Elger Esser
Nachtstücke aus Giverny


Cover des Fotobandes von Elger Esser im Verlag Schirmer/Mosel

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Copyright der diesem Band entnomenen Fotos: Elger Esser/ courtesy Schirmer/Mosel

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14-07-2012

Update 17-03-2013

 

Versunkener Garten, eine Vergangenheits-Beschwörung  Elger Esser fotografierte in Giverny das Anwesen von Claude Monet bei Nacht

 

Von Christel Heybrock

 

Ein schmaler Band, darin Ansichten, wie man sie nie gesehen hat und wie man sie als Fotografie weder für möglich noch für sinnvoll halten würde: ein romantisch schöner Garten bei Nacht, teilweise vom Mondlicht übergossen, teilweise aber dunkel bis an die Grenze der Wahrnehmung: „Nocturnes à Giverny“ (Schirmer/Mosel). Elger Esser hat den Garten des impressionistischen Malers Claude Monet (1840-1926) in Giverny aufgesucht, und im Gegensatz zu den Kunstfreunden, die jedes Jahr in Scharen zu diesem Kleinod pilgern - möglichst bei schönem Wetter und strahlendem Sonnenschein – hat er ganz andere Eindrücke aufgezeichnet. Warum?

 

Esser setzt Fotografie mit einem Anspruch ein, der in diesem Medium fundamental enthalten, aber meist in eine andere Richtung genutzt wird. Fotografie bannt mit dem Festhalten des Augenblicks die Zeit, ein Foto ist stets das Dokument der Zeit, in der das Licht durch die Kameralinse fiel. Esser scheint beides zu negieren, sowohl die Zeit als auch das Licht, aber der Eindruck täuscht, denn im Grunde verbindet er Licht und Zeit eindrücklicher, als wir es gewohnt sind.

 


Blick auf den Seerosenteich in Claude Monets Garten in Giverny - so wie ihn die Besucherscharen im Sommer erleben. Elger Esser dagegen platzierte seine Kamera in der Nacht.
Foto: Rémi Jouan (
Wikimedia Commons)

 

Elger Essers Nachtaufnahmen aus Giverny sind Langzeitbelichtungen und keine Momentaufnahmen, zugleich beschwören sie Zeit als Instanz des Verschwindens. Nein, sie widersetzen sich dem Verschwinden nicht, sondern holen es hervor, machen es sichtbar und emotional spürbar. Im Sommer ist Monets Garten in der 500-Seelen-Gemeinde Giverny in der Normandie ein Rausch üppiger Vegetation. Die Seerosen, die japanische Brücke, alles ist noch vorhanden, was Monet in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts anlegte – und doch ist es nicht mehr dasselbe. Was einst war, ist in seiner zeitlichen Substanz unwiederbringlich verschüttet.

 

Damit erweist sich der 1967 geborene Fotokünstler Elger Esser als Geistesverwandter von Marcel Proust (1871-1922), dessen Lebenswerk sich der „Suche nach der verlorenen Zeit“ widmet. Nicht von ungefähr titelte Esser einige seiner Giverny-Aufnahmen mit „Combray (Giverny)“, und zwar just jene fünf, die er bei Mondlicht machte und in der altertümlichen Technik der Heliogravüre publizierte. Man muss dazu erläutern, dass Combray der fiktive Name jenes Sehnsuchtsortes ist, in dem Proust seine Vergangenheit angesiedelt hat. Zu Ehren von Prousts 100. Geburtstag nennt sich die Gemeinde Illiers im Département Eure-et-Loir  seit 1971 „Illiers-Combray“, womit die Fiktion auf rührende Weise Realität wurde, aber freilich mit Monets Garten nichts zu tun hat.

 


Der Garten in diffusem Mondlicht, eine Ansicht, so unwirklich wie ein subtiles Grisaille-Gemälde: "Combray (Giverny III)" titelte Esser diese Heliogravüre - Combray ist der ursprünglich fiktive Ort in Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit".

