Fehler lauern im gedruckten Wort

 

 

Wo starb 1977 der deutsche Künstler Blinky Palermo? Auf Sri Lanka (oben, Foto NASA, Katalog PIA06670) oder auf dem Malediven-Atoll Kurumba (unten, Foto PalawanOz, Wikimedia Commons)? Inzwischen wird der falsche Ort Sri Lanka in Print- und anderen Medien nicht mehr verbreitet, aber das war nicht immer so, wie der Kunstpublizist Walter Vitt in einem kritischen Bändchen nachweist.

 

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/Vitt-Kunstfehler.html

Sitemap

Übersicht Bildende Kunst

 

Mehr von Walter Vitt: "E-Mails im Trauerjahr. Ein Trostbuch"

 

30-08-2003

Update 17-02-2011

Vorsicht – glauben Sie keinem Lexikon!

Kunstpublizist Walter Vitt zieht „Wider die Schlampigkeiten in Kunstpublikationen“ zu Felde

 

Von Christel Heybrock 

 

Wissen Sie, wann die Kölner Malerin Rune Mields geboren wurde? Wann Dieter Roth starb? Und was der Maler Wols am Bauhaus gemacht hat? Es wäre besser, wenn Sie es wüssten, denn im Lexikon (in diesem Fall Reclams Künstlerlexikon) finden Sie dazu möglicherweise total falsche oder aber gar keine Angaben. Dass in der Zeitung oder durch Presseagenturen so manches verbreitet wird, was sich nachher als Ente, Druckfehler oder schlichter Irrtum herausstellt – damit muss man ja immer rechnen, aber dass in anspruchsvollen Museumskatalogen und sogar Lexika mitunter hanebüchen falsche Daten verewigt sind, das ist nun doch bedenklich. Wem soll man eigentlich noch glauben?

 

Jedenfalls dem Kölner Kunstpublizisten Walter Vitt, der lange Jahre Präsident der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes (aica) war. Vitt hat eine ganze Menge solcher Fehlleistungen enttarnt in seinem Bändchen „Palermo starb auf Kurumba. Wider die Schlampigkeiten in Kunstpublikationen“ und geht davon aus, dass es sich bei den erwähnten Fällen nur um die Spitze eines Eisberges handelt. Dass der Maler Victor Vasarely notorisch zwei Jahre jünger gemacht wurde, als seiner Geburtsurkunde entsprach, war zwar ihm selber anzulasten, aber dass das falsche Geburtsdatum (1908 statt 1906) noch weiter tradiert wurde, obwohl er 1996, ein knappes Jahr vor seinem Tod, das Geheimnis lüftete, das lastet Vitt denn doch der unverzeihlichen Schwerfälligkeit seiner schreibenden Kollegen an. Recht hat er natürlich damit – Fehler sind Fehler, da gibt es  nichts zu beschönigen. Aber das Interview, in dem Vasarely seine Schummelei enthüllte, erschien im „Figaro“, einem zwar international renommierten und auch in Deutschland gelesenen Blatt – doch es dürfte eine Illusion sein zu glauben, dass nun jeder Museumsmensch, Verlagslektor oder Kunstjournalist täglich mit dem Kugelschreiber in der Hand sämtliche nationalen und internationalen Zeitungen durchläse, um sich solche Korrekturen zu notieren.

 

Walter Vitt hat seinem Bändchen nicht umsonst den demonstrativen Titel gegeben „Palermo starb auf Kurumba“. Der deutsche Maler Palermo, Beuysschüler und 1977 im Alter von nur 34 Jahren gestorben,  wurde bezüglich seines Todesortes Jahre lang stiefmütterlich behandelt. Er starb nämlich nicht, wie sein Galerist seinerzeit verbreitete, auf Sri Lanka, sondern auf dem Malediven-Atoll Kurumba. Erst fünfzehn Jahre nach seinem Tod, so Vitt, sei erstmals ein Museumskatalog mit der korrekten Angabe erschienen! Da hat wohl die bewährte eurozentrische Perspektive zu der Annahme beigetragen, der eine Ort müsse gerade so weit weg sein wie der andere. Warum musste er auch unbedingt da hin, der Palermo? (Dass der Todesort „Korumba“ zumindest in der „Großen Herder-Enzyklopädie der Malerei“ Band 6 von 1978 korrekt angegeben wurde, scheint Vitt entgangen zu sein und hätte ihn vielleicht doch ein wenig besänftigt.)

