Heinrich Weiner

 


Umringt von Büchern, Kunst und Dokumenten - Heinrich Weiner in seinem Haus in Weinheim-Oberflockenbach. Das ungewöhnliche Rundregal betont zugleich den Treppenaufgang vom Atelier zum Wohnbereich.

 

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Die Fotos auf dieser Seite sind Erstveröffentlichungen von Manfred Rinderspacher ("Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung)

 

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Übersicht Bildende Kunst

02-10-2010

Der weite Weg vom Stein zum Alltag

Für Heinrich Weiner ist Kunst ein Mittel zur Gestaltung des menschlichen Miteinanders

 

Von Christel Heybrock

 

Wenn Großstadtmenschen glauben, am Rand von Weinheim-Oberflockenbach würden sich die Füchse gute Nacht sagen, dann ist das ein Irrtum. Zumindest Heinrich Weiners ebenerdiges Atelier mit Fenstern bis zum Boden wurde eines Winters nicht von Füchsen, sondern von Rehen neugierig beäugt, die vom Waldhügel bis zur gepflasterten Einfahrt herunter fanden. Und sonst: Vögel, Katzen, Obst- und andere Bäume, Wiesen, Gesträuch ... ein Idyll. Seit 1976 lebt der 1930 in Heidelberg geborene Künstler in diesem Haus, das von außen den unspektakulären Anblick eines blau angestrichenen Containerbauwerks bietet – und von innen, zumindest im Wohnbereich im ersten Stock, eine Atmosphäre mediterraner Helligkeit und großzügiger Einfachheit verbreitet: Kein Wunder, Weiner ist mit einer Spanierin verheiratet. Und auch die raffiniert praktische Raumaufteilung der ganzen Etage ist alles andere als architektonische Konfektion: Das Haus wurde nach einem Entwurf des Düsseldorfer Architekten Wolfgang Döring gebaut.

 


Als Bildhauer früh vollendet: 1956 schuf Weiner einen Kreuzweg in Kalksteinreliefs für die Kirche in Berau. Der Zyklus befindet sich heute in Baden-Baden.

 

So zurückhaltend nach außen hin dieses Domizil, so wenig tritt auch Weiner selbst mit seiner künstlerischen Tätigkeit ins Rampenlicht. Dabei ist er mit seiner erstaunlichen Vielseitigkeit fast omnipräsent – die wenigsten Leute wissen, wenn sie vor einer Weiner-Arbeit stehen, dass sie von ihm ist. Ursprünglich als Steinmetz ausgebildet, kam er 1954 - nach zweijährigem Studium an der Kunsthandwerksschule Bonndorf/Schwarzwald - in die Bildhauerklasse von Carl Trummer an der Mannheimer Freien Akademie, und seine erste öffentliche Arbeit 1956 war ein ebenso expressiver wie anrührend einfacher Reliefzyklus aus Kalkstein zum Kreuzweg-Thema für eine Kirche in Berau (heute ein Ortsteil von Ühlingen-Birkendorf im Landkreis Waldshut). Zu Weiners Verblüffung wurde der ganze Zyklus im Jahr 2000 umgesetzt in die Herz-Jesu-Pfarrkirche zu Varnhalt (heute Stadtteil von Baden-Baden), und es gehört zu den zahlreichen Verbindungslinien in seinem Leben, dass dieselben Architekten Albert Bosslet (1880-1957) und sein Neffe Erwin van Aaken (1904-2008) ein Jahr vor Bosslets Tod auch die Herz-Jesu-Kirche in Weinheim-Oberflockenbach errichteten. Weitere ausdrucksvolle kleine Steinfiguren aus den späten fünfziger Jahren finden sich in Weiners Atelier, in dem man eine Reise durch ein ganzes Leben machen kann, wenn man den Künstler erklärend zur Seite hat. Da sprudeln nicht nur Anekdoten aus ihm heraus von diversen Atelierräumen in Weinheim, Mannheim und Heidelberg, in denen er früher arbeitete, sondern er weist auch hin auf Gemälde, Mischtechniken, Modelle und Objekte.

