Klaus Staudt
Retrospektive 2002


Das Cover der Monographie von Hans-Peter Riese im Wienand Verlag Köln anlässlich von Klaus Staudts Wanderretrospektive 2002. Das Titelfoto zeigt das Werk "Helios" von 1998 (im Casino der Allianz Versicherung Berlin). Es besteht aus 9 verschiebbaren Glaswänden in Höhe von 3,40 m, die gesandstrahlt und bedruckt sind.

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/Staudt-Retro2002.html

Die Fotos auf dieser Seite wurden dem Katalogbuch entnommen. Das weiße Schattenrelief sowie das schwarzrote Relief "Phoenix" (siehe unten) befinden sich im Besitz des Künstlers (Copyright Klaus Staudt mit freundlicher Genehmigung). 

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Übersicht Bildende Kunst

Zeichnungen von Klaus Staudt

Mai 2002

Die Gegenwart der Formen wie aus dem Nichts

Der konstruktivistische Künstler Klaus Staudt mit einer Wander-Retrospektive ‏im Jahr 2002‏

 

Von Christel Heybrock

 

Gibt es eine vollkommenere und gleichzeitig einfachere Form als das Quadrat? Den Kreis? Der ist in der künstlerischen Anwendung viel komplizierter. Aus dem Quadrat jedoch lassen sich die meisten anderen Formen ableiten: Dreieck, Rechteck, Balken, Würfel, Pyramide... Nicht nur die Konstruktivisten schätzen daher das Quadrat als künstlerische Grundform. Gäbe es überhaupt eine bildende Kunst ohne das Quadrat? Mit Sicherheit gäbe es die Konstruktivisten nicht. Und wer glaubt, deren Bilder seien ja sowieso nur abstraktes Zeug, verzichtet auf Seh-Erfahrungen, die an Sinnlichkeit ihresgleichen suchen.

 

Klaus Staudt ist so ein Künstler. Als Mensch bedächtig, hartnäckig und seriös, entspricht er ganz und gar nicht dem Klischee vom chaotischen Temperamentsbolzen, wie es Otto Normalbürger in einem Künstler vermutet. 1932 in Otterndorf an der Niederelbe geboren, sollte Staudt eigentlich wie sein Vater Mediziner werden, bevor er 1957 mit immerhin 25 Jahren bei Ernst Geitlinger an der Münchner Akademie sein Kunststudium begann. In der Szene fing es damals schon an zu gären, der Aufbruch der sechziger Jahre kündigte sich an, und nach einer kurzen Phase des Suchens war Staudt mit hoch ästhetischen seriellen Quadrat- und Würfel-Variationen in Weiß präsent. Diese Formen sind so unerschöpflich, so delikat und nuancenreich mit ihren Licht-Schatten-Wirkungen, ihren Drehungen, Verzerrungen, dass Staudt an seiner Ausgangsidee gar nichts ändern musste, um dennoch zu immer neuen Ufern aufzubrechen. Bis heute hält für ihn wie für seine Betrachter die Faszination an.

 

Eine große Retrospektive im Jahr 2002 wurde daher mit rund 100 Exponaten zu einem Fest für schönheitsdurstige Augen. Wie lebendig und unaufdringlich, wie geheimnisvoll und gleichzeitig vollkommen klar sich Staudts Werke zeigen – es ist ein Genuss.  In der Ausstellung werden erstmals auch Beispiele aus dem Frühwerk gezeigt. Für Liebhaber des Konstruktivismus eher rührend und ein bisschen komisch, liefern sie doch einem weit verbreiteten Vorurteil den Gegenbeweis: dass nämlich die Konstruktivisten im Grunde gar nichts anderes hinbekämen als eben Quadrate (frei nach dem Motto: „Das kann mein Kind auch“). Von Staudt gibt es beispielsweise eine melancholische Landschaft mit Kopfweiden und Telegrafenstangen, in der Mitte ein menschenleerer Weg, der sich am Horizont verliert („Tivoli“, 1955). Aber da ihn eher ein Spiel freier Formen als die Abbilder der Wirklichkeit interessierten, malte Staudt zwei, drei Jahre lang (neben dem immer noch andauernden Medizinstudium) wunderbar düstere, schwermütige und farbintensive Kompositionen auf Karton. Man sieht es den etwas lähmenden Bildern an, dass er im Grunde wegstrebte von dem, was er an Vorbildern kannte, aber noch nicht wusste, was ihm gemäß sein würde.

