Klaus Staudt
Die Zeichnungen

"Diptychon" aus dem Jahr 1987 (Werkverzeichnis Z 35/87) von Klaus Staudt. Das Blatt wurde in fünf verschiedenen Gelbtönen auf weißem Papier angelegt und stellt ein in der Mitte geteiltes Quadrat dar. Die beiden Rechteck-Teile wurden durch doppelte Diagonallinien wieder verbunden.

"Quadrat und Kreuz" von 1974 (2. Fassung, Werkverzeichnis 8/74). Die Zeichnung besteht aus vier durch Kreuzstufen miteinander verbundenen Eckquadraten, angelegt in Gelb und Gold auf weißem Karton. Die vier Eckquadrate geben dabei die Proportionen an - alle anderen Formen auf dem Blatt resultieren durch deren Zwei- oder Vierteilung.

Die beiden oben abgebildeten Zeichnungen befinden sich im Besitz des Künstlers Klaus Staudt und wurden dem "Werkverzeichnis 1960 - 1999" entnommen (herausgegeben von Jo Enzweiler und Sigurd Rompza, Verlag St. Johann, Saarbrücken 1999, ISBN 3-928596-46-2). "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.


Das Cover des schön gemachten kleinen Katalogs der Ausstellung mit Staudts "Amerikanischen Zeichnungen" in der Ludwigshafener Scharpf-Galerie 2008.

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Klaus Staudt Retrospektive 2002

02-05-2008

Das Licht, die Linien und der gedachte Raum

 

Zeichnungen von Klaus Staudt 2007 in der Heidelberger Galerie Sacksofsky, 2008 in der Scharpf-Galerie Ludwigshafen

 

Von Christel Heybrock

 

Weißes Papier. Akkurat gezogene, gerade Linien darauf, kurze, lange, manche farbig, aber so fein, dass man “Farbe” erst mal kaum wahrnimmt. Die Linien bilden nichts ab, modellieren nichts, sie erscheinen auf dem ortlosen Weiß wie einzelne, kurz anklingende Töne.  Bestenfalls evozieren sie geometrische Zeichen, Quadrate, seltsam offen, mitunter leicht verzerrt und übereinander geschoben. Hermetisch ist das alles, karg, klösterlich. Streng und sensibel zugleich. Als höchst seltene Gelegenheit wurden Zeichnungen von Klaus Staudt in Einzelausstellungen präsentiert: 2007 in der Heidelberger Galerie Uwe Sacksofsky, die den Künstler seit Jahren im Programm hat, sowie 2008 in der Scharpf-Galerie Ludwigshafen, der Projektgalerie des Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museums, in dem 2002 eine grosse Retrospektive des Künstlers zu sehen war – einige Zeichnungen gehörten damals auch dazu, standen aber nicht im Zentrum.

 

Doch zunächst zur Heidelberger Ausstellung - Galerist Uwe Sacksofsky, dessen Herz für konkrete und konstruktive Kunst schlägt, versäumte auch dieses Mal nicht, das Verstehen durch Querverweise zu erleichtern, indem er einige plastische Arbeiten von Klaus Staudt dazu holte, Arbeiten sogar, die bis in die sechziger Jahre zurück reichten und die Entwicklung des Künstlers bis hin zu den Blättern von 2006 plausibel machten. Reliefs und Stelen von Staudt – das sind ästhetische Erfahrungen, an denen einfach niemand vorbei sehen kann, es sind Epiphanien aus Licht und Schatten, aus Transparenz und Rhythmus und mitunter auch aus Farbe. Zu den frühen Stücken etwa gehört das „Sicht- und unsichtbare Quadrat“ von 1965, ein quadratisches Holzobjekt mit roten Kanten, dunkelblauer, breiter Rahmenfläche und einem wiederum quadratischen Mittelfeld aus rotem Grund, bestückt mit lauter gekippten, grünen Rechteck-Klötzchen, manche hoch, manche flach (sind sie es, die jenes „unsichtbare Quadrat“ aus dem Titel herstellen?). Und wer glaubt, der mit weißen Stelen und Schattenreliefs bekannt gewordene Staudt (auch von diesen Wunderwerken waren in der Schau einige zu sehen) habe sich später derart intensiven Farben verschlossen, der steht verblüfft vor „Capri“ aus dem Jahr 2004, einer tiefroten Stele, in deren Innerem kleine Dreiecks-Klötzchen in diversen Kippwinkeln schweben, als stünden sie fallend in der Luft. Das Dreieck spielt eine große Rolle in Staudts plastischen Arbeiten – es ist nichts anderes als das diagonal halbierte Quadrat, beziehungsweise der halbierte Kubus.

