Peter Empl

 


Der romantische Eindruck von Weite und Freiheit trügt: Das Objekt im Vordergrund ist ein ehemaliger Landesteg für Atom-U-Boote. Das Foto "Kolga laht" ist Teil einer Serie Peter Empls mit Ansichten aus Estland.

 

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Fotos auf dieser Seite: Peter Empl (Copyright). "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

 

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19-04-2007

Die Extreme an den Rändern des Lebens

Der in Karlsruhe lebende Peter Empl lotet mit leiser Intensität die menschliche Existenz aus

 

Von Christel Heybrock 

 

Gesichter sehen einen an. Landschaften geben lautlose Rätsel auf. Ein steinerner Kiosk mit der Aufschrift "Guardia Civil" taumelt schief in der Meeresbrandung. In einem Krematorium fällt der Blick auf allerhand Krempel - Hinterlassenschaft der einst Lebenden? Der Schrecken ist vor diesen Schwarzweiß-Aufnahmen so nah wie die Stille, die Schönheit, die Poesie.

Bereits zweimal, in den Jahren 2000 und 2002, war der Karlsruher Fotograf Peter Empl zu Gast im privaten Mannheimer Kulturzentrum "Zeitraum Büro für Kunst e.V.". Die Schau von 2002 enthielt dabei Arbeiten, die noch nie gezeigt wurden und unter dem Titel "Peripherien" zusammengefasst waren, einem von Empl selbst definierten Schlüsselbegriff seiner Arbeit, der in der Folge mehrmals den Titel seiner Ausstellungen abgab: „Mich interessiert nichts, was mainstream, aber alles, was weit davon entfernt ist. Anfang, Ende, Rand, Übergang ...“, teilte er jüngst in einem Brief mit. Sein zentrales Thema, betonte er,  sei peripher – eine scheinbare Paradoxie, die auf den ersten Blick flapsig klingt und nicht ahnen lässt, welche Dramatik sich in ihr verbirgt. An der Peripherie nämlich und nirgends sonst sind Extreme angesiedelt, und eben die werden von Empl mit leisem, bohrenden Insistieren in Bildern eingefangen.

 

In der überregionalen deutschen Presse ist er nicht unbekannt: Er hat in der Kunstzeitschrift "Art", in der "Zeit", der "Woche", der Berliner Morgenpost und anderswo publiziert und unter anderem in Karlsruhe (wo er lebt) immer wieder auch ausgestellt. Empl scheint erstaunlich vielseitig: Kunstdokumentation, Theaterfotografie, soziale Fotodokumentationen - wie lässt sich das auf einen Nenner bringen? Der Nenner war sicherlich mit der Mannheimer "Zeitraum"-Ausstellung 2002 angedeutet, denn obwohl die gerade mal 31 Motive zunächst kaum Gemeinsames hatten und aus verschiedenen Arbeitsphasen stammten, ließen sie doch ein grundsätzliches, übergreifendes Interesse des Künstlers erkennen: Schnittstellen zwischen polaren Gegensätzen. Bereiche, in denen etwas aufhört und etwas anderes beginnt. Situationen von Schmerz und Trauer, von Endlosigkeit und Gegenwart, von stolzen Symbolen und ihren jämmerlichen Resten.

 

Diese Schnittstellen mit ihrer verborgenen Dramatik findet Empl fast überall, er entdeckt sie in Motiven, über die man normalerweise mit bewusstloser Gleichgültigkeit hinwegsieht. Dabei scheint gerade die lautlose Intensität seiner Bilder so nachdrücklich zu "sprechen", dass dem Betrachter stellenweise der Atem stockt; es sind Anblicke von schonungsloser Wahrheit, als würde ein feiner Schleier von der Welt weggerissen. Eines der Bilder, das 2002 auf der Mannheimer Einladungskarte zu sehen war, zeigt eine schwangere nackte Frau in extremer Sicht von oben, so dass der Körper perspektivisch verkürzt scheint. Die Frau blickt dem Fotografen entgegen, sie hat die Arme erhoben und balanciert auf den Zehenspitzen, als wollte sie fliegen. Die Gleichzeitigkeit von Körperlast und dem Eindruck von Schwerelosigkeit hat etwas rätselhaft Irritierendes. Dabei ist gerade dieses Eingespanntsein zwischen dem, was nach unten und dem, was nach oben zieht, symptomatisch für die Situation des Menschen schlechthin. Und man kann wohl auch das weitere Interesse, das Empl dem Thema Schwangerschaft widmet, ganz allgemein existenziell interpretieren: Menschen, die neues, unbekanntes Leben in sich bergen und damit bereits ihrem eigenen eine Begrenzung setzen.

