Robert Häusser (1924-2013)

Die Berliner Mauer

 

 


Berlin 1983, eine alte Frau beim Übergang über die Zonengrenze zwischen Ost und West. Der Mannheimer Fotograf Robert Häusser schuf damals über die Berliner Mauer eine Serie von 23 Fotos, die zwanzig Jahre nach dem Fall des DDR-Regimes erstmals geschlossen in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen ausgestellt sind (von Juni 2009 bis April 2010).

 

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Robert Häusser zum 80.
Robert Häusser: "Das Moortagebuch" von 1984

 

21-06-2009

Die zerrissene Stadt

Robert Häussers Fotoserie der Berliner Mauer von 1983 erstmals ausgestellt im Mannheimer Forum Internationale Photographie 

 

Von Christel Heybrock

 

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, die einst Deutschland Ost von Deutschland West trennte, kann eine junge Generation sich kaum noch vorstellen, wie das war: Im Westen ein wohlhabendes Bürgertum, das im Urlaub ohne Behinderungen fremde Länder bereisen und sich durch freie Medien nach Belieben informieren konnte – und im Osten ein graues, freudloses, mehr und mehr entrücktes Land mit Menschen, deren Alltagsprobleme in Deutschland West immer unverständlicher schienen. Offenbar ist den Nachgeborenen nicht nur die Vorstellung, sondern auch die Faktenlage nicht immer ganz einfach zu vermitteln: Hat nicht vielleicht Adolf Hitler die DDR (die Deutsche Demokratische Republik) gegründet? Und wer war noch gleich dieser Erich Honecker?

 

Auch solche Fälle von Unkenntnis waren Anlass genug für das Mannheimer Forum Internationale Photographie, im zwanzigsten Jahr nach der Beseitigung der deutsch-deutschen Grenze 1989 eine Fotoserie von Robert Häusser zu zeigen, die noch nie geschlossen ausgestellt war, sondern nur in Einzelarbeiten die Büros von Berliner Abgeordneten „schmückt“ – eine Zierde sind die beklemmenden Ansichten allerdings nicht. Häusser war 1983 speziell für diese Serie von 23 Aufnahmen der Mauer nach Berlin gekommen und fand hier jene Zeichen, jene düstere Abstraktion, für die er mit seinem Gesamtwerk berühmt wurde, schon in der Realität vor.

 

Dabei musste er sich wohl auch nicht lange in die Problematik einsehen, denn er hatte Jahrzehnte zuvor sehr persönliche Erfahrungen mit dem damals noch jungen kommunistischen Regime gemacht – 1983 freilich fragte er sich beim Anblick der Sperranlagen, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn ihm 1952 nicht die Flucht gelungen wäre. 1924 in Stuttgart geboren und noch in den ersten Kriegsjahren dort als Fotograf ausgebildet, wurde er 1942 im Alter von 18 Jahren eingezogen, geriet in Gefangenschaft und landete in den Nachkriegswirren mit seiner Familie als Bauer in der sowjetisch besetzten Mark Brandenburg. Die Arbeit auf dem elterlichen Hof hinderte ihn nicht am Fotografieren – mit seinen Aufnahmen weckte er im Westen Aufmerksamkeit, errang Preise und Auszeichnungen ... und zog sich das Misstrauen des sozialistischen Regimes zu. Das wollte den begabten jungen Mann zunächst als Kulturfunktionär integrieren, was Häusser ablehnte, und dafür begann das System sich zu rächen mit wachsenden Schikanen. 1952 war der Familie klar, dass der Hof aufgegeben werden musste und nur noch eine Flucht in den Westen möglich war. Aus Sicherheitsgründen flohen die Familienmitglieder getrennt, und schließlich machte sich Häusser mit Moped und einem Köfferchen auf den Weg nach Berlin, angeblich um bei dem Verlag, der seine Fotos publizierte, vorstellig zu werden. Beim Übergang in den Westsektor der einstigen und seit Kriegsende geteilten deutschen Hauptstadt wäre Häussers Flucht um ein Haar schief gegangen: Die Kontrollbeamten waren misstrauisch, hielten ihn stundenlang fest, verhörten ihn und drohten mit Gefängnis. Häusser überzeugte sie schließlich, dass er eigentlich nur in das Gebäude auf der andern Straßenseite habe gehen wollen – setzte sich auf sein Moped, drehte sich winkend noch einmal um und sauste den verdutzten Grenzkontrolleuren davon: „Nach Nazizeit, Hitlerjugend, Militär, Gefangenschaft, Sowjetzone ... war ich mit 28 Jahren zum ersten Mal ein freier Mensch. Sie können sich nicht vorstellen, was das bedeutet,“ bekannte Häusser vor Journalisten bei der Präsentation seiner Mauer-Fotos 2009 in Mannheim.

