2. Fotofestival im Rhein-Neckar-Dreieck


"Remember" nannte Benjamin Füglister seine Serie mit Doppelporträts philippinischer Frauen und ihrer westlichen Lover. Die angeblichen Erinnerungsbilder der Jahrtausendwende in Manila ließ Füglister 2007 in Öl nachmalen - die Fotodokumente männlicher Herrschaftsansprüche wurden auf diese Weise noch verfestigt.


Nezaket Ekici, in Berlin und Stuttgart lebende Türkin, setzt sich mit strengen Regeln und Verhaltensweisen muslimischer Frauen auseinander. Ihre lebensgroße Selbstdarstellung in überkorrekter Verhüllung, aber mit Schweinchen auf dem Arm ist eine Provokation, die gleichwohl an die Vernunft appelliert - "unrein" ist dieses Kuscheltier wirklich nicht.


Den Kolonialismus im ganz normalen südafrikanischen Alltag hält Santu Mofokeng in absurden Bildern fest. Die riesige Waschmittel-Reklame in einer elenden, gestaltlosen Umgebung erhebt sich wie ein Zeichen der Verhöhnung westlicher Industrie gegenüber afrikanischer Armut. 


Blick einer Frau auf eine amerikanische Subkulturszene schwuler Männer - Sigrid Jakob schuf eine einfühlsame Fotoserie über die "Bären", die dem Schönheitsideal athletischer Männerkörper nicht entsprechen, aber ein eigenes, mitunter melancholisches Selbstbewusstsein entwickelt haben (hier das Porträt "Larry K").
Copyright Sigrid Jakob

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Fotografie/FotofestivalRheinNeckar2007.html

Die Fotos wurden dem Ausstellungskatalog "European Photography" (Heft 82) entnommen.

Sitemap
Übersicht Fotografie

13-10-2007
Update 17-03-2013

Brüche, Konflikte, Konfrontationen - Erkennen, was wirklich ist

„Reality Crossings“ als Thema des 2. Foto-Festivals 2007 in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg

 

Von Christel Heybrock 

 

Wer auch immer sich professionell mit Fotografie als Kunst beschäftigt – er scheint kein Ende zu finden. Die Welt, die Wirklichkeit, sie wollen festgehalten und bewusst gemacht werden, aber wie kann man da überhaupt auswählen, wo doch schlankweg alles gleich wichtig ist? So geht es natürlich auch dem Ausstellungskurator Christoph Tannert vom Künstlerhaus Bethanien in Berlin, der 2005 in der Rhein-Neckar-Region ein viel beachtetes Fotofestival ins Leben rief, das freilich bei seinem Debüt in den Verdacht heilloser Unübersichtlichkeit geriet. Das zweite Festival 2007 sollte da ganz anders werden, aber angesichts von über 80 Künstlern aus 30 Ländern und insgesamt 370 Arbeiten, verteilt auf Museen, Kunstvereine und andere Institutionen in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg, stellt sich die Frage: Wie soll man das alles rezipieren? Gibt es jemand, der wirklich brav alles abklappert und sich jeweils Stunden lang mit den Exponaten auseinander setzt (was sie ja sicher verdient hätten)? Irgendwie wünscht man sich im Zeitalter der Mammutveranstaltungen mal eine Ausstellung, die aus nicht mehr als zehn Bildern besteht ...

 

Um nicht auch hier ins Uferlose zu geraten, sei als Beispiel „nur“ der Festival-Teil herangezogen, der im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum untergebracht wurde. Immerhin geht es hier schon um nicht weniger als 34 Künstler, von denen jeweils zwei, drei oder mehr Arbeiten zu sehen sind – und jede Position ist so individuell und unverwechselbar, so eindrücklich und nachdenkenswert, dass man (auch ein Betrachter ist ja nicht frei von Widersprüchen) am liebsten jeweils 34 riesengroße Einzelausstellungen sehen möchte. Nach langen Jahren, in denen viele Künstler kaum an sozialer und politischer Wirklichkeit interessiert waren, setzt sich zumindest in den von Tannert ausgewählten Arbeiten ein Drängen nach kritischer Erkenntnis durch, ein Bewusstsein davon, dass Politik sich bis in allerpersönlichste Bereiche von Menschen auswirkt. Und wer bewusst hinsieht, dem geht nicht nur manches unter die Haut, sondern er dürfte auch seine eigene Existenz und seine Position in der Realität neu überdenken.