 

Die Schau, von Empl damals selbst gehängt, relativierte die Zukunftsfreude von Schwangerschaft an einer Stelle geradezu bestürzend. Da lag eine Frühgeburt mit geschlossenen Augen und angezogenen Beinchen auf einem nicht weiter kenntlichen Lager. Das Riesenformat des Abzugs korrespondierte mit der lebensgroßen Ansicht eines bärtigen, vom Leben gezeichneten Mannes direkt daneben, der in fast gleicher Haltung wie das Kind im Bett lag und mit insistierendem Blick den Betrachter fixierte. Der Anfang eines Lebens, das noch undeutlich in der Zukunft liegt, und daneben eine klar definierte Existenz, die vielleicht keine Zukunft mehr hat ...

 

Solche Korrespondenzen, die gleichzeitig konträre Gegensätze sind, berühren den Betrachter von Peter Empls Arbeiten nachhaltig, beschäftigen ihn mit ihrer Bildkraft noch lange. Dabei braucht es nicht einmal den konkreten Auftritt von Menschen, damit man sich gefesselt, mitunter fast attackiert fühlt. Auf einer Aufnahme zieht sich ein schwarzer Autotunnel, kaum erhellt von dem vibrierenden Wurm einer Lichtspur, wie ein halb verwischter Todesschlauch dahin - eine Szene wie aus einem Albtraum. Bei Empls Gebirgslandschaften hat man Mühe, die von den oberen Bildkanten angeschnittenen, vereisten Felspartien mit ihren dunklen Flecken zu identifizieren, denn die untere Bildhälfte nehmen ebenfalls weiße Partien mit dunklen Flecken ein: verschneites, halb aufgetautes Land mit Wasserflächen. Was im Bild einander verblüffend ähnelt, sind in Wahrheit fundamentale Gegensätze: Fels und Wasser ... Die Kontraste zwischen Schwarz und Weiß helfen der Lesbarkeit der Szenerie nicht mehr auf, sie verwirren vielmehr die gewohnten Maßstäbe der Orientierung, ohne die wir nicht leben können.

 

Eine der leisesten, gleichzeitig monumentalsten Aufnahmen ist "Triest". Es gibt nur das Meer und davor eine gemauerte Rampe, vielleicht von einer Strandpromenade. Kein Mensch, kein Anhaltspunkt für Größenverhältnisse. Etwas Archaisches liegt hier vor einem: Wasser, eine ungeheure, potentiell katastrophale, gestaltlose Masse, wird gebändigt und zurückgehalten von einer mächtigen Grenze aus Stein. Das Weiche drängt heran gegen das Harte, das Endlose gegen das Geformte, das Chaos gegen die Ordnung - die Radikalität der Extreme hat erneut etwas Beklemmendes. Aber wie Steine von der Brandung bewegt und die Muster der Wellen sich auf die Kiesel beziehen, das ist bei Empl wieder ein anderes Bild von einer anderen Faszination.

