Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim
Forum Internationale Photographie (FIP)


Dr. Claude W. Sui, Leiter des Forums Internationale Photographie (FIP) an den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Sui wurde 2010 Vorsitzender der Jury für den renommierten Hasselblad-Preis, der mit seiner Dotierung von 56.000 Euro als "Nobelpreis der Fotografie" gilt (Internationaler Preis für Fotografie der Viktor und Erna Hasselblad Foundation).
Foto: Jean Christen/rem (mit freundlicher Genehmigung)

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Fotografie/FIPMannheim.html

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Übersicht Fotografie

Ausstellungen aus den Beständes des FIP:
Historische Fotografien aus Ägypten
Pilgerreisen auf Fotografien des 19. Jahrhunderts
Fotografien aus der Sammlung Gernsheim ("Fokus Mensch")
Die Gernsheim-Sammlungen in Austin/Texas und Mannheim 2012
Robert Häusser zum 80.
Robert Häussers "Moortagebuch"
Robert Häusser "Berliner Mauer"

20-01-2003
Update: 15-03-2010

Fotografie – die große Faszination

Robert Häusser, Helmut Gernsheim und Jakob Lorent als Grundstock des Mannheimer „Forums Internationale Photographie“ (FIP)

 

Von Christel Heybrock

 

Das Bild von der grauen Industriestadt am Zusammenfluss von Rhein und Neckar war ja immer schon ein Irrtum. Mannheim leidet traditionell an dem Problem, unterschätzt zu werden, immerhin gibt es hier mit dem Nationaltheater eine der ältesten deutschen Bühnen, es gibt mit der Kunsthalle ein Museum von beachtlichem Rang und mit dem Landesmuseum für Technik und Arbeit eine faszinierende Institution der Industriegeschichte. Das Reiss-Museum mit den stadtgeschichtlichen Sammlungen, der Theatersammlung und etlichen anderen Abteilungen zieht nun gewaltig nach, seit der Unternehmer Curt Engelhorn dem Haus im Jahr 2002 rund 20 Millionen Euro vermachte und damit veranlasste, dass der Name des Instituts, das noch in der siebziger Jahren eine Art provinzielles Dornröschendasein führte, in „Reiss-Engelhorn-Museen“ geändert wurde.

 

Diese Stiftung wächst nun weiter und füllt sich mit Leben, und zwar auf eine Art, die andernorts ziemliche Verblüffung verursachen dürfte: Der Fotograf Robert Häusser, 1924 in Stuttgart geboren, aber seit Jahrzehnten in Mannheim ansässig und trotz seiner internationalen Kontakte mit der Stadt tief verwurzelt, hat den Reiss-Engelhorn-Museen seinen gesamten Nachlass aus 60 Schaffensjahren vermacht. Hinzu kommen ein bedeutender Teil der Fotosammlung und der Nachlass des Fotohistorikers Helmut Gernsheim, der 1995 in Castagnola (Lugano) starb – dieser Bestand wird bereits seit Anfang 2002 in Mannheim verwaltet und soll im Oktober 2003 erstmals in einer Auswahl der Öffentlichkeit präsentiert werden.

 

Das erste Jahrhundert der Fotografie

Und was kaum bekannt ist: Das Museum verfügt bereits über eigene fotohistorische Kleinodien mit den Sammlungen von Jakob Lorent (1813-1884) und der Geschwister Carl, Anna und Wilhelm Reiss, die als Ergebnis ihrer Reisen durch europäische und asiatische Länder sowie durch USA und Lateinamerika rund 4000 Albuminabzüge hinterließen. Vor allem ethnografisch interessant, fügen sich die Reiss-Fotos in ein weiteres Konvolut von Fotografien der Völkerkunde-Abteilung des Museums.

 

Das Mannheimer Geschwisterpaar Anna und Carl Reiss um 1880 in der ägyptischen Pyramidenstadt Gizeh. Die Sammlungen der Reiss-Geschwister bilden den Grundstock der heutigen Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim - die Kollektion an historischen Fotografien der Geschwister ist jetzt Teil des Forums Internationale Photographie (FIP) der Reiss-Engelhorn-Museen.