 

Dann, 1959, entdeckte er die Dämmplatten, die konnte man herrlich in Fetzen reißen. Die pechschwarzen Schichten sind so elegant und spielerisch angeordnet, dass man das Schwarz geradezu als aufmunternd empfindet, als spritzige Idee, und tatsächlich reflektieren die Risskanten und subtilen Höhenunterschiede ja auch das Licht. Zwei Dinge lassen den Betrachter hier hellhörig werden (beziehungsweise hellsichtig): Einmal die Objekthaftigkeit dieser Collagen, die aus der Malerei weg und zum Relief hin drängen. Und zum andern das feine Spiel von Licht und Schatten. Beides gehört zu den Grundprinzipien im Werk von Staudt. Und dann kam der Eierkarton! 1960! In der ganzen westlichen Kunstwelt brachte das neue Jahrzehnt einen Umsturz. Staudt entdeckte anhand des Eierkartons die Ästhetik der Reihung und den Wahnsinn des Quadrats. Die Zapfen und Mulden sind beim Eierkarton nicht nur immer gleich, sondern basieren auch auf quadratischem Grundriss, was er herausfand, als er begann, die Kartons penibel zu zersäbeln und einzelne Elemente zu isolieren. Mit denen ließen sich neue Reihungen, neue Rhythmen schaffen, wobei Staudt von Anfang an so säuberlich arbeitete, dass man das banale Material fast schon vergisst und nur die Formen bewundert.

 

Ein weißes Schattenrelief von 1987 aus fragilen, zu schmalen Dreiecken zusammengesetzten Holzstäbchen, die je nach Lichteinfallswinkel Schatten werfen (Titel "Komplementär 2"). Die weißen Stäbchen auf weißem Grund kontrastieren so mit einer Schwärze, die sie durch den Schatten selber herstellen.

 

Freilich waren die Kartons doch recht diffus in ihrer weichen Stofflichkeit. Staudt suchte nach etwas Klarerem, Bestimmterem, schärfer Begrenztem und fand es zunächst in weiß bemaltem Holz, später in Kunststoff. Weiße Quadratflächen, überzogen von immer gleichen weißen Holzstäbchen, Holzklötzchen, Holzwürfelchen. Er experimentierte, ließ die Würfelchen zur Bildmitte hin flacher und zu den Kanten wieder höher werden. Mitunter ist es auch nur der Lichteinfallswinkel, der die Klötzchen höher oder flacher erscheinen lässt. Wer kann sich satt sehen an den Veränderungen, die ein einziger Tagesablauf bei solchen Objekten hervorzaubert? Aber nicht genug damit (Staudt hat überhaupt nie genug), begann er 1963, Holzwürfelchen auf einer Quadratfläche in Kippungen von genau 35 bis 60 Grad anzuordnen, so dass alles in Bewegung scheint: Mathematik, die einem vor den Augen flirrt. Schließlich kamen Farben hinzu, Grau (das wie eine zarte Nuance des Weiß erscheint), Blau, aber auch Rot und Gelb.

 

"Phoenix", Relief aus dem Jahr 2000. Staudt reihte kleine Holzelemente rechtwinklig zueinander auf. Hinzu kamen Acrylfarbe und Plexiglas.

