Robert Häusser (1924-2013)


Robert Häusser vor seinem Lichtbild "Demarkation" (1978), einer umzäunten Anlage von rätselhafter Ausstrahlung. Das Porträtfoto machte Häussers Kollege Manfred Rinderspacher (Copyright) in der Mannheimer Ausstellung 2004 (Reproduktion mit freundlicher Genehmigung).


"Kultstätte" aus dem Jahr 2000. Kaum zu ahnen ist eine menschliche Figur zwischen der archaischen Übermacht der beiden Felsen. Schutz? Bedrohung? Häussers Bilder bleiben stets mehrdeutig und beunruhigend in ihrer Aussage.
Foto: Reiss-Engelhorn-Museen

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Robert Häusser starb mit 88 Jahren am 5. August 2013 in Mannheim

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Übersicht Fotografie

Robert Häussers Lebenswerk im Forum Internationale Photographie (FIP) der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim
Robert Häusser "Das Moortagebuch" von 1984
Robert Häussers Bilder der Berliner Mauer von 1983

02-12-2004

Der Tod und die Sogkraft der Bilder
Robert Häussers Lebenswerk zu seinem 80. Geburtstag in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen

Von Christel Heybrock

 

Die Wirklichkeit ist lautlos, schwarzweiß und fremd. Die stummen Dinge scheinen aufgeladen mit einer Substanz, die keinen Namen, keine Wörter hat. Meist (aber nicht immer) von Menschen gemacht, sind sie da, ohne dass ein Mensch zu sehen ist. Wenn eine Figur auftaucht, winzig klein und fern beispielsweise zwischen zwei riesigen dunklen Felsblöcken, dann scheint sie hilflos, verloren oder gespenstisch wie eine Erscheinung. Robert Häusser reduziert die Wirklichkeit auf strenge, magische Formen, und wer nach dem Geheimnis ihrer Bedeutungen sucht, findet als zentralen Aspekt ihre Negation. Man könnte auch sagen: den Tod. Thanatos.

 

Thanatos heißt eine ganze Abteilung in der nunmehr 100. Einzelausstellung des Meisters der Schwarzweiß-Fotografie. Häusser, 1924 in Stuttgart geboren und seit den fünfziger Jahren in Mannheim lebend, hat seinen Nachlass und sein Lebenswerk dem Fotoforum der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen vermacht. Zum 80. Geburtstag (am 8. November 2004) wird es dort nun in einer Auswahl von 300 Werken ausgestellt – so schön, so überzeugend, so kompetent wie wohl noch nie zuvor. Nicht nur, dass Ausstellungskurator Claude W. Sui, der Leiter des Fotoforums, mit bewundernswerter Einfühlung die Bilder in thematische Gruppen ordnete und ihre Reihenfolge innerhalb der Gruppen mit unauffälligen Kontrasten lebendig hielt. Es stimmen darüber hinaus auch die Räume: niedrige Decken, lockere Übergänge von kleinen Kabinetten und größeren Sälen, nie zu große Wandflächen ... es sind eigentlich die Räume der Völkerkundesammlung, die für die Dauer der Ausstellung komplett ausgeräumt wurde.

 

Und plötzlich stimmen hier alle Proportionen. Plötzlich sieht man Häussers Werk noch einmal neu und begreift, welche Umgebung es braucht, um sich dem Auge zu erschließen: eine Umgebung, die den Blick nicht schweifen lässt, sondern nach innen lenkt, in die Bilder hinein, nicht über sie hinaus. Tunnelblick, insistierend, fragend, was das ist, das Unnennbare jenseits des Sehens. Die letzte große Häusser-Schau im Jahr 2000 im Historischen Museum Speyer, sie war kompetent ausgerichtet, aber dennoch, wie man im Nachhinein konstatieren muss, in ungeeigneten Räumen, die oberhalb der Stellwände offen waren, altes Gemäuer, hohe Gewölbe, der Freiraum nach oben ließ die Konzentration davon flattern, Raumfreiheit können Häussers Bilder nicht brauchen.

 

Im Grunde sind sie nicht einmal geeignet, dass man sich über sie beugt in einem Buch, so dicht auch immer das individuell möglich ist. Man muss sie an der Wand dem Auge gegenüber haben, man muss versuchen, mit ihnen die Wand zu durchdringen, durch die Wirklichkeit hindurch, bis auf die andere Seite, daher ist die Ausstellung von Claude Sui wahrhaft maßstäblich und daher kann auch der voluminöse Band der Heidelberger Edition Braus, so hervorragend und beinah umfassend er Häussers Werk dokumentiert, kein Ersatz für diese Schau sein (außerdem ist er nicht gänzlich frei von Druckfehlern, und mit der unübersichtlichen Paginierung hat man auch erst mal Probleme).

 

Der Rennwagen von Jochen Rind unter der Schutzhülle, eine der weltbekannten Foto-Ikonen von Robert Häusser, aufgenommen 1970 wenige Wochen vor dem tödlichen Unfall des Rennfahrers.
Copyright Robert Häusser ("J.R. 5-9-70")

 

Sei’s drum. Thanatos, Häussers zentraler Anspruch. Wie oft hat er so etwas, ohne dass die Bilder es ausdrücklich berichten, erlebt? Der berühmte Rennwagen, unkenntlich und wie ein glatter, lebender Organismus unter seiner eng anliegenden Schutzhaut – ein paar Wochen nach der Aufnahme, die Häusser im August 1970 am Hockenheim-Ring machte, verunglückte der Fahrer Jochen Rind tödlich. Der äthiopische Kaiser Haile Selassi, von dessen feinen, prägnanten Gesichtszügen Häusser fasziniert war:  Zusammen mit seiner Familie wurde er ein halbes Jahr nach der eindringlichen Porträtaufnahme von politischen Gegnern ermordet. Häusser ist ein begnadeter Erzähler – wie viele solcher Erlebnisse haben zu seiner Lebens- und Arbeitsperspektive beigetragen? Wie lebendig sind die Toten, die Häussers Friedhöfe bevölkern, wie nahe geht uns das, der Anblick verbleichender Porträts und verwitternder Namen auf den Gräbern? Wir sehen die stumme Ästhetik der Vergänglichkeit und sagen uns, dass auch wir, die Lebenden, unentrinnbar in dieses Netz eingeflochten sind und dass auch unsere Namen in absehbarer Zeit niemand mehr kennt.