 


Schutzlos nackte Tänzer im neuen Karlsruher Kulturzentrum Schlachthof thematisieren menschliche Ursituationen zwischen Leben und Bedrohung

 

Bei den unterschwelligen Bedeutungen, die aus allen seinen Motiven sprechen, ist es kein Wunder, dass Empl sich zum Theater, zu dieser Selbstdarstellung des Menschen mit seinen Konflikten, Machtfantasien und Grenzen, besonders hingezogen fühlt. Der 1950 in Forst bei Bruchsal geborene Künstler, der bezeichnenderweise Sozialpädagogik studierte (in Mannheim Anfang der siebziger Jahre), arbeitet seit 1991 unter anderem als Fotograf der Badischen Landesbühne Bruchsal, und es heißt, er husche bei Fotoproben auf Strümpfen vor der Bühne hin und her, um ja die Schauspieler in ihrem existenziellen Ritual nicht zu stören. Die Stadt Karlsruhe bescherte jüngst nicht nur ihm, sondern einem ganzen Team aus Künstlern aller Sparten, darunter Performance und Tanz, eine ebenso ungewöhnliche wie beklemmende Arbeitsgelegenheit: Ein alter Schlachthof in der Durlacher Allee wurde aufgelassen und zum Kulturzentrum umfunktioniert. Unter dem Titel „Der letzte Tanz. Ein Weltentheater“ wird das Zentrum im Mai 2007 eröffnet – bereits im Vorfeld erschien ein Bildband, in dem die Künstler über den Irrsinn des menschlichen Umgangs mit dem Leben unschuldiger Mitgeschöpfe reflektieren.

 

Das Bildmaterial, zartbesaiteten Betrachtern kaum erträglich (es soll ja auch Vegetarier auf diesem Globus geben), integriert den Schlachthof als Ort perverser moderner Tötungsindustrie in die Thematik mittelalterlicher Totentänze: Mensch und Tier als in ihrer Leiblichkeit bedrohte und entwürdigte Geschöpfe, in Blut, Tod und Verwesung kaum noch zu unterscheiden. Peter Empl erarbeitete zu dem Konzept drei Fotoserien:

 

- Nackte Darsteller, darunter erneut eine schwangere Frau, thematisieren ein Spektrum zwischen Bedrohung und Hoffnung, Bedrängnis und Hilflosigkeit.

 

- Szenen vom Schlachtbetrieb mit an Haken baumelnden Tierhälften machen bewusst, dass menschlicher Leib und tierischer Leib verwandt sind.

 

- Und schließlich hielt Empl, ebenso lakonisch wie Schauder erregend, Ansichten der leeren Schlachthofräume fest mit ihren Kachelwänden, Aufhängeeinrichtungen und Abflussgittern im Boden.

 


Aus Peter Empls Serie "Zimmer mit Aussicht" über Menschen mit Obdachlosen-Erfahrung

 

Der Schlachthof als Sinnbild dessen, was Menschen tun und was Menschen sind – Wesen, die töten und daraus eine kaum fassbare, kranke Perfektion gemacht haben ... und zugleich Wesen, die selber sterben müssen. Es gehört zu Peter Empls tief verwurzeltem humanen Anspruch, die schmerzhaften Spannungen, denen er sich immer wieder aussetzt, niemals zum Anlass von Effekthascherei oder auch nur einer Stilisierung des Grauens zu nutzen. Eine behutsame Distanz und mitfühlende Würde lässt er allen Motiven zukommen. Zu einer Empl-Ausstellung im Schloss Flehingen über wohnsitzlose, beziehungsweise wohnsitzlos gewesene Menschen („Zimmer mit Aussicht“) schrieb 2005 der Kritiker der Badischen Neuesten Nachrichten: „Entstanden sind von Achtung und Sympathie geprägte Fotos, Bilder von Respekt und Würde. Dem Fotografen war die Beteiligung seiner ‚Modelle’ an ihrer eigenen Bildwerdung besonders wichtig; sie war integraler Bestandteil des Konzeptes.“ Man wird in der deutschen Gegenwartsfotografie nicht leicht einen zweiten Künstler finden, der die menschliche Existenz mit solchem Mut und so tief schürfendem, fast philosophischem Erkenntnisdrang ergründet.

 

Info:

- www.peter-empl.de

-„Der letzte Tanz. Ein Weltentheater“, Art Zentrum am Schlachthof Karlsruhe, Durlacher Allee 62, Ausstellung vom 5. Mai bis 31. Juli 2007, Samstag/Sonntag 16-23 Uhr, http://www.artzentrum.de/index.html
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