 


Das Brandenburger Tor, 1788-1791 in Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. von Carl Gotthard Langhans errichtet, ist das bedeutendste Symbol Berlins und glanzvoller Übergang der Prachtstraße "Unter den Linden" zur "Straße des 17. Juni" (einst "Charlottenburger Chaussee"). Im Jahr 1983, als Robert Häusser diese Aufnahme machte, lag es genau auf der Zonengrenze zwischen dem West- und dem Ostteil der Stadt: Die DDR-Führung hatte aus dem Tor eine Sperranlage gemacht, und Besucher aus dem Westen, wie die Menschengruppe rechts, konnten bestenfalls von einem gehörig entfernten Holztreppchen aus einen Blick über die Mauer hinweg werfen. Ein Aufenthalt im Osten war für Westbürger nur mit bizarren Genehmigungsverfahren möglich.

 

23 Aufnahmen. Wer die Mauer und die beklemmenden Vorgänge bei Ein- und Ausreise vom Westen in den Ostsektor oder umgekehrt noch selbst erlebt hat, wird Häussers Bilder eigentlich wenig spektakulär finden. Die steinerne Strenge der Gesichter, die einschüchternde Körpersprache der Kontrolleure sind bei ihm nicht zu finden und auch nicht die surreale Endlosigkeit kahler Gänge und Treppen, die man durchschreiten musste, wenn man von U- oder S-Bahn kam – der Bahnhof Friedrichstraße dürfte vielen Menschen noch in unguter Erinnerung sein. Wer sich als Westbesucher nach komplizierten Genehmigungsverfahren ein paar Stunden jenseits des Brandenburger Tores aufgehalten hatte und auf dem Rückweg „seinen“ Übergang wieder suchte, brauchte Passanten gar nicht erst zu fragen: Niemand wagte ihm zu antworten aus Angst, er hätte sich verdächtig machen können.

 

Da Häusser nie und nimmer den Boden des sozialistischen Teils von Berlin wieder hätte betreten können, haben sich solche Erfahrungen in seinen 23 Bildern nicht eingeprägt, aber dennoch sind seine Aufnahmen mehr als nur Zeitdokumente aus einer Perspektive diesseits der Mauer. Sie spiegeln vielmehr die Zerrissenheit einer Stadt und ihrer Bevölkerung, sie spiegeln einen Wahnsinn, der zur Normalität geworden war. Viele von Häussers Ansichten haben rein kompositorisch – aber auch im wörtlichen Sinn – keinen Fluchtpunkt, sondern sind als düstere, geschlossene Front horizontal vor dem Betrachter aufgebaut: aufeinander geschichtete, dunkelgraue Betonblöcke, darüber Stacheldraht, dahinter die Wände verlassener Häuser, vermauerte oder zersprungene Fenster, heruntergelassene Jalousien, sinnlos gewordene Straßenschilder, kahle Bäume. Nein, man musste damals wirklich nicht lange suchen nach solchen Motiven, und die horizontale Gliederung von Häussers Aufnahmen macht auch deutlich, dass hier nur jeweils Ausschnitte aus einer kilometerlangen Anlage zu sehen sind.

 


Wohnhäuser im Grenzbereich wurden vom kommunistischen Regime systematisch geräumt und dem Verfall überlassen, um anfangs noch genutzte Fluchtmöglichkeiten der Bewohner in den Westen zu unterbinden. Zugemauerte oder zersprungene Fenster gehörten zum "normalen" Bild jenseits der Sperranlagen.