Foto (Detail): Anonym/FIP Mannheim

 

Jakob August Lorent jedoch hat unter anderem mit 36 Ansichten von Jerusalem aus dem Jahr 1864 in Mannheim einen unschätzbaren Wert hinterlassen. In Amerika geboren, war Lorent als Kind nach Mannheim gekommen und hatte von hier aus später seine Reisen vornehmlich in die Mittelmeerländer unternommen. Er gehörte zu den großen und auch zu Lebzeiten bekannten Fotografen: Meisterliche Blätter aus Griechenland, Ägypten und anderen damals als exotisch geltenden Ländern waren bereits 1861 im Mannheimer Kunstverein ausgestellt, und 1984 erinnerte der Kunstverein noch einmal mit einer Schau an den inzwischen vergessenen Könner der Architektur- und Landschaftsfotografie. Da ging es freilich nicht um den Mannheimer Museumsbesitz, sondern um rund hundert Originalabzüge und 233 Negative, die kurz zuvor im Institut für Baugeschichte in Karlsruhe entdeckt worden waren.

 

Helmut Gernsheim – Sammler und Forscher

Mit dem Sammler und Fotohistoriker Helmut Gernsheim jedoch hat es folgende Bewandtnis: Seine Vorfahren stammten aus Worms, was in Mannheim natürlich den regionalen Bezug stärkt. In München als Sohn eines Literaturhistorikers geboren, studierte er 1933/34 Kunstgeschichte bei Wilhelm Pinder, dann aber, von dem Medium unwiderstehlich angezogen, Fotografie an der „Staatlichen Lehranstalt für Lichtbildwesen“, wo er 1936 ein hervorragendes Examen machte. Danach wurde der Boden heiß für ihn. Halbjüdischer Herkunft, musste er nach England emigrieren, wo er als freier Fotograf unter anderem für das renommierte Aby Warburg Institut in London arbeitete: Es ging darum, die ganze Stadt mit allen wichtigen Gebäuden und Denkmälern fotografisch zu dokumentieren.

 

Ob diese Bestandsaufnahme mit der Kamera bei Gernsheim den Drang auslöste, selber Fotografien zu sammeln, ja sogar die Geschichte der Fotografie zu erforschen? Bereits 1945 legte er den Grundstein zu der inzwischen weltberühmten Gernsheim Collection, deren historischer Teil sich heute im texanischen Austin befindet und auch dort bleibt (Harry Ransom Humanities Research Center der Universität Texas). Arbeiten von David Octavius Hill, William Henry Fox Talbot, Lewis Carroll (Dichter von „Alice im Wunderland“), Julia Margaret Cameron und anderen gehören zu dieser Sammlung. Gernsheim konnte unter anderem einen Fehler der bisherigen Geschichtsschreibung korrigieren, indem er das älteste erhaltene Foto überhaupt entdeckte, eine Arbeit von Joseph Nicéphore Nièpce. Zuvor hatte Daguerre als Erfinder der Fotografie gegolten.

 

Gernsheim hatte Teile seiner Sammlung bereits 1951 im Victoria and Albert Museum London ausgestellt („Masterpieces of Victorian Photography“) und zeigte 1956 seine zweite Schau „Ein Jahrhundert der Fotografie“ sogar in mehreren osteuropäischen Ländern. Neben dem Sammeln und Forschen publizierte er mehr als zwanzig Bücher, unter anderem das monumentale Hauptwerk „Geschichte der Photographie“, das erstmals 1955 in London herauskam und in viele Sprachen übersetzt wurde. Sein größtes Verdienst besteht aber wohl in seiner Auffassung von Fotografie überhaupt. Im Gegensatz zu der immer noch zäh im Bewusstsein haftenden Perspektive, Fotografie sei nichts weiter als eine nachahmende Technik, war Gernsheim von Beginn an überzeugt, es handle sich vielmehr um eine eigenständige Kunstform. Damit vertrat er eine avantgardistische Position, für die es gerade in Deutschland noch immer Nachholbedarf gibt.

 

Die Reiss-Engelhorn-Museen starten ihr Forum Internationale Photographie (FIP) nun mit dem Gernsheim-Komplex – bleibt der historische Teil der Gernsheim-Sammlung in Austin, so findet der zeitgenössische Komplex, der bis 2002 in Lugano stationiert war, in Mannheim sein Zuhause, und zeitgenössisch bedeutet hier die Spanne zwischen 1922 und 1995, dem Todesjahr des Sammlers. Der Bestand umfasst in rund zehntausend Werken so wichtige Abteilungen wie Sachfotografie, Landschaft, Tiere, Tanz und Theater, Porträt, Bildreportage und Experimentelle Fotografie – eine Fundgrube nicht nur für Fotohistoriker, sondern auch für Kunsthistoriker, Politologen und Vertreter anderer Sparten. Hinzu kommt in Mannheim Gernsheims gesamtes Archiv mit der Korrespondenz, den Dokumenten und Manuskripten zur Fotografiegeschichte sowie seine Bibliothek. Damit verfügt Mannheim über einen zusätzlichen Schatz für die internationale Wissenschaft, sind doch Erstausgaben von Fotobüchern großer Meister wie Albert Renger-Patzsch, August Sander, Laszlo Moholy-Nagy, Erich Salomon, Henri Cartier-Bresson, Jacques-Henri Lartigue und anderen darunter.

