Gaspare Traversi (1722/23-1770)


Gaspare Traversi: "Selbstbildnis als Zeichner", aus dem Seattle Art Museum

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Fotos auf dieser Seite: Staatsgalerie Stuttgart

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27-10-2003

Sittenbilder aus dem Bürgertum – gnadenlos ironisch

Die Staatsgalerie Stuttgart entdeckte den vergessenen italienischen Maler Gaspare Traversi (1722/23 Neapel -1770 Rom)

 

Von Christel Heybrock

 

So etwas gibt’s nicht alle Tage. Erstens sind Ausstellungen mit Kunst des 18. Jahrhunderts sowieso ziemlich rar, und dann auch noch eine veritable Neuentdeckung! Was die Stuttgarter Staatsgalerie bis 16. November 2003 und was das Museo Capodimonte in Neapel anschließend bis 14. März 2004 der Öffentlichkeit präsentieren, ist die allererste große Ausstellung des neapolitanischen Malers Gaspare Traversi überhaupt. Zu seinen Lebzeiten hatte er zwar genügend Aufträge für Porträts und religiöse Themen sowie ein solides Renommee seiner Genreszenen – aber eine monographische Ausstellung, nein, nie.

 

Nun scheint uns womöglich kein Jahrhundert so fern wie das 18. unserer Zeitrechnung. Was war doch damals los? Rokoko, du liebe Zeit. Fürstenherrschaft. Frankreich als dominierende Kulturnation Europas. Letzter Glanz des Ancien Régime, das in der Französischen Revolution fast gleichzeitig mit dem Jahrhundert zu Ende ging. Was außer Mozart und dem großen Casanova sollte uns an der Epoche noch interessieren? Traversi – neu entdeckt für das Publikum des 21. Jahrhunderts oder nur für Kunsthistoriker? Zugegeben, es waren penibel im Nebel der Geschichte stochernde Wissenschaftler, die jetzt erst nachweisen konnten, dass Traversi auch deshalb so komplett vergessen war, weil inzwischen viele seiner Bilder anderen Zeitgenossen zugeschrieben wurden. Allmählich klärt sich das Werk dieses Malers, und siehe da, man entdeckt durchaus fesselnde, freilich nicht immer erfreuliche Szenen der Leute von damals und sieht sich faszinierenden Gesichtern gegenüber, die immer auch ein bisschen verstören. Möchte man ihnen begegnen? Vielleicht. Möchte man sie als Freunde, als Kollegen, als Vorgesetzte haben? Schwierig. Eher nicht.

 

Schon aus dieser angedeuteten Reserve geht hervor: Traversi war keiner dieser aalglatten (und doch so herrlich virtuosen) französischen Hofmaler. Traversi war nicht der Mann, der seine Themen schönte. Er guckte genau hin, er registrierte, wie seine Zeitgenossen miteinander umgingen, wie sie beim Kartenspiel tricksten, wie Männer die Fäuste fliegen ließen und der Degen allzu locker saß, wie Lustgreise ihre wohlgefälligen Blicke auf ahnungslose junge Frauen warfen und wie überhaupt jeder jeden zu hintergehen versuchte. Nicht dass man Traversi als knochentrockenen Moralisten definieren könnte – er hielt nur den banalen Alltag fest, die Normalität. (Insofern müsste uns doch das ferne Jahrhundert sehr vertraut vorkommen?)

 

Wenn Kurator Dr. August Bernhard Rave, dem nicht nur die Ausstellung, sondern auch der schöne, ein wenig nostalgisch gemachte Katalog zu verdanken sind, Traversis Oeuvre im Untertitel als „Heiterkeit im Schatten“ definiert – dann scheint das eine etwas zu harmlose Sicht. Heiter und unbeschwert ist wenig bei Traversi, komisch in einem gnadenlos ironischen Sinn sind die meisten Genreszenen, und selbst die Porträts zeigen ihre Modelle nicht immer im besten Licht. (Kann ja sein, dass das die Auftraggeber gar nicht gemerkt haben, oder was sagte einst der Marchese Fragianni über seine Glupschaugen und die eigenartig vernarbte Haut am Kinn?)

 

Traversi: "Die Operation", entstanden um 1754/54, seit 1999 im Besitz der Stuttgarter Staatsgalerie

 

Distanz nimmt man unwillkürlich schon ein beim Anblick des Traversi-Bildes, von dem das ganze Unternehmen ausgelöst wurde. 1999 nämlich erwarb die Staatsgalerie „Die Operation“, eine geschickt komponierte, aber ziemlich grässliche Szene, bei der ein fachmännisch insistierender Operateur seinem schreienden Opfer in die Hüfte sticht, offenbar, so wird erklärt, um Gallensteine zu „stechen“. Nur zu gern drängt man als Betrachter die Realität dieser Folter“behandlung“ zurück und widmet sich künstlerischen Aspekten, der dicht gedrängten Figurenstaffelung, der Lichtführung, die beinahe an Bühneneffekte denken lässt (Traversi hat viel von Caravaggio gelernt) und dem Ausdrucksreichtum der Gesichter.

