Brigitte Simon

Virtuelle Räume 2009

 

Raumprojekt von Brigitte Simon als Computersimulation. Die Figurengruppen auf den beiden Wänden im Mittelgrund, von der Künstlerin als "Globaltypen" bezeichnet, sind identisch und unterscheiden sich nur durch verschiedene Hintergründe und Binnenstrukturen. Die riesige Halle und ihre Gestaltung sind virtuell, lassen aber ahnen, welche Wirkung der Einsatz der menschlichen Figur auf das Raumerlebnis möglicher Besucher haben könnte.

 

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Fotos auf dieser Seite: Brigitte Simon (Copyright). "Kunst und Kosmos" dankt der Künstlerin für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

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Brigitte Simon im Atelier

 

22-03-2010

Räume – Projekt und Erinnerung

Brigitte Simons Arbeiten 2009 zwischen Computer und Familienschmuck

 

Von Christel Heybrock

 

Es soll ja Leute geben, die mehr in ihren Erinnerungen als in ihrer Zukunft zu Hause sind. Die Mannheimer Künstlerin Brigitte Simon überspannt mit zwei Arbeitskomplexen aus dem Jahr 2009 einfach beides. Mit ihren Computerprojekten blickt sie nach vorn in eine virtuelle, vielleicht niemals reale Welt – mit einem kleinen 50-Seiten-Buch, das ihrem Sohn Marcel gewidmet ist und bisher nur in zwei Exemplaren existiert, arbeitet sie die Familiengeschichte auf. Wer glaubt, die großzügigen, von weitem Atem geprägten Raumfantasien am Bildschirm seien nun wirklich das genaue Gegenteil von privater Familiennostalgie, der irrt womöglich, denn auch die Erinnerung an Personen, die den Lebenden vorausgingen, ist ein virtueller Raum und Ergebnis kreativer Arbeit.

 

Dass Brigitte Simon stets raumbezogen denkt und fühlt, stellt jeder fest, der ihr Domizil betritt, ihre mit eigenen und fremden, aber geistesverwandten Kunstwerken ausgestattete Lebens- und Arbeitsumgebung. Ganz klassisch setzt sie die menschliche Figur zur Definition von Räumen ein und handhabt dabei Proportionen und Varianten mit schlafwandlerischer Sicherheit – für sie gehört das zu den normalen Lebensäußerungen. Was sie bisher mit Transparentfolien und Copycollagen bewirkte, drängt inzwischen weiter in andere, größere Dimensionen, die in der Realität nicht zur Verfügung stehen, aber am Computer (erarbeitet gemeinsam mit ihrem Mann Peter Simon) zu verblüffenden Ergebnissen führen: Öffentliche Räume, weitläufig, riesig, Kongresshallen, Kulturtempel, werden virtuell bestückt mit den Figurenmotiven der Künstlerin.

 

An der Betonwand des "Deutschen Historischen Museums" im Hintergrund die klassischen Drei Grazien, sparsam, aber witzig bearbeitet von Brigitte Simon. Im Vordergrund ihre eigene Variante der Gruppe (Titel "Die Frauen von Cyrene"): die leicht ansteigende Reihung der Figuren unterstreicht die schwungvolle architektonische "Bewegung" des verglasten Rondells darüber. Auch diese Kombination von Architekturelementen und menschlicher Figur entstand als Computersimulation.

 

Die Leere dieser oft anonymen, austauschbaren Glas-/Stahl-Architekturen bekommt durch die menschliche Figur plötzlich Sinn und wird als Weite erfahrbar. Glatte Betonwände werden zu Bildträgern antiker Figurengruppen und deren fantasievoller Abwandlungen: Wände, die neugierig machen statt abzuschrecken, die eine humane Dimension und zugleich einen Aspekt von Weltläufigkeit erhalten. Dabei passen die Gesten und Posen der Figuren stets zu den Orten, nehmen deren Ausdehnung in Höhe, Breite und Tiefe spielerisch auf und behaupten doch ihren eigenen Charakter als stilisierte Zeichen des Menschen. Das kann sehr subtil aussehen wie bei der in leichter Diagonale ansteigenden Gruppe der berühmten Drei Grazien, deren stilisierte Variante die Künstlerin unterhalb eines schräg  ansteigenden Glasrondells platzierte. Es kann auch witzig sein, wenn eine Figur in heftiger Schreitpose und  mit erhobenen Armen mitten auf einem zerklüfteten Felsen auftritt.