 

Aber die Zeichnungen. Was so überaus einfach aussieht, fordert einen heraus. Die einander überschneidenden, leicht gegeneinander verschobenen Quadrate – sie bieten dem Auge ein Fast-Nichts, die von den Kantenlinien umschriebenen Formen bestehen aus leeren Binnenflächen. Und suggerieren doch, da sei etwas, womöglich sogar „Raum“, man assoziiert Öffnung und Betretbarkeit an Stellen, wo die Linien unterbrochen sind. Raffiniert die subtilen Verzerrungen von Quadraten oder Rechtecken: Die stumpfen, beziehungsweise spitzen Winkel anstelle der normalen 90-Grad-Konstruktionen erfasst man nur mit gehöriger Selbstdistanz, denn auch die spartanischsten Linien üben eine Suggestion aus und wecken die Vorstellung, hier sei eine Kraft am Werk, die an völlig geraden Flächen gezogen habe. Bei dem Blatt „Im Anschluss“ von 1994 blickt man auf Quadrate, die rhythmisch versetzt übereinander liegen, so dass die Spitzen einiger Flächen in die Kantenlinien von anderen stoßen. Erst bei genauem Hinsehen stellt sich heraus, dass Linien im oberen Bereich des Blattes sich zu stumpfen, statt zu rechten Winkeln fügen und aus dem vermeintlichen Quadrat eine Raute machen.

 

Faszinierend ist aber zu verfolgen, wie sich in den letzten Jahren Farbe einstellt, wie Staudt mit schwer wahrnehmbaren Farblinien (beispielsweise Gelb auf Weiß oder einem Blau neben fast nicht zu unterscheidendem Grün) eine hingehauchte, eben erahnbare Lebendigkeit erzielt. Auf dem Blatt „Mykerinos“ von 2001 beispielsweise stehen Zeilen kurzer, senkrechter Striche untereinander, jede Reihe gegen die obere versetzt, so dass immer eine Linie in den Leerraum der jeweils oberen Zeile zielt. (Dieses Prinzip hat Staudt ebenso in plastischen Arbeiten verfolgt.) Dabei wechselt eine Zeile grauer Striche mit einer blauen, zwei Zeilen sind grün – man muss wirklich konzentriert hinsehen, um hier „Farbe“ als Wirkung zu erfahren.

 

Hinzu kommt, dass Staudt im selben Zuge Rhythmus, Bewegung, räumliche Verdichtung entwickelt hat - mit so unscheinbaren Mitteln wie dem Kippen oder dem Zusammenrücken und Auseinanderdehnen von Einzelstrichen. Zwei Zyklen geraten in dieser Hinsicht fast zur Virtuosität – falls man so etwas sagen darf angesichts von Werken, die einem eben nicht glanzvoll die Sinne vernebeln, sondern sie im Gegenteil schärfen wollen. Es sind die „Amerikanischen Zeichnungen“ von 2003 und die „Bamberger Zeichnungen“ von 2006. Die „Amerikaner“ entstanden im Zusammenhang mit einem Stipendium in der Albers-Foundation in New Haven (USA) – der Maler Josef Albers (1888 – 1976) spielt mit seinen Erforschungen von Farbwechselwirkungen und Quadratflächen natürlich für Klaus Staudt eine große Rolle. In einigen „Bamberger Zeichnungen“, entstanden bei einem Arbeitsaufenthalt in der Villa Concordia,  klingen die Erinnerungen an Albers und New Haven noch einmal an, aber beide Zyklen entfalten ein stupendes Repertoire an Farben und Strichsetzungen.