 

Faszinierend, oft erschreckend sind in den „Reality Crossings“ vor allem Erfahrungen von kulturellen Gegensätzen, sozusagen ein "cultural crossing", um bei dem Begriff zu bleiben. Das fängt an mit unendlich zartem Gesprühe auf Schwarzweißfotos des Berliners Stefan Heyne und endet keineswegs bei Benjamin Füglisters Doppelporträts philippinischer Frauen mit ihren westlichen Lovern – ein Ende jener Auffächerung von Wirklichkeiten, die im Zusammenprall der Kulturen entstehen, kann es nicht geben, und auch wenn die Auswahl des Kurators umfangreicher gewesen wäre, hätte der Betrachter das Bewusstsein eben einer Auswahl nicht verloren.

 

Um die angedeutete Spannweite zu erläutern: Die scheinbar „abstrakten“, wunderbar ästhetischen Schwarzweißbilder Stefan Heynes sind tatsächlich Ansichten jener Explosionswolken, von denen das geschundene Bagdad tagtäglich erschüttert wird – uralter kultureller Lebensraum im Prozess barbarischer Zerstörung durch einen modernen Kulturkonflikt, dessen Gewaltspirale sich immer schneller dreht. Und die Fotos von den Philippinen sprechen einem Bildtypus Hohn, der seit der Renaissance die abendländische Kunstgeschichte bereichert hat: das Doppelporträt von Ehe- oder Freundschaftspaaren. Der 1978 in Zürich geborene und in Berlin lebende Füglister ließ die Aufnahmen später in Öl nachmalen, was man nicht gleich sieht, was aber den Ausdruck temporären Besitzeranspruchs der westlichen Männer mit ihren sanften, wohl nur scheinbar gefügigen Gespielinnen verfestigt. Sie sprechen Bände, die Blicke und Gesten der Männer wie der Frauen – erinnern die einen an jene Safarihelden, die sich mit dem Fuß auf dem erschossenen Löwen ablichten ließen, so macht die Kulturleistung der Frauen, die offenbar in distanzierter Anschmiegsamkeit besteht, die Machos buchstäblich zu ahnungslosen Dummköpfen. Was für eine Diskrepanz lauert in diesen Körpern, die einander mit Armen und Händen verklammern!

 

Es gibt in der Ausstellung Fotos, die über kulturelle Gegensätze und damit über die Realität moderner Menschen mehr ausdrücken als ganze Bücher. Oft sind es Frauen, die diese fast unerträglichen Spannungen nicht nur empfinden, sondern auch schlüssig gestalten. Die Irakerin Shirin Damerji beispielsweise, deren nach Jordanien geflüchtete Familie in Amman in Sicherheit lebt. Sie selbst ist in Deutschland aufgewachsen und einen unauffälligen, aber natürlichen und authentischen Lebensstil gewöhnt. Bei ihren Besuchen in Amman stellte sich heraus, dass die dortige Familie es regelrecht als peinlich empfand, wie wenig Shirin aus sich machte, wie wenig sie sich inszenierte, wie wenig Distanz sie aber auch in ihrem Verhalten hatte. Das musste geändert werden, und in einer kurzen, verblüffenden Fotoserie dokumentierte die Person zwischen den beiden Welten ihren Verwandlungsprozess vom sympathischen, aber unscheinbaren und auf Make-up verzichtenden Mädchen hin zu einer perfekt gestylten, unnahbaren Glamour verstrahlenden Schönheit – die moderne arabische Frau soll aufreizen und ihren hohen „Wert“ zeigen, sich aber zugleich verweigern und durch ihr Auftreten dokumentieren, für „jeden“ sei sie nicht zu haben.