 

Wie bei fast allen Genreszenen Traversis hat man auch hier den Eindruck, dass die Menschen damals fast nie allein waren. Immer sprengen sie zwischen Vorder- und Hintergrund fast den Rahmen, damit ihre Posen und Gesten ordentlich für Dramatik sorgen, und die erzeugt ein Maler nun mal am besten durch die Anlage von Diagonalen. Auch hier ist also der Bildaufbau ein Dreieck, dessen Spitze von der qualvoll emporgereckten Faust des „Patienten“ gebildet wird, während er mit seiner überm Tisch liegenden Position gleichzeitig auch die Unterkante abgibt. Ein Gehilfe mit schönen weißen Ärmelvolants hält den zuckenden Kranken fest, der Operateur beugt sich als linker Schenkel des Dreiecks über die entblößte Hüfte, aus der das Blut spritzt, und im Hintergrund ringt eine verschattete Frau die Hände. Was das Mienenspiel betrifft, so scheint das im Schrei verzerrte Gesicht des Patienten nicht eben zu den schwierigsten Aufgaben eines Malers gehört zu haben (womit man sich arg täuschen kann...). Aber doch ziemlich einmalig im Ausdruck ist der konzentrierte, selbstgewisse Blick des Operateurs und die fast als feinsinnig zu bezeichnende Führung der Hand, mit der er eben zusticht (die gleiche Hand taucht als Replik in einem weiteren Gemälde Traversis auf), während der Gehilfe in der  Kraftanstrengung, den Patienten festzuhalten, ein wenig die Backen aufbläst und die Lippen aufeinanderpresst.

 

Traversi: "Der Stolz der Mutter", in die Stuttgarter Ausstellung entliehen aus einer Münchner Privatsammlung

 

Nicht nur von Figurenkomposition, sondern auch von Gesichtern verstand er was, der Traversi, und es heißt im Katalog, dass viele seiner Genreszenen direkt von Theateraufführungen in Neapel (wo er als erstes Kind einer später zehnköpfigen Familie geboren wurde) und Rom (wo er von 1752 bis zu seinem Tod lebte) inspiriert seien. Das ist durchaus plausibel, spiegelte das Theater doch damals die Welt in einem Ausmaß, das uns heute verloren ist, und die Szenenregie (soweit es sie schon gab) dürfte dem Auge des Malers eine Fülle von Gestaltungsideen vorgegeben haben. Waren auch Bilder wie „Der Stolz der Mutter“ Ergebnisse bürgerlicher Komödien? Wenn sie nicht von der Bühne kamen, so kamen sie aus dem Leben, die Komödien, aber komisch wirken sie immer nur auf den ersten Blick. Sieht ja zunächst lieb aus, wie die lächelnde Mutter der eben erblühten Tochter unters Kinn greift und dem Betrachter vorführt, während links im Schatten der Papa in wohliger Spitznasigkeit zustimmt. Aber, oh Gott, wer möchte in der Situation der Tochter sein? Was für ein anbiedernder, in seiner Spießigkeit fast obszöner Blick wendet sich von dieser Mutter umwegslos an den Betrachter? Was geht hier vor? Wird eine Ware auf dem Heiratsmarkt angeboten? Und der Tochter, diesem kleinen Ausbund von Dämlichkeit, scheint es auch noch recht zu sein, auf dem Schoß unterm Mieder hält sie die linke Hand entspannt, aber deutlich offen. Bereit wofür? Nein, komisch und nett ist das wirklich nicht.

 

Traversi: "Das Konzert", entstanden um 1755/60, Leihgabe des Nelson Atkins Museum in Kansas City. Wie auf den meisten Traversi-Bildern agieren auch hier Menschen dicht gedrängt. Der Musik scheint niemand außer den Musikern zuzuhören, stattdessen wird die junge Dame am Spinett von lüsternen Blicken fachmännisch taxiert.

 

Traversi hielt stets die Augen offen, wenn Menschen miteinander agierten. Es gibt zumindest unter den 65 Bildern der Ausstellung (sein Gesamtwerk wird heute mit rund 200 Bildern angesetzt) praktisch keine „ruhigen“ Szenen, wie sie etwa von Chardin geschaffen wurden. Der Vergleich Traversis mit dem französischen Kollegen, wie er im Katalog gezogen wird, ist völlig fehl am Platz. Es ist bei Traversi keine Küchenmagd zu finden, die allein dasitzt und Gemüse putzt, es gibt keine Einzelfiguren in lautlosen, gepflegten Interieurs, keine junge Frau lesend am Tisch oder am Fenster. Im Gegenteil, „Der geheime Brief“ ist nichts als ein Papierwisch, an dem die Augen einer wahren Menschenmenge von Neugierigen in unterschiedlicher Entfernung kleben, natürlich kann man das komisch finden. Traversis Themen sind Kartenspiele, Kuppelgespräche und Musikszenen, wobei außer den Musizierenden selber niemand zuzuhören scheint. Sogar das Motiv einer Schlafenden im Sessel wird zum Platzen gefüllt mit Personen, die sich grinsend um das Mädchen scharen, wobei jemand es auch noch furchtbar neckisch mit einer Feder kitzelt.

 

Was Traversi gemalt hat, scheint eher ein sarkastisches Pandämonium als ein heiterer Panoramablick. Die Fülle seiner Figuren sowie der mit ihnen angedeuteten Ereignisse und Geschichten ließe sich eher mit Balzacs „Comédie humaine“ vergleichen – die ist ja auch nicht zum Lachen. Auf jeden Fall lässt sich hier jemand kennenlernen, der die Menschen durchschaute und eine Menge über den Alltag seiner Zeit berichtet. Und manchmal ist es fast, als hätte er den Blick schon zu uns herüber in die Zukunft geworfen. Soviel besser sind wir ja nicht geworden inzwischen.

 

Info:

- Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Straße 30-32, 19. Juli bis 16. November 2003, täglich außer Montag 10-18 Uhr, Donnerstag 10-21 Uhr, Sonderöffnungen an Feiertagen, Katalog im Verlag Hatja Cantz, Ostfildern-Ruit, 29 Euro, www.staatsgalerie.de

- Museo e Gallerie Nazionali di Capodimonte, Neapel, Parco di Capodimonte, 13. Dezember 2003 bis 14. März 2004, täglich außer Montag 8.30-19.30 Uhr.

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