 

"Das Boot" von 1972. Wie ein großes weißes Tierskelett liegt das Schiff im Wasser, leer, aber zugleich spürbares Symbol auch als dahingleitendes menschliches Leben. Häussers Bilder wecken im Betrachter stets eine Fülle widersprüchlicher Bedeutungen.
Foto: Reiss-Engelhorn-Museen

 

Aber Häusser ist kein Fotograf von Toten. Eben dieses Motiv wird bei ihm niemand finden. Er ist ein Lichtbildner von Spuren und Zeichen, deren Formen sich unter seinem Blick zu verdichten und zu konzentrieren scheinen, bis sie mit einer magischen Ausstrahlung zu uns sprechen. Das können schon die im Licht aufgeworfenen Wülste von Ackerfurchen sein, die am Horizont zu einem Punkt zusammenlaufen. Was lauert im undurchsichtigen Dunkel der Gräben, die die Wülste voneinander trennen? Wie tief sind sie? Und unausweichlich wird der Blick an jenen Punkt dicht unter der oberen Bildkante gelenkt, wo alles zusammenläuft, wo alles endet. „Acker“, bereits 1950 entstanden, als Häusser mitunter noch den lebendigen Charme des Zufalls auf seine Filme bannte, ist ebenso erfüllt von strenger Formenschönheit wie von innerem Zwang. Freilassen können einen solche Aufnahmen nicht, als Betrachter hat man keine Wahl, man wird förmlich hineingesaugt in ein latentes Drama, und sobald man sich ihm entziehen und den Blick entspannt schweifen lassen will, scheint einem das Bild zu entgleiten. Es verschließt sich und wird flach.

 

"Weinberg" (1955) - der Mensch, winzig klein zwischen grell beleuchteten Stäben. Um solche magischen Momente auf den Film zu bannen, hat Häusser oft lange vor Ort auf die richtige Beleuchtung gewartet.
Foto: Reiss-Engelhorn-Museen

 

Statt an einen imaginären Kreuzungspunkt wird der Blick beim „Weinberg“ von 1955 in eine ortlose Höhe gezogen: Die Luft scheint schwarz, vorn zieht sich in leichter Schräge der dunkle Erdboden übers Bild, und in der Mitte ragt ein Wald grell weißer, kahler Stangen empor. Dass sich an diesen utopischen Objekten einst Reben hochzogen und womöglich erneut wachsen werden, spielt hier keine Rolle, das Leben ist einer rigiden Form, einer rätselhaften Aufwärtsbewegung gewichen: Wo wird das enden, und wo wird das Auge endlich Halt finden? Gleichsam in einen Strudel gezwungen wird der Betrachter in dem Bild „Moor II“ von 1984. Eine dunkle weiche Erhebung im Zentrum wird von konzentrischen weißen Linien umrundet, und das Auge folgt dieser Spiralbewegung, bis man fast einen Taumel spürt, eine Fixierung durch die unheimliche Macht der Form.

 

Es sind keineswegs nur Landschaftsmotive, die bei Häusser diesen Sog ausüben. Eine ihres Panzers beraubte, nackte Schildkröte soll qualvoll und langsam sterben, weil menschlichen Genießern das Fleisch dann besser schmeckt. Die Serie einer häuslichen Schweineschlachtung dokumentiert nicht nur das erschreckend menschlich wirkende, tote Tier in seiner Hilflosigkeit, sondern auch das lautlose, brutale Vergnügen der Schlächter. Menschen treten durchaus auf Häussers Bildern auf, aber selbst wenn sie uns ansehen, so wie die beiden liebenswürdig schrulligen Männer unter ihren Regenschirmen mit den Broten in der Hand („Mes amis d’Elzière“), ist es, als hielten sie in einer geheimnisvollen Erstarrung für Sekunden den Atem an. So als würden sie sich plötzlich ihrer eigenen Fremdheit bewusst. Auch Häusser selbst hat sich so fotografiert: Fast als Vision taucht sein vom Reflexlicht eines Fensterkreuzes entmaterialisierter Körper scheinbar in der Nische eines Innenraums auf, den Blick geradeaus in eine Unendlichkeit gerichtet, die tief in ihm selbst liegt. „Wie ein Monolith ragt das Lebenswerk von Robert Häusser, das die moderne Fotografie maßgeblich beeinflusst hat, über die Alltagsmoden hinaus“, sagt Claude W. Sui. Ein dunkler Monolith, der einen anzieht und den man mitunter umgehen möchte, um sich wieder leicht und lebenswarm zu fühlen.

 

Info:

- Robert Häusser, "Aus dem photographischen Werk 1938 bis 2004", Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, D 5, vom 9. November 2004 bis 27. Februar 2005, Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, www.reiss-engelhorn-museen.de

- Aktualisierte, von Claude W. Sui überarbeitete Neuauflage der Monographie „Robert Häusser“ im Verlag Edition Braus, Heidelberg 2004, 590 Seiten mit 350 Duotone-Fotos, 86 Euro, ISBN 3-927774-19-7, www.editionbraus.de

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