Carles Valverde


Eine der Großplastiken aus Cortenstahl von Carles Valverde (2004). Sie steht vorm Verwaltungsbau der Lasem SA Group in Barcelona. 

Die Fotos auf dieser Seite wurden der Website der Galerie Olschewski & Behm entnommen. "Kunst und Kosmos" dankt Galerie und Künstler für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

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19-08-2013

Der Raum, die Fläche und die Fantasie

Über den katalanischen Künstler Carles Valverde

 

Von Christel Heybrock

 

Karg sieht sie aus, eigentümlich verhalten und unzugänglich, die Kunst von Carles Valverde. Karg und streng auf den ersten Blick, denn nicht nur die Formen scheinen kühl berechnet, auch Farben gibt es kaum außer Schwarz, Weiß und mitunter einem Rot; bei den Skulpturen entsteht ein (seltener) warmer Rostton durch die Patinierung des Cortenstahls. Meist jedoch arbeitet Valverde mit schwarzen Metallplastiken und schneeweißen Papierflächen, aber was so abweisend aussieht, enthält eine Substanz, die sich verbaler Definition entzieht und doch desto spürbarer, desto reicher wird, je länger man hinsieht. 1965 in Barcelona geboren, lebt Carles Valverde in der Schweiz und auf Mallorca und scheint zu den Vertretern rational orientierter Konkreter Kunst zu zählen – aber der fast magischen Vieldeutigkeit und sinnlichen Intensität seiner Arbeit muss man immer noch ein spanisches, genauer gesagt, ein katalanisches Element zuordnen.

 


Schwarz und verschlossen - aber variabel! Das 2001 entstandene Werk aus schwarz patiniertem Stahl ist mit den Maßen 12 x 12 x 8 cm klein, handlich und eine Einladung zum Spielen - man kann die beiden Teile auseinander nehmen und anders kombinieren, aber stets spielt der Gedanke an einen Würfel dabei mit, der die Urform nicht nur dieser Arbeit, sndern von Valverdes Kunst überhaupt darstellt. Das kleine Objekt ist ein Multiple und existiert in 6 Exemplaren. 

 

Nach einigen Ausstellungen vornehmlich in Spanien und der Schweiz hatte Valverde 2002 seine erste deutsche Einzelschau in der Mannheimer Galerie Peter Zimmermann, der ihn auf einer Kunstmesse entdeckt hatte. Manfred Fath, damals Direktor der Mannheimer Kunsthalle, stellte in seiner Eröffnungsrede Valverde in eine Reihe mit den großen katalanischen Künstlern des 20. Jahrhunderts wie Antoni Tàpies, Joan Hernández Pijoan oder Jaume Plensa. Inzwischen wurde Valverde unter anderem von der Frankfurter Galerie Olschewski & Behm vertreten, die im August 2013 nach nur fünf Jahren ihre Pforten schloss (die Galerie-Website ist jedoch als Archivbestand dauerhaft greifbar und enthält zahlreiche Beispiele für Valverdes Schaffen). Galeristin Kim Behm setzt zudem ihre Tätigkeit alleine fort und wird auch Valverde weiterhin im Programm haben: „Für mich ist immer wieder spannend zu sehen, wie er innerhalb des begrenzten geometrischen Formvokabulars immer neue Möglichkeiten erkundet und mit Materialien – zuletzt viel Karbon – experimentiert, auch um die vom Material Stahl gesetzten Grenzen zu verschieben,“ bekennt sie in einer E-Mail von August 2013.

 

Was 2002 bei Zimmermann sofort gefangen nahm, war die harmonische Wechselbeziehung zwischen den klassischen Proportionen der Galerieräume und den 40 ausgestellten Kunstwerken. Ausgehend vom Quadrat als unerschöpflich variabler Grundform, zieht Valverde heute noch häufig das Rechteck in extremer Längsdehnung vor, was besonders bei den massiven, schwarz patinierten Stahlplastiken auffällt, die sich auf schmalem Grundriss in beträchtliche Höhen erheben. Beträchtlich? Ist es die mediterrane Tradition ausgewogener Maße, die Valverde veranlasst, die Größe eines ausgewachsenen Menschen nicht zu überschreiten, wenn er sich in Galerieräume einfügt? Maximal 188, 175 Zentimeter, 165 Zentimeter, auch 142 – darunter ist zwar manches zu finden, was gerade durch seine geringen Maße und seine Intimität bezaubert, aber darüber nichts, was frei in einem Innenraum steht. Dabei ist alles auch in monumentalen Formaten denkbar, wie sich feststellen lässt an den Großplastiken im öffentlichen Raum, denen sich Valverde inzwischen ebenso gewidmet hat.

 


Lang, schmal, schwarz - diese Skulptur aus schwarz patiniertem Stahl entstand 2011 und misst 188 cm auf einem kühnen Grundriss von 17 x 23 cm. Im Innenraum ist ein solcher Akzent prägend. Zudem scheint der Stahl die Luft mitzugestalten, die er umschließt - sie bildet das Gegen"gewicht" zur Materie.