 

"cheerful impressions" (heitere Eindrücke), eine der amerikanischen Zeichnungen Klaus Staudts in der Ludwigshafener Scharpf-Galerie.
Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2008

 

Besonders im Bamberger Zyklus, von dem auch die Ludwigshafener Scharpf-Galerie 2008 einige Blätter zeigte,  ändern sich Rhythmen auf ein und demselben Blatt, indem Striche an bestimmten Stellen systematisch länger werden und nach „vorn“ zu treten scheinen, während sie an anderen Stellen in der Länge abnehmen und „zurück“ treten. Suggestive Wölbungen und Mulden werden so erzeugt, beispielsweise auf dem Blatt „Trias“, auf dem die Passagen des Vor- und Zurücktretens jeweils in kleinen Quadratfeldern angeordnet sind. Die Suggestion von Räumlichkeit hält Staudt dabei in eigenartigen Grenzen: Man muss sich intensiv einsehen, um sie überhaupt zu empfinden, niemals erliegt man einer noch so angenehmen illusionistischen Täuschung. Was man bei aller Verdichtung und feinen Rhythmisierung vorrangig wahrnimmt, sind nur Striche, denen man eine unendlich zarte Andeutung von „Raum“ zuschreiben kann.

 

Auf einigen Blättern des Bamberger Zyklus freilich geraten Striche zu sensiblen Energiefeldern. „Passion“ besteht aus blauen und grünen Linien verschiedener Länge in verschiedenen Kippwinkeln, wobei alle Linien isoliert stehen, ohne einander zu berühren (man ist durch den Titel versucht, Schmerzimpulse zu assoziieren). Bei „Turbulenzen“ ergeben sich durch die systematische Anordnung bestimmter Kippwinkel zwei Wellen oder Strudel auf der Bildfläche, auch hier stehen die Striche ohne Verbindung zueinander. „New Haven erinnern“ bezieht sich noch einmal auf die Farbigkeit der Bilder von Josef  Albers: Die Striche beginnen außen grau, erreichen einen inneren Bereich in Blau und treten im Zentrum rot hervor. Und schließlich gibt es ein Blatt mit Linienverdichtung zum unteren Rand hin: „Das Dunkel ist Licht“, ein Titel, der die spirituelle Dimension von Staudts konstruktivistischem Lebenswerk ahnen lässt: „Ich liebe die Farbe Weiß,“ bekannte er einmal, „sie ist offen für Licht und verändert sich mit jeder Strahlung. Weiß ist die Botschaft der Helligkeit, der Immaterialität. Weiß ist die Summe aller Farben.“

"spirit", ein in der Mitte geteiltes Quadrat, aufgelöst in Zeilen aus kürzeren und längeren farbigen Strichen, die in einem vibrierenden Rhythmus ganz leicht gegeneinander versetzt sind. Zu sehen in der Ludwigshafener Scharpf-Galerie. Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2008.

 

Das kann der Besucher auch in der Scharpf-Galerie 2008 erfahren, wo die Räume kleiner, ruhiger und intimer sind als bei Sacksofsky in Heidelberg. Kuratorin Theresia Kiefer verzichtete in Ludwigshafen auf die Verbindung mit Staudts plastischen Werken; sie platzierte in einer Etage des schmalen Galeriehauses zehn Blätter aus dem Bamberger Zyklus und zehn „vor-amerikanische Zeichnungen“ sowie in einer anderen Etage mit 36 Beispielen das zentrale Ausstellungsthema der „Amerikanischen Zeichnungen“ (als gemeinsames Projekt mit dem Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop und der Städtischen Galerie Wolfsburg). Hier geht es also gezielt um die Arbeiten, die 2003 im Rahmen von Klaus Staudts dreimonatigem Stipendium an der Albers Foundation in Bethany/Connecticut (USA) entstanden. In der Albers Foundation werden Kunst, Bibliothek und Archiv des deutschen Emigrantenpaares Josef und Anni Albers gehegt und gepflegt, und in mehreren Blättern bezieht sich Staudt ausdrücklich auf Josef Albers’ berühmte Farbenlehre „Hommage to the Square“.

