Klaus Staeck
Frühe Plakate 1969-1989


Dieses Motiv mit der Textzeile "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört" (anlässlich der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland) zierte die Einladungskarte von Klaus Staecks Ausstellung "Nichts ist erledigt" 2009/2010 im Kurpfälzischen Museum Heidelberg.

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Fotos auf dieser Seite: Copyright Klaus Staeck/ Kurpfälzisches Museum ("Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion).

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Klaus Staeck zum 65./70. Geburtstag

12-05-2010

Unverschämte Aufforderungen zum Selberdenken

Politgrafiker Klaus Staeck im Kurpfälzischen Museum Heidelberg

 

Von Christel Heybrock

 

Der Mann ist ein Ärgernis für alle, die sich mit Missständen abgefunden und in Missständen etabliert haben. Schlimmer noch – er ist ein Ärgernis für Politiker, die Missstände verursachen: Klaus Staeck, seines Zeichens Jurist, SPD-Linker und engagierter Demokrat, vor allem aber Satiriker mit unerreichter Bissfreude. Wenn er als „Politgrafiker“ definiert wird, dann liegt in dieser staubtrockenen Bezeichnung nicht ein Hauch jener geistreichen Treffsicherheit, mit der Staecks Plakate und Postkarten ins Herz von Dummheit, Falschheit, bräsigem Biedersinn und Gedankenlosigkeit zielen. 41 Mal haben Leute und Institutionen, die sich allzu deutlich erkannt fühlten (vor allem waren das CDU-Vertreter) vergeblich versucht, die öffentliche Darstellung seiner Werke verbieten zu lassen, Staeck hat jedes Mal über sie triumphiert. Mittlerweile ist sein Oeuvre auf rund 350 Arbeiten angewachsen, von denen die meisten zu Klassikern soziopolitischer Auseinandersetzung wurden.

 

Dass zur Jahreswende 2009/2010 ausgerechnet im Kurpfälzischen Museum Heidelberg eine Ausstellung mit 63 Staeck-Plakaten zu sehen war, hat bei manchen Besuchern vielleicht für Erstaunen gesorgt, ist doch das Haus in erster Linie eine Institution der Stadt- und Regionalgeschichte mit Schwerpunkt im 17./18. Jahrhundert. Aber Staeck, 1938 in Pulsnitz bei Dresden geboren, lebt seit 1956 in Heidelberg und führt hier in der Ingrimstraße seit 1965 eine Galerie mit Produzentenverlag. Nicht nur seine eigenen Werke erscheinen hier, sondern auch umfangreiche Editionen anderer Künstler wie Joseph Beuys, Felix Droese, Nam June Paik, Rosemarie Trockel oder Wolf Vostell. Der Heidelberger Oberbürgermeister Reinhold Zundel (1930-2008) hat offenbar in großem Ausmaß Staeck-Plakate gesammelt, jedenfalls erhielt das Kurpfälzische Museum im Juli 2009 eine umfangreiche Schenkung als „Sammlung Waltraut und Reinhold Zundel“. Was Wunder, dass man mit einer repräsentativen Auswahl, ergänzt durch eigene Staeck-Bestände, an die Öffentlichkeit ging.

 


Staecks Beitrag zum Nürnberger Dürerjahr 1971 als Teil seiner respektlosen Serie "Fromage an Dürer".

 

Die Besonderheit der Schau bestand darin, dass es sich um Staecks frühe Arbeiten von 1969 bis 1989 handelte – von den aller ersten Werken bis zur Zeit der heftigsten Anstöße ist in der Sammlung offenbar alles dabei. Ein frecher Schubs an seine Mitmenschen zum Selberdenken war bereits Staecks Adaption von Albrecht Dürers „Betenden Händen“. Kann man diese Zeichnung heute überhaupt noch so sehen, wie sie 1508 mal gemeint war – als Studie einer Lebenswirklichkeit? Die „Betenden Hände“ wurden in Kupferprägung zum spießigen Wandschmuck, sie wurden zum Lesezeichen in Gesangbüchern und als massenhaft verbreitete Erbauung für Konfirmanden zum Bild undefinierbarer Frömmigkeit schlechthin. Sogar zu seiner eigenen Konfirmation 1952 war Staeck gleich mit mehreren Varianten beglückt worden, der Vorgang scheint ihn tief beeindruckt zu haben. Noch 18 Jahre später schuf er fürs Nürnberger Dürer-Jahr 1971 einen kleinen Zyklus aus sechs Grafiken, zu denen die „Betenden Hände“ gehörten: „Fromage à Dürer“ (Käse für Dürer) war der respektlose Titel der Reihe. Zu dem Zyklus gehörte auch Dürers Porträtzeichnung seiner 63jährigen Mutter von 1514, jener ebenso schonungslosen wie intimen Darstellung einer vom Alter geprägten Frau – das Blatt ist eigentlich erst durch Klaus Staeck ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt, setzte er doch die provokante Frage darunter: „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“