 

Und Mitte der sechziger Jahre hielt es den Mann nicht mehr beim Aufkleben von Stäbchen und Klötzchen auf einen Untergrund, er wollte die Formen losgelöst und frei im Raum haben. Wie er es anstellte, dass die Plexiglas-Plastiken von damals, in denen die Hölzchen wie vom Himmel fallend zu schweben scheinen, noch heute vollkommen klar und ohne jeden Gilb dastehen, ist Staudts Geheimnis. Bei ihm verschwindet das Material aufgrund absoluter Perfektion, es wird nicht nur transparent, sondern transzendent. Kunststoff und weißes Holz – sie bilden gemeinsam eine Epiphanie des Lichts, die Formen treten einem in vollkommener Reinheit vors Auge, als kämen sie aus dem Nichts und müssten lautlos wieder vergehen. Staudt-Werke zu betrachten, bedeutet die Erfahrung zu machen, dass dumme, tote Materie plötzlich Philosophie, ja Religion wird.

 

Wie sehr Staudt die Materie transzendiert, indem er sie von allen Zufällen befreit, wird gerade auch durch einige überraschend starkfarbige (meist monochrome) Arbeiten deutlich. Manche Farben muten zunächst fast unanständig grell an in einer Umgebung, die von Weiß und Transparenz beherrscht wird. Dann schaut man auf die Beschriftung und entdeckt: Die blauen kleinen Würfel oder die schmalen, rhythmisch gebogenen roten Rechtecke sind in Wirklichkeit ganz weiß, farbig wirken sie nur durch getönte Plexiglasscheiben davor. Es ist ein überraschender Effekt, den das Auge auch gar nicht überprüfen kann, denn die „Verglasung“ bleibt hermetisch dicht. Man lernt: Das Licht macht die Farbe. Die Farbe ist nicht greifbar, sie ist nicht stofflich, sie erscheint nur im Stoff. Auf geheimnisvolle Weise erinnern diese Objekte an die Fenster von Kathedralen. Und Geheimnisse lässt Staudt einem auch sonst vor den Augen entstehen. Wie einfach sie ist, die Idee, vor einer Reihung gebogener weißer Kartonrechtecke eine milchige Plexiglasscheibe anzubringen! Die Rechtecke treten umso deutlicher hervor, je näher sie der milchigen Scheibe kommen, da, wo sie sich zurückbiegen, verschwimmen ihre Konturen, und was sich wirklich hinter der Scheibe befindet, lässt sich nicht ergründen.

 

Eine der größten Leistungen Klaus Staudts sind jedoch sicherlich seine Zeichnungen. Klare, gerade Striche, viel Raum dazwischen, Farbe höchst sparsam, nichts wird modelliert, nichts verwischt oder malerisch weich gemacht. Die Linien erscheinen in kurzem Verlauf auf dem Papier und enden wieder, andere beginnen dafür. Manchmal umschreiben sie kleine Quadrate oder Rechtecke, manchmal verzichten sie auch darauf, die Formen zu vollenden und lassen sie offen. Am schönsten die späten Blätter der letzten Jahre: Da gewinnt Staudts kompromisslose Sparsamkeit fast schon emotionale Qualitäten. Die dichte Reihung von kurzen und langen Geraden auf dem Blatt „Beschwingt“ ist von beglückender Musikalität. Ein Blatt wie „Expressive Stille“ kann zum Meditationsobjekt werden durch die unbeirrbare Wiederholung kurzer roter Quer- und schwarzer Längsstriche. Das Auge ist ein Organ der Seele - es fühlt sich in gleichmäßigem Wechsel besänftigt und angeregt. Vor solchen Blättern atmen die Gedanken ein und aus.

 

Info:

Klaus Staudt, Retrospektive 1957-2002

- Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, vom 28. April bis 16. Juni 2002, www.wilhelm-hack-museum.de

- Museum Quadrat, Bottrop, vom 30. Juni bis 1. September 2002

- Kunsthalle Bremerhaven, vom 22. September bis 27. Oktober 2002

Zur Ausstellung erschien die Monografie „Klaus Staudt“ mit einem anschaulich lesbaren Text von Hans-Peter Riese (Wienand Verlag, Köln 2002, 152 Seiten, 19 Euro, ISBN 3-87909-779-8).

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