 

Setzt man sich mit den Plastiken genauer auseinander, wird bald spürbar, wie sehr sie den umgebenden Raum nicht nur durch ihre menschenähnliche Längsdehnung definieren, sondern auch aktiv einbeziehen – seltsamerweise völlig ohne ausgreifende „Gesten“. Viele Plastiken sind mehrteilig, mit den kleineren Formaten kann man sogar „spielen“, weil die Teile sich passgenau ineinander schieben oder variabel gegeneinander versetzen lassen – sie stellen immer Ausschnitte aus einem imaginären Kubus dar. Zusammengesetzt ergeben sich mehrfache Stufungen aus Längs- und Hochformen; zieht man die Teile dagegen auseinander, kommt es zu mehrfach gestuften Durchblicken mit immer anderen Variationen: Es ist nicht nur ein Spiel mit zwei oder mehreren Stahlelementen, sondern auch eines zwischen massiver, schwerer Materie und der von ihr umschlossenen Luft. Dabei haben die „leeren“ Formen der Luft ebenso großes „Gewicht“ wie die massiven, weil sie einander genau entsprechen.

 

Eben dieses Prinzip beherrscht auch die großen Formate, die das variable Spiel nicht mehr direkt zulassen, sondern nur in Gedanken dazu auffordern: Wo der schwarze Stahl ausgeschnitten wurde, scheint der freie Raum die Form wieder zu ergänzen. Auf diese Weise spielt Valverde letztlich mit fundamentalen Gegensatzpaaren: Der schweren Materie antwortet passgenau die gewichtslose Leere, das greifbar Feste umschließt seinen Gegenpol – nämlich eine geheimnisvolle Spiritualität, die anders gar nicht sichtbar würde.

 


Blick in einen Stand der Galerie Olschewski & Behm 2011 beim "solo project" in Basel. Der schmalen Längsdehnung bei der Skulptur entspricht die schmale Horizontale der Collagen aus Bleifolie und Papier.

 

Von dreidimensionalem Denken kann Valverde übrigens nie ganz lassen, auch dann nicht, wenn er die dritte, die Dimension des Raumes, bis auf millimeterdünne Erhebungen reduziert. Was zunächst unter den  Begriff „Arbeiten mit Papier“ oder „Grafik“ subsumierbar scheint, entpuppt sich erneut als Dialog zwischen Extremen. Er lässt Quadrate einander überschneiden, wobei schneeweißes Papier und grau schimmernde, hauchdünne Bleifolie zunächst die großen, offensichtlichen Kontraste abgeben und eine subtile, zunächst kaum wahrnehmbare Prägung die beiden widersprüchlichen Materieflächen zu ganz anderen Formaten verbindet, beziehungsweise einteilt. So „flach“ und streng diese Arbeiten wirken, so sehr fordern sie die Sinnlichkeit des Sehens heraus. Das Auge möchte nach einer Phase des Lernens und Sicheinsehens immer von neuem die Gegensätzlichkeit des samtig „warmen“, weichen Papiers und den grauen, mal etwas kratzigen, mal etwas changierenden Schimmer der Bleiflächen auskosten. Und erneut wie eine spirituelle, kaum fassbare Ordnung legt sich das widersprüchliche Quadratmuster der Prägelinien darüber.

 


Eine der Arbeiten aus Carbonfaser, einem Material, dessen extreme Festigkeit und Leichtigkeit Valverdes Fantasie beflügeln muss. Die zarte Linie scheint aus dem Nichts zu kommen und endlos weiterzugehen. 

 

Was bei den Skulpturen immer wieder die extreme, schmale Längsdehnung ist, wird bei den Collagen zur schmalen Horizontale gezogen, so dass auch die unterschiedlichen Materialien und künstlerischen Techniken einander unwillkürlich entsprechen wie Frage und Antwort. Tatsächlich reizt Valverde Materie und Form bis auf ihre fundamentalsten, archaischen Möglichkeiten aus und überspannt dabei atemberaubende Polaritäten – indem er die Gegensätze immer wieder auf eine gemeinsame Ebene zurückführt: der Begriff „Harmonie“ wäre zu harmlos, zu abgedroschen dafür. Auch in seinen jüngsten Arbeiten mit Carbonfasern zeigt sich das: federleichtes Material, das er zu schwebenden und doch so nachdrücklichen Linien im Raum einsetzt, zu Raumzeichnungen wie aus dem Nichts, ohne Begrenzung nach unten und oben, ohne Erdung, ohne wirkliches Ende. Karg ist Valverdes Kunst? Alles andere als das! Sie vereint lautlos den Genuss und die Delikatesse des Sehens mit der Unerreichbarkeit einer spirituellen Utopie.

 


Wandarbeit aus Carbonfaser. Die federleichte, geknickte Linie lässt sich in Gedanken unschwer zum Quadrat zurückbiegen, dessen eigentlich geschlossene Form sich hier völlig "geöffnet" hat. Auch das Gegensatzpaar Offen/Geschlossen gehört zu den Fundamentalien von Valverdes Kunst.

 

Infos:

- Kunstforum Solothurn, Saalgasse 9, Carles Valverde, „obra reciente“, veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Galerie Christoph Abbühl, vom 17. August bis 21. September 2013, www.kunstforum.cc

- Gesellschaft für Kunst und Gestaltung, Bonn, Hochstadenring 22, „ArchiSkulptur – Modelle und Objekte konkreter, geplanter und imaginierter Räume“, Arbeiten von Carles Valverde und anderen, vom 14. Juli bis 8. September 2013, http://www.gkg-bonn.de/index2.php

- Archiv der Galerie Olschewski+Behm: http://www.olschewski-behm.com/valverde_carlos.html

- Homepage des Künstlers (spanisch): http://www.carlesvalverde.com/

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