Daher Zidany

 


"Der gelbe Fisch" von Daher Zidany
Foto: Mannheimer Kunstverein

 

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23-07-2004

Glut und Trauer

Bilder des in Ludwigshafen lebenden Malers Daher Zidany

 

Von Christel Heybrock 

 

Ein Außenseiter von Anfang an. Einer, dem mehrfach im Leben die Wurzeln aus dem Boden gerissen wurden und der sich doch nicht selber verloren hat. Daher Zidany, 1944 in Israel am See Genezareth geboren, aber nicht jüdischer, sondern arabischer Herkunft. Der erste Kulturschock war zu verarbeiten, als er in die völlig  andere Welt der DDR kam, wo er seine künstlerische Ausbildung fand: Zidany hat bei Wolfgang Mattheuer in Leipzig studiert und war Meisterschüler von Werner Tübke. Damals malte er altmeisterlich feine, für westeuropäische Augen rätselhaft surrealistische Bilder, in denen sich orientalische Symbolik mit abendländischer Malkultur paarte.

 

Dann zog er mit seiner deutschen Frau und den Kindern in den Westen, das war 1979, und hier erlitt er den zweiten Kulturschock. Wieder eine erschreckend andere Welt. Mattheuer? Tübke? Na ja. Avantgarde war das nicht eben. Als Vertreter einer Kunst hinterm Eisernen Vorhang interessierte man sich hier dafür – so lange sie hinterm Eisernen Vorhang blieb und ein Künstler nicht im Westen auf die Idee kam, so rückwärts gewandt malen zu wollen. Just das aber hatte Zidany im Sinn. Empört über die westliche Avantgarde, in der die Tradition des Tafelbildes soeben aufgelöst worden war zugunsten von Happening, Fluxus und Kunstwerken, die alle Gattungen durchbrachen, verstand Zidany die Welt nicht mehr und umgekehrt auch die nicht ihn.

 

Es dauerte, bis er in den Expressionisten und sogar bei Picasso neue Orientierungen für sich selbst entdeckte. Möglichkeiten, die ihm noch einmal eine Synthese zwischen westlichem und orientalischem Denken erlaubten, und zwar seine eigene, unverwechselbare Synthese. Figurenbilder entstanden wieder, etwas steif, aber von herber Anmut, ganz unakademisch jetzt. Orientalische Szenen, ländlich, häuslich, Frauen im Gespräch, Männer auf Eselsrücken, ein Hahn als Symbol des Lebens, Früchte, Kinder. Stille Bilder, niemals schwer zu „lesen“, aber nie ganz zu „durchschauen“, etwas Unausgesprochenes lag ihnen zu Grunde, eine Sehnsucht, eine Beschwörung und spürbare Melancholie.

 

Seine erste Einzelausstellung im Westen veranstaltete 1982 die Galerie Reßmann in Mannheim. Fast zwölf Jahre später, 1993/94, war Zidany im Ludwigshafener Stadtmuseum mit einer größeren Schau vertreten. Und jetzt, 2004, zeigte der Mannheimer Kunstverein in den Ausstellungsfoyers der BGN, wo er traditionell mit regionalen Künstlern gastiert, zwanzig Gemälde und eine Reihe von Zeichnungen – Zidany hat seine Kunst noch einmal weiter entwickelt. Unglaubliche Farben, Bilder, nicht nur satt von Farben, sondern glühend. Figuren sind noch immer sein Thema, der Bauer mit dem Esel, die Hähne, die Frauen, die Früchte, Fische, Blumen. Aber was Zidany einst in feinen Lasuren und später in scheuer Zurückhaltung formulierte, gerät ihm jetzt fast zur Explosion, zu einer großartigen Befreiung als Künstler. Nein, die Konturen sind nicht mehr klar, die Formen verschwimmen, haben an Eindeutigkeit verloren und an Spontaneität gewonnen, an Kraft, an Selbstvertrauen. Figuren sind Teil eines Dramas der Farben, aus dem sie sich mitunter nur wie eine Ahnung lösen. Eine geheimnisvolle Tiefe, die früher durch behutsame Distanz und Sparsamkeit künstlerischer Mittel angedeutet wurde, ist jetzt bewusst formuliert, von Energien durchpulst und von fast greifbarer Präsenz.