 

Vielleicht erschrecken diese Bilder weniger durch die elementare Wucht der Sperranlagen, mit denen ein hirnrissiges Regime verhindern wollte, dass ihm sein ganzes Volk davonlief, als vielmehr durch die zufälligen Reste menschlichen Lebens. „Polstermöbel Innendekoration“ ist eben noch hinter Stacheldrahtknäueln auf einem Haus zu lesen – der einst sicher florierende Betrieb ist längst verlassen, kein Mensch weit und breit, und auf der Sperrmauer die Propagandatafel mit der großen Aufschrift „Die Passierscheinabkommen beweisen: Verhandlungen sind möglich und nützlich!“ richten sich an die Westbürger, deren Führung zu mehr Flexibilität aufgefordert wird.

 

Die Aufnahme vom Standort Legiendamm/ Ecke Waldemarstraße rückt nicht nur die Mauer ins Blickfeld, sondern auch eine Absperrung auf dem bröckelnden Bürgersteig: Die Mauer verlief mitten auf der Waldemarstraße, ein Weitergehen war nicht mal entlang der Betonfront möglich, und der Blick über den Stacheldraht hinweg erhascht zwar eine gewisse Tiefe, aber es sind nur hintereinander gestaffelte, zerfallende Bauten. Schlimm eine Ansicht durch den Stacheldraht hindurch, als Häusser die Mauer und das Drahtgewirr in Nahunschärfe vor den Blick auf die „andere Seite“ legte: Die Klinkersteine eines gespenstischen Hauses, ein Maschendrahtgitter, ein Stück entfernte Straße mit zwei Autos sind deutlich zu erkennen ... und mitten in dem menschenfeindlichen Chaos zwei Kinder. Auf einer andern Aufnahme ragen überm meterhohen Beton die Spitzen einer fernen Kuppel und zweier Lampenmasten hervor.

 

Claude W. Sui, der das Begleitbuch herausgab und die Ausstellung kuratierte, wies besonders auf zwei Bilder eines im Drahtverhau hängen gebliebenen Kinderbettchens hin – ein hübsch verziertes, filigranes weißes Gestell schwebt dort unterhalb eines vermauerten Fensters. Häusser fotografierte das Motiv mit verschiedenen Lichtverhältnissen und aus leicht verschiedener Perspektive, einmal mit einem riesigen Schatten auf der verschlossenen Hausfront, aus dem sich nur das Bettchen zart und schneeweiß hervorhebt, ein anderes Mal aus der Perspektive eines Passanten auf der Straße, der über die Betonblöcke der Mauer hinweg auf das verlassene Haus blickt: Das vermauerte Fensterrechteck und eine aufgerissene Wand des Hauses, aus dem das Bettchen herabfiel, leuchten in unwirklichem Weiß, eine Szenerie, wie man sie womöglich albträumt, aber nicht für wirklich halten kann.

 


Ein Blick ins Niemandsland, sprachlos und neugierig zugleich. Nicht jeder Bürger eines westlichen Landes, der zum ersten Mal vor der Berliner Mauer stand, konnte auf Anhieb glauben, was er sah. 

 

Die Mauer, die sich einst mitten durch die Stadt, mitten durch ihren zuvor sinnvollen architektonischen Entwurf zog, war derart monströs, dass sie auch staunende westliche Touristen anzog. So bannte Häusser damals einen jungen Mann in korrektem schwarzem Anzug, Aktentasche unterm Arm, auf den Fotofilm. Der Mann hat einen herumstehenden Holzbock erstiegen und blickt sprachlos hinüber auf das fast zum Greifen nahe Haus auf der andern Seite, vor dem eine Straßenlampe, die womöglich noch aus der Nachkriegszeit stammt, an einstiges normales Leben erinnert.  Auf einer anderen Aufnahme ist die Sperranlage tatsächlich zur Attraktion geworden; eine Menschengruppe hat sich an einer Art Aussichtspunkt versammelt, von dem sie hinweg sieht in das fremde, erstarrte Leben „drüben“. Die Reihe der Peitschenleuchten am Straßenrand, die durch die Mauer im Vordergrund abgeschnitten wurde, setzt sich noch weit jenseits fort, aber ohne dass sich dadurch eine urbane Orientierung ergäbe. Ein großes weißes Schild vorn rechts verkündet in vier Sprachen: „Sie verlassen den amerikanischen Sektor“ – mit andern Worten: hier beginnt ein anderes Herrschaftsgebiet, Sie haben hier nichts mehr zu suchen!