 

Geradezu provokant ist der Mut der in Berlin und Stuttgart lebenden Türkin Nezaket Ekici, die strenge orientalische Regeln, Symbole und Verhaltensweisen hinterfragt. Zwei Videos von ihr thematisieren das Erscheinungsbild türkischer Frauen. Einmal ist eine schwarz verschleierte junge Person zu sehen, die in mechanisch ratterndem Tempo ihr Gesicht entblößt und wieder verdeckt. Das schwarze Tuch, das Blicke verhindern soll, lässt eben diese für Sekundenbruchteile zu, aber die Frau hat dabei die Augen geschlossen und verzichtet selbst aufs Sehen. Ein der westlichen Weiblichkeit völlig fremdes Körpergefühl vermittelt die Künstlerin auf einem Video, bei dem junge und alte Orientalinnen versuchen, einen Hulahup-Reifen um ihre fülligen, untrainierten Hüften kreisen zu lassen – die meisten scheitern damit, nachsichtig lächelnd, aber wie lebt man, wenn der eigene Körper so wenig Prägung und Definition hat? Richtig schockierend für muslimische Betrachter dürften aber zwei lebensgroße Selbstporträts der Künstlerin sein, bei der sie sich schwarz verschleiert von Kopf bis Fuß präsentiert, Gesicht, Hände, Körper – alles ist von schwarzem Stoff bedeckt, was für europäische Augen gespenstisch wirkt, ist für strenggläubige Muslime nichts als korrekt. Aber: diese total tabuisierte Person hält eine rote Leine in der schwarz behandschuhten Hand, und an der Leine befindet sich ein niedliches rosa Schweinchen, ein Haustier offenbar, das die Schwarze sogar kuschelnd auf den Arm nimmt. Man denke – die Überkorrekte gibt sich mit dem Symbol alles Unreinen ab, mit einem Tabu! Das Bild ist eine einzige Bruchlinie zentraler Konventionen, selbst für Europäer ist seine Polarität nicht ganz einfach. Aber das Bild appelliert auch an Vernunft: Was in aller Welt ist an dem offenbar frischgewaschenen, rosigen Ferkelchen so abstoßend, dass man es als Lebensgefährten nicht akzeptieren könnte? Was ist hier natürlicher, „menschlicher“ – das Tier oder die zur schwarzen Unperson degradierte Frau?

 

Segnungen der westlichen Industrie inmitten einer Gesellschaft, für die sie nicht gemacht wurden – auch dies ein Bruch, ein Zusammenstoß zweier Welten. Der Südafrikaner Santu Mofokeng, der sich in einer beeindruckenden Serie mit dem Tod seines Bruders und der Aids-Katastrophe auf dem Schwarzen Kontinent auseinander setzte, dokumentierte auch den ganz normalen, alltäglichen Kolonialismus, wie er sich auf  absurden Reklametafeln zeigt. Werbung für Waschmittel und Antischwitz-Deos in einer landschaftlich verwüsteten Umgebung, in der die Menschen nicht genug zu essen haben und in Elendsvierteln leben. Da erhebt sich der überdimensionale OMO-Karton wie ein Zeichen der Verhöhnung.

 

Brüche, Konfrontationen, Konflikte – schmerzhaft und erschreckend sind sie fast immer. Auch die in Frankreich und Buenos Aires lebende Argentinierin Paula Luttringer gibt dem Unfassbaren ein auf den ersten Blick harmloses, leises, fast poetisches Gesicht. Sie suchte die Folterkeller der argentinischen Militärdiktatur auf, unter deren Terrorherrschaft zwischen 1976 und 1983 Zehntausende von Menschen verschwanden und ermordet wurden. Paula Luttringer fotografierte gleichsam lakonisch die Wände und Treppen mit den zerfallenden Kritzeleien der verzweifelten Opfer. Zwar vermittelt bereits eine nackte Glühbirne an bröckelnder Decke einen Eindruck existentiellen Ausgesetztseins. Letztlich geben aber erst die beigefügten Textdokumente von Gefolterten konkrete Auskunft über das, was man auf diesen Schwarzweißaufnahmen eigentlich sieht.

