Alte Fotografien aus dem Orient


Das Cover des Begleitbuchs zur Ausstellung historischer Fotografien im Forum Internationale Photographie (FIP) in Mannheim 2005. Zu sehen sind die Mannheimer Sammler Anna und Carl Reiss in Begleitung lokaler Führer in Gizeh.

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Fotografie/Aegyptenfotos.html

Copyright der Fotos auf dieser Seite: Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim/ Forum Internationale Photographie (FIP) 

Sitemap
Übersicht Fotografie

Mehr über die Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (rem):
rem - die Institution
Der Gemäldebestand
Die Grafik-Sammlung
Sakrale Skulpturen
Frankenthaler Porzellan
Italiensehnsucht - deutsche Künstler im 18./19. Jahrhundert
Institut für Archäometrie
Mumien-Projekt
Forum Internationale Photographie (FIP)
Fotosammlung Gernsheim
Nachlass Robert Häusser
Historische Fotos aus Mekka und Jerusalem
Forum Internationale Photographie (FIP)

16-08-2005/ Update 05-09-2011

Ägypten – Reisen zwischen Lust und Frust

„Zu den Ufern des Nil“, Fotografien des 19. Jahrhunderts im Foto-Forum der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen

 

Von Christel Heybrock

 

Ursprünglich hätte er ja Kaufmann werden sollen wie sein Papa, der 1838 in Mannheim geborene Wilhelm Reiss. Aber wie das Leben so spielt, war der Sohn, der wegen einer chronischen Augenentzündung schon mal bevorzugt behandelt wurde, eher an Geologie und Mineralogie interessiert als an der prosaischen Arbeit in einem Handelskontor. Sein jüngerer Bruder Carl übernahm es schließlich, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Weit gereist jedoch sind die Reiss-Geschwister alle, Carl und die ältere Schwester Anna gar gemeinsam, während Wilhelm nicht so familiär disponierte. Der Name Reiss aber prägt die Kulturlandschaft Mannheims bis heute, was eine lange Geschichte ist. Im Augenblick soll nur die Rede sein von Wilhelms Sammelleidenschaft, von der ein Bruchteil im Jahr 2005 in einer Ausstellung alter Fotografien im Mannheimer Foto-Forum (Reiss-Engelhorn-Museen, D5) und in einem schön gemachten Bildband der Heidelberger Edition Braus zu sehen ist.

 

Als Wilhelm am 29.September 1908 bei der Dohlenjagd starb, hinterließ er rund 100 Mappen mit säuberlich beschrifteten Fotografien, die er auf Reisen nach Ägypten (über 400 Fotos), Italien (fast 1100 Fotos), Südamerika (700 Fotos) und den Mittelmeerländern sowie in Deutschland (über 800 Fotos) gemacht hatte. Seine Witwe schenkte die Mappen dem Mannheimer Verein für Naturkunde; sie sind heute Bestandteil des „Forums Internationale Photographie“ (FIP) der Reiss-Engelhorn Museen, das seine Schätze unter Leitung von Claude W. Sui nach und nach an die Öffentlichkeit bringen will: Das FIP besitzt rund 10.000 historische Abzüge aus fast aller Welt. Wilhelm Reiss war zweimal in Ägypten, zuerst 1880/81 und noch einmal 1888/89. Von den 400 Reiseandenken auf Albuminpapier (zwecks Abzug mit Hühnereiweiß präparierten Papieren) wurde jetzt rund ein Viertel publiziert und gibt dem Betrachter Anlass zu mancherlei Kreuz-und-Quer-Gedanken, wozu auch der kulturkritische Text von Claude W. Sui beiträgt.

 

Es ist ja eigenartig, wie sehr der Orient im Kopf  von Europäern als geheimnisvolles, von Luxus, Abenteuern und schmachtenden Haremsdamen erfülltes Utopia fungierte. Einerseits schien dort eine verfeinerte, von gleißender Sonne inspirierte Kultur zu herrschen, von der das kalte, graue Europa nicht nur geographisch weit entfernt war; andererseits blickte der Europäer da auch nicht so recht durch und stand dem Fremden ratlos bis irritiert gegenüber. Mit dem Kolonialismus des 19. Jahrhunderts entstand jedoch der europäische Orientalismus – eine mit Faszination verbundene Eroberungsmentalität, die davon ausging, dass man sich alles aneignen müsse. Die schrecklichsten Dokumente dieser Haltung sind einige Mumienfotos, die allerdings nicht das eigentliche Thema abgeben. Die aus den thebanischen Königsgräbern gerissenen Toten, die ihrer Hüllen beraubten Pharaonen Sethos I. und Ramses II. – sie stellen sich dar in einer Entwürdigung, die den Europäern ebenso wie der Gier einheimischer Raubgräber angelastet werden muss.

 

Die große Orientreise gehörte in gewissen europäischen Gesellschaftsschichten zur Bildung, aber was die meisten Fotos enthüllen, ist eigentlich ein Kulturschock: Von Pracht und Lust, von Geheimnissen und Märchen aus Tausendundeiner Nacht keine Spur. Stattdessen traurige Überreste einstiger Großkultur und trister Alltag einer verarmten, verstaubten und nicht allzu gebildeten Bevölkerung, die ihre schmutzigen Strohhütten zwischen Tempelresten errichtete, auf hygienisch zweifelhaften Marktständen ihre Erzeugnisse verkaufte und sich bei den Reisenden etwas Geld mit Schuhputzen und Pyramiden-Begehungen verdiente.