 

Staeck zerrt uns schmerzhaft die soziale Wirklichkeit vor die Nase: Ein Vermieter, der dieser vom Leben gebeutelten Greisin ein Zimmer vermieten würde, war damals und ist heute schlicht undenkbar, im ach so christlichen Deutschland müsste der Mann ja aus christlichem Mitleid handeln, wo kämen wir da hin. Aber die Themen gingen dem Provokateur aus Heidelberg auch sonst nicht aus, 1972 beispielsweise gab es Ärger wegen eines Wahlplakates, das sogar Missverständnisse bei der Partei hervorrief, für die Staeck sich einsetzte. Es war das berühmte „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!“ Staeck reagierte damit auf eine Kampagne der CDU, die im Falle eines SPD-Wahlsiegs deutsche Eigenheime bedroht sehen wollte. Besorgte SPD-Vertreter meinten freilich, die Aussage sei doch sehr zwiespältig – tja, zur Ironie gehört, dass man selber denken muss, was vielen Leuten schwer zu fallen scheint. Aber genau das ist es, was Staeck mit Recht einem mündigen Bürger in der Demokratie abverlangt. Das Plakat wurde in einer Auflage von 70.000 Exemplaren gedruckt, noch heute gehört es zu den Klassikern, die sich unauslöschlich ins Bewusstsein gegraben haben.

 


Wahlplakat 1972 für die SPD - nicht immer wurde die schneidende Ironie als solche verstanden. Für die meisten Menschen ist dieser Staecksche Klassiker aber unvergesslich.

 

Im Grunde ist Staeck mit seinem unermüdlichen Engagement Vorbild für das Verhalten aller Menschen in einem Staat, den sie, wie in unserem, selber verantworten: Mit Witz und Fantasie mischt er sich ein, wo immer etwas im Argen liegt. Den Begriff vom „Klassenkampf“ beispielsweise deutete er in die konkrete Situation deutscher Schulen um, und das allzu gedrängte Gruppenbild von Kindern zwischen Schulbänken, das er 1974 mit der ironischen Bemerkung versah „Für unsere Kleinen ist uns keine Klasse zu groß“ – es müsste heute im Jahr 2010 noch den gleichen Denkanstoß geben. Beschämend, dass Staeck damals noch eine kleine Banderole mit dem Schriftzug „Für kleine Klassen“ versehen musste, damit die Botschaft verstanden wurde, und beschämend, dass sich seither nicht etwa so wenig getan hat, sondern dass das deutsche Bildungswesen sich vielmehr im rasanten Abstieg befindet. Wenn der Titel der Heidelberger Schau „Nichts ist erledigt“ lautete, dann kann man dem nur beipflichten.

 


Das Foto, das Staeck in die offizielle Werbung des Heidelberger Fremdenverkehrsamtes hinein kopierte, dokumentiert den realen Abriss eines historischen Gebäudes in der Heidelberger Plöck.

 

„Besucht das schöne Heidelberg, berühmt für seine Straßen und Plätze“ plakatierte einst das Fremdenverkehrsamt, und Staeck fügte dieser Aufforderung im Denkmalschutzjahr 1975 das Foto einer dramatischen Abrissaktion hinzu: ein historisches Gebäude in der Heidelberger Plöck versinkt dort in Schutt und Asche. Im selben Jahr, und auch das 2010 höchst aktuell, Staecks Mahnung „Vergiß den Krankenschein nicht!“

 


Geändert hat sich seither nur die Währung: 1975, als dieses Plakat erschien, war es noch die D-Mark ... wie Klaus Staecks Ausstellungstitel im Kurpfälzischen Museum sagt: "Nichts ist erledigt".

