Menschenbilder aus der Fotosammlung Gernsheim


Das Cover des umfangreichen Katalogs der Ausstellung in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen 2003/2004. Das Foto mit Pudel und Chauffeur zeigt eines der berühmtesten Bilder von Thurston Hopkins: "La dolce vita" (London 1953).

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 03-11-2003/ Update 05-09-2011

Gesichter, Gesten und Geschichten

„Fokus Mensch“, Fotografien aus der Sammlung Helmut Gernsheim in Mannheim

 

Von Christel Heybrock 

 

Acht Kapitel. 120 Fotografen. 450 Bilder. Das Erdgeschoss der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen musste komplett geräumt und das Publikum mit einem Lageplan versorgt werden, damit es sich orientieren konnte: Erstmals wird ein Bruchteil aus der Sammlung Gernsheim gezeigt, das 2003 gegründete Mannheimer FIP, das Forum Internationale Photographie, ist glanzvoll in die Öffentlichkeit gestartet. Von der Sammlung Gernsheim muss man noch eine ganze Menge erwarten, denn Fotografien haben es so an sich, dass man als Sammler einfach nicht aufhören kann: Das eine Foto von weltumspannender Bedeutung und Vollendung gibt es nicht, ganz egal, wie hoch der Anspruch ist.

 

Auch Helmut Gernsheim, Fotograf, Fotografiehistoriker und Sammler, war wohl der Ansicht, dass jedes Foto von Qualität seine weltumspannende Bedeutung hat. Immerhin häufte er, der 1913 in München als Sohn eines Literaturhistorikers geboren wurde und 1995 in Lugano starb, zweimal in seinem Leben Tausende von Bildern an. Was jetzt in Mannheim stationiert ist und als „zeitgenössischer“ Teil der Gernsheim-Bestände bezeichnet wird, umfasst rund 7000 Aufnahmen (ganz zu schweigen vom Nachlass mit der 4000 Bände umfassende Bibliothek und einem Schatz von Dokumenten). Einst gab es ein Gebirge von 40.000 Aufnahmen, die sich in Gernsheims Wohnung bis unter die Decke stapelten und die er einerseits aus Platzangst, andererseits aus Sorge um seine Kostbarkeiten an ein Museum verkaufen wollte. Das war in den sechziger Jahren, und damals zerschlugen sich alle diese Pläne in Europa. Der sogenannte „historische“ Teil der Sammlung Gernsheim ging 1963 nach Austin/Texas und ein paar „Dubletten“ (immerhin 575 Abzüge) gelangten ans Moderna Museet in Stockholm. Beide Häuser haben zur Eröffnung der Mannheimer Schau einige unglaubliche historische Raritäten als Leihgaben beigesteuert, darunter Originale aus dem 19. Jahrhundert von Julia Margaret Cameron und von „Alice im Wunderland“-Autor Lewis Carroll.

 

Bei Gernsheims blinkten nach dem glücklichen Verkauf plötzlich ungewohnt kahle Wände. Es muss unerträglich gewesen sein. Es ging nicht anders, man musste wieder anfangen zu sammeln – und das Ergebnis kam nach Gernsheims Tod nach Mannheim und bleibt hier. Die Eröffnungsschau enthält eine kleine Auswahl ausschließlich zum Thema „Mensch“. Grob gefasst kann man die 450 Arbeiten, deren Hängung allein eine logistische Meisterleistung von FIP-Leiter Dr. Claude W. Sui und seiner Mannschaft war, unter die Rubriken „Künstlerporträts“, „Situationen“, „Experimentelle Fotografie“, „Andere Kulturen“, „Zeitgeschehen“ und „Kinderwelten“ subsumieren. Aber was da so trocken klingt, ist voller Witz und Melancholie, voller Stille und Tempo, voller Erkenntnis mit dem Anschein von Banalität. Einzelne Aufnahmen wird jeder mit Vergnügen und Gewinn rezipieren. Mit der buchstäblich enzyklopädischen Gesamtheit wird man erst mal überfordert.