 

Die Ausstellung sowie der Bildband sind von Claude W. Sui in der Abfolge einer imaginären Nilfahrt angelegt, von Alexandria (wo man damals nach der Schiffsreise das Land betrat) bis hinauf zu den Ruinen von Abu Simbel. Ansichten von Kairo, unter anderem mit dem sechsteiligen, fast zwei Meter langen Panorama eines (?) unbekannten Fotografen, bilden einen besonderen Schwerpunkt, und den Fotos sind Zitate zeitgenössischer Reisetagebücher zugeordnet, auch Wilhelm Reiss selbst kommt dabei kurz zu Wort. Aber Frust und sogar Langeweile werden beispielsweise von Gustave Flaubert formuliert, der um 1850 mit dem (notgedrungen höchst umständlich) fotografierenden Journalisten Maxime du Camp reiste und nach anfänglicher Begeisterung rasch die Lust verlor.

 

 

Der große Tempel für Pharao Ramses II. in Abu Simbel, aufgenommen um 1875 von dem türkischen Fotografen Pascal Sébah (um 1823-1890). Die Ruinen von Abu Simbel befinden sich heute an anderer Stelle: Um ihre Überflutung im Nasser-Stausee zu verhindern (Bau 1960-1971), wurden sie mit UNESCO-Mitteln abgetragen und oberhalb des Sees wieder aufgebaut.

 

Dennoch faszinieren die Fotografien mit ihrer Präzision besonders bei Architekturen. Einige Fotos haben sogar den Rang unschätzbarer Dokumente wie die der Bauten, die Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts im Nasser-Stausee untergingen, beziehungsweise zur Rettung von der UNESCO abgetragen und andernorts aufgebaut wurden. Zahlenmäßig am besten vertreten ist der türkische Fotograf Pascal Sébah aus Konstantinopel (um 1823-1890). Er war ein Meister von Lichtschattenwirkungen und der effektvollen Zentrierung imposanter (wenngleich ruinöser) Bauwerke. Aus seinem Zweitstudio in Kairo gingen beispielsweise die Ansichten der Zitadelle und der großen Moscheen hervor, aber auch die Fellachendörfer Nil aufwärts mit Wasser tragenden Frauen und Kamelführern in der Wüste waren sein Metier. Eine seiner schönsten Aufnahmen zeigt geisterhaft entrückt die Pyramiden am jenseitigen Nilufer in Gizeh, während am diesseitigen Ufer eine kleine einheimische Menschengruppe stumm aufs Wasser sieht. Der Fluss zieht sich als präzise Diagonale durchs Bild und bewirkt eine überaus suggestive Trennung zwischen der versunkenen Größe der Pharaonen und der armseligen Banalität damaliger Gegenwart.

 

Es scheint, als hätte man seinerzeit als Fotograf in Ägypten recht gut leben können. Antonio Beato (Lebensdaten unbekannt) war gebürtiger Venezianer und unterhielt Studios in Kairo und Luxor. Eine seiner Aufnahmen zeigt den Eingangspylon von Luxor mit einem der beiden von Hieroglyphen bedeckten Obelisken. Der zweite Obelisk befand sich damals schon als Beutegut in Paris. Der Franzose Félix Bonfils (1831-1885) war fast im ganzen Orient vertreten. Er hatte Studios in Beirut, Kairo, Alexandria, Jerusalem und anderswo. Auf seiner Angebotsliste von 1871 finden sich nicht weniger als 15.000 Negative. Im Gegensatz dazu waren Abdullah Frères keine Franzosen, sondern drei armenische Brüder, die Studios in Kairo und Konstantinopel betrieben und lange als Hoffotografen des osmanischen Sultans Abdul Hamid II. gearbeitet hatten. 1899 verkauften sie ihr Unternehmen an die Firma Sébah.

 

Pittoreske Szene von Abdullah Frères um 1880: der Studiofotograf der geschäftstüchtigen Armenier drapierten eine "Fellachenfamilie" im Atelier vor einem Foto der Pyramiden, um europäischen Reisenden ihr unrealistisches Orientbild zu bestätigen. 

 

Aber die fotografischen Zustandsdokumente von Alltag und Vergangenheit sind nur ein Aspekt sowohl der Ausstellung als auch des Bildbandes. Ein zweiter Aspekt sind Inszenierungen, mit denen den Reisenden denn doch noch etwas von ihrer folkloristischen Orientsehnsucht erfüllt werden sollte. Sébah und die Abdullah-Brüder sowie der in Ägypten arbeitende Franzose Hippolyte Arnoux (Lebensdaten unbekannt) bannten Tänzerinnen und verschleierte Schönheiten auf die Platte, holten pittoreske Wasserverkäufer ins Studio oder drapierten „Fellachenfamilien“ mit Wasserpfeife rauchenden Männern vor gemalte Palmenwände. Den Europäern wurden mithin die Lügen geliefert, in deren Erwartung sie gekommen waren, aber Arnoux hatte darüber hinaus sogar den Anspruch, die im 19. Jahrhundert bereits einsetzenden sozialen Veränderungen in der Bevölkerung festzuhalten. Besonders fasziniert von den Arbeiten am Suezkanal, unterhielt er nicht nur ein Studio in Port Said, sondern auch ein Boot mit Dunkelkammer, um immer vor Ort zu sein. Der moderne Fotojournalismus – er scheint damals schon angefangen zu haben.

 

Info:

„Zu den Ufern des Nil“,  historische Fotografien des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung des Forum Internationale Photographie der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

- Ausstellung Mannheim, D 5, vom 29. Mai bis 11. September 2005, Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, www.reiss-engelhorn-museen.de

- Bildband herausgegeben von Alfried Wieczorek und Claude W. Sui, Verlag Edition Braus, Heidelberg 2005, 120 Seiten, 25 Euro, ISBN 3-89904-192-5, www.editionbraus.de

kostenlose counter