 


Der Meister im Atelier zwischen seinen Werken. Links eine Stehlampe, deren Schlaufen durch orangefarbene, rote und grüne Lämpchen betont werden. Die Kugel in der umgedrehten kleinen Pyramide ist das Modell für einen Junioren-Wanderpokal.

 

Eine große Fresnel-Linse vorm Fenster blieb von einem Projekt der Mannheimer Bundesgartenschau 1975 übrig (im Mannheimer Herzogenriedpark stand einst das fertige, aus neun Fresnel-Linsen bestehende Objekt, das inzwischen leider zerstört ist). Das Modell eines Steingartens dagegen war für die Wohnanlage im Herzogenried gedacht, wo Weiner zusammen mit der Gruppe PRIO auch einen Brunnen- und einen Sonnengarten entwarf. Skulpturenmodelle aus MDF-Platten, der Entwurf für einen Junioren-Wanderpokal und nicht zuletzt eine pfiffige Stehlampe, deren ausgreifender Bogen mit bunten Lämpchen bestückt ist – das Atelier ist voll von Ergebnissen eines arbeitsreichen Lebens, aber von Nostalgie keine Spur! Mehrere PCs deuten vielmehr auf Weiners unkomplizierten Einstieg in jeweils neueste Technik hin und ganz gewiss auf sein Vorausdenken in immer die nächste Zukunft.

 

Weiner hatte schon mit 26 Jahren ein Leben als freischaffender Künstler begonnen, aber es drängte ihn weg von einer Karriere im üblichen Kunstbetrieb mit Galerien, Museen und ruhmreichen Ausstellungen. Stattdessen scheint er permanent lernbegierig gewesen zu sein: Mit 36, in einem Alter, in dem andere Künstler die erste Museumsretrospektive bekommen, begann er Studien zur Wahrnehmungstheorie, 1971 eine langjährige Teamarbeit mit Wolfgang Reindel (1935-2001) als Mitglied der interdisziplinären Arbeitsgruppe PRIO für kommunikative Systeme im urbanen Bereich. Seit 1972 lehrte er künstlerische Grundlagen an der Mannheimer Werkkunstschule, bis 1996 an der Fachhochschule für Gestaltung und der Freien Kunstschule Rhein-Neckar. Zweifellos ist das sein großes Lebensthema: wie Gestaltung sich ordnend und Orientierung vermittelnd auf menschliches Handeln im Alltag auswirkt.

 


Weiner mit einer seiner Betonskulpturen aus den sechziger Jahren.

 

Es hat freilich eine Weile gedauert, bis er im modernen Kunstbetrieb, der auf Einzelpersönlichkeiten als Markenzeichen abhebt, einen ganz anderen Weg fand, und die Lust an gelungenen Einzelwerken ist ihm auch nie vergangen. Aber ebenso lustvoll hat er immer neue Materialien ausprobiert und formale Lösungen ausgetüftelt. Modelle für Betonskulpturen aus der Zeit vor 1968 stehen etwas angestaubt im Atelier, Betonskulpturen, wie sie die mittlerweile legendäre Galerie Margarete Lauter ausstellte, deren einstigen Standort im Mannheimer Quadrat B4 Weiner mit einrichtete. Bei Lauter hat Weiner in den sechziger Jahren auch mit dem Mannheimer Maler und Bildhauer Fred Emmerich (1928-1999) und dem Maler Willi Wernz (1919-1997) ausgestellt, und eine Betonskulptur von 1966 befindet sich heute noch an der Mannheimer Pfingstbergschule. (Mit Margarete Lauters Mann, dem Architekten Harro Lauter, arbeitete er 1981 bei der Gestaltung von Innenräumen am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit zusammen.)

 


Dreiecksformen versetzt übereinander stapeln - mal ausprobieren, was daraus entstehen kann ...