 

Da ist ein beißendes Rosa neben einem Türkis, ein Rot, das dem Schwarz die Waage hält. Gelb leuchtet aus der Dunkelheit von Violett, und die Grüns tragen wiederum Partien von Schwarz, das durch die Nachbarschaft weißer Fleckenschichten leicht gemacht, aber auch vertieft wird durch den Kontrast zum gleißenden Licht. Erklären und inhaltlich deuten kann man das alles nicht mehr, aber die Augen tauchen in ein Meer an animalischer, ungemilderter Wärme, in ein Atmen und Pochen von Farben. Auf den ersten Blick mutet vieles wie das Werk eines „Naiven“ an, aber das Vokabular von Hahn und Esel, Bauer, Kuh und Frauenakt, es täuscht. Es sind Beschwörungen dörflichen Lebens, wie es Zidany aus seiner Kindheit kannte und wie es längst nicht mehr existiert. Reisen in die alte Heimat haben ihn mit einem wachsenden Maß an Zerstörung konfrontiert, mit einer Zerstörung einerseits durch die Technisierung, andererseits durch den politischen Konflikt – der Schmerz ist nicht zu verarbeiten, aber die Welt der Kindheit ruht immer noch tief verankert in der Person, die sie nun malend heraufbeschwört, festhält, sichtbar macht und auf den Bildern in eine neue Dimension von Wirklichkeit holt.

 

Je mehr die Formen sich auflösen, desto machtvoller ergreifen Farben die Regie. Zidany stößt, was früher bei ihm undenkbar gewesen wäre, bis zur Abstraktion vor, bis dahin, wo das Auge die Reste der Wirklichkeit nur noch ahnt, wo es nur noch annähernd eine verschleierte (?) Frau herausschälen kann aus den Farben, und es der eigenen Interpretation überlassen bleibt, ob die in Rot und Türkis angelegte phallische Form im Bildzentrum ein Baum, eine Bedrohung oder nur ein formaler Kontrapunkt ist („Schwarz-Rot-Gelb“). Zwei Bilder mit dem Titel „Artischocken“ nehmen die Form dieser Pflanzen fast nur noch zum Vorwurf eines abstrakten Musters, aber das ist von einem Reichtum und einer Kraft der Farben, als seien diese selbst erfüllt von organischem Leben.

 

Vielleicht trug früher die leise Körpersprache der Frauenfiguren viel zur Tiefe von Zidanys Bildern bei. Die Frauen scheinen inzwischen noch mehr in sich selbst versunken, abwehrend zum Teil, dabei als Akte durchaus auch erotische Zeichen setzend. Auffallend auf vielen Bildern der dick aufgeworfene rote Mund, als sei das Organ von Sprache und Nahrungsaufnahme zu einer blutenden, dabei verschlossenen Wunde geworden. Eine unlösbare Ambivalenz ist in diesen Arbeiten angelegt, eine ins Leben drängende Kraft und Glut, die gleichzeitig Zeichen von Trauer ist. Auf andere Weise zeigt sich das vielleicht auch in den Tuschzeichnungen, in denen es hin und wieder saftig erotisch zugeht, aber Figuren und Dinge mit einer Radikalität fragmentiert wurden, dass man zunächst oft nur tanzende Striche sieht. Solche Blätter sind durchaus witzig und spritzig und lassen doch in der Tiefe etwas ganz anderes vermuten, vielleicht eine Ahnung davon, wie im Lebendigen stets der Tod mit anwesend ist.

 

Infos:

- Mannheimer Kunstverein, Berufsgenossenschaft Nahrung und Gaststätten (BGN) Mannheim, Dynamostraße 11, vom 3. Juni bis 22. Juli 2004, Montag bis Donnerstag 8-18 Uhr, Freitag 9-12 Uhr, http://www.mannheimer-kunstverein.de

- Webseite von Daher Zidany: http://daher-zidany.de/

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