 

Die Gernsheim-Sammlung soll in wechselnden Ausstellungen der Öffentlichkeit gezeigt werden – vom 12. Oktober 2003 bis 18. Januar 2004 veranstaltet das FIP unter seinem Leiter Dr. Claude W. Sui seine erste Schau mit dem Titel „Photographie – Mensch“. Nicht nur die Mannheimer Fotoschränke werden dafür geöffnet, es kommen großzügige Leihgaben aus Texas und dem Moderna Museet Stockholm hinzu, mit denen an die Anfänge der Fotografie erinnert wird. Anlass ist der 90. Geburtstag Helmut Gernsheims.

 

Der Künstler Robert Häusser (1924-2013)

 

Robert Häusser 1995, als er mit dem Hasselblad-Preis geehrt wurde, dem "Nobel-Preis für Fotografie". Das kleine Foto oben rechts ist die berühmte Aufnahme des verpackten Rennwagens von Jochen Rindt.
Foto:
Manfred Rinderspacher (mit freundlicher Genehmigung)

 

Claude W. Sui, Kenner der Fotografie, die er selbst schon als künstlerisches Medium genutzt hat, arbeitet dann bereits an der nächsten Schau für das Jahr 2004 – die ist Robert Häusser gewidmet, mit dem er übrigens langjährig befreundet ist. Dass Häusser seinen gesamten Nachlass aus rund 60.000 Arbeiten dem FIP überlässt, obwohl sich, wie er sagt, sechs große Museen darum bemühten, das ist wohl nicht zuletzt Claude Sui zu verdanken. Das Forum erhält damit einen weiteren Bedeutungsschub und wird endgültig zu einer Institution, mit der man in der Szene rechnen muss. Häussers unverwechselbare, magische Bildsprache ist international berühmt und wurde in mehr als 75 Ausstellungen verbreitet. Eine Ikone der modernen Fotografie schenkte er dem Forum gleich anlässlich des ersten FIP-Pressetermins: die 1970 entstandene Aufnahme des verpackten Rennwagens von Jochen Rindt, der kurze Zeit später tödlich verunglückte. Häussers strikte Schwarzweiß-Fotografie nimmt bei dieser Aufnahme wie bei allen anderen der Wirklichkeit ihre Banalität und lässt ahnen, dass undefinierbare Kräfte unter der Oberfläche wirken. Was zunächst nur wie ein stilisiertes, strenges Muster aussieht, macht auf den zweiten Blick eine Nähe zum Tod spürbar, der auf mythische Weise bei Häusser zur Basis aller sichtbaren Erscheinungen wird.

 

Häussers Nachlass besteht jedoch nicht nur aus einem kaum noch zu übersehenden Schatz an Bildern, sondern auch aus Tausenden von Dokumenten und Rezensionen über ihn und andere Fotografen, ferner aus mehreren Hundert Büchern, Nachschlagewerken, Filmen und Katalogen über sein Werk. 800 Bände enthält allein die Fotobibliothek, die sein eigenes Schaffen begleitet hat – Häusser hat die eigene Arbeit stets auch reflektiert und an anderen Entwicklungen gemessen. Das FIP freut sich aber besonders, irgendwann auch Häussers Labor zu bekommen: Im Zeitalter digitaler Fotografie ist die Dunkelkammer ja bereits Geschichte. Damit alles zusammen in Zukunft von Wissenschaftlern und Publizisten auch nutzbar ist, wird ein Robert-Häusser-Archiv am Forum Internationale Photographie gegründet. Und das Forum selbst stößt jetzt schon auf internationales Interesse. Nicht nur die Kunsthalle (deren eigene Fotosammlung endlich aufgearbeitet werden muss), die Universität, die bisher äußerst karg ausgestattete, aber ambitionierte Fotogalerie im Kulturzentrum Feuerwache und die Fachhochschule in Mannheim wollen mitarbeiten, sondern auch einschlägige Institutionen in Köln, Lübeck, Saarbrücken, Paris, Lausanne, Maastricht und Wien. Die Zukunft hat begonnen.

 

Info:

www.reiss-engelhorn-museen.de,

Ausstellung Helmut Gernsheim “Photographie – Mensch“ vom 12. Oktober 2003 bis 18. Januar 2004 in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, D 4.

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