 

Die Schriftstellerin Virginia Woolf, 1939 porträtiert von Gisèle Freund
Copyright Gisèle Freund/Nina Beskow Agency, Paris

 

Da sind wunderbare Künstlerporträts wie der berühmte, als Levitation durchs Zimmer fliegende „Dalí Atomicus“ von Philippe Halsman (1948) oder der still nach unten blickende Maler Adolph von Menzel, 1904 von Jacob Hilsdorf auf die Platte gebannt. Dora Kallmus lichtete 1953 den exzentrischen Marquis de Cuevas im historischen Kostüm ab – eine großartige Inszenierung für einen Mann, der aus purer Leidenschaft eine eigene Ballettcompagnie ins Leben rief. Im Gegensatz dazu Reinhart Wolfs Porträt des Malers Fernand Léger, dessen zerfurchte Gesichtslandschaft den Betrachter anblickt, während ringsherum seine Bilder mit den vitalen Frauenkörpern eine andere Form von Leben und Wärme beschwören. Höchst einfühlsam und sensibel das Porträt der Schriftstellerin Virginia Woolf von Gisèle Freund(1909-2001), das einen nicht unbedeutenden Teil seiner Aussage aus der Längsdehnung des Formats und aus der Tatsache bezieht, dass die Porträtierte nur die untere Hälfte des Bildes einnimmt und wie eine leise, flüchtige Erscheinung aus dem Dunkel der Umgebung auftaucht.

 

Es gibt bedrückende, aber die Hoffnung nie ausschließende Kinderbilder aus der Dritten Welt wie das kleine Mädchen mit der Pistole auf dem Bett von Donna DeCesare, und es gibt Aufnahmen von verblüffender Augenblickskomik wie Thurston Hopkins’ genüsslich autofahrenden Pudel, der auch das Cover des mit 375 Seiten ziemlich umfangreichen Katalogs ziert (Foto oben). Die auf ihren Kamelen lächerlich deplazierten „Touristen in Gizeh“ hielt Thomas Höpker 1963 fest – ein Anblick, der vierzig Jahre später wohl nicht viel seltener geworden sein dürfte. Überhaupt ist es erstaunlich, wie vor allem Menschen der westlichen Welt sich ungeniert in grandioser Würdelosigkeit zeigen: es war ja nicht Fotograf Bruce Gilden allein, der die zum Platzen prallen Würstchenbeine der Strand“schönheiten“ in Coney Island zu Gesicht bekam... Was natürliche Würde bedeutet, können aus anderen Kulturkreisen jedoch noch die Ärmsten der Armen vorführen, etwa jener junge Farbige in seiner trostlosen Küche in Mississippi (fotografiert von Ken Light) oder die temperamentvoll tanzenden Waschfrauen im spanischen Ubeda, über deren explosive Fröhlichkeit sich der Schwede Georg Oddner mit seiner Kamera wunderte.


Model Patricia führt Mode von Jacques Fath vor - aufgenommen von der Kölner Fotografin Walde Huth in Paris 1956
Copyright Walde Huth

 

Die wohl poetischsten, kultiviertesten Modeaufnahmen ihrer Zeit schuf die 1923 in Stuttgart geborene und in Köln lebende Walde Huth, von der Helmut Gernsheim sagte, sie sei eine "Dichterin mit der Kamera". Der extravagante Plisseeumhang bei der Aufnahme von Jacques-Fath-Mode 1956 in Paris korrespondiert dabei mit der filigranen Erscheinung des Eiffelturms im Hintergrund, aber die Genialität der Fotokünstlerin erweist sich auch im Reichtum der Gesten und Körperposen ihrer Models, deren feminine Eleganz heute wie aus einer anderen Welt anmutet. Eines der schönsten Bilder jedoch zeigt Sammler Gernsheim selbst auf einem sehr schmalen Querformat, 1987 fotografiert von dem jungen David Bayles: Die Bäume einer Allee schließen sich dunkel hinter der hellen, kleinen Halbfigur im Vordergrund, und zwei lange, helle Äste winden sich über seinem Kopf in die Ferne, als wären sie sichtbar gewordene Sehnsüchte des Sammlers. Die Kunst der Inszenierung freilich würde hier nicht der aufmerksamste Betrachter entlarven. Es war Fotograf Bayles selber, der beschrieb, wie Gernsheim für dieses poetische, versunkene Foto auf einen Tisch klettern musste, während eine vom Bier benebelte, grölende Männerrunde in der Nähe ihr Unwesen trieb. Das Verhältnis von Fotografie und Realität müsste eigentlich bei jeder Aufnahme neu definiert werden. Ja, wirklich, man muss alles sehen. Fotografien vertragen keinen eiligen Blick.

 

Info:

„Fokus Mensch“, Menschenbilder aus der Photosammlung Helmut Gernsheim, Reiss-Engelhorn-Museen,Mannheim, D5, vom 12. Oktober 2003 bis 18. Januar 2004, Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, der hervorragende Katalog im Verlag Hatje Cantz kostet an der Museumskasse 32 Euro, www.reiss-engelhorn-museen.de

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