 

Immerhin Ereignisse, die lange her sind, könnte man abwehrend meinen. Wie nachhaltig aber Terror und Gewalt eine Gesellschaft prägen, zeigt auch die 1967 in Buenos Aires geborene Armenierin Silvina Der-Meguerditchian, die in Berlin lebt und den Auswirkungen der brutalen Vertreibung von Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart nachspürt. Der türkische „Völkermord“ an den Armeniern, der noch heute Menschen und Politiker in der Türkei empört, wenn er als solcher bezeichnet wird, er hat auch die Geschichte von Silvinas Familie bestimmt. Ihre Großeltern gehörten zu den Vertriebenen und stammten aus dem heutigen Gaziantep (früher Aintep) in der Türkei, 120 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. In der Foto-/Videoarbeit „Aleppo presences/ Aintep absences“ dokumentiert die Künstlerin die Gegenwart armenischer Kultur im syrischen Aleppo und die völlige Abwesenheit armenischer Spuren im türkischen Aintep. Im Rahmen des Fotofestivals jedoch erschließt sich dieser Inhalt nur schwer und nach etwas mühsamem Hinsehen. Eine Einzelausstellung der Künstlerin im Jahr 2002 im Mannheimer Forum der Jugend konnte über die Fotografie hinaus ein breiteres, leichter zu rezipierendes Spektrum an Techniken versammeln, mit denen Silvina Der-Meguerditchian das Trauma ihrer Geschichte aufarbeitet.

 

Natürlich gibt es existenzielle Brüche aber auch ohne Konfrontation mit einer fremden Kultur oder politischen Konflikten. Die in New York lebende Deutsche Sigrid Jakob widmete sich einer Subkultur schwuler Männer, die sich selbst als „Bären“ bezeichnen – ihre behaarten, schwabbeligen Körper widersprechen dem Ideal schlanker, muskulöser Männlichkeit, aber die „Bären“ stehen zu sich selber, zu ihrer unathletischen Erscheinung wie zu ihrem offenbar wenig aggressiven, mitunter melancholischen Wesen und ihrem Außenseitertum. Dass ausgerechnet eine Frau sie porträtieren durfte, spricht für deren Einfühlungsvermögen und Vertrauenswürdigkeit, auch der Blick einer Frau auf schwule Männer ist letztlich ein „cultural crossing“. Und ebenso der Blick eines Mannes auf seine Frau, wie man ihn auf den leisen, eindringlichen Porträtaufnahmen des in Berlin lebenden Amerikaners Robert Lyons nachvollzieht. Den Blick einer fremden Person auf ein anderes, aber mit Sympathie erkundetes Lebewesen erfährt man ähnlich still und verhalten auch bei dem in München lebenden Tschechen Peter Neusser, der in der Serie „Wald“ zwei Perspektiven nebeneinander stellte – auf Farbfotos modellierte er die Struktur von Ästen und Zweigen, während Ansichten von Schwarzweißaufnahmen sich wie der Blick eines streunenden Tieres im Dickicht verlieren.

 

Zehn Künstler von 34 sind hier erwähnt – Bilder lassen sich zwar schneller sehen, als Wörter gelesen werden, aber das Erkennen ist ein anderer Prozess als das flüchtige Hinsehen. Man darf gespannt sein, wie umfangreich das nächste Fotofestival ausfällt ...

 

Info:

„Reality Crossings, 2. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg", vom 22. September bis 21.Oktober 2007, als Katalog erschien eine Sonderausgabe der Zeitschrift European Photography, Berlin (Heft 82), 104 Seiten, 122 Abbildungen, 16 Euro, www.european-photography.eu, www.fotofestival-ma-lu-hd.de

kostenlose counter