 


Observierte Observatoren - mit ihrem Fernglas entdeckten die beiden Grenzsoldaten bald, dass sie vom Westen aus fotografiert werden sollten. Fotograf Häusser versteckte sich hinter einem Baum, um diese Aufnahme zu schießen.

 

Viele, aber nicht alle Bilder sind menschenleer, und Häusser fragte nicht nur nach denen, die zu Verwandtenbesuchen mitunter hinüber und herüber die Schikanen der Kontrollpunkte auf sich nahmen (oft waren es alte Menschen, die den Riss durch die Familien nicht akzeptieren konnten), sondern er fragte aus einer gewissen Entfernung auch nach den militärischen Sicherheitskräften, die die Anlagen überwachten. So nahm er zwei Wachleute aufs Korn, die am Fenster eines Grenzgebäudes mit dem Fernglas die Umgebung observierten, dabei natürlich merkten, dass sie selber, noch dazu vom feindlichen Westen aus, fotografiert werden sollten, und erst mal verschwanden. Er habe, berichtet Häusser, darauf hin so getan, als würde er sich entfernen und sich hinter einem Baum versteckt. Nach kurzer Zeit waren die Grenzwächter wieder da – und landeten auf seinem Film.

 

Die wenigsten Bilder haben perspektivische Tiefe, und wenn Häusser einmal einen Standort einnahm, der eine Diagonale, eine Linie in den Hintergrund andeutet, dann endet der Blick in einer entfernten Versperrung oder einer heillosen Trostlosigkeit, nachdem er zuvor an Ruinen und endlosen Betonklötzen vorbeigleiten musste. Die Gebäude im Grenzgebiet, meist große Wohnhäuser, wurden vom DDR-Regime systematisch geräumt und dem Verfall überantwortet, und außer patrouillierenden Sicherheitskräften konnte sich auf der Ostseite niemand der Mauer auch nur nähern, ohne sich verdächtig zu machen. Eine Statistik am Ende des Begleitbuchs der Mannheimer Ausstellung listet insgesamt 985 Menschen auf, die bei Fluchtversuchen über die deutsch-deutsche Grenze ihr Leben ließen, davon waren 13 bereits erfolgreich in den Westen gelangt, aber später „zurückgeholt“ und hingerichtet worden, einer wurde sogar im Westen noch aufgespürt und liquidiert. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“, krähte DDR-Staatschef Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz am 15. Juni 1961 mit seiner verstopften Eunuchenstimme. Zu diesem Zeitpunkt war die Mauer (als Verstärkung der bereits existierenden Grenzanlagen) längst penibel vorbereitet und konnte wenige Wochen später begonnen werden.

 

Die 23 Bilder von Robert Häusser bewahren einen heute kaum noch begreiflichen Teil deutsch-deutscher Wirklichkeit nicht nur als Dokument, sondern auch als intensive emotionale Aussage. Wie jedes diktatorische Regime konnte später auch die DDR-Führung nicht erkennen, dass ihre Zeit abgelaufen war. „Die Mauer wird in fünfzig und auch in hundert Jahren noch bestehen bleiben“, betonte am 19. Januar 1989 DDR-Staatschef Erich Honecker. Am 9. November desselben Jahres war der „antifaschistische Grenzwall“ Geschichte. Ob allerdings die Mauer in den Köpfen hüben und drüben restlos beseitigt ist, muss man sich zwanzig Jahre später manchmal noch fragen. Das Zusammenwachsen der mehr als vierzig Jahre getrennten deutschen Bevölkerung war und ist ein schwieriger Prozess – aber davon ist auf Häussers Aufnahmen verständlicherweise nichts zu sehen.

 

Infos:

- Robert Häusser, „Die Berliner Mauer“, Fotografien und Zitate, Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim/ Forum Internationale Photographie (FIP), Ausstellung vom 7. Juni 2009 bis 25. April 2010 im Zeughaus C5, Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, www.rem-mannheim.de

 

- Das Begleitbuch erschien als Band 35 der Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, herausgegeben von Alfried Wieczorek und Claude W. Sui, Texte von Claude W. Sui und Günter Kunert, Verlag Edition Braus, Heidelberg 2009, 63 Seiten mit 23 ganzseitigen Bildern, ISBN 978-3-89466-305-6, Preis 15 Euro.
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