Audrey Hepburn (1929-1993)

 

 

 


Cover des Schirmer/Mosel-Fotobandes, der 2007 bereits in 6. Auflage erschien (Erstausgabe 1993 im Todesjahr der Schauspielerin). Der Verlag brachte den Band im Februar 2011 als Sonderausgabe heraus.

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Film/Hepburn.html

 

 


Cover des Schirmer/Mosel-Fotobandes zu dem Film "Frühstück bei Tiffany" mit Aufnahmen von Howell Conant (2007)

 

 

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14-07-2007

Grenzgängerin von Natur aus

Mit mehreren Bildbänden erinnert der Schirmer/Mosel Verlag an Audrey Hepburn (1929-1993)

 

Von Christel Heybrock 

 

„Eines Tages trat Bambi aus dem Wald heraus und nahm menschliche Gestalt an.“ So beginnt Klaus-Jürgen Sembach seinen Text in dem Fotoband „Adieu Audray“, den der Münchner Schirmer/Mosel Verlag im August 2007 bereits in sechster Auflage herausbringt. Ursprünglich im Todesjahr 1993 von Hollywood-Star Audrey Hepburn erschienen, erinnert das Buch mit über 80 Stills, Porträts und Szenenfotos an eine Darstellerin, die aus dem kulturellen Gedächtnis noch lange nicht verschwinden wird. Der Verlag untermauert die Erinnerung ferner mit der gleichzeitigen Neuauflage des Text- und Fotobandes „Audrey Style“, in dem Hollywood-Kollegen und Freunde sich über Audrey als stilprägendes Gesellschaftsphänomen äußern, sowie mit der Erstausgabe eines Fotobandes von Promi-Porträtist Howell Conant (1917-1999), der die Schauspielerin am Set von „Frühstück bei Tiffany“ mit der Kamera begleitete und später Mode- und PR-Fotos von ihr machte – drei Bände, die zumindest die Fans erfreuen dürften. Aber gehen sie dem Phänomen Audrey Hepburn auch auf den Grund, vermitteln sie ein tieferes Verstehen?

 


Publicity-Shot rund um "Frühstück bei Tiffany" - Audrey mit Riesenhut und "Kleinem Schwarzem" thront auf einem Barhocker, im Schoß den berühmten "Kater" (der hier aber wohl nicht identisch ist mit dem Schmusetiger aus dem Film).
Copyright 2007 by Howell Conant/ Bob Adelmann Books

 

Kaum ein Hollywood-Star hat die Menschen so nachhaltig berührt – dabei war Audrey Hepburn alles andere als ein Kunstprodukt der Traumfabrik. Sie bezauberte mit einer ganz individuellen Ausstrahlung von Zartheit und Ungestüm, Zerbrechlichkeit und Eigensinn. Zwar wandelte sich, wie Klaus-Jürgen Sembach betont, die fröhliche Naivität ihrer frühen Erfolge wie „Roman Holiday“ (Ein Herz und eine Krone) mit der Zeit in eine von Modezar Hubert de Givenchy gestylte Damenhaftigkeit ... aber, ach, dem langweiligen Urbild einer Dame entsprach Audrey Hepburn nie, und nicht selten gab die Givenchy-Garderobe einen frappierenden Kontrast ab zu der Person, die darin steckte: eine Grenzgängerin von Natur aus, verletzlich und wagemutig, als Schauspielerin von makelloser Disziplin ebenso wie von sprühendem Einfallsreichtum. Nur wirklich anpassen an die Konventionen des Filmgeschäfts, das eigentlich ein Rollenschema forderte, konnte sie sich nie.