 

In einem anderen Fall ging Vitt selbst einem New Yorker Auktionskatalog auf den Leim. Vitt ist Spezialist für die Dada-Bewegung, über die er mehrere Bücher veröffentlicht hat, und nun fand er 1983 eine Dada-Schrift, deren Titel lange in der einschlägigen Literatur herumgeisterte, derer er aber nie habhaft werden konnte. Der New Yorker Antiquar hatte sie plötzlich mit Titelfoto im Katalog! Ob diese Losnummer ein verspäteter Dadascherz war? Vitt publizierte die Entdeckung freudestrahlend in der deutschen Presse – und musste bei  vergeblichen Nachfragen in New York allmählich feststellen, dass es die Schrift gar nicht gab.

 

Bewusste Irreführungen vonseiten des Kunstmarkts oder anderer Institutionen kommen in seinem Bändchen sonst eigentlich nicht vor. Wogegen er aber zu Felde zieht, sind Nachlässigkeiten, ungeprüfte Übernahmen von Fehlern und der bequeme Verzicht auf die Aktualisierung von Daten beispielsweise für die Neuauflage eines Lexikons. Und er beklagt die „Arroganz“ von Autoren, die der wertenden Analyse von Kunstwerken und Künstlern mehr Gewicht beimessen als korrekten Daten. In Rage gebracht hat ihn offenbar besonders sein Kollege Ingo F. Walther, den er auf Fehler hinwies und der ihm antwortete, er habe seine Angaben „von einem Münchner Galeristen, den Sie vermutlich kennen. Der ist zwar ein Chaot, aber ich war froh über die Notizen, konnte und wollte sie nicht überprüfen und habe sie so verwendet“. Das klingt ebenso schlampig wie unbekümmert und ist doch nur Verzweiflung:

 

Ingo F. Walther hat nämlich an dem bewussten Verlagsprojekt „10 000 Stunden in drei Jahren und fast ohne jeden freien Tag gearbeitet“. Vitt rechnet aus, dass dies einer Arbeitswoche mit sieben Tagen und neun Stunden täglich entspricht, drei Jahre lang, ohne Urlaub. Bei einer Fünftagewoche müssen dazu 13 Stunden täglich absolviert werden. Und er schlägt vor: „Ein solches Pensum sollte sich niemand auflegen und schon gar nicht auflegen lassen; es kann nur krank machen...Es kann nur darum gehen, darauf zu drängen, individuell oder gewerkschaftlich oder verbandspolitisch, solche Arbeitsverträge nicht mehr zu machen und diese Tätigkeiten im Team zu bewältigen – oder gar nicht.“

 

Wie gesagt, Fehler sind Fehler. Ärgerlich, einfach nicht zu tolerieren. Aber welcher Verlag beschäftigt denn heutzutage ein ganzes Team von Fachleuten für eine Publikation, die möglichst rasch auf den Markt geworfen und später von einer möglichst breiten „Zielgruppe“ bezahlt werden soll? Welcher Journalist, der über eine Ausstellung, einen Künstler schreibt und für einen 150-Zeilen-Artikel etwa zwei Stunden Zeit hat, während in der Redaktion noch permanent das Telefon klingelt – welcher Journalist hätte da noch Gelegenheit, die Daten des Ausstellungskataloges zu überprüfen? Im Normalfall dürfte der Journalist erleichtert aufseufzen, dass es für ihn einen Katalog zum Nachschlagen überhaupt gibt, viele Museen haben ihn nämlich nicht rechtzeitig fertig oder rücken ihn nur nach saftiger Bezahlung heraus. Was Vitt fordert und eigentlich als Selbstverständlichkeit einklagt, ist eine Utopie.

 

Sorgfältige Arbeit möchte jeder leisten. Sie ist aber von Zeitungs- und Buchverlagen offenbar nicht mehr bezahlbar. Wer angesichts massenhafter Personaleinsparungen heute überhaupt Arbeit hat, findet keine Zeit mehr, seine Ergebnisse langwierig zu überdenken. Es gab sie mal, die Zeiten der Sorgfalt: als beispielhaft empfohlen wird in dem Bändchen nicht umsonst das Thieme-Becker-Künstlerlexikon, das große Standardwerk aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. „Der“ Thieme-Becker erschien in 37 Bänden von 1907 bis 1950. Gibt es heute noch einen Verlag, der etwas Vergleichbares durchziehen könnte?

 

Info:

Walter Vitt: „Palermo starb auf Kurumba. Wider die Schlampigkeiten in Kunstpublikationen“, mit einem Nachwort von Andreas Hüneke. Band 13 der Reihe „Schriften zur Kunstkritik“, herausgegeben von Walter Vitt, eine Edition des Internationalen Kunstkritikerverbandes, deutsche Sektion, Köln. Verlag Steinmeier, Nördlingen 2003, 48 Seiten, 9,10 Euro, ISBN 3-936363-10-2, http://aica.de
kostenlose counter