 

Essers fünf Heliogravüren „Combray (Giverny)“ wirken in ihrer entrückten Feinheit zunächst wie subtilste Grisaille-Gemälde, und obwohl der Betrachter weiß, dass es sich tatsächlich um Fotografien handelt, sagt ihm seine emotionale Reaktion, es müssten vollkommen unwirkliche Fantasiegebilde sein, Ansichten, wie man sie träumt oder in sich in Momenten der Sehnsucht ausmalt – unerreichbar. Mit dem weichen Silberfluss des Mondlichts beschwört Esser, was tatsächlich unerreichbar wurde: die Vergangenheit, den Verlust gegenwärtiger Realität. Genau darum ging es auch Marcel Proust in seinem Romanzyklus: „Combray (Giverny)“ ist Essers Verbeugung vor Proust als einem Forscher des Verschwundenen und ist zugleich seine Beschwörung des einstigen Gartens von Giverny zu Lebzeiten von Claude Monet.

 


"Giverny VII", Monets Garten in der Abenddämmerung. Seltsame Wolkenbildung am Himmel? Es sind Seerosen! Die Aufnahme ist eine vertrackte Spiegelung der Ufervegetation im Wasser.

 

Essers Fotoband „Nocturnes à Giverny“ erweist sich auf etwas irritierende Weise als zweigeteilt: Er beginnt mit den wie in Silber erstarrten Mondlicht-Aufnahmen, den Heliogravüren,  und enthält zwischen Farbaufnahmen von Abend- und Morgendämmerung sechs rabenschwarze (Farb)-Fotos des Gartens in tiefer Nacht (C-Prints). Wie die Grisaille, mit der einst Steinskulpturen imitiert wurden (insofern könnte man Essers Mondlichtaufnahmen wie eine von der Zeit versteinerte Erinnerung an Monets Garten auffassen) hat natürlich auch das Nachtstück seine eindrucksvolle Tradition in der Malerei. Abgesehen von der Lust an Dunkelheit und Geheimnis, abgesehen vom Schauer angesichts nächtlicher Brände oder gar Höllendarstellungen, wie sie mit dem Nachtstück in der Malerei verbunden sind, diente das dramatische Hell-Dunkel in der Nachfolge Caravaggios eher dazu, wesentliche Partien eines Bildes aus dem Dunkel besonders hervorzuheben: Dunkelheit als erregender Kontrast zu den beleuchteten Partien. Von einer solchen Zielsetzung sind die Giverny-Nachtstücke Elger Essers fundamental verschieden.

 

Die Aufnahme „Giverny VII“, die Ansicht im Abendrot, mit der die kleine Serie der acht C-Prints beginnt, ist das Foto einer Spiegelung im Wasser. Man sieht das nicht sofort, auf den ersten Blick könnte man die Seerosenblätter am Himmel für seltsame Wolken halten, erst allmählich nimmt man wahr, dass auch die dunklen Bäume, die sich gegen den rötlichen Himmel abheben, von Seerosenblättern überlagert werden. Das nächste Blatt „Giverny I“ ist die erste unbeleuchtete Nachtaufnahme von See und Ufern, eine dunkelgraue Resthelligkeit des Himmels wird vom Wasser reflektiert – hier fallen Uferbäume und deren Spiegelung zusammen wie eine Umklammerung der Wasserfläche, eine Klammer, die im Vordergrund offen und sich perspektivisch in der Ferne zu schließen scheint. Sofern er überhaupt etwas erkennt, wird der Blick des Betrachters in eine magische Tiefe gesaugt und man fragt sich: Wo befand sich der Fotograf bei dieser Aufnahme, beziehungsweise welcher Standort wird dem Betrachter zugewiesen? Keine Frage: mitten auf dem Wasser, auf dieser gefährlich nachgiebigen dunklen Tiefe, die einen lockt und ansaugt und die Nähe des Ufers nur vorgaukelt.

 


Von den dunklen Nachtaufnahmen ist "Giverny IV" die detailreichste, auf der man die meisten Dinge erkennt. Der Vordergrund, der zunächst wie betretbarer Boden wirkt, ist jedoch Wasser, in dem sich zwischen Seerosen die Bäume und der Himmel spiegeln.