 

Audrey Hepburn wurde vielmehr zur Ikone, indem sie ihr Bild selber und ganz aus ihrer Person heraus schuf. Sie habe in den prüden Fünfziger und frühen Sechziger Jahren einen weithin imitierten Typ knabenhafter Weiblichkeit und schnörkellos avantgardistischer Mode geprägt, meinte Sembach und meint der Verlag in seinen Werbetexten noch heute. Doch ganz so war das damals nicht – Brigitte Bardot verkörperte ein ganz anders prägendes, in alle Gesellschaftsschichten ausgreifendes Mädchen- und Frauenbild. Audrey Hepburn war zu eigenständig, zu intelligent, um millionenfach kopiert zu werden. Was sie auf der Leinwand realisierte, waren Variationen einer Frau mit unnachahmlich feinen, zugleich temperamentvollen Gesten, einer Frau, die mit großen dunklen Rehaugen in die Welt blickte, neugierig, sanft und übermütig zugleich, nachdenklich und empfindsam ebenso wie draufgängerisch.

 

Sicherlich ihrer frühen Ballettausbildung verdankte Audrey den elastischen Fluss und die kindliche Keckheit ihrer Bewegungen – mein Gott, wer bewegte sich damals denn so, mit dieser animalischen Natürlichkeit, ganz ohne Hüftwackeln und Highheels?! Noch dazu mit diesem Ausdruck, dieser Präsenz einer Rollenfigur im ganzen Körper, in Armen, Beinen, Fingerspitzen, in der Haltung von Schultern und Nacken? Die kleine Gaunerin Holly Golightly in „Frühstück bei Tiffany“ – eine Rolle, die zuerst Marilyn Monroe angeboten und von ihr als zu anrüchig abgelehnt worden war – sie geriet mit Audrey Hepburn zur erfrischenden Charakterstudie einer unkonventionellen (und nur ein kleines Bisschen kriminellen) Person, einer mädchenhaft unerwachsenen, fantasievollen Frau, die dauernd über die Stränge schlägt, weil ihr Normen bedeutungslos sind, und die sich letztlich als bindungsgestört erweist aus Angst vor Verletzung. Mit kaum einer Rolle wurde Audrey Hepburn so identifiziert, kaum etwas bleibt einem so tief im visuellen Gedächtnis wie das Bild dieser spritzigen, über den Boden der Realität gleichsam dahin hopsenden und schwebenden jungen Frau. Entsprach diese Verweigerung, in der Banalität von Bindungen Wurzeln zu schlagen – entsprach sie auch Audreys realer Person?

 

Spekulationen. Aber etwas von dieser Haltung muss sie in sich selbst gehabt haben. In dem Band „Adieu Audrey“ gibt es eine Porträtstudie von Cecil Beaton aus dem Jahr 1958 (fünf Jahre bevor er die verschwenderische Ausstattung für „My Fair Lady“ schuf). Auf dem Foto schaut Audrey den Betrachter aus einer halben Drehung heraus an, sie scheint im Begriff, wegzugehen in eine undefinierte Dunkelheit und kurz zurückzublicken, ein schönes, ruhiges Gesicht im Dreiviertelprofil, und aus dem Dunkel leuchtet außerdem ihre Hand: Man blickt in die geöffnete Handfläche wie in ein Stoppschild. Nicht weiter, sagt diese Hand, komm mir nicht nah!

 

War es diese subtile Weigerung, sich vereinnahmen zu lassen, die Audreys persönliche Beziehungen scheitern ließ? Die 1954 geschlossene Ehe mit dem Kollegen Mel Ferrer war eine Mesalliance, die 1967 den Schlussstrich bekam – der gleichwohl von Ehrgeiz zerfressene Mime konnte Audrey schauspielerisch nicht das Wasser reichen. Beobachter hatten auch Anlass zur Skepsis, als sich 1969 ein italienischer Psychiater Audreys bemächtigte. Ein Psychiater in Undines Nähe? Auch diese Ehe wurde (1982) geschieden. Aber Undine (1954 hatte Audrey die Titelrolle in Jean Giraudoux’ Stück am Broadway gespielt mit Mel Ferrer als Partner), Undine ist eben nicht die kalte Nixe, die sich unter empfindende Menschen begibt, sondern eher die einzig Empfindende, die unter Herzlosen ihre Existenz riskiert. Ähnliche Enttäuschungen wie die zur Dame heran gedrillte Eliza Doolittle in „My Fair Lady“ dürfte Audrey auch selbst erfahren haben: dass man jemand liebt, der nur seine eigene Selbstbestätigung im Sinn hat. Wenn Klaus-Jürgen Sembach in seinem „Adieu Audrey“-Buchtext betont, die jugendliche Erscheinung der großäugigen Schauspielerin sei stets geschickt durch den Rollenkontrast älterer Herren als Filmpartner gesteigert worden, dann übersieht er dabei so nuancierte Ausdrucksmittel, wie sie Audrey beispielsweise am Schluss von „My Fair Lady“ einsetzen konnte, wo Eliza das menschliche Defizit ihres Professors bewusst wird.