 

Da hält einer dieser medizinischen Halbgötter in Weiß nicht nur drohend den Zeigefinger in die Höhe, sondern auch eine 1000-Mark-Banknote in der Hand, ein Kranken“schein“ ganz besonderer Art.  Es gibt kaum ein Thema von Brisanz, das Staeck im Laufe der Jahre ausgelassen hat. Gedankenlose Vergiftung von Pflanzen und Böden prangerte er erneut mit Dürer an, dessen „Rasenstück“-Aquarell mit einer Dose Unkrautvernichtungsmittel „Total Ex“ kombiniert wurde. Das Risiko der Atomenergie fand seinen Ausdruck in der als „Hermann-Löns-Gedächtnis-Plakat“ bezeichneten Darstellung mit dem Titel „Und ewig glüht die Heide“ -  eine Gedichtzeile des Heide-Dichters Hermann Löns (1866-1914) kontrastiert mit der Tatsache, dass zwischen 1969 und 1979 das Atomkraftwerk Greifswald in der Lubminer Heide errichtet wurde. (Die Anlage wird immerhin seit 1995 „zurückgebaut“.)

 


Friedliche Zeiten waren das noch bei Carl Spitzweg im 19.Jahrhundert. 1981, als Klaus Staeck dieses Plakat herausbrachte, gab es immerhin eine Friedensbewegung quer durch breite Bevölkerungskreise. Bevor sich die heute wieder formieren könnte, müsste wohl noch mehr passieren als der sinnlose Afghanistan-Krieg.

 

Gegen internationalen Rüstungswahn bediente sich Staeck des Gemäldes „Strickender Vorposten“ von Carl Spitzweg: „Soldaten aller Länder! Die Rüstungsgegner wollen euch arbeitslos machen“ setzte er in altdeutscher Schrift darüber. Das Plakat erschien im Auftrag des deutschen Schriftstellerverbandes (VS) zur Buchmesse 1981 und traf auf eine breite Friedensbewegung in der Bevölkerung, wie sie heute längst wieder nötig wäre ... Gegen das (aktuell mehr denn je) ungelöste Problem der Arbeitslosigkeit wandte sich Staeck bereits 1986 mit dem Bild eines zugemauerten Tempelportals, in dessen Giebel das Wort „Arbeitsamt“ steht – „Endstation Sehnsucht“ setzte Staeck darüber in Anlehnung an das verfilmte Drama von Tennessee Williams.

 

Eine seiner witzigsten Schöpfungen war nicht mehr Teil der Heidelberger Ausstellung, zierte aber die Einladungskarte: der Slogan „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“ als Anspielung auf die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland (Foto oben). Staeck hatte 1990 nach dem Fall der Mauer eine Knackwurst mit einer Bananenhälfte kombiniert und traf damit die unausgesprochene, damals vehement geleugnete Wahrheit, dass die beiden deutschen Staaten sich in den Jahrzehnten ihrer Trennung völlig auseinander entwickelt hatten. Es war erneut eine Provokation, galt seinerzeit doch jeder, der dem Rausch der Wiedervereinigung skeptisch gegenüberstand, als unpatriotischer Nieselpriem, den niemand ernst nehmen konnte. Aber Staeck, der verdrängte Konflikte notorisch ins schmerzhafte Licht des Bewusstsein zerrt, traf auch damals den Nagel auf den Kopf – und auch die deutsche Teilung besteht in den Köpfen, in der Mentalität und in der sozialen Situation heute noch. Woraus deutlich wird, wie aktuell selbst die ersten zwanzig Jahre Staeckscher Aufmüpfigkeit immer noch sind.

 

Eine Demokratie, in der sich niemand mehr die Arbeit macht, den Sumpf der Bewusstlosigkeit trocken zu legen, ist wahrlich in labilem Zustand. Staecks Arbeit bildet einen permanenten Anschub zu kritischem Denken, zum Fragenstellen und zur Widerborstigkeit. Demokratie ist zwar kein Sofa zum Ausruhen, sondern ein Arbeitsplatz für ihre Bürger. Aber es muss auch immer mal gelacht werden, damit die Köpfe wach bleiben!

 

Info:

- „Nichts ist erledigt. Klaus Staeck: Frühe Plakate 1969-1989“, Kurpfälzisches Museum Heidelberg, vom 10. Dezember 2009 bis 11. April 2010, kurpfaelzischesmuseum@heidelberg.de
- http://www.staeck.de

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