 

Mit Spiegelungen arbeitet Esser zwar auf allen Aufnahmen des schmalen Bandes, aber sie wirken besonders verwirrend und täuschend bei den dunklen C-Prints. „Giverny II“ besteht eigentlich nur aus Schwärze mit zunächst undefinierbaren weißen Flecken, bis man auch hier die Spiegelung der Ufervegetation und einer fernen Lichtquelle (Mond-Streulicht?) auf dem Wasser erahnt. „Giverny V“ ist noch dunkler, die ferne Helligkeit des Himmels noch diffuser, und mit „Giverny VI“ ist ein Maß an Schwärze erreicht, das jede Erkennbarkeit topografischer Details unmöglich macht – bis auf einen grell weißen Lichtreflex auf bewegter Wasseroberfläche. Die meiste Fülle von Details im Anthrazit-Grau der Nacht lässt „Giverny  IV“ erkennen: Bäume, Schilfbewuchs am Ufer, ein kleiner Steg, und im Vordergrund ein scheinbar dichter betretbarer Boden ... der sich als Wasseroberfläche mit dichtem Seerosenbewuchs und der von Bäumen durchbrochenen Spiegelung des grauen Himmels entpuppt. Erst mit „Giverny VIII“ und einem in bläuliche Helle aufbrechenden Himmel kündigt sich schließlich die Morgendämmerung an, eine Farbe, die sich auf Vor- und Nachsatzpapier des einfühlsam gemachten Bandes wiederholt.

 

Alles an den C-Prints ist schwankend, unsicher, mit Mühe erahnbar, so dass man sich an den wenigen erkennbaren Partien förmlich festklammert. Wir alle sind stets auf die Sicherheit unserer Wahrnehmung angewiesen, um uns orientieren zu können. Bei Essers Nachtaufnahmen wirkt nicht nur die silbrige Helle einerseits und die Schwärze andererseits für verstörende Unsicherheit, sondern vor allem der Betrachterstandort. Von Blatt zu Blatt lockt Esser uns auf einen Standort mitten im Wasser, das mitunter die Festigkeit eines Bodens vortäuscht, mitunter aber auch spürbar bewegt ist. Wo eigentlich wäre ein sicherer Ort für uns, an dem wir uns in die Zeit und in die Absichten des Gartengründers Claude Monet hineinversetzen könnten? Wir lernen: nirgends, es gibt ihn nicht. Wir sind zwar mit diesen Aufnahmen mitten in Monets Garten, aber über mehr als ein Jahrhundert hinweg ist er uns immer weiter fort gerückt, wir können nur schwankend und unsicher versuchen zu ahnen, was die Zeit von uns weg getrieben hat. Gegenwart und Vergangenheit driften ständig auseinander, wir schaukeln auf dem Fluss der Zeit dahin wie Seerosenblätter und erkennen nur noch mühsam und mit immer größerer Schwierigkeit, was einst wirklich war in der sich verdunkelnden Vergangenheit.

 

Im Gegensatz zu den Nachtstücken der Malerei-Tradition sind Essers „Nocturnes“ also nicht gemeint als pittoreske Dramatisierungen, sondern hier wird Dunkelheit als das vermittelt, was sie ist – die Erfahrung unsicherer Wahrnehmung. Und gerade in das Dunkel möchten sich die Augen immer tiefer hinein bohren: Kann man nicht doch noch etwas Wesentliches erkennen? Es muss ein ähnlicher Impuls gewesen sein, der Esser selber dazu veranlasste, Giverny aufzusuchen und sich dem auszusetzen, was man nicht erreichen kann. Für ihn sind beeindruckende, nachdenkenswerte Bilder entstanden – für uns Herausforderungen unseres Bewusstseins: Wo stehen eigentlich wir selber im Strömen der Zeit? Ist unser als sicher empfundener Standort eine Lebenstäuschung?

 

Info:

- Elger Esser: „Nocturnes à Giverny“ mit einem Text von Hubertus von Amelunxen, Deutsch/Englisch/Französisch, Verlag Schirmer/Mosel, München 2012, 48 Seiten, 13 Farbtafeln, Preis 39,80 Euro, ISBN 978-3-8296-0578-6, www.schirmer-mosel.com

- Das Buch erschien zeitgleich mit Essers Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum Bonn anlässlich der Verleihung des Rheinischen Kunstpreises an ihn (26. April bis 24. Juni 2012). Die Ausstellung war vom 7. Juli bis 30. September 2012 unter dem Titel "Stille Wellen" im Landesmuseum Oldenburg zu sehen. Im Schirmer/Mosel Showroom in München Galeriestr. 2, In den Hofarkaden) wurden die Heliogravuren vom 15. März bis 20. April 2013 ausgestellt (Montag bis Freitag 12-19 Uhr, Samstag 12-15 Uhr).
- Homepage des Künstlers: http://www.elger-esser.com/index.php?id=40

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