 


Bizarre Pose im unbehausten Film-Appartement von "Frühstück bei Tiffany", eine Aufnahme als Werbemittel der Filmindustrie. Auch solche Anforderungen bewältigte Audrey Hepburn mit natürlicher Eleganz, die freilich nichts ahnen lässt von ihrer Rollengestaltung im Film.
Copyright 2007 by Howell Conant/ Bob Adelmann Books

 

Es bleibt die Frage, ob eine Darstellerin ihres Formats in Fotobänden überhaupt angemessen zu vermitteln ist. Auch die Aufnahmen von Howell Conant zu „Frühstück bei Tiffany“ präsentieren eher Werbemittel der Unterhaltungsindustrie als einfühlsame Porträts, und außer für ganz besessene Audrey-Fans sind die Modeaufnahmen im selben Band nun wirklich nichtssagend und entbehrlich. Die Texte von Leslie Caron und Deirdre Fernand – nun ja. Die drei Schirmer/Mosel-Bände können bestenfalls Erinnerungen darstellen an etwas, was die Betrachter nicht sehen – die Körpersprache einer ganz besonderen Frau. Audrey posierend auf Stills: sie scheinen eher abzulenken von ihrer subtilen Rollengestaltung. Selbst Szenenfotos wirken zwischen Buchdeckeln wie eingefroren.

 

Nachdenken wird man über einige wenige Aufnahmen aus den Achtziger Jahren in „Adieu Audrey“ – damals hatte Audrey das Filmstudio bereits mit dem Kinderhilfswerk der UNICEF vertauscht und sich als Sonderbotschafterin in Afrika um hungernde Kinder gekümmert. Eine ganz andere, früh gealterte Audrey ist das, ein Gesicht mit eingesunkenen Augen und steilen Falten auf der Stirn, ein magerer Körper, ein Lächeln, das nicht mehr von innen kommt, sondern sich tapfer verkrampft. Es gab auch keinen Anlass mehr zum Lächeln, den vielen kranken, unterernährten Kindern war Audrey näher, als man damals wusste. Mit 64 Jahren starb sie an Krebs, das Urbild agiler, spritziger Weiblichkeit war von der Krankheit zerstört und besiegt worden. Der Dauererfolg von „Adieu Audrey“ beweist, dass diese Frau auch weiterhin im Gedächtnis der Menschen bleiben wird. Erscheinungen wie sie sind zu selten, als dass man sie vergessen dürfte.

 

Info:

- „Adieu Audrey. Photographische Erinnerungen“, mit einem Text von Klaus-Jürgen Sembach, 136 Seiten, 89 Fototafeln, 6. Auflage August 2007,  Sonderausgabe Februar 2011, ISBN 978-3-88814-840-8, Preis 14,80 Euro

- Pamela Clarke Keogh: „Audrey Style“, mit einem Vorwort von Hubert de Givenchy, 176 Seiten, 115 Abbildungen, Neuauflage August 2007, ISBN 978-3-88814-190-4, Preis 39,80 Euro

- Howell Conant: „Audrey Hepburn in ‚Frühstück bei Tiffany’ und andere Photographien“, mit Texten von Leslie Caron und Deirdre Fernand, München 2007, 120 Seiten, 47 Farbtafeln, ISBN 978-3-8296-0294-5, Preis 19,80 Euro

alle Verlag Schirmer/Mosel, München, www.schirmer-mosel.com

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