieren lassen, werfen im Büchlein geradezu Rätsel auf, etwa der Blick vom Wasserturm in den verschneiten Friedrichspark. Der feine Humor beim Blick über die Schulter jenes Herrn, der seinen Unterlagen des Bad Dürkheimer Kuraufenthalts eine Ansichtskarte des Mannheimer Wasserturms entnimmt, geht völlig verloren, weil sich die Schrift „Bad Dürkheim“ mit viel Mühe nur noch ahnen lässt. Und das Fenster mit den blühenden Geranien mitten in der Wand eines Abbruchhauses, in dem man wohnende Menschen nicht mehr vermutet, es wirkt wie ein aufgeklebter kleiner Fremdkörper, statt eine Vorstellung von gelebter Realität zu vermitteln. Auch atmosphärische Ansichten wie ein bronzefarbener Himmel überm Hafen oder das wunderbare Bild der im Nebel verschwimmenden Neckarbrücke sind bis zur Unkenntlichkeit beeinträchtigt. Kaum ein Original hat bei dieser Zusammenstauchung und Einebnung die Nuancen seiner Sprache behalten. Aber wahrscheinlich sind das alles auch Bilder, wie sie in Mannheim und der Region einfach nicht mehr beim Betrachter ankommen, wie man sie lieber nicht mehr sehen möchte, weil die fast menschenleere Eleganz der „Verticals“ ein ganz anderes Flair verbreitet:

 

Hier treten die adlergekrönten Jugendstil-Sphingen am Wasserturm mit feudaler Kühnheit und in unnahbarem Schwarzweiß auf. Beim Kongresszentrum Rosengarten droht einem das Beethovenportal dank seiner abenteuerlichen Untersicht schier auf den Kopf zu stürzen – Mannheim als utopischer Ort! An der Kunsthalle nehmen zwei gefährlich in die Wolken spießende Fahnenstangen tatsächlich eine Mannheimer Utopie in die Mitte, so dass der Blick gen Himmel jede Bodenhaftung verliert: Das von den Fahnenstangen sekundierte Kunstwerk stammt von Hubertus von der Goltz, der auf einem etliche Meter übers Museumsdach hinaus ragenden schmalen Ausleger eine seiner berühmten balancierenden Figuren hampeln ließ. So ganz ohne utopische Gesinnung ist Mannheim ja nun nicht, das muss man zugeben; der wagemutige Balanceakt einerseits und die gammeligen Hinterhöfe andererseits sind eben die beiden Pole, zwischen denen die Stadt ihre Realität entfaltet.

 

Wenn aber der von Architekt Helmut Jahn entworfene Neubau der Mannheimer Versicherung so schräg ins Bild gesetzt wird, dass der schlanke Mast und der runde Leuchtkörper einer Straßenlaterne für den stärkeren Akzent gegen den Wolkenhimmel sorgen, dann ist das zwar eine Komposition von fast abstraktem Reiz, aber es ist eine eben abstrahierte Wirklichkeit. Noch toller sieht das aus beim Fernmeldeturm – links ragt eine dunkle Kurvenfläche ins Bild, rechts oben schieben sich ein heller Keil mit einem wiederum dunklen Kreis bis zur Mitte: Wahrscheinlich hat Hamann sich ins Gestrüpp gelegt, das den Zutrittsbereich des Turms umgibt, um diese Aufnahme zu schießen, die von einem russischen Suprematisten sein könnte.

 

Ganz so abgehoben geht es freilich nicht überall bei den Mannheim-Verticals zu, dazu gibt es vielleicht doch zu wenig geeignete Motive. Als wunderbar angemessen stellt sich der Blick auf die Balkons des Collini-Center-Hochhauses heraus, die sich in unruhiger, übereinander geschachtelter Knickung in den Himmel türmen. Und zwei Aufnahmen in dem Band gehören mit ihrer feinen Ausgewogenheit zu Hamanns Spitzenwerken: Es ist einmal ein weiterer Blick auf die Jugendstilfassade des Rosengartens und zum andern eine Innenansicht der Schlosskirche. Beide Aufnahmen verzichten auf die extreme perspektivische Von-unten-nach-oben-Verzerrung, mit denen die „Verticals“ so verblüffen. Zwar ist das Bildformat von vertikaler Schlankheit, aber der Blick wird ebenso horizontal wie in die Höhe gelenkt, beide Dimensionen befinden sich in Balance. Bei beiden Aufnahmen spielt der Rhythmus von Licht und Schatten eine überwältigende Rolle, was noch verstärkt wird durch die enge Hintereinanderstaffelung von architektonischen Motiven, die nicht frontal, sondern aus extremer Schräge gesehen werden.

 

Das ergibt bei der Rosengartenfassade eine so plastische Modellierung von Bögen und Pfeilern, Geländern und Figuren, von dunklen Öffnungen und hellem, in Schwingungen fast aufgelöstem Mauerwerk, dass das Auge gar nicht zum Ende kommen kann. Bei der Schlosskirche ist der Eindruck ruhiger und subtiler, festlich und intim zugleich. Das Licht dringt von rechts durch die nicht sichtbaren Fensteröffnungen zwischen dunklen, schlanken Pfeilern herein, man sieht nur einen schmalen Ausschnitt des Kirchenraumes und gleitet mit den Augen an den in schönsten Nuancen sich von den Wänden abhebenden Stuckrocaillen und zarten Girlanden entlang. Dass der Blick gleichsam schwebt und den Fußboden nicht erreicht, sondern im Gegenteil am Deckengesims vorbei noch ein Detail der Wölbung mit weiteren Stuckmotiven erhascht – nirgends dürfte das so sinnvoll sein wie hier, wo man zwischen Boden und Höhe eine heitere, inspirierende Spiritualität erfährt. Solche Bilder trumpfen im Vergleich zu den tollen Eyecatchern natürlich nicht auf, aber an Substanz sind sie ihnen überlegen.

 

Info:

- Horst Hamann: „Mannheim Vertical“, 131 Seiten, mit einem Vorwort von Hans-Peter Schwoebel und Informationen von Andreas Schenk, deutsch-englisch, ISBN 978-3-89823-329-3, Preis 29,80 Euro

- Horst Hamannn: „Mannheim“, mit einem Text von Friedrich W. Kasten, ISBN 978-3-89823-375-0, Preis 14,80 Euro

beide im Verlag Edition Panorama, Mannheim 2007, www.editionpanorama.de

- Horst Hamann: "Mannheim. Fotografien 1984 und 2005", Mannheimer Kunstverein, Augustaanlage 58, vom 23. September bis 14. Oktober 2007, www.mannheimer-kunstverein.de

kostenlose counter