 

"autumnal storm" - Herbststurm - von Klaus Staudt in der Ludwigshafener Scharpf-Galerie. Die "Amerikanischen Zeichnungen" haben alle das Format 33 x 33 cm.
Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2008
 

 

Die Foundation liegt landschaftlich zurückgezogen in einem Waldgebiet, was den Stipendiaten sowohl Konzentration als auch Naturerfahrungen ermöglicht. Blätter wie  “Indian summer“, „exciting stillness“, “lonely” oder “warm light” sind wohl ohne diese Erfahrungen kaum zu denken, und mit „autumnal storm“ kommt sogar ein Element heftiger Bewegung hinzu, das direkt an wirbelnde Herbstblätter denken lässt. Meist allerdings wird der Betrachter mit den meditativ gesetzten kurzen Strichen keine Fragmente aus der Realität verbinden, sondern sich einlassen auf die Herausforderungen seiner Wahrnehmungsfähigkeit. Eine auf den ersten Blick ganz statische Arbeit wie „circulation“, wo fast nichts zu „passieren“ scheint und immer nur drei waagrechte und drei senkrechte Striche einander abwechseln, aber Farbe und Strichlänge variieren – sie macht jeden Strich zum Abenteuer an Erkenntnis. Einfacher scheint das Sehen bei Blättern wie „development“, das aus Strichwirbeln besteht, aus liegenden, stehenden und in diversen Kippwinkeln gesetzten Linien. Aber auch hier folgt man den Kipplinien Strich für Strich fast mit angehaltenem Atem und bringt unwillkürlich ein Bewusstsein des Sehens ein, das einem sonst nirgends abverlangt wird. Belohnt jedoch wird man nicht nur mit neuer Erkenntnis über sich selbst, sondern auch mit einer unvergleichlich feinen Rhythmik und Musikalität.

 

Die Zeichnungen spielen in Klaus Staudts Oeuvre eine radikale Rolle, die sich kaum angemessen definieren lässt. In den  Zeichnungen arbeitet Staudt mit einem Fast-Nichts an Materie (Papier und Blei- oder Farbstift), aber auch mit einem Fast-Nichts an Effekten. Er verzichtet auf beinahe alles, was den Augen seiner Betrachter entgegen käme, ihnen schmeicheln, sie anziehen könnte. Die Zeichnungen bewegen sich an der Grenze zur Sichtbarkeit, an der Grenze dessen, was Kunst überhaupt leisten kann. Ihr Ziel ist die Utopie reiner, materieloser, unsichtbarer Substanz, und sie vermitteln das leise, konzentriert, zugleich mit einer Offenheit und Zwanglosigkeit, die ein Ziel gerade noch vermuten lassen. In einem sehr wörtlichen wie im übertragenen Sinn sind diese Blätter beinahe unfassbar.

 

Info:

- Galerie Uwe Sacksofsky, Heidelberg, Brückenstraße  35, vom 9. Februar bis 7. April 2007, Tel. 06221-6553941 oder 803257, Fax 06221-803683, www.galerie-sacksofsky.de, E-Mail: info@galerie-sacksofsky.de

- Rudolf-Scharpf-Galerie, Ludwigshafen, Hemshofstraße 54, vom 25. April bis 8. Juni 2008, Dienstag bis Samstag 15-19 Uhr, Sonntag 13-18 Uhr, Katalog 100 Seiten mit ganzseitigen Farbabbildungen, Text deutsch-englisch, 14 Euro, http://www.wilhelm-hack-museum.de/

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