 

Besonders effektvoll wirken Innenräume mit Figurenfriesen, erstaunlich sinnvoll beispielsweise zwei aneinander stoßende Wände mit jeweils gleichen Figurengruppen, aber verschiedenen Hintergründen und verschiedener Binnenstruktur der Figuren. Während die Duplizität der Gruppierungen und der Posen stabilisierend und harmonisierend auf die Raumerfahrung wirkt, fordern die Unterschiede eine geschärfte Wahrnehmung heraus, regen unaufdringlich das Sehen an, wecken das Denken auf – es ergibt sich eine Atmosphäre heiterer, angeregter Gelassenheit. Zu Brigitte Simons Spiel mit Varianten und deren Ausdrucksspektrum bei gleich bleibenden Figurenkonstanten gehört eine Erfahrung mit Binnenkonturen: Männliche und weibliche Figuren, gekennzeichnet mittels Binnenkonturen, können scheinbar komplett das Geschlecht wechseln, wenn zwar die Außenkonturen existieren, die Binnenkonturen aber fehlen und durch Farbflächen ersetzt werden. Es sind stets erstaunlich geringe Mittel, mit denen die Künstlerin die Balance zwischen Formwiederholung und Formvariation riskiert – und hält.

 

Titelfoto von Brigitte Simons Buch "Sichtweisen einer Sammlung" mit den Eheringen von Brigitte und Peter Simon. Das dem gemeinsamen Sohn gewidmete Buch endet mit der Ansicht einer 2000 Jahre alten antiken Silbermünze.

 

Ein sehr spezieller Werkkomplex, zunächst als private Aufarbeitung von Familiengeschichte ausgeführt, ist das schmale Buch „Sichtweisen einer Sammlung. Fotografien des Familienschmucks 2009“, gewidmet dem Sohn Marcel. Familiennostalgie ist zwar eine Haltung, die niemandem fremd ist, dass sie sich aber so bewusst äußert und so gezielt stattfindet anhand von Erinnerungsstücken, gehört bei Brigitte Simon ins Reich ihrer natürlichen Kreativität. Es sind zwei Familien, deren Mitglieder bis hin zu Marcels Urgroßeltern beschworen werden, die Simons als väterliche Linie und die Heptings als mütterliche Linie. Hinzu kommt eine künstlerisch begabte Außenseiterin, Großvater Ernst Heptings Großcousine Auguste Hohmann. Der Lebensstil aller Personen einschließlich des Ehepaars Peter und Brigitte Simon, in denen die beiden Familien zusammen laufen, wird anhand von Fotografien und persönlichen Schmuckstücken rekonstruiert. Die Künstlerin stellt die Familienmitglieder mit je einem Foto aus deren Jugendzeit und Alter vor, fügt mitunter eine Textanekdote ein, lässt aber die Konturen der Persönlichkeit jeweils anhand charakteristischer Gegenstände erkennen.

 

Eine Gipsbüste, ein Stockknauf, eine Uhrenkette  sowie Eheringe kennzeichnen Urgroßvater Karl Hepting; seine Frau Margarete ist mit einem Seidentuch, Armbanduhr, Saphirring, Lorgnette und anderen Dingen vertreten. Großvater Ernst Hepting, Verleger und Vater von Brigitte Simon, hinterließ eine goldene Armbanduhr, einen Lapislazuliring, der ihm von der Fachschaft Druck für seine Verdienste verliehen wurde, und ein perlmutternes Theaterglas. Der Verlust und die abenteuerliche Wiederentdeckung seines Eherings geben eine eigene kleine Geschichte ab, die Brigitte Simon weiter führt bis hin zu ihrem eigenen Leben: In kaltem Nordseewasser vor Sylt glitt einst ihr eigener Ehering vom Finger, und während sie es war, die den Ring ihres Vaters vor Jahrzehnten wieder fand, war es nun ihr Mann, der ihren Ring nach zweistündiger Suche im nassen Sand wieder entdeckte.

 

 

 

Die Schmetterlingsbrosche von Auguste Hohmann auf einer Blüte im Garten (oben). Die Verwandtschaft von Artefakten und Naturformen deutet Brigitte Simon auch an auf dem Foto einer Rose mit der Anstecknadel von Margarete Hepting (unten). Die Nadel wiederholt die Querlinie der Rosen-Kelchblätter (Sepalen). Hochkant gestellt, erinnern schmale Anstecknadeln die Künstlerin wiederum an Figuren.

 

 

So werden über die Gegenstände Personen miteinander verbunden und die virtuelle Architektur einer Familie erstellt, in der jedem Mitglied gleichsam ein eigener Raum zugewiesen wird. Brigitte Simon fotografierte darüber hinaus alle Gegenstände in ihrem Garten und knüpfte Beziehungen zu Steinen und Pflanzen, ließ Broschen und Ringe als Tautropfen oder Blüten erscheinen, Anstecknadeln als imaginäre Figuren oder schmalgliedrige Halsketten als Spinnweben. Der Familienarchitektur wird mit dieser Beziehung zur Natur, mit der Verbindung von Schmuck- zu anderen Steinen ein weiterer Raum geöffnet, der aus der Geschichte von Einzelpersonen hinaus führt in eine überpersönliche Allgemeingültigkeit, in der sich dennoch alle Dinge aufeinander beziehen und alle Formen ihre Verwandtschaften finden.

 

Info:

E-Mail: simon.psi@web.de

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