 

Was immer wieder fasziniert, ist die selbstverständliche spielerische Leichtigkeit, mit der Weiner geometrische Formen auf ihre Variationsmöglichkeiten ausreizt. Insofern waren Arbeiten im öffentlichen Raum, in Schulen, Gemeindehäusern, Parks und urbanen Plätzen für ihn viel wichtiger als die Produktion musealer Einzelwerke, denn für Weiner war und ist Kunst ein Mittel, zwischenmenschliche Kommunikation und das soziale Miteinander im Alltag zu gestalten. Es ist kein Widerspruch, dass er einem öffentlichen Publikum daher namentlich kaum präsent ist. Ausstellungsdesign bis hin zur Ausarbeitung von Plakaten und Katalogen, Design- und Farbberatung für Museumspräsentationen, die Entwicklung grafischer Wegeleitsysteme bei nicht weniger als sechs Bundesgartenschauen – wer weiß schon, von wem solche Dinge ausgedacht werden, wenn man eine Ausstellung besucht oder durch einen Park spaziert? Gerade die Bundesgartenschauen haben Weiner sehr in Anspruch genommen, die Vorbereitung konnte sich jeweils bis zu zwei Jahre hinziehen. Für die BUGA in Düsseldorf 1987 hieß es beispielsweise, zusammen mit dem Gartenarchitekten auch ein grafisches Leitsystem für Blinde zu entwickeln, und Weiner entwarf zusammen mit Wolfgang Reindel ein Modell aus tastbaren Sieb-Prägedrucken, das für normalsichtige Besucher ohne die Prägung auskam. Was passierte? Die Sehenden standen so neugierig vor der Plastizität der Blindenversion, dass sie sofort hinfassen mussten und der zweidimensionalen Variante kaum Beachtung schenkten.

 


Keine Muschel, sondern Zelluloid der Firma Schildkröt. Weiner ist ein spielerischer Tüftler, der sich immer wieder von den Möglichkeiten verschiedener Materialien inspirieren lässt.

 

Zu seinem spielerisch forschenden Umgang mit Kreisflächen, Kugeln, Würfeln und Pyramiden gehört auch ein Objekt, das aussieht wie ineinander geschobene Muschelschnitte. „Ich war mal auf dem Trip, dass sich physikalische Vorgänge selber manifestieren“, sagt er dazu. Die kleine variable Skulptur hat freilich von Muscheln nie etwas gesehen, sie besteht aus Schildkröt-Zelluloid, kein Wunder, die Puppenfirma war bis 1992 in Mannheim-Neckarau ansässig, und die perlmuttartigen, gebogenen Schnitte, die alle die gleiche Größe haben, lassen sich ineinander und auseinander schieben, als Spielobjekt für Tüftler nutzen oder als Hingucker auf den Schreibtisch stellen.

 


Weiner vor einem seiner Gemälde. Der systematische Rhythmus aus Formen und Blautönen beschwört die Utopie einer harmonisch funktionierenden, zwanglosen Gesellschaft herauf.

 

Weiner hat seine formenden Spuren im Ratssaal des Stadthauses, im Museum Weltkulturen in D 5, im Trafohaus und auf dem Maimarkt hinterlassen, um nur einige wenige Beispiele aus Mannheim zu nennen. Er ist Gründungsmitglied etlicher Künstlerorganisationen und als Schriftführer im Vorstand der Freien Akademie Rhein-Neckar. In seinem Wohn- und Esszimmer in Weinheim hängen zwei Bilder, deren Farbsystematik aus waagrechten Bändern und dem wechselnden Rhythmus senkrechter schmaler Stäbe an die Trennungen und Vereinigungen im sozialen Alltag erinnern: Immer neu entsteht und löst sich der Zusammenhalt in der menschlichen Gesellschaft - Kunst als Spiegel eines lebendigen, sinnvoll funktionierenden Miteinanders, als Element von Ordnung und Freiheit.

 

Info:

E-Mail: baranda-weiner@t-online.de
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